Germanwings

Fassungslosigkeit ist das dominierende Gefühl. Das Erstaunen darüber, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Die Tatsache, dass es eine ganze Schulklasse ausgelöscht hat, konfrontiert alle Eltern mit ihrer Urangst, dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte. Ich verbrachte Zeiten in Angst, wenn meine Töchter aus dem Haus waren und ich Alarmsirenen von Polizei und Feuerwehr hörte. Wenn dann der verhängnisvolle Anruf ausblieb, dachte ich: Noch mal gut gegangen und ging zur Tagesordnung über. Bei uns an den Landstraßen stehen unzählige Kreuze, die daran erinnern, dass hier ein junger Mensch sein Leben ließ. Er stieg morgens fröhlich in seinen Wagen, man verabschiedete ihn flüchtig und er kehrte nie zurück. Jeder Abschied kann ein Abschied für immer sein, das wollen wir nicht wahr haben. Weiterlesen

Leben von Witwe Clausen

Frei Otto ist tot. Ein Name, der mir bislang nichts sagte, bis ich in den Nachrichten erfuhr, dass er für die Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions verantwortlich war. Posthum soll ihm jetzt der Pritzker-Preis für Architektur verliehen werden. Der Preis sagt mir auch nichts, soll aber so etwas wie der Nobelpreis für Architekten sein. Der original Nobelpreis wird nie posthum vergeben, was mir sehr sinnvoll erscheint, denn was hat ein toter Preisträger von nachträglichen Ehren? Was haben all die Dichter, Denker, Komponisten und Maler, die zu ihren Lebzeiten verachtet wurden, davon, dass ihre Namen noch immer in aller Munde sind? Dass ihre Werke immer noch gespielt, zitiert oder zu Phantastimillionen auf dem Kunstmarkt versteigert werden? Weiterlesen

Metaphysik von Maria Mitscherlich

Gibt es ein besseres Mittel gegen die Realität als die Flucht in Phantasiewelten und, was spricht dagegen. Jede Religion ist eine Phantasiewelt und derjenige, der eine »Höhere Macht« auf seiner Seite weiß, bewältigt die Widrigkeiten des Alltags besser, genau so wie derjenige, der von einer »besseren Zukunft« träumt. Obwohl die Beweise für höhere Mächte ebenso ausstehen, wie die für eine Kehrtwendung zum Glück, scheinen wir auf irgendetwas vertrauen zu müssen, was außerhalb unseres Einflussbereiches liegt. Die Metaphysik liegt uns quasi in den Genen. Der Spiritist ist glücklicher als der Materialist, da Ersterer sich einreden kann, dass da noch »mehr zwischen Himmel und Erde ist als die Wissenschaft sich erträumt«.

Somit verbreite ich als Engeltherapeutin mehr Nutzen als Schaden. Ich schenke Hoffnung,  Vertrauen und vor allen Dingen Sinn, denn wenn hinter allem und jedem eine Bestimmung liegt, erträgt man selbst Unerträgliches. Ich erwäge meine Spiritualität auf das Reich der Toten auszuweiten, denn diesen Geschäftszweig vernachlässigte ich bislang. Dabei ist der Bedarf immens, sich darüber zu versichern, dass es den lieben Verschiedenen auch im Jenseits an nichts mangelt und dass sie stets ein Auge auf die Hinterbliebenen haben. Ein Schweizer Freund von mir hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert und ich kann Ihnen sagen, seine Sprechstunde brummt. In der Schweiz gibt es ganze Ausbildungsbereiche, was die Fähigkeit betrifft, Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Nunja, eine gewisse mediale Grundausstattung muss man mitbringen, denn die Auren von Toten aufzunehmen ist nicht einfach. Mein Freund ist da eine echte Ausnahmeerscheinung, denn seine Antennen wurden ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt. Schon als Kind führte er Unterhaltungen mit für den Normalmenschen unsichtbaren Personen und es dauerte lange, bis er erkannte, dass es sich bei seinen Eigebungen nicht um eine Geisteskrankheit, sondern um eine besondere Gabe handelt. Nun tröstet er die Untröstlichen, gibt jedem allzu frühen Versterben Sinn und kann auch noch gut davon leben. Was mich direkt zu den Psychopharmaka bringt, die jede Halluzination, jede außersinnliche Wahrnehmung auszumerzen versuchen. Wir sperren unsere Schamanen in Psychiatrien und wollen sie »heilen«, dabei wären es vor allen Dingen sie, die Sinn und Zweck in unsere materialistische Welt bringen könnten. Darum geschehen heutzutage keine Wunder mehr, obwohl der Bedarf daran glauben zu können größer ist als je. Gehen sie einmal auf eine Esoterikmesse und betrachten sie in aller Ruhe die strömenden Menschenmassen. Fahren Sie einmal nach Lourdes und sehen Sie, wie groß die Sehnsucht nach Wundern ist. Warum sind die großen Religionen nicht auszumerzen? Weil wir uns nicht damit abfinden wollen und können, dass wir nur wir und im Grunde genommen mit uns alleine sind. Es ist die Angst vor dem Nichts und vor der Sinnlosigkeit. Ich muss unbedingt mit meinem Schweizer Freund telefonieren, damit er mir verrät, wie er es macht. Es ist an der Zeit, mein Geschäft zu erweitern.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Zeitumstellung von Witwe Clausen

Opfer dieser Zeitumstellung vereinigt euch endlich! So lächerlich es klingt, bei meinem Status als Rentnerin und Witwe, ich bin eine Leidtragende dieser sinn- und zwecklosen Uhrendreherei. Mein Zeitplan kommt dermaßen durcheinander, dass ich heute Morgen, anstatt meine Morgentoilette zu erledigen und meinen Haushalt in Schwung zu bringen, noch einmal ins Bett kroch. Jetzt ist es für mich gefühlt 9:20 Uhr, doch meine Zeitmesser vermelden mir; es ist bereits eine Stunde später. Trotzdem sitze ich noch im Nachthemd und Bademantel, die dritte Tasse Kaffee im Leib, unverrichteter Dinge an meinem Küchentisch. Obwohl ich den Tag in Angriff nehmen müsste, schnappte ich mir zunächst meinen Block und meinen Schreibstift und verfasse nun dieses brennenden Artikel über den Zeitklau.

John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, erscheint angesichts fehlender Routine in seinem neuen Heim, ebenfalls etwas verwirrt. Was wohl eher damit zu tun hat, dass sein Katzenklo noch nicht gereinigt, seine Napf noch nicht geputzt und sein Futter noch nicht parat gestellt ist. Er streicht mir nervös um die Beine, denn niemand liebt den geregelten Ablauf in einem Haushalt mehr als ein Haustier, wie mir vorkommt. Auch ich bevorzuge die tägliche Routine; sie gibt mir Halt und Aufgabe, aber heute befindet sich alles in Auflösung, meine Person eingeschlossen.

Leichte Panik breitet sich in mir aus – ich muss gleich zu meinen Herztropfen greifen – und ich kann mich nicht aufraffen, das zu tun, was zu tun ist, weil ich bestimmte Dinge zu einer festgelegten Zeit zu erledigen pflege. Die dafür vorgesehene Frist verstreicht weiter und weiter, während ich diese Zeilen verfasse. Wie soll denn alles heute laufen? Ich kann doch unmöglich erst um die Mittagszeit duschen gehen, meinen Kater erst nachmittags füttern und erst gegen Abend putzen und durchsaugen!

Was ist mit dem Einkauf? Die Läden haben zwar bis 22:00 Uhr geöffnet, aber wer, frage ich mich, betritt nach 21:00 Uhr einen Supermarkt? Mein Kopf schwirrt, mein Herz tut es ihm gleich. Die Witwe Clausen sitzt unsortiert um mittlerweile 10:45 Uhr noch an ihrem Küchentisch und gammelt herum! »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, lautete das Familienmotto meiner Eltern und Großeltern, von meinem Friedrich ganz zu schweigen. Nun ja, alle sind bereits tot und ich somit die einzige Überlebende. Auch pflege ich um diese Uhrzeit nie Besuch zu erhalten, aber, was ist, wenn doch jemand vorbeischaut und mich hier so sitzen sieht? John Carter wir ebenfalls immer nervöser; er miaut sogar, was er sonst nie tut. Liegt dies an seiner gleichfalls fehlenden Routine, oder mache ich ihn vielmehr wuschig?

»Irmgard«, beruhige ich mich. »Sei einmal spontan und nimm den Tag, wie er halt kommt. Blende die Uhrzeit aus. Dir kann es nun wirklich egal sein, was wann passiert.«

Aber, was ist mit den Blumen vor Friedrichs Stele? Sie sind es gewohnt, zu einer bestimmten Uhrzeit gegossen zu werden und ich kann ja schlecht in Bademantel und Hut zum Friedhof.

»Ja sag mal, spinnst du jetzt total?«

Schrieb ich nicht weiter oben, die tägliche Routine gäbe mir Halt und Aufgabe? Was ist, wenn sie mir nichts anderes als Pflicht und Last wäre? Wenn sie mich nur einzwänge und mein Leben zu einem Fahrplan degradierte? Vielleicht möchte ich mein Todesdatum auch schon im Kalender vermerken, damit ich es nur nicht verpasse?

Überlegenswert, sehr überlegenswert. Ich glaube, ich hole mir noch einen Kaffee und denke ein wenig darüber nach. Die Herztropfen lasse ich hingegen im Schrank.

Witwe Clausen

 

Demenzdörfer von Tanja K.

Der Gedanke und die Umsetzung der ersten Ghettos für die geistig nicht mehr ganz Klaren stammen aus den Niederlanden und wenn Deutschland einen Floh husten hört, wird er sich gerne in den Pelz gesetzt.

Nun frage ich mich natürlich, was diese Demenzdörfer vom »normalen« Rest der Welt unterscheidet, denn je mehr ich mit nüchternem Verstand von den Kapriolen des Homo »Sapiens« mitbekomme, desto intensiver verschwimmen die Grenzen. Da dachte ich, ich wäre irre, weil alles nur unter der Droge Alkohol zu ertragen war, aber, wenn ich die Irren um mich herum sehe, ist es mir ein Rätsel, warum die wenigen »Vernünftigen« nicht permanent unter irgendwelchen Drogen stehen.

Was mich auf den Gedanken des Vernunftdorfes bringt. Warum schließen sich die Wissenden nicht zusammen und schotten sich konsequent vom Rest der Welt ab? Es liegt im Geldmarkt begründet, denn die Bedürfnisse des täglichen Lebens müssen bezahlt werden und, solange der Ruf des Kapitals entscheidend bleibt, knechten und versklaven wir uns im Sinne des Systems.

Was wäre zu tun?

