Wortwahl von Witwe Clausen

Da muss man so alt werden wie ich, um zu lernen, dass man sein Leben lang falsch mit sich sprach. Auf die Wortwahl kommt es an, teilte mir der populärpsychologische Artikel in einer Frauenzeitschrift beim Friseur mit. Da sagte ich ständig zu mir, ich müsse noch dieses und jenes erledigen, anstatt dieses »muss« durch ein »kann« oder »will« zu ersetzen. Ich will dieses und jenes noch tun, gibt mir meine Freiheit wieder. Ich werde nicht vom Zwang getrieben. Noch besser wird es beim »kann«. Ich kann es tun; ich kann es aber auch lassen. Natürlich darf man nicht zu unbedarft mit diesem Worttausch umgehen. Schließlich ist es höflicher bei einer ungebetenen Einladung zu sagen, dass man nicht kommen könne, als zu betonen, dass man nicht kommen wolle. Zu sich darf man aber ruhig ehrlich sein. Ich kann nicht, bedeutet eben schlichtweg: Ich will nicht!

Aus einem: Ich kann jetzt gerade nicht, wird: Ich will im Prinzip überhaupt nicht. Ich kann mich jetzt nicht mit dir unterhalten. Geben Sie diesem Satz einmal die richtige Bedeutung und Ihre Perspektive auf alles verändert sich. Nennen Sie das Kind beim Namen wenigstens still im Kopf und ihre Welt stellt sich auf denselben!

»Mögen« ist auch so ein Larifariwort, das nicht ausdrückt, was man eigentlich meint. Sagen Sie nicht: Ich mag nicht, sondern: Ich hasse es! Geben Sie jedem Gefühl das ehrliche, klare Wort und Sie wissen wieder, was Sie fühlen!

Ich probierte es gleich aus. Ich hasse es, beim Friseur zu sitzen und dämliche Frauenzeitschriften zu lesen. Ich will mir die Haare nicht waschen und legen lassen. Nur damit meine Umgebung nicht findet, ich würde mich vernachlässigen. Friseurbesuche gehen mir gehörig gegen den Strich! Also sprach ich und ging unonduliert zum Friedhof, um meinem Friedrich gehörig den Marsch zu blasen.

 

Psychologie von Paul Wiedebach

Gehören sie auch zu den Büroklammerverbiegern? So eine Büroklammer ist ein neutrales Ding, bis sie Hand anlegen. Dann sagt die Form, in die sie dieses an sich harmlose Objekt brachten, etwas über ihre Persönlichkeit aus. Anhand von Fotolisten, die ein Psychologe auf den Markt warf, können sie ihr Machwerk mit den dort vorgegebenen »Verbiegungen« vergleichen und erhalten auf diese Art eine Aussage über ihre Persönlichkeitsstörung. Weiterlesen

Ansichten von Maria Mitscherlich

Das Wichtigste ist, dass man sich nicht in Kleinigkeiten verliert, sondern das Große, Ganze im Auge behält. Der Tag als Gesamtkonzept, wenn man so will. Oftmals wird er durch die täglichen Notwendigkeiten in Fragmente zerstückelt. Aber so, wie sich eine Meisteroper aus einzelnen Noten zusammensetzt, die für sich allein genommen, keinen Sinn ergeben, setzt sich der gelungene Tag aus Einzelkomponenten zusammen, die für sich betrachtet, sinnlos und lästig erscheinen. Es fängt mit dem Aufstehen an. Dunkel und schwer liegt der Tag vor einem. Man muss raus aus den warmen Federn, sich regeln, anziehen, schminken und legt damit die Rüstung an, die man für den Tag braucht. Auf der Arbeitsstelle geht es weiter. Man praktiziert das aufgesetzte Grinsen, die uneingeschränkte Tüchtigkeit, obwohl man ob der zum großen Teil tödlich langweiligen Anforderungen am Liebsten kotzen möchte. Man sagt »Hallo« zu der schönen Parallelwelt, die sich konträr zur Innenwelt verhält. Ich persönlich weiß nur vom Hörensagen davon, meine Klienten klagen unentwegt darüber. Es hilft schon, wenn man ein wenig Glanz über die banalste aller Tätigkeiten legt. Anstatt mit Gewissheit starten wir mit Ungewissheit in den Tag, denn wer sich auf Gewissheiten beschränkt, dem passiert nichts Ungewisses. Ein immerwährender Murmeltiertag ist die Konsequenz. Neugier ist lebenswichtig. Aus dem »was soll mir schon Besonderes passieren« machen wir ein »mal sehen, was mir heute Besonderes passiert«. Es kann ein sensationeller Gedanke beim Zähneputzen sein, ein Gedicht, das einem während der Autofahrt einfällt oder die Begegnung mit einem Gegenüber, das sich als echtes Gegenüber erweist. Man muss es nur BEMERKEN! Tunnelblicke bewirken enge Schächte, in die kein Licht fällt. Fixierungen fixieren und »Augen zu und durch« macht blind. Ich verlange von meinen Klienten zunächst einmal, sich uneingeschränkt zu öffnen. Dann empfehle ich ihnen einen Waldspaziergang mit weit offenen Sinnen. Wenn sie dann zur zweiten Therapiestunde kommen, sprudeln sie über vor Erlebnissen ganz neuer Natur(!). Natürlich nur diejenigen, die sich auf das Hier und Jetzt des Waldes komplett eingelassen haben. Sie sind in den zurzeit hochgelobten »Flow« gekommen. Dabei wird jede Tätigkeit, auf die man sich voll und ganz einlässt, zwangsläufig zum »Flow«. Multitasking ist der Tod des »Flows«, denn wenn ich etwas tue und dabei an tausend andere Sachen denke, kann ich es gleich lassen. Dann wird der Wald zur Firma, der Park zum Büro und der besondere Mensch zu einem weiteren lästigen Klienten. Im Prinzip braucht man keine rosarote Brille aufsetzen, sondern muss die schwarze, die mit dem kleinen Guckloch absetzen.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Sanktionen von Tanja K.

Was sind Sanktionen eigentlich anderes als das schöne alte »Wie du mir, so ich dir Spielchen«? Ein ewiger Teufelskreis in einer ewigen Abwärtsspirale, bis beide Seiten zerschmettert am Boden liegen. Da bedauern wir gerade in aller Ausführlichkeit den Beginn des ersten Weltkrieges, der auch darauf beruhte, um keinen Preis der Welt nachgeben zu wollen und eröffnen gleichzeitig die nächsten Baustellen. Ob Gaza, ob Ostukraine, ob Syrien oder Libyen, da wird mit versucht, mit dem Kopf durch die Mauer zu kommen nur, um hinterher wieder verblüfft feststellen zu müssen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die härter sind als unsere Matschbirnen.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich ausschütten vor Lachen über das Kleinkindhafte »Ich will, will, will, ich will aber Gehabe«. Mir ist es einmal passiert, dass ich mit meinen kleinen Sohn im Auto unterwegs war. Plötzlich fing er in seinem Kindersitz wütend an zu plärren und wollte sich nicht mehr beruhigen. Es dauerte eine Weile bis ich aus ihm heraus bekam, was ihn denn über die Leber gelaufen ist. »Er soll auch mal in der Mitte sein«, brachte er schluchzend und stammelnd hervor. »Er soll in der Mitte sein!« »Ja, wer denn?«, unterbrach ich seinen neuen Schreianfall. »Ja, der kleine Finger! Der soll auch mal in der Mitte sein!« So ticken kleine Kinder und je länger ich mich unter den sogenannten Erwachsenen umschaue, bleibt das bis zum Todestage so. Nur lautet dann das Geschrei: » Ich will aber nicht sterben!« Ich glaube, wir haben uns einen allmächtigen Gott erdacht, weil wir selber gerne allmächtig wären. Das ganze Streben des Menschen beruht darauf, Gegebenheiten zu überwinden. Naturgesetze? Da scheißen wir doch glatt mal drauf! Mittlerweile wäre mein Sohn in der Lage, seinen kleinen Finger mit Hilfe der plastischen Chirurgie an die damals von ihm gewünschte Stelle zu versetzen. Ich muss ihn bei Gelegenheit einmal fragen, ob er jetzt noch gesteigerten Wert darauf legt. Wahrscheinlich wird er mich für verrückt erklären, dabei war dies doch einmal alles, woran sein Herz hing. Ich meine, er schluchzte geschlagene drei Stunden über die Ungerechtigkeit der menschlichen Anatomie. Genau so, wie wir uns heute nicht erklären können, wie vernagelt die Menschen damals waren, so etwas wie einen Weltkrieg aus reinen Befindlichkeitsstörungen zu beginnen. In der Rückschau ist kein emotionaler Affekt noch nachvollziehbar.

