Befindlichkeiten von Dr. Bremer

Patienten, die völlig apathisch vor meinem Schreibtisch sitzen, liebe ich besonders. Und, wenn sie dann auf meine Frage hin, was ihnen denn fehle, antworten: »Ach Herr Doktor, ich fühle mich nicht so richtig«, kennt meine Begeisterung keine Grenzen. Dieses »Nicht so richtig fühlen« ist örtlich, zeitlich und auf einer Schmerzskala von eins bis zehn nicht dingfest zu machen. Nach einem einstündigen explorativen Gespräch kommt dann meist der Satz: »Vielleicht brauche ich ja einfach nur mal eine Pause.« Woraufhin alles in mir schreit: «Mach doch einfach eine!« Aber, so einfach ist dies nicht, denn gepflegtes Abhängen muss von einer höheren Instanz abgesegnet werden. Wo käme man denn dahin, wenn man ohne die Erlaubnis eines Fachmannes und ohne dessen gelben Schein einfach einmal nichts täte. Wobei mir die Patienten, die nach einer Stunde gestehen, wo der Hase im Pfeffer liegt, lieb sind. Weit lieber sind mir diejenigen, die meine Zeit nicht stehlen und noch vor dem Niedersetzen geradeheraus sagen: »Doc, ich brauche einen gelben Schein.« Nervig sind jene Zeitgenossen, die sich durch die gesamte Palette der medizinischen Diagnostik jagen lassen – invasive Maßnahmen eingeschlossen! -, um sich dann nach dieser kostenintensiven Zeitspanne immer »noch nicht zu fühlen«, was womöglich am Fehlen einer Pause liegen könnte.

Ich kenne Patienten, die sich auf diese Weise bis zur Rente haben durchdiagnostizieren lassen. Einziger Befund: Geh mir nicht weiter auf die Nerven!

Für unerklärliche Beschwerden haben die Ärzte die schöne Bezeichnung: idiopathisch, wobei ich manchmal denke, dass in dem Wort ein T vergessen wurde. Essentiell ist auch so ein Wunderwort mit der Bedeutung: Ich habe keine Ahnung, woher deine Krankheit kommt, aber ich gestehe dir zu, sie zu haben. Und wenn die Leute wirklich krank sind und es ist partout keine Ursache zu finden, haben wir es meistens mit einem autoimmunen Geschehen zu tun, bei dem sich der Körper aus unerfindlichen Gründen gegen sich selber richtet. Ich habe den Eindruck, der Komplex der Autoimmunkrankheiten gehört auf die Psyche erweitert. Aus unerfindlichen Gründen richtet sich der Geist gegen sich selbst. Die Erkrankungshäufigkeit ist immens! Ein multifaktorielles Geschehen, bei dem an erster Stelle gerne die eigene Kindheit genannt wird, gefolgt von Partnerschaftsproblemen und allgemeiner Unlust. Die Langeweile darf ebenfalls nicht vernachlässigt werden! Hinzu kommen Geltungsdrang und die Unfähigkeit sich damit abzufinden, dass die Dinge nun einmal nicht laufen, wie man sie gerne hätte. Ein Verharren in der Kleinkindzeit, in der die allgemeine, ungeteilte Aufmerksamkeit der Umwelt überlebenswichtig war, kommt ebenfalls erschwerend hinzu. Die Tendenz aus jeder »Mücke einen Elefanten zu machen« macht jegliche Heilung beinahe unmöglich.

Die schlechteste Prognose haben diejenigen, die ausschließlich um sich selber kreisen, denn dann pflegt der Krankheitsverlauf chronisch zu werden. Fehlt nur noch der Name. Ich würde Autoimmunpsychosis vorschlagen und die Faktoren, die zu dieser Erkrankung führen schnellstens im Netz verbreiten, wo Eigendiagnosen so beliebt sind. Ich bin mal gespannt, wer von den Nutzern ehrlich zu den richtigen Schlüssen kommt.

Dr. Bremer, Landarzt

Putin von Paul Wiedebach

Vor dem Geld kapituliert alles: Menschenrecht und Völkerrecht. Die Amerikaner können lauthals gegen Putin ins Horn blasen (Wirtschaftsvolumen USA/Russland ca. 40 Milliarden Dollar-Gas und Ölimporte 0%). Die Europäer tun sich da schwerer (Wirtschaftsvolumen 380 Milliarden Euro- Gasimport aus Russland 45%, Öl 20%).

Aber, da wollte ich gar nicht drauf hinaus, denn mich interessiert eher der Mensch Putin. Von jeher ein »Schmuddelkind«, mit dem alle nur gezwungenermaßen spielen, spiegelt sich in seiner Person eine Mischung aus Minderwertigkeitskomplex kompensiert durch Größenwahn. Und, so wie man ein verletztes Tier tunlichst nicht reizt, sollte man es beim russischen Bären auch nicht tun. Ich möchte nicht wissen, wie die USA rund um sich zu beißen würden, fielen sie dem gleichen Untergang einstiger Großmacht anheim, wie es Russland passiert. Der Mensch tut sich halt schwer, wenn er etwas einfach hinnehmen muss. Da unterscheidet sich der Amerikaner nicht vom Russen, der Asiat nicht vom Europäer und Hinz nicht von Kunz.

Zwar ist Russland mehr auf die EU angewiesen als umgekehrt, aber, was brächte es, diese Karte auszuspielen? Obwohl Gorbatschow den Kalten Krieg beendete, wurde es den Russen nicht gedankt. Stattdessen bekamen sie es unentwegt mit »Besserwessis« zu tun, die auch noch schamlos an den Grenzen des ehemaligen Riesenreiches knabberten und innerhalb des Reiches kapitalistischen Mottenfraß anrichteten. Es wäre doch interessant zu erfahren, inwieweit Putins Aktion in der Ukraine eine Überreaktion auf angetane Schmach ist.

Der russische Bär regredierte zum Tanzbären des Westens und Putin ergreift die letzte Chance, die Musik zu bestellen, den Takt vorzugeben und seine Machtdemonstration ist die Folge unendlicher Ohnmacht.

Solange geredet wird, schießt keiner und Krieg bedeutete schon immer das Ende aller Diplomatie. Natürlich zuckt der amerikanische Marshall gleich den Colt und die Schwerfälligkeit der EU in Bezug auf die Krise in der Ukraine führt sicherlich zur Verstärkung des »Fuck the EU«, aber, die Amerikaner sind auch schön weit weg und ihre wirtschaftlichen Interessen weitgehend ungefährdet. Was passierte eigentlich, wenn Alaska sich von den USA lossagte? Was taten die Briten in Bezug auf die Falklands? Da ging es auch um mehr als ein paar Felsen im Südatlantik. Und schauen Sie sich das Gerangel um Gibraltar an.

»Der werfe den ersten Stein …..«!

Oh wie schnell ist man doch mit Urteilen und Verurteilungen bei der Hand. Der Paradeweg besteht darin, erst einmal zu verstehen, was eigentlich Sache ist. Man muss, wie so oft, eine endlose Kette von Warum-Fragen in Gang setzen. Vielleicht fallen Reaktionen auf die Krise in der Ukraine vernünftiger aus, wenn man bedenkt, dass Putin auch nur ein Mensch ist, nicht weniger, aber auch nicht mehr!

Paul Wiedebach, Kolumnist