Erst einmal die Bedürfnisse auf das absolut Lebensnotwendige zurückschrauben. Wer machte sich jemals die Mühe, sich zu fragen, wie viel Euros er im Monat unbedingt braucht? Für diesen Betrag wäre die Fron des Sklavendienstes zu leisten, dem kann man sich nicht entziehen, wenn man sich nicht in die schaukelnde soziale Hängematte legen will. Den Rest des Tages gewönne man für sich, womit wir zum zweiten Problem kämen. Was fängt man mit sich und der freien Zeit an? Nicht jedermann ist zum Diogenes berufen, was wir lege artis direkt nach der Geburt alle sind. Was wollen wir als Kleinkind? Wärme, Essen, Trinken, in Ruhe ausscheiden und viel Zeit zum Spielen und Weltentdecken. Erinnern wir uns noch an die Tage, als uns die Verpackung der Geschenke mehr interessierte, als die Präsente? Erinnern wir uns daran, dass ein gefundenes Stück Holz in unserer Phantasie schier alles sein konnte? Wie wunderbar das Sonnenlicht durch ein einfaches Blatt schien? Wie eine Pfütze zum Meer mutierte und wir Papierschiffchen auf Entdeckungstouren schickten? Wie wir miteinander redeten und lachten, weil es nichts Interessanteres gab, als die Gedanken, Geschichten und Erlebnisse des anderen? Wie wir unser Weltbild und unsere Position darin täglich neu entdeckten?

Wann, verdammt, gingen uns diese Fähigkeiten verloren? Wer trichterte uns ein, was für uns wichtig zu sein hat? Dass wir wichtig zu sein hätten? Dass, egal, wer kommt, wichtiger ist als wir, weil er DAS Ziel erreichte? Welches Ziel? Meines Erachtens steht der Zielpunkt für uns alle fest; wir werden tot sein. Bis dahin sind wir alle lebend tot. Ja, wenn dies nicht das Demenzdorf par excellence ist, dann weiß ich nicht.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Sterbehilfe von Witwe Clausen

Wir scheinen unsere Tiere mehr zu lieben als unsere Angehörigen. Wenn ich mir John Carter betrachte, meinen räudigen Tierheimkater mit dem Halbmastauge, so ist mir die Vorstellung unerträglich, dass er seinem Tod entgegen leiden müsste. Natürlich würde ich sofort einen Tierarzt benachrichtigen, der ihn von seinen Qualen erlöst.

Mein Friedhelm, Gott hab` ihn selig, quälte sich lange mit Depressionen herum, aber im Grunde genommen ging es ratzfatz, was sein Ableben betrifft.

Nun befinde ich mich in einem Alter, indem man sich schon Gedanken über den eigenen Abgang machen sollte. Nicht, dass ich krank wäre, im Gegenteil, ich bin topfit und außer meinen Herztropfen, zu denen ich gelegentlich greife, wenn mir meine Lieben allzu sehr auf die Pelle rücken, nehme ich keine Medikamente. Aber, man weiß ja nie. Ein Schlaganfall, ein unglücklicher Sturz, eine plötzliche Herzattacke und schon sieht die Sache anders aus. Wer weiß, vielleicht wütet tief in mir ein Krebs, denn mit Vorsorgen habe ich nicht viel am Hut. »Was kommt, das kommt«, pflegte meine Mutter immer zu sagen, »da kannste dich noch so sehr auf den Kopf stellen und mit den Beinen Hurra schreien.« Sie entschlief übrigens ganz friedlich im gesegneten Alter von 90 Jahren. Wieso reden die Leute eigentlich immer vom »gesegneten Alter«? Außer dass mir das Meiste egal sein kann, stelle ich keine Segnungen fest. Es zwickt und zwackt ständig irgendwo und schöner wird man auch nicht. Die sogenannte Altersweisheit stellte sich bei mir ebenfalls noch nicht ein, und es bleibt unklar, ob ich sie überhaupt noch erlebe. Was mich direkt wieder zum Tod bringt. Also, wenn ich mich in meinem betagten Bekanntenkreis umhöre, wollen die Meisten in Würde sterben, was ich jetzt als selbstbestimmt und bei klarem Verstand interpretiere.

Ja, aber solange der Verstand noch klar ist, wird eben ungern gestorben. Tiere sind da ganz anders. Irgendwie wissen die, wann »Schicht im Schacht ist«. Ich besaß als Kind einen Hund, und als dieser spürte, dass es mit ihm mächtig bergab ging, bettelte er mich förmlich mit den Augen an, ihm doch gefälligst über die Schwelle zu helfen, was wir dann auch taten.

Gerade bei der Selbstbestimmung hapert es aber mächtig in der deutschen Gesetzgebung. Da darf man nicht einfach still für sich entscheiden, wann genug ist. Ist Selbstmord eigentlich noch strafbar?

Wieder eine Sache, die mir egal sein kann, denn allmählich werde ich anfangen, für mich persönlich Vorsorge zu treffen. Auf welche Weise geht nur mich etwas an. Auch, wenn Kirche und Politik noch so sehr herumpalavern; mein Tod geht ebenfalls nur mich etwas an. Dass irgendwelche Schreihälse immer das Gefühl haben, sich in die persönlichsten Dinge einmischen zu müssen, der Grund für dieses Verhalten bleibt auch der Altersweisheit vorenthalten.

Witwe Clausen

 

Hammelhaftigkeiten von Paul Wiedebach

»Oh wie dumm ich war, wie total beduldelt dumm, welch ein hammelhaftes Schaf war ich«. Aus »My fair Lady«. Gruß übrigens an meine Mitautoren!

Meine Frau und ich befinden uns in dem Alter, in dem man beinahe wöchentlich zu einer Beerdigung muss. Väter, Onkel, Schwager und Schwägerinnen, Freunde, ein Bruder, die Einschläge kommen näher, so viel steht fest. Was soll also das sinnlose Philosophieren über allgemein menschliches Verhalten, ohne im eigenen Kopf Hausputz gehalten zu haben! Diese arrogante Überheblichkeit, die aus den Artikeln spricht, verursacht mir Übelkeit. Wisst Ihr was, verehrte Mitschreiberlinge, geht erst einmal gründlich in euch, bevor Ihr auch nur ein einziges Wort über Eure Mitmenschen verliert. Lediglich bei der Witwe Clausen ist ein Wandel zur Selbsteinsicht erkennbar, der Rest ergeht sich in Plattitüden.

Wer, verdammt noch einmal seid Ihr, Urteile über Menschen zu fällen, sie zu Schafen zu erklären, ohne einen von ihnen näher zu kennen?

Der Freund, den ich vor einer Woche begraben musste, hatte eine ganze Welt in seinem Kopf, die nun mit ihm für immer verschwunden ist. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Welt für sich darstellt. Sie kann schön, sie kann schrecklich sein, man kommt nur schwer aus ihr heraus, und der Tag ist ein Kampf, diese innere Welt mit dem Außen in Einklang zu bringen. Leben als ewiger Kompromiss, gepaart mit zeitweisem Aufbegehren, Rückschlägen, Scheitern und trotz allem irgendwie weiter machen. Ich halte jeden Menschen, der es schafft, morgens aufzustehen und seine Pflicht zu tun, für einen Helden! Weitermachen, auch wenn die Dinge schwierig erscheinen, einen Traum besitzen und sei er noch so klein. Wer maßt sich an, Urteile über Träume abzugeben? Wer maßt sich an, sich zum Hirten über Schafe hochzustilisieren?

Die Crux bei Pauschalurteilen ist die immanente, bestechende Einfachheit, die deren Fehlerhaftigkeit überdeckt.

Globalen Ansichten geht das Detail verloren. Ich verwehre mich dagegen, hier in einen »Einheitstopf« geworfen zu werden, denn zuerst stelle ich ein Individuum dar. Es gibt weltweit keine Kopie meiner Selbst, meine Aktionen und Reaktionen sind Ausdruck meiner Persönlichkeit und so mancher, der dachte, einfach einmal Schlachtvieh zum Schlachter bringen zu können, wurde, historisch betrachtet, oftmals eines besseren belehrt.

Jedes politische System, das versucht, Personen zu uniformieren, wird kurz über lang von Unikaten ad absurdum geführt.

Jetzt verliere ich fast den Faden.

Summa summarum wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es eine Frevelhaftigkeit sonder gleichen ist, Menschen in selbsternannter Göttlichkeit »über einen Kamm zu scheren«.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Finale von Witwe Clausen

Wenn man so wie ich häufig auf dem Friedhof ist, liegen Gedanken an das Ende recht nahe. Anstatt ruhiger zu werden, wenn die Zielgerade erreicht ist, werden die Witwer und Witwen um mich herum immer hektischer, als bestünde noch enormer Nachholbedarf an verpasstem Leben.

Hat mein Friedhelm in seiner Stele eigentlich ein selbstbestimmtes Leben geführt? Eine Frage, die ich nur verneinen kann. Und ich? Da will ich jetzt nicht drüber nachdenken ….

Wir sind alle außenbestimmt und lassen uns von den teilweise mehr als unwichtigen Gegebenheiten vor sich hertreiben. Wir sind Flipperkugeln, die hierhin und dahin gepeitscht werden, ohne zu wissen, oder jemals nachzufragen, wieso eigentlich?

Derjenige, der Kinder in die Welt gesetzt hat, aus denen etwas geworden ist, kann sich noch durch dieses Ersatzleben einigermaßen aus der Schlinge ziehen. Trotzdem, sollten wir eines Tages vor unserem Schöpfer stehen, wenn es Ihn denn gibt, und Er uns fragt, was wir mit der uns zugeteilten Zeit angefangen haben, werden wir alle ins Stottern kommen. »Aber ich musste doch …., aber ich sollte doch ……, die Zeiten waren nicht so ……, aber ich durfte doch nicht ……., mir wurde immer gesagt …., usw., usw., usw.

»Ich bin ein Schöpfergott«, wird der Herr, wenn es Ihn denn gibt, ausrasten. «Du wurdest nach meinem Ebenbild erschaffen. Was hast Du zur Schöpfung beigetragen, denn Du und nur Du bekamst einen bestimmten Auftrag von Geburt an. Ich gab Dir und nur Dir ein bestimmtes Talent. Was hast Du damit gemacht? Es vergeudet?! Jetzt komme mir nicht mit musste, sollte, durfte, den Umständen und dergleichen faulen Ausreden. Was hast Du mit Deinem Talent gemacht?!«

Oh, wie blöd werden wir da stehen …….

Was mich zum Kern dieser unbestimmten Sehnsucht bringt, die wir alle in uns tragen. Wir wissen um den Auftrag, wir wissen um das Talent, füllen unsere zugeteilten Tage dennoch mit Unwichtigkeiten, arbeiten und arbeiten, ohne uns an die eigentliche Arbeit zu machen.

Im Prinzip muss nicht einmal der Herr, wenn es Ihn denn gibt, Rechenschaft von uns verlangen, denn das werden wir selber tun. Und, glauben Sie mir, vor uns selbst stehen wir dann noch blöder da, weil Ausreden nicht gelten.

Gott(!) sei Dank besitze ich jetzt meine Kladde. Ich schreibe, ich schöpfe, ich trage mein Scherflein bei, auch wenn meine Kritzeleien nie jemand lesen sollte. Ich spiele auch schon mit dem Gedanken, mir einen einfachen Schulmalkasten und einen Malblock zu kaufen. Ich liebe Pferde. Ich halte sie für die schönsten Geschöpfe auf Erden. Vielleicht gelingt es mir, sie zu malen. Es wird kein Franz Marc werden, da bin ich mir sicher, aber ich könnte endlich die billigen Kunstdrucke von meinen Zimmerwänden nehmen und sie stattdessen mit eigenen Werken schmücken, auch wenn sie sehr misslungen wirken sollten.

Wer legt denn fest, ob sie misslungen sind?, fällt mir da gerade ein. Sie sehen, ich habe noch viel zu tun, und deswegen klappe ich meine Kladde jetzt zu.

Irmgard Clausen, Witwe, Autorin und demnächst bildende Künstlerin