Aber ich war ja bei Sanktionen. Nichts erscheint den Menschen so sehr mit Zufriedenheit zu erfüllen, als jemanden, der einen vielleicht auch nur unbeabsichtigt geärgert hat, gründlich eins auszuwischen. Besonders intensiv wird die Suche nach einem der büßen muss, wenn man selber nicht ganz unschuldig am ganzen Dilemma ist. Es tut doch immer gut, wenn man mit dem Finger auf jemand anders als auf sich selber weisen kann. Auch wenn einem der Finger dabei abfaulen sollte, er bleibt erhoben und deutet auf den vermeintlich Schuldigen. Der deutet zurück, und großes Heulen und Zähneklappern setzt ein, weil ausschließlich der andere partout nicht nachgeben will. Dabei beginnt so mancher große Schritt vorwärts mit einem kleinen Schritt zurück.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Input von Tanja K.

Kennen Sie den Witz? »Ich las, dass Rauchen und Trinken schädlich seien, deswegen gab ich es auf, das Lesen.«

Man liest viel zu viel, wenn der Tag lang ist. Hören tut man noch weit mehr. Wenn Sie mich fragen, gibt es mehr Input, als das Gehirn jemals in der Lage wäre zu bearbeiten. Ich werde Ihnen einen typischen Tag schildern. Beim Auftragen meiner Hautcreme las ich, dass sie Q 10 und Vitamin E enthält. Ich bin demnach völlig out, denn Hyaloronsäure ist der Renner, was Faltenreduktion betrifft. »Reg dich nicht auf, ist ja nicht schlimm«, sagte ich mir, wobei mir einfiel, dass es schädlich ist, sich die Welt schön zu reden, weil das Unterbewusstsein die Lüge erkennt und man sich noch schlechter fühlt als vorher, denn auch die »Glücksphilosophie« ist out. Mantras der Art, dass es einem mit jedem Tag besser und besser gehe, schlagen prompt in ihr Gegenteil um, wie ich las. Während ich mein Parfüm auftrug, fiel mir auf, welchen Blödsinn ich da trieb, denn man soll ja die eigenen Pheromone zur Geltung kommen lassen. Als ich in meine Hausschlappen schlüpfte, erinnerte ich mich daran, dass Barfußschuhe en vogue sind, schleuderte meine Pantoletten sofort von den Füßen und versuchte es barfuß ohne weitere Hilfsmittel. Den Käse auf mein Brötchen versagte ich mir, weil man morgens nur Kohlehydrate zu sich nehmen soll. »Ich bleibe jetzt ganz ruhig«, redete ich mir ein, was doppelt falsch war, wegen der Glücksphilosophie und deswegen, weil man, wenn man sich schon ermahnt nie in der Ich-Form agieren, sondern sich mit Du ansprechen muss, wie ein psychologischer Tipp lautete. Tägliche Meditation ist vonnöten, wobei ich dauernd durcheinander komme, ob man sich jetzt in die kleinste Faser seines Körpers hinein oder völlig aus ihm heraus »denken« soll, aber dann fällt mir zum Glück das »Dritte Auge« ein, das ich zwischen meinen Augenbrauen ansiedele und versuche, mich darauf zu konzentrieren. Geht nicht, denn ich liege platt auf dem Boden und nichts ist schädlicher für sämtliche Gelenke als die »Neutral-Null-Stellung«, erfuhr ich unlängst von einem befreundeten Orthopäden. Jetzt wäre die Hausarbeit fällig, aber wie war das noch mit Lust und Unlustgefühlen? Muss ich warten, bis mich die Lust zur täglichen Routine überkommt, oder liegt der Kern des Menschseins darin, Unlust auszuhalten, zu überwinden und zu tun, was zu tun ist? Widerstreitende Gedankengänge durchfahren mein Hirn und ich versuche, aus These und Antithese zur Synthese zu gelangen, was mir wiederum nicht gelingt, denn wie ich hörte, gewinnt das Bauchgefühl immerzu gegen die Vernunft. Für rationale Entscheidungen stehen 50 Megabyte zur Verfügung, für emotionale 11.000.000, belehrte mich unlängst eine Wissenschaftssendung. Trotz allem greife ich zum Staubsauger, während ich überlege, ob ich einmal mehr meinem Überich zu viel Raum gebe, während mein Es ungehört in mir tobt, ohne dass ich etwas davon merke. Das wird sich irgendwann mit einer Neurose rächen, weiß die Psychoanalyse. Vielleicht gebe ich ja, indem ich sauge, bereits einer Zwangsneurose nach? Nachdem ich mit der Hausarbeit fertig bin, will ich meine Mutter anrufen, aber halt! Steckt da womöglich eine nicht gelöste elterliche Bindung dahinter? Wieso überkommt mich das Bedürfnis, meine Mutter zu kontaktieren und wieso nenne ich sie noch immer »Mama«? Ab einem gewissen Alter sollte man die Eltern beim Vornamen nennen, riet kürzlich ein Psychologe. »Bleib ganz ruhig«, duze ich mich jetzt immerhin, hänge aber weiterhin der verpönten Glücksphilosophie nach. Meinen Darm habe ich auch noch nicht erzogen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, denn man sollte immer zu gleichen Uhrzeit für Stuhlgang sorgen, meinte ein Proktologe in einer Frauenzeitschrift. Ich bin weit über die festgesetzte Zeit! Was mich so verkrampfen lässt, dass wahrscheinlich für den Rest der Woche nicht mehr mit Verdauung zu rechnen ist. Jetzt würde ich gerne ein Mittagsschläfchen einlegen, halte mich aber mühsam wach, da Studien ergaben, dass Frauen, die sich mittags hinlegen, eine arg verkürzte Lebenszeit riskieren. Müde schenke ich mir einen Kaffee ein, was mir wahrscheinlich den Nachtschlaf verdirbt, denn Forscher fanden heraus, dass bereits eine morgendliche Tasse davon, den Tiefschlaf um Stunden verschiebt. Wie war das jetzt? Mildert Milch im Kaffee dessen Wirkung oder verstärkt sie den Effekt? Ich kann mich nicht erinnern, was das erste Anzeichen einer beginnenden Demenz sein kann. Was war nochmal zuerst gestört, das Kurz- oder das Langzeitgedächtnis? Auch dies fällt mir nicht ein! Während ich noch grübele, kommen mir zwei Artikel über das Grübeln in den Sinn. Einer lobte es als höchst sinnvoll und nützlich, der andere verdammte es. Mittlerweile komme ich mir vor wie der berühmte Tausendfüßler, der gefragt wird, welches Beinchen er als Erstes bewegt, wenn er loslaufen will, und der daraufhin überhaupt nicht von der Stelle kommt. Wer kam eigentlich jemals auf den schwachsinnigen Gedanken, dass Wissen Macht ist? Zuviel Wissen ist Ohnmacht!

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Vertrauen von Paul Wiedebach

Wem gegenüber beging Thomas Oppermann einen Vertrauensbruch? Bestimmt nicht dem deutschen Volke gegenüber, indem er transparent machte, welche Mauscheleien in der sogenannten Edathy Affäre stattfanden. Dass er seine eigene Rolle dabei verschwieg, ist nun wieder als Vertrauensbruch allen Parteien gegenüber zu werten.

