Hirnverbrannt von Elke Balthaus-Beiderwellen

Im Internet gibt es nichts, was es nicht gibt. Der neueste Trend, sich Schablonen auf die Haut legen, anschließend in der prallen Sonne brutzeln und die erstaunlichsten Effekte auf die Haut zaubern, die nur noch von den phantastischen Ausmaßen des schwarzen Hautkrebses übertroffen werden. Die Sonne schlägt nicht nur auf die Haut, sondern bekanntermaßen vor allem auf das Hirn. Menschen stürzen sich in eiskalte Badeseen, sorgen für Flüssigkeitsausgleich in Form von Alkohol, hauen und stechen sich bei brütend heißen Temperaturen, anstatt sich apathisch mit einem Wasser in den Schatten zu legen und abzuwarten, bis die normative Kraft des Faktischen dafür sorgt, dass sich in gemäßigten Breiten wieder gemäßigte Grade einstellen. Weiterlesen

Zeitverschwendung von Tanja K.

Heute gibt es keinen Blog, denn draußen scheint die Sonne und ich sehe nicht ein, den Tag im Haus zu verplempern. Ich weiß auch gar nicht mehr, warum ich mich auf dieses Blogprojekt einließ, denn es fällt eindeutig unter die Kategorie: sinnlose Pflichten. Ich meine, wer liest das Zeug, das ich hier in Abständen verfasse und interessiert mich überhaupt, ob es jemand liest? Ich bin bereits älter. Wenn ich meinen Söhnen glauben schenke, sogar schon jenseits von Gut und Böse und, wenn ich Glück habe, liegen noch einige Sommer vor mir, deren Zahl mir aber so gering erscheint, dass ich es mir nicht leisten kann, auch nur einen von ihnen zu verschwenden. Ich erstrebe weder Ruhm, Reichtum, noch Macht, diese Zeiten sind lange vorbei und, wenn ich meinen altgriechischen Freunden Glauben schenken darf, ist das Höchste, was der Mensch in seinem Leben erreichen kann die Ataraxia, der Seelenfrieden. Irgendetwas treibt den Menschen dazu, sich mit diesem Frieden nicht zufrieden geben zu können. Nein, er erstrebt das höchste Glück, wobei er noch nicht einmal definieren kann, worin es eigentlich besteht. Nehmen wir einmal die Langeweile. Nichts passiert. Keine störenden Einflüsse von außen und nur für Millisekunden Stille aus dem Innenbereich, denn was sich in uns abspielt, wenn wir frei und unbelästigt sind, gleicht einem Drama. Alle Nervenenden fangen an zu kribbeln, die Gedanken rasen ohne bestimmtes Ziel in alle möglichen und unmöglichen Richtungen und wir überlegen fieberhaft, was wir tun könnten, um diesen für uns unerträglichen Zustand zu beenden. Da kann der gesamte Körper nach Ruhe und Kontemplation schreien, der Geist will es nicht. »Der Geist ist willig«, unwillig bis hin zur Böswilligkeit. Treibt und quengelt und schimpft bis wir uns erheben und sogar etwas für uns schädliches tun nur um überhaupt etwas zu tun. Wir essen, wir trinken, wir rauchen, hasten, hetzen, fixen, koksen, kiffen und brechen sogar den einen oder anderen Streit vom Zaun, damit etwas passiert. Nehmen wir den Urlaub. Mein Unwort ist die »Urlaubsplanung«! Wo gibt es denn so etwas? Dezidierte Stundenpläne für die Freizeitaktivität. Da wir eine Zeit, die dem Leerlauf dienen sollte, bis zum Rand mit Tätigkeiten gefüllt, denn schließlich will man im Urlaub etwas erlebt und nicht nur gelebt haben. Nein, heute gibt es keinen Blog! Auf der Terrasse steht meine Sonnenliege. Ich werde mich dort hinbegeben, den Tag damit verbringen in den blauen Himmel und das grüne Laub der Bäume über mir zu schauen. Von Zeit zu Zeit werde ich unter meiner Gartendusche eine kleine Abkühlung suchen und der äußeren Stille lauschen. Vielleicht singt ein Vogel, vielleicht rauschen Blätter im Sommerwind. Wenn mich innere Unruhe von meiner Liege treiben will, werde ich mich an ihr festkrallen und warten, bis dieser Anflug vorbei geht. Solange bis sich die äußere Stille nach innen ausdehnt. Auf gar keinen Fall werde ich einen Blog schreiben.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Sommer von Paul Wiedebach

Heute wollte ich einen gepfefferten, pointiert witzigen Artikel darüber schreiben, dass Obama Merkel ein abhörsicheres Handy zum 60. Geburtstag schenkte, aber die Hitze fordert ihren Tribut. Mein Hirn kommt mir vor wie Dali-mäßig verlaufen, die Dimensionen verschieben sich und ich bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Meine Göttergattin genießt dieses Wetter. Ab 30°C und 90% Luftfeuchtigkeit blüht sie förmlich auf, während ich mich stöhnend vom Sessel zum Sofa und von dort aus zum Bett schleppe. »Wie in den Tropen!«, ruft sie begeistert aus und öffnet noch ein Fenster, um die schwüle Wärme auch ja in jeden Winkel unseres Hauses zu lassen. Als Bekleidung dienen ihr leichte, luftige, farbenfrohe Tücher, in die sie sich wickelt. Sie sieht aus wie eine Odaliske. Ich darbe in Jeans und Hemd dahin, da ich, was ordentliche Bekleidung betrifft, keine Zugeständnisse an das Wetter mache. Obwohl deutsch bis in die x-te Generation, besitze ich weder Shorts noch Sandalen und der Gedanke, barfuß in festes Schuhwerk zu schlüpfen, kommt mir wie der Untergang des Abendlandes vor. Gestern kaufte mir meine Frau doch tatsächlich eine Djellaba, als würde ich, einem Wüstensohn gleich, in diesem langen Zeltkittel durch Haus und Garten wandern. »Das Ding ziehe ich nur an, wenn du das dazu gehörige Kamel gleich mitlieferst!«, giftete ich und knallte die Tür meines Arbeitszimmers hinter mir zu. »Das Kamel ist bereits im Hause«, flötete sie ungerührt durch das Schlüsselloch. »Wir haben Klimaerwärmung! Da sollten wir unsere Kleiderordnung überdenken!« »Dann wandere ich eben in den Norden Kanadas aus. Wollte ich sowieso schon immer. Nur du wolltest ja nicht«, rief ich beleidigt zurück. »Du in Kleidern mit Pfotenabdruck. Das möchte ich sehen«, hörte ich noch, bevor sie sich anscheinend entfernte, um womöglich noch ein Schlupfloch für die heiße Außenlust zu öffnen. Der Pfeil saß, natürlich, denn wenn ich etwas noch mehr hasse als orientalisch-luftige Hitzekonzessionen, dann ist das Outdoorbekleidung. Früher zogen wir uns eine dicke Jacke oder einen Mantel an, wenn die Außentemperatur es erforderte, heutzutage muss es die funktionale Umhüllung mit diesem schrecklichen Markenzeichen sein. »Draußen vor der Tür« kannte man höchstens als Nachkriegsdrama von Wolfgang Borchert. Dass damit jemals Unterwäsche, Socken und Oberbekleidung gemeint sein könnte, darauf wäre zu meiner Zeit niemand gekommen. Und warum man unbedingt ein spezielles »Draußen vor der Tür« Outfit braucht, wenn man sich nach »Draußen vor die Tür« begibt, will mir auch nicht so recht in meinen Kopf. »Outdoor-Aktivitäten« sind Mega in, wobei ich bereits eine solche in Angriff nehme, wenn ich beide Füße vor meine Haustürschwelle setze. Aber ich komme vom Thema ab, so ich denn überhaupt eines hatte. Jedenfalls hing die Djellaba über der äußeren Türklinge meiner Arbeitszimmertür, als ich sie endlich öffnete. Vorsichtig schaute ich mich um. Keine Spur von meiner Frau. Ich schnappte mir das Ding und zog mich wieder in mein Zimmer zurück. Dort zog ich mich komplett aus, warf mir die Kutte über und fühlte mich gleich besser, da nichts mich einengte. Ich drehte mich mehrmals um mich selbst, als plötzlich meine Frau im Zimmer stand. Ich hatte sie gar nicht hereinkommen gehört. Zu meinem Glück nahm ich ihr triumphierendes Lächeln nicht zur Kenntnis, denn sonst wäre es um die heiße orientalische Nacht geschehen gewesen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Schamlosigkeit von Witwe Clausen

Der Sommer naht und mit ihm die Schreckensszenarien. Ich meine krampfadertätowierte Männer und Frauen in Shorts und Miniröcken, bei denen zum Teil sogar sogenannte »offene Beine« schamlos zur Schau gestellt werden und den absoluten Horror, Sandalen und Sandaletten, über deren Rand Hornhautwülste schwappen. Der Teufel liegt, wie so oft, im Detail, und ich kann ein Gegenüber nicht ernst nehmen, dessen ungepflegte Füße meinen Blick in den Bann schlagen. Da kann oben noch so intellektuelles Zeug herauskommen, was selten genug ist, aber wenn mir ein Hallux valgus mit der Hornhaut von Jahrzehnten entgegen blinkt, bin ich sofort abgelenkt. Schmutzige Fingernägel sind das eine, aber gelblich verdickte Zehennägel, die die Zehenkuppen überwachsen, verderben mir jegliches Interesse an einem tiefer gehenden Gespräch. Ich finde, es kommt schon einer Erregung öffentlichen Ärgernisses gleich, wenn impertinent präsentiert wird, wie wenig Wert auf elementare Körperpflege gelegt wird. Zu den Achselhaartoupets der ärmellosen Damenwelt gibt es gegenteilige Ansichten, denn Frau geht ja heutzutage wieder behaart, aber muss denn das Gewächs schweißtriefend fast bis zum Ellenbogen reichen? Und muss man einen Damenbart derart sprießen lassen? Conchita Wurst ist keine Randerscheinung; man muss nur die Witwenwelt auf dem Friedhof ins Kalkül ziehen, deren nachlassender Hormonspiegel zahlreiche Bärte zutage bringt. Jedenfalls habe ich bei wärmeren Temperaturen auf der Bank vor der Stele Friedrichs viel zu schauen, und ich komme oftmals ins Grübeln, ob Gott uns wirklich nach seinem Ebenbilde schuf. Wenn »die Krone der Schöpfung« im Alter temperaturbedingt die Hüllen fallen lässt, kommt wenig Königliches zum Vorschein. Da quillt und schlabbert und wuchert es, dass der Betrachter sich mit Grauen abwendet. Marianne schwabbelte neulich ohne BH an meiner Bank vorbei und es war nicht auszumachen, wo der Busen aufhörte und der Bauchring begann. Ludwig bevorzugt Sandalen, die zwei Nummern zu klein sind, ohne Socken versteht sich, was mich fast die Visitenkarte meiner Fußpflegerin zücken ließ. Natürlich kommt er an gewisse Stellen seines Körpers bauchbedingt nicht mehr heran, aber entweder zieht man dann festes Schuhwerk an, oder nimmt externe Hilfe in Anspruch. Hildegard baute sich in einem Minikleid aus den Siebzigern vor mir auf, was mir in der Nacht darauf Alpträume bescherte, was zum großen Teil auch an den Riemchensandaletten lag, die sie dazu trug. Die Riemchen schnitten zentimetertief in die wassergefüllten Füße, was das daneben hervorquellende Fleisch bläulich verfärbte, sodass ich den Eindruck bekam, es müsse jederzeit venöses Blut daraus hervorspritzen.

Natürlich fühlt man sich in seinem Kopf immer gleich alt, aber so ab sechzig sollte man doch, bevor man sich der Öffentlichkeit präsentiert, einen Spiegel zu Rate ziehen und kaschieren, was sich kaschieren lässt. Hildegard ließ sich dann auch mit den Worten:« Meine Füße bringen mich um!«, schwer neben mich auf die Bank plumpsen. Bei dieser Aktion rutschte ihr Kleid noch ein bisschen höher und ich konnte mich mit eigenen Augen sehen, dass Haut im Alter die unangenehme Tendenz besitzt, sich hemmungslos zu vermehren. Was sie mir sonst noch erzählte, entging meiner Aufmerksamkeit, denn ich war vom Anblick ihrer Füße gefesselt, die sie seufzend aus ihrer Schnürung befreite. Das Blut schoss dahin zurück, wo es hingehörte, was zu einer ballonartigen, rötlichen Auftreibung ab den Fußgelenken beiderseits führte. »Ich wusste es, wenn ich die Sandalen öffne, kann ich sie nie wieder schließen«, fügte Hildegard überflüssigerweise hinzu. Sie kämpfte immer noch mir ihrem unpassenden Schuhwerk, als ich mich von ihr verabschiedete, denn diesen Fesselungsakt wollte ich mir partout nicht antun.

Witwe Clausen