Religion

Hiermit möchte ich mich bei allen Vorreitern der Aufklärung entschuldigen, denn wir schafften es noch immer nicht, die Religion aus dem Schulunterricht herauszuhalten. Und wenn ich jetzt höre, dass wir mehr Imame brauchen, um zu verhindern, dass Atheisten, Christen und Juden bereits in der Grundschule diffamiert werden, dann platzt mir sprichwörtlich der Kragen. Einsehbar ist vielleicht noch, dass wir Türkischunterricht an den Grundschulen brauchen, denn dann kann sich die außerislamische Schülergruppe wenigstens verbal zur Wehr setzen. Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass man dem Andersgläubigen in aller Ruhe eins auf den Schädel geben kann, sondern, dass man jeden vor sich hinbeten lässt, wie es ihm geziemt, aber bitte zuhause! Kampf den Gotteshäusern! Kampf der Zurschaustellung scheinheiliger Religiosität! Kniet, fleht und erniedrigt euch meinetwegen selber, aber verschont mich mit eurem Anblick! Lasst die Erbsünde donnernd über euch herniederkrachen, aber bitte, verschont den öffentlichen Raum! Die Atheisten tolerieren so lange, bis die ersten Scheiterhaufen wieder brennen. Gott ist Privatsache und, bis er persönlich interveniert, hat dies auch so zu bleiben. Verbannt die Bibel, die Thora und den Koran in den Bereich der Geschichtsbücher, da gehören sie nämlich hin und lacht herzlich darüber, wie komisch deren vormittelalterliche Erklärungen natürlicher Phänomene wie Schläfenlappenepilepsie (Paulus) und Hirndehydratation (der ganze Rest war offensichtlich zu lange in der Wüste) waren. Es gehört schon ein arger Sonnenstich dazu, wenn einem Erzengel, der Teufel und der Herr höchstpersönlich begegnen. Zog nicht auch Moses vierzig Jahre durch die Wüste, bis ihm seine Erleuchtungen kamen? Auch an der Bergpredigt habe ich so meine Zweifel. Heißt es dort nicht immerzu »selig sind«? Alles gut und schön, aber wer seliggesprochen wird, ist naturgemäß tot. Wie kann man Theologie studieren, ein Fach dessen Objekt noch nie nachgewiesen wurde. Und bei dem Begriff »Islamwissenschaft« wird mir komplett übel. In Wissenschaft steckt Wissen, deswegen heißt sie ja so! Eines ist leider ganz gewiss: Sage mir, zu wem du betest, und ich sage dir, wer du bist.

Unterwerfung von Paul Wiedebach

Heute morgen erklärte ich meiner Frau, dass ich daran denke, eine eigene Religion zu gründen. Alles, was mir gegen den Strich geht, wird zur Untugend erklärt und mit ewiger Verdammnis bestraft. Punkt eins auf meiner Liste war natürlich das Frühstücksei, das für meinen Geschmack einmal wieder zu weich ausfiel. Ich sprach sogleich eine erste Verwarnung gegen meine Gattin aus und erkundigte mich, welche Buße sie dafür abzulegen gedenke. Sie tippte sich nur vielsagend an die Stirn. Warum, so fragte ich, stehe mir denn nicht das Recht zu, bestimmte Dinge für heilig zu erklären, für über den weltlichen Gerichten stehend, wenn Religionen dies ohne weitere Erläuterung auch dürften. Weiterlesen

Challenge von Maria Mitscherlich

Da sage mal jemand, es gäbe keinen Weltgeist. Wenn etwas völlig Verrücktes im Netz propagiert wird, machen es alle nach, wie man an der Kaltwasser-Challenge sehen kann. Ob Gangnam style, ob Happy-Song, alle Welt packt er Wahnsinn kollektiv. Ich frage mich gerade, ob ich nicht auch so einen Tsunami in Gang setze. Ein Selfie mit dem persönlichen Schutzengel! Dieser kann jeden Aggregatzustand besitzen, sich als Mensch oder Tier materialisiert haben oder auch nicht und die Spannweite reicht vom Lieblingskuscheltier bis zum mächtigen Talisman. Natürlich gehören auch die Wunder geschildert, die man diesen verdankt. Der Wunderglaube erhielte dadurch doch einen regelrechten Aufschwung! Die meisten Wunder liegen 2000 Jahre und mehr zurück. Eine Renaissance ist mehr als angebracht. Und, geben wir es doch zu, wer unter uns völlig frei von Aberglauben ist, der werfe den ersten Stein. Man stelle sich das einmal vor! Wundergeschichten aus aller Welt! Ich sehe schon das biblische Zeitalter auf uns zurollen! Spontanheilungen, Lebensrettungen in letzter Minute und Ähnliches mehr überschwemmen das Netz. Ich möchte denjenigen sehen, der dann nicht auf die Knie fällt und betet. Lourdes war gestern. Wunder finden nicht nur an heiligen Brennpunkten statt, sondern überall! Ich weiß nicht, wie verbreitet die Temporallappenepilepsie ist, die mit Sichtungen von Heiligenerscheinungen einhergeht; bis zum Mittelalter scheint sie sehr häufig gewesen zu sein. Vielleicht tritt sie ja im Islam zahlreicher auf als in den anderen Religionen, denn gerade dieser Glaube ist von unwahrscheinlichen Visionen begleitet. Heutzutage schriebe man bei allen Propheten zunächst ein EEG, um eben diese Form der Hirnstörung auszuschließen. Wahrscheinlich wäre der Welt viel Leid erspart geblieben, wenn man diese diagnostische Methode bereits um das Jahr Null herum gekannt hätte. Eine Johanna von Orleans müsste heutzutage erst einmal ein MRT und ein EEG über sich ergehen lassen, ebenso wie eine Bernadette Soubirous oder ein  Jesus, ein Mohammed oder ein Paulus. Die Wissenschaft verifiziert halt gerne. Aber ich komme von meinem Thema ab: dem Selfie mit Schutzengel.

Der Zeitpunkt ist günstig, denn die Welt lechzt nach geistiger und geistlicher Führung. Möglicherweise wird eine neue, einheitliche Religion in Gang gesetzt, die endlich auf alle Fragen eine Antwort bietet. Das Judentum, das Christentum und der Islam beten eh denselben Gott an. So wie man Ihm sowieso alle Eigenschaften angedichtet hat, warum soll er nicht der allein Wundertätige sein? Keine Allmacht, keine Allwissenheit, nein, allein Wundertaten machen Ihn zu dem, was er ist. Bislang besitzt die katholische Kirche das Monopol darauf, zu beurteilen, was ein Wunder ist und was nicht. Aber können wir dies nicht alle – außer natürlich den Temporallappenepileptikern. Aber wer sagt uns denn, ob der Temporallappen des Hirns nicht die Empfangsstation ist, die Gott für eine persönliche Kontaktaufnahme in unseren Köpfen erschaffen hat. Vielleicht täten uns synchrone Entladungen in diesem Bereich allen einmal gut. Sang nicht schon Katja Ebstein: »Wunder gibt es immer wieder?« Vielleicht müssten wir die Messlatte für Wunder nur einen Tick tiefer setzen. Da muss nicht gleich Wasser in Wein verwandelt werden; es reicht schon, wenn man morgens gesund aufwacht. Was für eine Challenge!

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin