Historische Ereignisse von Elke Balthaus-Beiderwellen

Handball interessiert mich nicht, Tennis schon gleich gar nicht. So war ich doch einigermaßen überrascht aus dem Mund der Grand Slam Gewinnerin Kerber zu hören, sie hätte Geschichte geschrieben. Müssen jetzt alle historischen Werke revidiert werden? Der »Kanzler der Einheit« Helmut Kohl wird gestrichen und stattdessen übernimmt Boris Becker die Kohl zugestandenen Seiten? Natürlich ist es viel reizvoller über Steffi Graf zu lesen als über die staubtrockene Maggie Thatcher und Thomas Müller macht mehr her als Siegmar Gabriel. Außerdem erinnern sich viel mehr Menschen an den genauen Verlauf des WM-Endspiels 54 als an die Schlacht bei Stalingrad. Man käme dem allgemeinen Geschmack entgegen. Was sind öde Treffen der EU-Außenminister im Vergleich zu Europameisterschaften? Was ist die Nato im Vergleich zur FIFA? Eine Randnotiz, mehr nicht. Das Jahr 2014 bleibt als das Jahr des WM-Titel-Gewinns der deutschen Fußballelf im Gedächtnis und nicht als das Jahr der Ukraine-Krise und der Verschärfung der Konflikte im Nahen Osten. Nur müssen wir uns natürlich fragen, welche Ereignisse unser Leben heute mehr beeinflussen. Demnach sollten wir die Titelgewinne von Sportlern als das nehmen, was sie sind. Nette Minutenereignisse.

 

Finale von Paul Wiedebach

Jetzt weiß ich, wem die Argentinier ihren Einzug ins Finale zu verdanken haben. Gott und Papst Franziskus hatten ihre Hand im Spiel! Jedenfalls rief es ein argentinischer Fan so in die Mikrophone. Wird Franziskus dadurch zum »Sancto subito« wie Johannes Paul der Zweite? Dessen Wunder sind belegt. Er heilte eine Nonne vom Parkinson, obwohl er nie persönlichen Kontakt mit ihr hatte. Einzig die Gebete an ihn reichten aus, um eine Spontanheilung bei besagter Ordensfrau zu bewirken. Und, wenn ich es recht überlege, verschwammen die Gesichtszüge des argentinischen Torwartes vor meinen Augen und bekamen Ähnlichkeit mit denen von Franziskus. Es ist davon auszugehen, dass Bene XVI großen Einfluss auf das Spiel der deutschen Mannschaft nahm, was ihn einer Heiligsprechung ebenfalls näher bringt. Warum Gott und die Päpste sich nun ausgerechnet um die Fußball-WM und nicht um den Gaza-Streifen kümmern, ist mir nicht ganz ersichtlich, aber Gottes Wege sind wir immer rätselhaft. Meine Frau spricht übrigens nicht mehr mit mir-auch so ein Wunder. Sie war zu müde, um sich das historische Match der Löw-Elf gegen Brasilien anzusehen und verpennte es schlichtweg. Da sah sich sich nun jedes Spiel Pusemuckelland-namenlose Amateure an und verpasst die Minuten unvergesslichen Ruhms der deutschen Akteure. Da kann ich noch so sehr versichern, bemüht gewesen zu sein, sie zu wecken; sie glaubt mir nicht. Wenn sie schläft, dann schläft sie, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Ich verbrachte bereits einige Nächte in unserer Gartenlaube, nachdem ich ohne Haustürschlüssel, abends noch einmal vor die Tür ging. Sturmschellen, anrufen, gegen Eingangs- und Gartentür treten, nichts hilft. Das Gehupe und Getröte des Autokorsos drang übrigens in ihr Unterbewusstsein. »Wir haben gewonnen, Gott sei Dank«, murmelte sie im Schlaf. Woraus ich schloss, dass auch sie die Endergebnisse von Fußballspielen auf göttlichen Beistand und nicht auf Glück oder die Fähigkeiten der Spieler zurückführt. Für das Finale erwarte ich geradezu, dass sie sich, den südamerikanischen Spielern gleich bekreuzigt, was ihr bestimmt einige Kommentare meinerseits einbringt, so sie denn bis Sonntag gewillt ist, die Kommunikation mit mir wieder aufzunehmen. Wenn sie allerdings verlangt, am Sonntagmorgen präventiv den Gottesdienst zu besuchen, dann streike ich, denn ich habe ihr immer noch nicht vergeben, dass sie mich, zwecks kirchlicher Trauung, zwang einer solchen Veranstaltung beizuwohnen. »Ohne göttlichen Segen keine anschließende Feier mit Besäufnis!«, so ihre damalige Erpressung. Nun bin ich der Ansicht, dass wir nicht wegen, sondern trotz dieser himmlischen Erlaubnis noch zusammen sind, aber dies will ich hier und jetzt nicht ausdiskutieren, zumal sie ja ohnehin nicht mit mir spricht, obwohl sie sich das Spiel gestern Morgen in der Wiederholung ansah. Bei jedem Tor sah sie mich mit mörderischem Blick an, in dem deutlich zu lesen stand: «Und du hast mich nicht geweckt!« Wenn ich es geschafft hätte, sie wach zu bekommen, wäre dies ebenfalls einem Wunder gleichgekommen. Fast wie bei Lazarus, wenn man so will. Ich bin also noch meilenweit von einer Heiligsprechung entfernt.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Allergien von Paul Wiedebach

Am Freitag musste meine Gattin unbedingt einen Grillabend mit Public Viewing in unserem Garten veranstalten. Wir kauften also groß ein, was zu einem derart zünftigen Ereignis gehört. Grillfleisch, Grillfisch, Grillgemüse, Alkoholika, die Zutaten für Salate und jede Menge Aufbackbrot. Zum Nachtisch wollte meine Holde eine dreischichtige Quarkspeise zubereiten, natürlich in den Nationalfarben. Einen Großteil unserer Freund hatten wir lange nicht gesehen und, laut meiner Frau, waren wir sowieso »mal dran«, was eine umfangreiche Einladung betraf. Leider hatten auch alle ab 17:00 Uhr Zeit, da sie sich für das Viertelfinale der DFB-Elf nichts vorgenommen hatten. Selbst die Fußballmuffel waren noch völlig frei, was ihre Planung betraf und ich dachte nur, dass es auf die vier Personen nun auch nicht mehr ankäme. Meine Frau schnibbselte und schnibbelte zwecks Salatbuffet in der Küche, während ich in der Nachbarschaft einige Holzkohlegrills zusammenlieh, denn wir besitzen derlei nicht. Zwar hält mir meine Gattin seit Beginn der WM vor, wir sollten uns diesen Grill besorgen, für den Thomas Müller immer Werbung macht, aber ich weigere mich, dafür eine Summe auf den Tisch zu legen, mit der man spielend einen Gebrauchtwagen erwerben könnte.

Kurz vor 17:00 Uhr stand alles parat. Das Buffet, samt nationaler Quarkspeise war aufgebaut, die Getränke gekühlt und fünf Leihgrills kokelten vor sich hin.  Bald trudelten auch nach und nach unsere Freunde ein, begutachteten das Angebot und damit fing der Ärger an. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass alles vertreten war, was es an Besonderen die Ess- ,Trink- uns Lebensgewohnheiten betreffend gibt. Die Vegetarier schreckten vor Fleisch und Fisch zurück, die Veganer lehnten den Eiersalat vehement ab und die Frutarier Salat per se, da sie nur Pflanzenprodukte essen, bei denen dem Grünzeug kein Haar gekrümmt wird. Die Glutenallergiker konnten mit dem Brot nichts anfangen, wohingegen die Laktoseintoleranzler angewidert auf die Quarkspeise schauten. Die Abstinenzler wollten nur pures Leitungswasser, Rauchgegner zogen sich in eine qualmfreie Ecke unseres Gartens zurück und die Fußballmuffel protestierten lautstark gegen die Inbetriebnahme des Fernsehers. Eva und Georg hatten ihre Sprösslinge dabei, die andauernd fragten, ob da denn Nüsse drin wären. Die Zahnschmelzfetischisten wollten nur Zuckerfreies und eine Freundin von uns, die auf Diät war, wog alles und jedes ab, bevor es in ihrem Mund wanderte.  Die Eiweiß- und Fettfraktion wollte keine Kohlehydrate und die Kohlehydratanhänger kein Eiweiß oder Fett. Die Nitrosaminvermeider lehnten Holzkohlegrills prinzipiell ab und erkundigten sich nach einem Gasgrill. Monika hatte ihre Adrenalinspritze dabei, weil sie auf jedes Stechinsekt mit einem Schock reagiert und verstand nicht, nachdem sie unser Haus inspiziert hatte, warum wir weder Fliegengitter noch Moskitonetze besitzen. Kathrin hatte ihren Sunblocker vergessen und zog sich unter den Sonnenschirm zurück, bis die Sonne untergegangen war, während Jutta jeden Sonnenstrahl förmlich in sich aufsaugte, denn das sei gut gegen ihre Depression. Einige bedauerten, dass sich die Nahrungsmittel nicht mehr in der Originalverpackung befanden, denn sie hätten gerne vor dem Verzehr die aufgedruckte Lebensmittelanalyse gelesen. Günther isst grundsätzlich nur regionale Produkte und bemängelte die goldenen Ananas in der Quarkspeise. Ich wurde gefragt, warum ich keine Aluminiumfolie unter das Grillgut lege, was diejenigen, die sich vor Nanopartikeln aller Art fürchten eher begrüßten. Susanne schaute dauernd zwecks Pollenfluginformation auf ihr Smartphone und meinte, dass sie sich überhaupt nicht draußen aufhalten dürfe.

Nachdem ich feststellte, dass meine Gattin ihr Rotweinglas gar nicht so schnell wieder füllen konnte, wie sie es austrank, tat ich es ihr nach. Was mir einen Tadel einbrachte, weil wir immer noch auf Wein mit Korkverschluss stehen, obwohl Metallkronkorken weit hygienischer sind. Nach anderthalb Flaschen Wein kam mir der Gedanke, warum ich mir Fußball ansehen sollte, denn es wäre weit interessanter, unsere Gäste gegeneinander antreten zu lassen. Irgendwann war mir auch das egal. Zu später Stunde war ich heilfroh, dass kein Vollmond am Himmel stand, denn wer weiß, welche seltsamen Allergien und Verhaltensweisen dieser wieder ausgelöst hätte. Auch diese Befürchtung trank ich nach und nach weg. Übrigens hatten weder ich noch meine Frau am nächsten Morgen eine Ahnung, wie die Fußballspiele ausgingen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Campo Bahia von Dr. Bremer

Löw ist besorgt. Sieben Spieler zeigen Grippesymptome. Was mich dazu bringt, zu überlegen, ob die medizinischen Betreuer des deutschen Teams das Dengue-Fieber auf ihrem Plan haben. Der von Mücken übertragene RNA-Virus ruft in seiner milden Form grippeähnliche Krankheitserscheinungen hervor, die nach drei Tagen wieder abklingen. Wie lange war Hummels noch mal krank? Campo Bahia, das Quartier der Deutschen liegt in einem Endemiegebiet, was heißt, dass die übertragenden Mücken und die Viren dort sehr präsent sind. Das Dengue-Fieber wird auch Dandy- oder Knochenbrecherfieber genannt. Was alle Alarmglocken in mir schrillen lässt, wenn ich mir die Frisuren und die Spielweise der WM-Spieler so ansehe. Das Fieber hat eine Inkubationszeit von drei bis vierzehn Tagen, was zum Aufenthaltszeitraum passen würde. Spätfolge des Fiebers in seiner leichten Form ist Haarausfall, der nach zwei Monaten auftritt. Sollten demnach die Nationalspieler demnächst in ihren jeweiligen Ligen kahlköpfig auf den Platz laufen, kann man quasi im Nachhinein die Diagnose stellen. Jedenfalls war ich gestern Abend drauf und dran, den Kollegen Müller-Wohlfahrt an die Strippe zu bekommen, um ihm diesbezüglich einen Tipp zu geben, als mir einfiel, dass es sich bei ihm um einen Sportmediziner handelt. Deren medizinisches Wissen beschränkt sich darauf, angeschlagene Sportler in Minutenschnelle fit zu spritzen, zu vereisen oder zu massieren. Was nicht Muskel, Knochen oder Band ist, geht über deren Verstand hinaus und so kann ich dem Kollegen nicht mit der Virologie kommen. Womöglich setzt er dann gar Cortison, das Allheilmittel der Sportmedizin ein, was bei viralen Infektionen kontraindiziert ist. Die übertragenden Tigermücken sind tagaktiv, sie schwirren demnach ständig um die Spieler herum. Und, wer achtet im Eifer des Gefechts auf so etwas Banales wie einen Mückenstich? Wahrscheinlich sind die Betten der Spieler dreilagig von einem Moskitonetz umgeben, was aber nichts nützt, denn des Nachts schlafen die Mücken auch. Nun überlegte ich, Kontakt mit dem Robert-Koch-Institut aufzunehmen, damit die einmal im Campo Bahia anrufen, um dem deutschen Team die Grundbegriffe der Tropenmedizin durchzugeben, denn sieben Spieler mit grippeähnlichen Symptomen halte ich für äußerst bedenklich. Mir fiel der Wahlspruch einer meiner Professoren ein, wenn es um die Diagnosestellung einer Krankheit ging. »Dran denken!« Was ich nicht auf dem Schirm habe, das diagnostiziere ich auch nicht. Aber andererseits fiel mir dann ein, dass Hummels bei einer einfachen Muskelzerrung per Privathubschrauber zum MRT geflogen wurde. Eine Untersuchung, auf die »Otto Normalpatient« monatelang wartet und, dass die Kassen jemals die Kosten für einen Privathubschrauber übernommen hätten, ist mir noch nie vorgekommen. Deswegen beruhigte ich mich, denn zu einer simplen Blutabnahme werden die medizinischen Betreuer wohl selbst in der Lage sein. Auch außergewöhnliche Flugeinsätze sind dazu nicht nötig. Lediglich der Gebrauch des Kopfes ist vonnöten, wenn ich noch einmal auf meinen Professor zurückkommen darf. Außerdem, wer bin ich denn, dass ich meine schlauer zu sein als da ganze DFB-Team.

Dr. Bremer, Landarzt

Viertelfinale von Paul Wiedebach

Der Super-GAU ist eingetreten. Gestern war meine fußballverrückte Gattin nach der ersten Halbzeit des Spiels Deutschland-Algerien derart nervlich ausgepowert, dass sie beschloss ins Bett zu gehen. Nicht, ohne mir vorher den Auftrag zu geben, dass Debakel bis zum Ende durchzuhalten und sie, nur im Falle eines deutschen Sieges, zu wecken. Was tut man nicht alles, damit die holde Gattin ihren Schlaf bekommt! Also saß ich gähnend und nur mühsam die Augen aufhaltend vor der Flimmerkiste, schaute bis zum Ende der Verlängerung und schlich dann nach oben ins Schlafzimmer. Erst nach mehrmaligen Anläufen reagierte meine Frau auf meine Weckversuche und öffnete widerwillig ein Auge. Zwei zu eins für Deutschland flüsterte ich ihr todmüde ins Ohr, woraufhin sie putzmunter mit den Worten: »Und jetzt Autocorso!«, aus dem Bett sprang.

»Nur über meine Leiche und über deine auch, wenn du dich nicht sofort wieder hinlegst und Ruhe gibst«, giftete ich. »Spaßverderber! Ich gehe mir jetzt noch die Nachberichte ansehen!« Sprach`s und verließ das Schlafzimmer. Von unten hallte der Fernseher zu mir herauf, aber übernächtigt, wie ich war, kroch ich, ohne mir die Zähne zu putzen, ins Bett und rollte mich schmollend in meine Decke ein.

»Mann, war das ein Scheißspiel«, weckte mich meine Frau. Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass ich eine Stunde Schlaf bekommen hatte. Meine Gattin war in Plauderlaune. »Hätte kurz vor Schluss doch in die Hose gehen können!« »Weiß ich Schatz, ich habe es gesehen«, gab ich flüsternd zurück. »Aber, Hauptsache weiter. Darum geht es doch. Der Spielverlauf ist egal; der Sieg zählt, oder wie siehst du das?«

»Wie sehe ich was?«, war ich schon halb wieder eingeschlafen. »Nie hörst du mir zu, wenn ich etwas mit dir besprechen will. Also, ist der Weg das Ziel, oder ist das Ziel das Ziel?« »Wie bitte?« »Soll man in Schönheit sterben, oder weiterleben, egal wie hässlich?« »Ist mir egal, lass mich schlafen«, drehte ich mich von ihr weg. »Es ist wie beim Segeln oder beim Autofahren«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »Du kannst segeln wie ein Weltmeister, beurteilt wirst du nach deinem Anlegemanöver. Oder fahren wie ein junger Gott, wenn du das Einparken verpatzt, ist jede vorherige Leistung obsolet. Die letzten Meter sind entscheidend, immer und überall. Nimm einmal unsere Ehe. Wenn wir uns nach fünfzig Jahren scheiden ließen, hätten wir verloren, egal, was wir vorher investiert hätten.«

»Was hat jetzt unsere Ehe mit diesem verdammten Fußballspiel zu tun?«, richtete ich mich, plötzlich hellwach, auf. »Sieh doch, es gibt keinen großen Plan; es geht um das Durchwursteln und dann alles vom Ende her betrachten. Wenn das Ergebnis stimmt, stimmt alles, egal wie chaotisch es zwischendurch war.« Zufrieden legte sich meine Frau ins Bett und war kurz darauf eingeschlafen. Ich hingegen lag noch bis in die frühen Morgenstunden wach, weil mich ihr philosophisches Résumé nicht zur Ruhe kommen ließ. Morgens, beim Frühstück wollte ich ihr meine diesbezüglichen Überlegungen mitteilen, aber sie war nur an den noch bevorstehenden heutigen Spielen interessiert.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Facebook von Maria Mitscherlich

Facebook gibt den Engeltherapeuten. Für einen Großteil der Nutzer ließen sie nur die positiven Meldungen ihrer »Freunde« durch und untersuchten, was dabei wohl herum kommt. Das Ergebnis überraschte niemanden, am wenigsten mich, denn wenn man nur optimistische Nachrichten bekommt, sendet man auch fröhlich gestimmte in die Welt. Besser wurde mein Berufsbild noch nie beschrieben und statistisch ausgewertet, denn Engel verbreiten nur positive Botschaften, denn sonst wären sie ja keine Engel. Sie glauben ja gar nicht, wie der Glaube an einen persönlichen Schutzengel selbst die Niedergeschlagensten meiner Klienten aufrichtet. Dass da jemand nur sie persönlich im Blick hat, bewirkt Wunder! Positive Stimmung bewirkt positive Handlungen und konsekutiv positive Ergebnisse. Man sieht es bei der WM. Die Südamerikaner gehen mit dem nötigen Enthusiasmus zu Werke und es funktioniert! Wer von einem guten Ende ausgeht, tritt gleich ganz anders auf. Ein: »Ach das klappt ja doch nicht!«, führt eben dazu, dass es tatsächlich nicht klappt. Nun ist das Volk der Deutschen insgesamt von ausgeprägtem Pessimismus befallen. Nirgendwo sind Engeltherapeuten so nötig wie hier in diesem Lande. Und es wäre den sozialen Netzwerken zu empfehlen, die Taktik der Zurückhaltung von Negativem aller Art, weiter zu praktizieren! Vielleicht kann man so die deutsche Niedergeschlagenheit in das amerikanische »Yes, we can!« verwandeln.

Kein »Ja, aber«, im Gegenteil, »Jetzt erst recht!« müsste die Devise lauten. Aus einem »die Welt bekümmert mich«, sollte ein »Was kümmert mich die Welt?« werden. Wer ein Jammertal erwartet, bekommt es frei Haus geliefert! Heute Morgen gab es eine Umfrage, wie wohl das Spiel Algerien-Deutschland ausgeht und nur die wenigsten erwarteten einen Sieg der deutschen Elf, obwohl es nur gegen Algerien geht, das nicht gerade als Fußballgigant bekannt ist. Da wird sich schon vor dem Spiel über die unausweichliche Niederlage mit Alkohol getröstet. Deutschland ist mit Abstand der Weltmeister, was den Konsum von Alkoholika betrifft. Und so kommt zu dem angeborenen Katzenjammer noch der chemisch ausgelöste, was zu einem Selbst erfüllenden. »Ich habe es ja gleich gesagt.«, führt. Da wird nun wieder Alkohol draufgeschüttet und der Teufelskreis beginnt von vorne. Obwohl Jogis Jungs die Vorrunde als Gruppenerster bestritten, war die Freude darüber eher verhalten. Im Gegenteil, es wurde nur herumgenörgelt! Während bei den anderen die Devise: »durch, egal wie« ganze Völker in einen kollektiven Freudentaumel stürzte. Wenn sie auch dann irgendwann scheitern, diesen Taumel haben sie wenigsten gehabt. Der geht nicht mehr verloren! Kurz geschüttelt, sich gesagt: »Die nächste WM kommt bestimmt; da machen wir es besser!«, und es wird nach einem neuen Grund zu ausgelassener Freude gesucht. Obwohl, braucht es eigentlich immer einen Grund, um sich einmal ausgiebig freuen zu können? Für die Deutschen schon, denn wo kämen wir da hin, wenn man einfach glücklich ist, ohne erkennbare Ursache. Das ist hierzulande schwer verdächtig! Darum mein Appell an Facebook, lass nur positive Nachrichten durch! Vielleicht gelingt es ja mit deiner und meiner bescheidenen Hilfe, die größten Knötterpötte der Welt doch noch zu bekehren.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Fußballphilosophie

Der Irrsinn geht weiter. Keiner betete so intensiv wie ich, dass die deutsche Elf nicht über die Vorrunde kommt, denn ich will meine Frau wieder haben! In einem möglichst klaren geistigen Zustand! Gestern saß sie doch tatsächlich vor dem Fernseher und war in eine deutsche Flagge gehüllt. Sie lud mich ein, das Spiel Deutschland-USA mit ihr zu schauen. Da diese Einladung den Charakter einer unbedingten Aufforderung besaß, willigte ich ein. Was soll ich sagen? Ich habe mich ein meinen Leben selten so gelangweilt und lenkte mich damit ab, dass ich darüber nachsann, ob die Anzahl der Ballkontakte auch irgendwie in das Endergebnis eingerechnet wird, denn die Deutschen hatten und hatten und hatten den Ball und wussten anscheinend nichts damit anzufangen. Nun ist der Weg vom Hirn zum Fuß lang. Es dauert also bis eine effektive Weiterverwertung einer Ballannahme zustande kommt. Man konnte den Spielern förmlich beim mühsamen Denken zusehen.Mhm, da Ball, Ball muss weg, aber zu wem, wohin und, was war noch mal der Sinn des Spieles? Es wird im Fußball ja zunehmend von einer Philosophie geredet, die die Spielweise der jeweiligen Mannschaft bestimmt. Wenn ich mir die Mannschaften des Achtelfinales so ansehe, muss ich davon ausgehen, dass sich die europäischen Teams irgendwie verphilosophiert haben, denn während diese noch nachdachten, stürmten die Südamerikaner an ihnen vorbei und schossen die Tore. Ein Fußballspiel dient nicht dem Nachweis geistiger Überlegenheit, so viel steht schon einmal fest. Es ist nicht, wie ein begnadeter Fußballer konstatierte, »genau wie Schach, nur ohne Würfel«. Nein es ist ein Kampf-, Kraft und Leidenschaftssport.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die südamerikanischen Trainer ihre Jungs mit den Worten, geht raus, kämpft und rennt um euer Leben, auf den Platz schicken. Während die europäischen Coaches am Ursprung aller philosophischen Fragen anknüpfen: Wer bin ich, und was will ich eigentlich? Warum ist der Ball rund und das Tor eckig? Warum soll etwas Rundes in etwas Eckigem verschwinden? Wie steht es mit dem freien Willen? Muss ich mich dem Spielverlauf beugen, oder soll ich ihm meinen eigenen Stempel aufdrücken? Das sind schwere Fragen. Man hält daher den Ball in den eigenen Reihen und geht dem Grundsätzlichen nach. Doch plötzlich ist da ein Südamerikaner, der mit eisernem Willen den Ball an sich bringt und doch glatt, ohne weitere philosophische Skrupel, Richtung gegnerisches Tor stürmt.

Das Klinsmann es auch mehr mit der Philosophie hat, erkannte man am amerikanischen Spiel. Die Spieler dachten nämlich pausenlos darüber nach, wie schwer es ist, die Deutschen besiegen zu wollen. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung war dies denn nun auch der Fall. Vielleicht sollte man ihnen und den europäischen Teams bei der nächsten WM gar nicht verraten, gegen wen sie antreten, dann fällt der Glaube an die vermeintliche Übermacht des Gegners schon einmal weg. Nur das Kreisen um die eigene Person und ihre Geworfenheit in dieses Spiel ist nur schwer zu umgehen. Es ist wie im Leben. Wer zu viel darüber nachdenkt, lebt nicht wirklich. Und während man darüber nachsinnt und grübelt, vergeht die Zeit. Plötzlich ist es zu Ende, das Leben. Es hat nämlich stattgefunden, während wir mit den Gedanken ganz woanders waren.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Fußballspieler von Witwe Clausen

Heute geht es bei mir hoch her. Mein Enkelsohn bestellte ein noch größere Meute fußballverrückter Freunde zum »Oma Viewing« ein, wie es bei den Jungs heißt. Selbst bei mir stellt sich eine gewisse Nervosität ein, wenn ich daran denke, dass Löws Elf gegen die von Klinsmann antreten muss. Bei den Trainern kann ich mich nicht entscheiden, wer mir besser gefällt. Es sind beide sehr vertrauenswürdig wirkende, gutaussehende Männer. Bei Löw erzielte ich einen Lacherfolg bei meinen Gästen, da ich der Ansicht war, es handele sich bei ihm um einen Ausländer, wegen seines Akzentes. Wer soll sich auch mit der Dialektvielfalt in Deutschland zurecht finden?  Insgesamt schaue ich mir jedes Spiel an und es gefällt mir gut, bis auf die Tatsache, dass es unter dem Mannsvolk immer so brutal zugehen muss. Mein Friedrich war ja genauso. Wenn ihm etwas gegen den Strich ging, er gefrustet oder übermüdet war, gingen mit ihm die Gäule durch. Sofortige Triebabfuhr, wie ich in einer Frauenzeitschrift bei meinen Frisör las. Es hat etwas von Sandkastenkloppereien, was sich da erwachsene Männer leisten, aber wer die Kerle kennt, wundert sich über gar nichts mehr. Aus allem und jedem muss ein gnadenloser Konkurrenzkampf gemacht werden, auch wenn es nur um ein Spiel geht. Mein Friedrich witterte in jedem anderen Mann sofort einen potenziellen Gegner, was heiße Diskussionen bei seinem Hausarzt, seinem Frisör, seinem Automechaniker und was ihm sonst noch im Laufe eines Tages über den Weg lief, auslöste. Er gab sich nie zufrieden, musste grundsätzlich das letzte Wort haben, auch wenn es nur um Banalitäten ging. Und dann erst der Kampf zwischen ihm und unserem Sohn, als dieser allmählich erwachsen wurde. Mord und Totschlag, sag ich nur! Zwei männliche Sturköppe im Haus und der dritte Weltkrieg ist nichts dagegen. Frauen sind da eindeutig anders! Gestern fiel mir ein Artikel über Stressbewältigung in die Hände. Dort stand, dass Frauen bei Stress enorme Mengen des Kuschelhormons Oxy-irgendwas ausschütten, was sie immer diplomatischer werden lässt. Bei Männern steigen Aggressionshormone, bis ihnen das Hirn platzt. Mein Friedrich könnte ein Lied davon singen. Sein Hirn ist in einem Wutanfall zerplatzt, bzw. die Gefäße darin. Gerade noch war er stinkwütend und kurz darauf mausetot durch eine heftige Hirnblutung. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was der Anlass für seinen cholerischen Anfall war. Jedenfalls war es nichts Weltbewegendes, denn über wirklich wichtige Dinge regte sich Friedrich höchst selten auf, da er sie sich weitgehend vom Leibe hielt. Das Spiel heute Abend wäre für ihn wieder ein willkommener Anlass für ausgeprägte, cholerische Anfälle gewesen. Als die Deutschen bei irgendeiner WM wie üblich versagten, und er erfahren musste, dass Mercedes Benz die Spieler sponserte, verkaufte er sofort unseren Benz und fuhr nie wieder ein Auto dieser Firma, obwohl es bis dato seine bevorzugte Automarke war. Aber nein, von Stund an gab Friedrich den Japanern den Vorrang. Wenn er das Spiel gegen Ghana gesehen hätte, sage ich Ihnen der Schlag hätte ihn spätestens da getroffen. Jetzt kommt mir grad der verwegene Gedanke, ob ich Friedrichs Stele auf dem Friedhof mit einer deutschen Flagge dekoriere, aber ich glaube, ein kleines Blumengesteck in schwarz-rot-gold tut es auch.

Witwe Clausen

Fußball von Dr. Bremer

Gestern sah ich mir, da meine Sprechstunde ungewöhnlich früh beendet war, zur Feier des Tages zum ersten Mal ein Spiel der WM an. Italien gegen Uruguay klang vielversprechend und so machte ich es mir, wie es sich für einen richtigen Fan gehört, mit einem Bier vor dem Fernseher gemütlich. Es war recht langweilig, bis zur roten Karte für einen Italiener, die die Emotionen hochkochen ließ. Aber der absolute Höhepunkt bestand für mich in der Beißattacke eines allzu hungrigen Urus gegen seinen Gegenspieler. Ich wusste gar nicht, dass Fußball so abwechslungsreich sein kann. Gehört der dentale Einsatz mit zum Regelwerk? War der Italiener gegen Tetanus geimpft? Ist der Südamerikaner womöglich HIV-positiv? Und warum ein Biss in die Schulter? War das Ohr nicht erreichbar?

Die Mundhöhle ist mit das keimverseuchteste Gebiet, das man sich vorstellen kann, weswegen Bisswunden nicht genäht werden dürfen. War der Uruguayer auf Tötung seines Widersachers durch prolongierte Sepsis aus? Warum wurde die Bisswunde nicht gleich ausreichend desinfiziert? War der Mannschaftsarzt der Italiener gar nicht anwesend? Nach diesen grundsätzlichen medizinischen Fragen, kam bei mir der Psychologe durch. Ist Fußball der Ausdruck archaischer Grundinstinkte? Stammt er also aus der Zeit, als wir uns noch mit Zähnen und Klauen verteidigen mussten? Bringt er den Urmenschen in uns hervor? Wenn ich mir die Menschen um mich herum betrachte, kann ich dem nur zustimmen. Emotion pur unter Umgehung des Verstandes. Das Spiel scheint seinen Ursprung in einer Zeit zu haben, als, evolutionär betrachtet, die Vernunft noch gar nicht erfunden worden war. Wer also ein Stadion besucht, an einem Public Viewing teilnimmt, oder sich vor die Flimmerkiste hockt, begibt sich in den Zustand der Regression auf ein früheres Entwicklungsstadium. Die Grölgesänge und hochemotionalen Gesten bestätigen, dass es vorsprachlich sein muss. Um zu verhindern, dass doch noch so etwas wie Intelligenz störend eingreift, wird sie sich weggesoffen oder der Massenhysterie geopfert. Die Rolle von primitiven Wurfgeschossen wird durch den Ball repräsentiert und das Beutetier schematisch durch die Tore wiedergegeben. Die Horden sind auf zwei begrenzt, was der Übersicht dient. Dies gilt sowohl für die Kontrahenten auf dem Platz wie für deren Vertreter auf den Zuschauerrängen. Es wir sich in seltsame, magische Gewänder gehüllt in Kombination mit spiritueller Bemalung des Gesichts und großer Körperpartien. Kommunikation reduziert sich auf frenetisches Schreien, Grölen Grunzen, Stöhnen, Grimassieren und Weinen. Die Spannweite der Emotionen umfasst das ganze zur Verfügung stehende Spektrum bis in die Extreme. Tausende und Abertausende allein unter dem Einfluss des limbischen Systems, kompletter Rückzug auf Stammhirnareale und neuronale Reiz-Reaktions-Ketten. Völlige Blockade höher stehender Gehirnregionen und komplette Ausschaltung hemmender Einflüsse. Neurobiologisch betrachtet, ein hochinteressantes Forschungsgebiet. Warum die Wissenschaft dieses brachliegende Feld noch nicht beackerte, ist mir ein Rätsel. Da rekonstruieren Forscher mühsam aus Knochenfunden, wie der Urzeitmensch tickte, wie er sich ernährte und wie er sozialisiert war, dabei braucht es dafür nur den Gang ins Fußballstadion.

Dr. Bremer, Landarzt

Schiedsrichter von Tanja K.

Jeder Spielverlauf ist immer auch eine Frage des Gegners. Virtuosität kann sich nur so weit entfalten, wie der Gegenspieler es zulässt. Wenn er unfaire Mittel einsetzt und kein Schiedsrichter in Sicht ist, hat man ganz schwere Karten. Da bricht dann so manche Überzeugung, die eigenen Fähigkeiten betreffend zusammen. Nun rennt bei einem Fußballspiel eine ganze Schiedsrichterriege herum, auf deren Objektivität man sich verlassen muss, aber, was ist mit dem wahren Leben? Ein direkter Gegner ist nur manchmal dingfest zu machen und die meiste Zeit fragt man sich, wer einem hier pausenlos ein Bein stellt. Ich meine, jeder versucht doch so gut wie möglich, alles richtig zu machen, sich an die Regeln zu halten und die eigene Tendenz zur Unfairness unter Kontrolle zu halten, aber das scheint nicht genug zu sein für Sieg oder Niederlage. Was mich zu der Frage bringt, ob es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt gibt. Ist das Universum gerecht? Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, wird diese Frage verneinen. Nun sind wir aber Teil des Universums und unterliegen der irrigen Überzeugung, dass auf unserem Planeten Gerechtigkeit zu herrschen habe. Wir meinen, wenn wir einen Handel mit dem Schicksal eingehen und unsere Seite dieses Handels unbedingt erfüllen, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhen muss. So oft wir auch über den Tisch gezogen werden, wir halten uns an die Klauseln eines Vertrages, der nie geschlossen wurde. Wie sehr wir bemüht sind, wenigstens den Anschein von Gerechtigkeit zu erwecken, sieht man an unseren Gesetzbüchern, die dicker und dicker werden, ohne das je Gerechtigkeit erreicht wird. Aus lauter Verzweiflung wenden sich viele an einen himmlischen Schiedsrichter, der spätestens nach dem Tode für Ausgleich sorgen soll. Jenseitige Gerechtigkeit, ich lach mich tot! Wie viel Selbstgerechtigkeit in dieser Annahme liegt, ist kaum zu ermessen! Selbstgerechtigkeit, das ist es. Wir tun so, als hätten wir bereits in der Wiege einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen, auf dem steht, was uns im Leben alles zusteht. Ruhm, Reichtum, Macht, und wenn wir dies nicht bekommen, dann plärren wir, denn wir verstehen nicht, warum das Universum unsere absolute Besonderheit nicht erkennt. Nicht liegt uns ferner als die Akzeptanz der Tatsache, dass wir im Angesicht der Unendlichkeit nicht weiter sind als eine völlig bedeutungslose Endlichkeit. Und das es keinen Schiedsrichter gibt, der für eine, in unseren Augen, angemessene Ausgeglichenheit sorgt. Dies heißt nicht, sich gar nicht auf das Spiel des Lebens einzulassen. Nur selbstgerechte Empörung ist unangebracht und die Anrufung eines Richters, der nur ein Werk unserer Phantasie, unseres Wunschdenkens ist. Denn auch wenn wir schwere Fouls vermeiden; die rote Karte ist uns gewiss.

Tanja K.; anonyme Alkoholikerin