Vertrauen ist eine rein subjektive Angelegenheit. Was ich sicher weiß, dem muss ich nicht vertrauen. So vertraue ich nicht darauf, dass eins und eins zwei ergibt, ich weiß es einfach. Zahlen und die Ergebnisse ihrer Rechenoperationen gehören in den Bereich des Wissens. Ganz anders sieht es aus, wenn man es mit komplexen Geschöpfen wie Menschen zu tun hat, denn selbst der versierteste Psychologe kann nie mit einhundertprozentiger Sicherheit voraussagen, wie sich ein bestimmter Mensch verhalten wird. So beruht alles »Wissen« über den Mitmenschen auf reinem Glauben. Da man zumeist von sich auf andere schließt, ist der vertrauenswürdige Mensch blauäugiger als der Schweinehund. Was man selbst skrupellos bewerkstelligen würde, traut man auch jedem anderen zu. Der krankhaft Eifersüchtige ist im Grunde seines Herzens ein Fremdgänger, der Lügner glaubt keinem anderen auch nur ein einziges Wort und niemand passt auf sein Hab und Gut mehr auf als der Dieb.

Demzufolge sind die »gutgläubigen Trottel« diejenigen, denen man am meisten vertrauen kann.

Wenn man sich jetzt fragt, wie viele gutgläubige Trottel in der politischen Landschaft unterwegs sind, darf man kaum enttäuscht sein, wenn passiert, was eben immer wieder passiert. Vertrauenskrisen sind an der Tagesordnung. Da Vertrauen ein innerpersoneller Vorgang ist, wäre die Krise in der eigenen Person anzusiedeln. Blindes Vertrauen braucht die Ent-Täuschung. Nur, wer ent-täuscht wird, bekommt die Chance, es in Zukunft besser zu wissen und zu machen.

Aber vieles, so scheint es, wollen wir gar nicht besser wissen und machen, also etwas tun oder ändern, wollen wir überhaupt nicht. Da vertrauen wir doch lieber darauf, dass alles ganz von selbst irgendwann einmal besser wird. Der Mensch lernt eben nicht gerne, weil jeder Lernvorgang eigentlich eine Veränderung nach sich ziehen müsste.

Wir vertrauen weiterhin den Politikern, den Banken, den USA, den Kirchen, dem ADAC und allen denen, die lauthals um unser Vertrauen werben. Wir deklarieren alles und jeden zu Übervätern und Übermüttern, denen unser Vertrauen naturgemäß zusteht, ohne nachzudenken, ob sie des Vertrauens würdig sind. Das heißt, wir denken schon kurz darüber nach, aber wenn die Konsequenz dieses Denkvorganges darin besteht, selber tätig zu werden, dann vertrauen wir lieber.

Nun kann man es mit Khalil Gibran halten, der sagte:« Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird«, oder mit Lenin, der sinngemäß meinte:«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!«

Alles eine Frage davon, wie viel Ent-Täuschung man bereit ist, in Kauf zu nehmen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Psychologie von Dr. Bremer

Mit großem Interesse las ich gestern den Artikel unserer Witwe Clausen über Nettigkeitsfallen. Sehen Sie, ich als junger Arzt geriet ständig in Fanggespräche mit Patienten, denen gesundheitlich nichts fehlte und die einfach nur quasseln wollten. Der größte Anteil meiner Klientel besteht zwar immer noch aus diesen »Kreiselpatienten«, wie ich sie nenne, aber mittlerweile ging mir auf, dass ich zwei Ohren besitze. Zum einen geht es hinein und zum anderen problemlos hinaus, weil ich das zwischengeschaltete Gehirn in den »Stand-by-Modus« versetze. Hinterher rechne ich eine »Psycho-Ziffer« ab, die nicht viel einbringt, aber mich wenigstens zum bezahlten Zuhörer macht.

Was sind nun »Kreiselpatienten«?

Bei diesen handelt es sich um eingebildete Kranke mit kreiselnden Beschwerden. Zumeist geht es im Bereich des Herzens los, dann kommt der Magen-Darm-Komplex an die Reihe und, wenn ich daraufhin immer noch nicht »anspringe«, folgen die Gelenke, wobei eine nicht vorhandene Reaktion meinerseits, schließlich bei merkwürdigen Flecken auf der Haut endet. Der Kopf bleibt ausgespart, wahrscheinlich, weil diese »Kranken« wissen, dass dort ihr Hauptproblem beheimatet ist.

Früher machte ich den Fehler, diesen wandernden Befindlichkeitsstörungen freien Lauf zu lassen. Ich hakte geduldig einen Beschwerdekomplex nach dem anderen ab, erging mich in Erläuterungen und Beruhigungen, aber die ominöse Krankheit erwies sich als Floh, der weiter hüpft, wenn man ihn zu erwischen trachtet.

Mein größter Fehler bestand darin, die Patienten ohne Rezept wegschicken zu wollen, da ich keinen Grund für eine medikamentöse Behandlung fand. Aber dann gingen die nicht! Sie blieben wie angeklebt auf ihrem Stuhl sitzen und selbst, wenn ich sie bis zur Tür komplimentierte und aus meinem Sprechzimmer zu schieben versuchte, blockierten sie diese mit einem Fuß und kamen, da anscheinend alles nichts half, auf ihre Zehnägel zu sprechen.

Merke: Betritt ein Patient deine Praxis, verlässt er sie nur, wenn er eine Diagnose erhielt und entweder ein Rezept oder eine Überweisung als Rechtfertigung für den Arztbesuch vorweisen kann!

Heute bin ich schlauer. Ich stürze mich vehement auf das erste Symptom, aggraviere es womöglich, veranlasse unnötige, weiterführende Diagnostik, teile Rezepte zur »Überbrückung« aus, auf denen Medikamente stehen, die nicht schaden, aber auch nicht nutzen und bin den »Kreiselpatienten« nach höchstens zehn Minuten quitt.

Natürlich sitzt er dann irgendwann wieder bei mir, unter dem Arm eine meterdicke Akte von Befunden der Spezialisten, die naturgemäß nichts fanden.

Jetzt habe ich ein Problem. Aber da gibt es ja noch die Diagnosen, die im Prinzip keine sind, da bis heute keiner die dazugehörige Krankheit dingfest machte.

Eine davon teile ich mit sorgengefurchter Stirn mit, rezeptiere ein Placebo, schaue nach dieser Prozedur auf die Uhr und stelle fest, dass es keine fünf Minuten dauerte, mich des »Kreiselpatienten« zu entledigen.

Halleluja!

Dr. Bremer, Landarzt

Emotionen von Tanja K.

Die Psychologen überraschen beinahe täglich mit Neuigkeiten. So gibt es, wer hätte dies gedacht, sieben Grundemotionen, als da wären: Überraschung(!), Freude, Angst, Traurigkeit, Wut, Verachtung und Ekel. Diese Emotionen zeigen sich auch im Gesicchtsausdruck und werden überall auf der Welt erkannt. Wenn, ja wenn wir unsere Gefühle weiterhin deutlich sichtbar mimisch zum Ausdruck brächten. Dann wäre alles einfacher, weil das Rätselraten, was wohl hinter der Einheitsmaske steckt, entfiele.

Ich habe oft den Eindruck, als erstes wird morgens vor dem Spiegel das »Tagesvisier« geprobt, denn wer heutzutage gefühlmäßig zuerst zuckt, verliert. Wir regredieren zu Pokergesichtern, während vorwiegend negative Baucherruptionen mit aller Gewalt unterdrückt werden müssen. Nun verschwinden Gefühle aber nicht, auch wenn man sie so sehr unterdrückt, dass man sie nicht einmal mehr selber zu empfinden vermeint. Unbewusst tost und tobt es weiter in uns, bis Gefühle sich in allerlei psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen Bahn brechen. Auf einmal klappt es mit dem Schlaf nicht mehr so recht, das Herz stolpert, der Magen brennt und der Darm revoltiert. Wenn wir nicht gelegentlich »Gift und Galle spucken«, wüten diese in Kopf und Eingeweiden.

Dabei brauchen wir doch nur sieben Emotionen zum Ausdruck bringen, wie ich gestern las. Kann doch nicht schwer sein!

Außerdem täte man seinem Gegenüber ebenfalls einen Gefallen, denn dann weiß er jederzeit, woran er bei uns ist und bekäme die Chance, entsprechend zu reagieren. Das blöde Gefühl, das irgendetwas Unbestimmtes »in der Luft liegt«, hätte ein Ende. Der »maulige« Gesichtsausdruck wiche dem eigentlichen. Zumal es das Gefühl »maulig«, laut Psychologie, gar nicht gibt.

Oder müsste es den sieben Grundemotionen hinzugefügt werden, weil es zunehmend der allgemeinen Stimmungslage entspricht?

Ich trank weitgehend aus dem Gefühl der »Mauligkeit« heraus, also aus einem Grund, der nicht existiert. Man könnte es auch unlustige Langeweile oder unbestimmten Überdruss nennen. Jedenfalls etwas nicht Fassbares, dem beizukommen ist, wenn man es »dingfest« macht. Dies gelingt mir -noch- nicht jeden Tag. Ich meine, die Reinform des zugrunde liegenden Gefühls zu extrahieren und es sowohl verbal als auch körperlich zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht sind wir deswegen einander ewige Rätsel, weil wir verlernten, dem ein Gesicht zu geben, was uns im innersten bewegt.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

Herdentiere von Tanja K.

Allmählich gerate ich zu der Überzeugung, eine Art von Autistin zu sein, denn mit dem ständigen Geschreibsel über Schafherden hier in diesem Blog komme ich nicht klar. Wahrscheinlich eine besondere Pathologie von mir, meine A-sozialität, denn als Zwangsmitglied einer Herde fühlte ich mich noch nie wohl. Je mehr »Schafe« um mich herum, desto größer mein Fluchtinstinkt als wären es Wölfe. Und, wenn wir ehrlich sind, handelt es sich bei den meisten von uns um den berühmten »Wolf im Schafspelz«. Der verlogene, nur mühsam getarnte Egoismus des »Herdentieres Mensch« bereitete mir seit jeher Brechreiz. Dieses falsche Lächeln, die geheuchelte Zustimmung, die »Katzenfreundlichkeit« innerhalb menschlicher Gruppen. Das »Übereinander Herziehen«, wenn einer nur kurz die Gruppe(?!) verlässt. Dieses Verbiegen und Verbeugen, obwohl man innerlich das Raubtiergebiss zeigt. Ja, rutscht mir doch meinen ehrlich gezeigten Katzenbuckel herunter!

Jetzt wollen die AA`s mir noch einreden, ich wäre der Störfaktor. Nun gut, betrunken war ich es, aber nüchtern konnte und kann ich Gruppen-Euphorien nicht ertragen. Muss ich auch nicht, fällt mir da gerade ein. Um meine Kernfamilie kümmere ich mich weiterhin, aber der ganze Rest geht mir langsam am A …. vorbei. Man beobachte nur aufmerksam ein Gespräch. Spätestens nach zwei Minuten verschleiern sich die Augen des zum Zuhören verdammten im Sinne von: »Rede du nur, interessiert mich total nicht, was du da von dir gibst!« Jeder wartet doch nur auf die kurze Lücke im Satz, in der er endlich zu Wort kommt und schon verschleiern sich die Augen des Anderen. Leuchtende Augen hat nur derjenige, der gerade »am Wort ist«.

Wahrscheinlich sprießen deswegen die gekauften, professionellen Zuhörer wie Pilze aus dem Boden, obwohl sich alle Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen meiner Ansicht nach im Grunde genommen nur selbst therapieren wollen. Was ist ein Therapeut anderes als ein gekaufter Freund? Endlich einmal einer, der mir zuhören muss, denn schließlich habe ich bezahlt!

Machen Sie doch einmal eine Probe. Reden Sie minutenlang von sich und bitten Sie dann Ihren »Gesprächspartner« um eine kurze Zusammenfassung dessen, was sie gesagt haben. Sie werden dreierlei ernten: 1. Unverständnis, 2. Verwirrung, 3. Gestammel.

Bestenfalls hat Ihr Gegenüber noch Ihren ersten Satz im Kopf, denn danach gingen seine Gedanken auf Wanderschaft bezüglich eigener Einwände und Vorstellungen. Was noch positiv ist; dann war er wenigstens rudimentär bei Ihnen. Wahrscheinlich langweilte ihn Ihre Darbietung aber derart, dass er im Geiste bei den Dingen ist, die ihm weit wichtiger erscheinen als Sie und Ihr Gerede.

Umgekehrt könnte es natürlich auch daran liegen, dass man nur den Mund aufmachen sollte, wenn man tatsächlich etwas zu sagen hat.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin