Wettervorhersagen

Im Morgenmagazin lässt die FU Berlin Studenten 24 Stunden lang händisch per Augeneindruck, wie Benjamin Stöwe so schön bemerkte, und per Gerät beobachten. Eines dieser Geräte wurde heute Morgen geöffnet und ich war auf das hochtechnische Innenleben gespannt. Die komplizierte Anlage zur Messung der Luftfeuchtigkeit warf mich fast über den Haufen. Es handelte sich, sage und schreibe, um ein aufgespanntes, blondes Frauenhaar! Da sich blonde Frauenhaare bei Feuchtigkeit mehr ausdehnen, als rote oder brünette, von schwarzen ganz zu schweigen, dienen diese als Messlatte. Jetzt habe ich in dem Kasten nur noch den kleinen Frosch erwartet, der Hoch- und Tiefdruckgebiete ankündigt. Ein schlichter Pappbecher auf dem Gerät könnte die Niederschlagsmenge anzeigen und die »händisch« beobachtenden Studenten könnten Wolkenbildungen voraussagen. Wahrscheinlich befindet sich in einigen dieser Messstationen noch das gute alte Wetterhäuschen mit lächelndem Weibchen und griesgrämig mit einem Regenschirm ausgestatteten Männchen. Weiterlesen

Xaver Unsinn von Paul Wiedebach

Die Sondersendungen, die Konferenzschaltungen der Reporter, die man an Orten platzierte, wo es tatsächlich ein wenig wehte, überschlugen sich. Der Jahrhundertsturm Xaver hielt zum Leidwesen der Medien, die ihn schon im Vorfeld aufbliesen, nicht, was er gar nicht versprach.

Schön fand ich ein Interview mit einem Feuerwehrmann hoch im Norden. Die Reporterin zeigte ihre Enttäuschung darüber, dass alle Einsatzwagen friedlich in ihrer Halle standen derart deutlich, dass dem Mann doch noch einfiel, in der Nacht wäre ein Baum am Bahnhof umgefallen.

»Und? Konnten Sie nach diesem Großeinsatz noch schlafen?«, musste sie ihre Anwesenheit rechtfertigen. »Nö, wir befanden uns ja in Alarmbereitschaft.«

Alarmbereitschaft ist für mich das Unwort des Monats. Wo kein Alarm, da doch wenigstens die Bereitschaft. Die Medien schnippselten die immer gleichen Berichte in immer anderen Reihenfolgen zusammen, um ihre »aktuellen« Berichterstattungen, die mein Fernsehprogramm zersäbelten, zu füllen. Nachdem ich den Schweizer, der den deutschen Wind sah(!), zum X-ten Mal ertragen musste, schaltete ich einfach ab. Aber dann heute Morgen das MoMa! Konferenzschaltungen von windgebeutelten Reportern. »Jetzt wird es gefährlich, denn es könnten sich Dinge losreißen!« »Der Scheitelpunkt des Hochwassers ist erreicht; es geht zurück, aber es könnte noch steigen!« Im Harz schneite es. Nicht ungewöhnlich für Dezember, möchte man den Reportern zuschreien, die aus einer 10-cm-Schneedecke, ein Schneechaos machten.

Was war passiert?

Wetter war passiert, was zu einem medialen Kasperletheater ohnegleichen führte. »Kasper das Krokodil kommt! Nein, es kommt doch nicht! Doch es könnte kommen! Oh, es kommt nicht, aber Alarm schreien macht so viel Spaß!«

Im Vorfeld sollte jedermann schon einmal auf dem Dach herumklettern, um die Ziegel zu überprüfen. An den Gartenbäumen sollte gerüttelt werden, um sie auf Standfestigkeit zu testen, aber aus dem Haus gehen sollte man auf gar keinen Fall! Die Schulen fielen aus, obwohl unsere Grafschaft wohl einen Windschutz hatte, denn es wollte so gar nicht stürmen. Die Weihnachtsmärkte schlossen vorsorglich, während im Hamburg noch bis 15.00 Uhr der normale Betrieb lief.

Ich bin schon einmal sehr gespannt, was in unseren Medien los sein wird, wenn es, wintergemäß, auch im Flachland schneien sollte. Schließen dann die Weihnachtsmärkte und, dürfen wir auch nicht mehr aus dem Haus, obwohl wir unsere Dächer auf Schneelasttauglichkeit überprüfen sollten? Sind ab 5-cm-Schneedecke, Schneeketten erforderlich? Müssen wir uns mit Schneeschuhen und Polarbedarf eindecken?

Silvester soll es eine erhöhte Dichte von Feuerwerkskörpern geben. Sind Helme und feuerfeste Spezialkleidung angesagt?

Man weiß es nicht.

Was man weiß ist, die spinnen, die Medien!

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

NSA ist überall von Tanja K.

Vielen Dank an Dr. Bremer. Ich weiß, dass ich nichts weiter als eine konditionierte Laborratte bin, bei der es besser ist, sofort die Beine in die Hand zu nehmen, wenn man ihrer ansichtig wird.

Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob mein Alkoholismus auf puren Egoismus oder auf übertriebenen Altruismus zurückzuführen ist.

Der Alkoholiker an sich ist ja ein antisozialer Egomane, der gnadenlos alle mit in den Abgrund reißt, ohne Rücksicht auf Verluste. Willensschwach und größenwahnsinnig, egozentrisch und soziopathisch trinkt er lustig vor sich hin und lacht sich besoffen ins Fäustchen, wenn der Rest der Welt einmal mehr um ihn herum kopfsteht.

Das, mein lieber Dr. Bremer, weiß ich zur Genüge, aber ich frage mich, wie viel Egoismus ist erforderlich, um gesund zu bleiben?

Ich habe mein Leben lang unbedingt vertraut und jedes Wort für bare Münze genommen, bin aber immer wieder darauf hereingefallen, dass das meiste, was mein Gegenüber sagt, im Großteil der Fälle eine Manipulation meinerseits bewirken soll. Vielleicht reden die Menschen deswegen so gerne über das Wetter, um diesem Treiben der wechselseitigen Manipulation wenigstens kurzfristig eine Pause zu gönnen.

Nun kann es sein, dass ich ebenfalls ein großer Manipulierer bin, trotzdem horchte ich vor jeder meiner Äußerungen tief in mich hinein und fragte mich: »Meinst du das, was du zu sagen beabsichtigst zutiefst ehrlich?«

Natürlich erwische ich mich häufig bei »Schönfärbereien« und mache mir hinterher die Hölle heiß, weil ich das überhaupt nicht ausstehen kann. Aber, was soll ich sagen? Ich bin auch nur ein Mensch und der Mensch erzählt eben gerne Geschichten, in denen ihm die Heldenrolle zukommt. Tatsachen werden so lange verdreht, bis man selber im hellsten Licht dasteht.

Geschieht dies eigentlich bewusst oder unbewusst? Ich begegne Fällen von derart eklatanter kognitiver Dissonanz, dass ich manchmal meine, ich säße einem Schizophrenen gegenüber. Was gestern noch rabenschwarz war, ist heute blütenweiß und ich frage mich, ob die Erinnerung an die gestrige Rede komplett gelöscht wurde.

»Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern«, meinte schon Adenauer. Nun ist Geschwätz, Geschwätz, aber eine Haltung ist immerhin eine Haltung.

Diese Haltungslosigkeit führt bei mir zur Haltlosigkeit, bei der bislang der Alkohol meine Stütze darstellte.

Nun bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine Haltung meilenweit vom Egoismus entfernt ist. Ich brauche demnach eine eigene Haltung um der Haltlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein. Dies muss nicht im »nach mir die Sintflut“ enden, wie bei einem gewissen Hubertus hier in diesem Blog, sondern nur darin, dass ich eine stabile Außenfassade vorweise, wenn die Einschläge wieder einmal dichter kommen.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin