Entschlackung von Tanja K.

Was ist aus den Primärgefühlen geworden?

Hass ist zu Gehässigkeit verkommen, Trauer zu Wehleidigkeit, Wut zu Selbstzerstörung und Ekel zu Übersättigung. Wann in unserem Leben teilte man uns mit, dass unsere ureigensten Gefühle keine Existenzberechtigung besitzen und nicht gesellschaftsfähig sind. Wir regen uns zwar über alles und jedes auf, aber diese Erregung bleibt an der Oberfläche. Wir gehen unserer Erregung nicht mehr auf den Grund. Erregung ist zunächst einmal neutral. Sie beinhaltet aber meistens ein Urgefühl, dass alles sein kann, von der sexuellen Anziehung bis zur Ablehnung ein Gegenüber betreffend, aber fragen wir uns jemals, was genau der Andere da gerade in uns auslöst?

So oberflächlich die Erregung, so oberflächlich auch die Beziehungen. Eine wirkliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, da sie auch zu zeitintensiv und zu anstrengend wäre. Da beschäftigt man sich doch lieber mit dinglichen Ablenkungen aller Art. Spannung wir überall gesucht, besonders in den Extremen, wobei die Spanne von der Extremsportart zum Extremberuf bis zur Extremsucht reicht. Unsere Mitmenschen sind halt nicht spannend, da keiner mehr offenbart, was er wirklich denkt und fühlt.

Gehässigkeit, Wehleidigkeit, Selbstzerfleischung und Übersättigung sind eher lästig und hinterlassen nur ein vages Gefühl der Beunruhigung, was zu Schlaflosigkeit und Bluthochdruck führt.

Also fragt man tunlichst nicht nach. »Was willst du mit dem, was du da faselst, eigentlich sagen?« Wer weiß schon, welche Lawinen er damit ins Rollen bringt. Und, wer weiß schon, ob ihn nicht eine dieser Lawinen ebenfalls überrollt. Wer tief gräbt, stößt ja nicht zwangsläufig auf Gold. Obwohl die Möglichkeit bestünde. Und so stoßen wir niemals auf Gold, da wir wohlweislich nicht tief graben. Auch in uns selber nicht.

Deswegen meiden wir Momente der Stille, hungern nach der nächsten Abwechslung, auch wenn sie nur darin besteht, den Fernseher anzuschalten oder ins Internet zu gehen.

Was wohl alles zutage tritt, wenn wir in uns graben, wollen wir nicht so genau wissen, denn auch dort, vermuten wir, bzw., wurde uns beigebracht, sind die Goldadern rar gesät.

Gerade im Frühjahr lache ich mich halbtod, da überall »Entschlackungskuren« für den Körper angepriesen werden, obwohl dieser mit mehreren, sehr effektiven Entgiftungsorganen ausgestattet ist, die automatisch ihre Arbeit verrichten. Seelische Entschlackungskuren sichtete ich noch nicht, obwohl die Seele nur ein, höchst selten genutztes Entgiftungsorgan besitzt, den Sprechapparat. Freud sprach nicht umsonst bei seinen Behandlungen von »Redekuren«.

Gibt es einen schlimmeren Zustand, als eine lebendige Seele zu besitzen und nicht in der Lage zu sein, ihr Ausdruck zu geben?

Ich denke, es ist dies, was uns Rainer Maria Rilke mit seinem Panther-Gedicht sagen wollte:

»Der Panther:

Sein Blick ist vom

Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er

nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend

Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben

keine Welt.

Der weiche Gang

geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten

Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft

um eine Mitte,

in der betäubt ein großer

Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf – dann

geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder

angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu

sein.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin