Tag des Hausarztes Von Dr. Bremer

Im Dorf ist Schützenfest, was bedeutet, dass das normale Leben zum Erliegen kommt. Seltsamerweise fallen auch die ansonsten so dringenden Krankheiten und Beschwerden darunter. Ich sitze demnach bei einer Tasse Kaffee in meiner Praxis und harre der Dinge, die unweigerlich, sobald die ersten Patienten aus ihrem Koma erwacht sind, auf mich zurollen werden. Derweil lese ich die Einträge meiner Mitautoren. Zum Gestrigen Blog fällt mir nur ein: Wie wäre es mit einem Tag des Hausarztes? Und, wie hätte dieser auszusehen? Ein bürokratiefreier Tag wäre schön, an dem ich meiner Profession nachgehen könnte, ohne zusätzlichen Ballast. Patienten mit ernsthaften Erkrankungen, die still und zufrieden meinen Anweisungen folgten und nicht alles besser wüssten, gehörten schließlich ebenfalls dazu. Keine unnötigen Anrufe, keine Aufrufe, nur dem puren Beruf, der Berufung verpflichtet, von freundlichen, dienstbaren Arzthelferinnen umgeben, den Menschen helfen, die meiner Hilfe bedürfen, nur meiner Kunst, meinem Gewissen und keiner schwachsinnigen Vorschrift verpflichtet. Das ist ein Tag des Hauarztes nach meinem Geschmack!

Ich gerate ins Träumen, werde abrupt vom Telefon in die Wirklichkeit zurückgeholt. Ein besonders angeschlagener Schützenbruder bedarf eines dringenden Hausbesuches, aufgrund von schweren alkoholbedingten Nachwirkungen, die sich nach telefonischer Schilderung wie ein Herzinfarkt anhören, aber ich kenne meine Pappenheimer! Am Tresen beschimpft mich ein Patient, den ich wiederholt wegen vor Gesundheit strotzender Penetranz vor die Tür setzte, der ärztlichen Unfähigkeit. Etliche Anfragen von der kassenärztlichen Vereinigung stapeln sich neben den Telefonen meiner Helferinnen. Später. Erst der Hausbesuch. Kann sein, dass wirklich ein Infarkt vorliegt. Oma W., die gerne unsere Patiententoilette benutzt, parkte schon wieder meinen Wagen zu, sodass ich nicht loskann, bevor sie nicht den letzten Tropfen abdrückte. Ich tänzele um mein Auto herum, während sich Schlangen von halbkomatösen Patienten in meine Praxis schleppen, die rein vom Aspekt her nicht mehr als einen Kater haben und für Tage eine Krankmeldung brauchen. Eine, oder zwei kleine Platzwunden sind dabei, weil man besoffen zwar nicht Auto fährt, aber gerne auf das Rad steigt. Inzwischen taucht eine meiner Helferinnen mit dem Wagenschlüssel von Oma W. auf, bei der es heute etwas länger dauert. Vielleicht hat die Oma den lange von ihr ersehnten Harnwegsinfekt, der bislang nicht nachzuweisen war. Ich steige in mein endlich freigegebenes Auto und gebe mich auf der Fahrt zum Schützenbruder noch einem Moment meinem Traum vom Tag des Hausarztes hin.

 

Ärztemangel von Dr. Bremer

Neulich spazierte ich durch eine Großstadt und zählte meine Schritte. Nachdem ich die Anzahl von eintausend erreicht hatte, war ich in der Zwischenzeit an vier Ärztehäusern vorbeigekommen, in denen sich jede Fachrichtung finden ließ. Drei Apotheken lagen ebenfalls auf meinem Weg. Dazu kamen drei Zahnarztpraxen und zwei Praxen für kosmetische Chirurgie. Man kann sagen, ich sah den Arzt vor lauter Ärzten nicht. Ein wenig kam ich mir vor, wie im Supermarkt, in dem ich mich bei dem Überangebot jeglicher Artikel auch nicht für ein bestimmtes Produkt entscheiden kann. Wovon leben die Kollegen, fragte ich mich. Findet hier eine Art Patientenrotation statt, in der jeder Patient einmal jeden Arzt ausprobiert, um sich von Neuem einmal »gründlich auf den Kopf stellen« zu lassen«? Ärzte scheinen ein Schwarmverhalten zu zeigen, und da der Patient unmöglich wissen kann, nach welchem er schnappen soll, besucht er dann gleich alle? Und rechnet jeder Kollege dann auch gleich alles ab? Jedenfalls kam ich mir, da ich den ländlichen Ärztemangel gewohnt bin und mich vor Arbeit kaum retten kann, geschweige denn, dass ich einen Termin beim Facharzt für meine Patienten finden kann, vor, wie im Paradies. Ich ging nochmal zurück. Fünf Internisten auf zweihundert Metern! Wahnsinn! Hier könnte sich jeder Kollege auf ein einziges inneres Organ konzentrieren. Was rede ich? Jede Körperzelle hat hier ihren eigenen Doktor! Ärzte für Halsnasenohrenheilkunde waren auf meinen eintausend Schritten derart zahlreich vertreten, dass sie sich auf die Gesichtshälften beschränken müssten, um überleben zu können. Linkes Ohr oder rechtes? Linkes Nasenloch oder rechtes und da der Rachen symmetrisch geteilt ist, ein Arzt für jede Rachenmandel! Bei den Augenärzten das Gleiche. Zumal auf meinem Wege auch drei Augenoptiker zu finden waren. Hier konnte man sich nicht nur eine Zweitmeinung einholen, sondern eine »Zehntmeinung«! Und alle diese Ärzte wollen als Alterssicherung ihre Praxis noch an den Meistbietenden verkaufen. Wenn ich einmal nicht mehr kann, mache ich still und heimlich zu, ohne Aussicht auf einen Nachfolger. Vielleicht praktiziere ich, der Patienten wegen noch weiter, obwohl ich nicht mehr kann. Plötzlich überkam mich das Bedürfnis, in die Hände klatschen zu wollen und laut: »Husch, husch, geht dahin, wo ihr gebraucht werdet!«, zu rufen. Lokale Ärzteschwemme, um nicht zu sagen: Ärzteschwämme, die nur im Großstadtbereich zu wuchern scheinen. Hier gehört doch einmal gründlich durchgefegt!

Trotzdem war ich froh, wieder zu Hause zu sein. Zwar quoll mein Wartezimmer am Montagmorgen wie üblich über, der Mittag war mit zahlreichen Hausbesuchen mehr als ausgelastet, bevor es nachmittags gegen eine weitere Patientenschwemme anzuarbeiten ging. Oma G. brachte es auf den Punkt. »Sie waren doch in der Großstadt?«, war sie bestens informiert. »Wir hatten schon Angst, dass sie nicht wiederkommen. Aber, das geht doch nicht. Sie sind doch unser Doktor!«

Dr. Bremer, Landarzt!

Befindlichkeiten von Dr. Bremer

Patienten, die völlig apathisch vor meinem Schreibtisch sitzen, liebe ich besonders. Und, wenn sie dann auf meine Frage hin, was ihnen denn fehle, antworten: »Ach Herr Doktor, ich fühle mich nicht so richtig«, kennt meine Begeisterung keine Grenzen. Dieses »Nicht so richtig fühlen« ist örtlich, zeitlich und auf einer Schmerzskala von eins bis zehn nicht dingfest zu machen. Nach einem einstündigen explorativen Gespräch kommt dann meist der Satz: »Vielleicht brauche ich ja einfach nur mal eine Pause.« Woraufhin alles in mir schreit: «Mach doch einfach eine!« Aber, so einfach ist dies nicht, denn gepflegtes Abhängen muss von einer höheren Instanz abgesegnet werden. Wo käme man denn dahin, wenn man ohne die Erlaubnis eines Fachmannes und ohne dessen gelben Schein einfach einmal nichts täte. Wobei mir die Patienten, die nach einer Stunde gestehen, wo der Hase im Pfeffer liegt, lieb sind. Weit lieber sind mir diejenigen, die meine Zeit nicht stehlen und noch vor dem Niedersetzen geradeheraus sagen: »Doc, ich brauche einen gelben Schein.« Nervig sind jene Zeitgenossen, die sich durch die gesamte Palette der medizinischen Diagnostik jagen lassen – invasive Maßnahmen eingeschlossen! -, um sich dann nach dieser kostenintensiven Zeitspanne immer »noch nicht zu fühlen«, was womöglich am Fehlen einer Pause liegen könnte.

Ich kenne Patienten, die sich auf diese Weise bis zur Rente haben durchdiagnostizieren lassen. Einziger Befund: Geh mir nicht weiter auf die Nerven!

Für unerklärliche Beschwerden haben die Ärzte die schöne Bezeichnung: idiopathisch, wobei ich manchmal denke, dass in dem Wort ein T vergessen wurde. Essentiell ist auch so ein Wunderwort mit der Bedeutung: Ich habe keine Ahnung, woher deine Krankheit kommt, aber ich gestehe dir zu, sie zu haben. Und wenn die Leute wirklich krank sind und es ist partout keine Ursache zu finden, haben wir es meistens mit einem autoimmunen Geschehen zu tun, bei dem sich der Körper aus unerfindlichen Gründen gegen sich selber richtet. Ich habe den Eindruck, der Komplex der Autoimmunkrankheiten gehört auf die Psyche erweitert. Aus unerfindlichen Gründen richtet sich der Geist gegen sich selbst. Die Erkrankungshäufigkeit ist immens! Ein multifaktorielles Geschehen, bei dem an erster Stelle gerne die eigene Kindheit genannt wird, gefolgt von Partnerschaftsproblemen und allgemeiner Unlust. Die Langeweile darf ebenfalls nicht vernachlässigt werden! Hinzu kommen Geltungsdrang und die Unfähigkeit sich damit abzufinden, dass die Dinge nun einmal nicht laufen, wie man sie gerne hätte. Ein Verharren in der Kleinkindzeit, in der die allgemeine, ungeteilte Aufmerksamkeit der Umwelt überlebenswichtig war, kommt ebenfalls erschwerend hinzu. Die Tendenz aus jeder »Mücke einen Elefanten zu machen« macht jegliche Heilung beinahe unmöglich.

Die schlechteste Prognose haben diejenigen, die ausschließlich um sich selber kreisen, denn dann pflegt der Krankheitsverlauf chronisch zu werden. Fehlt nur noch der Name. Ich würde Autoimmunpsychosis vorschlagen und die Faktoren, die zu dieser Erkrankung führen schnellstens im Netz verbreiten, wo Eigendiagnosen so beliebt sind. Ich bin mal gespannt, wer von den Nutzern ehrlich zu den richtigen Schlüssen kommt.

Dr. Bremer, Landarzt

IFA von Dr. Bremer

Heute Morgen traf mich fast der Schlag als ich die IFA-Neuheiten sah. Besonders die Apps, die sekündlich Blutdruck, Puls, Gewicht und Blutzucker messen, dabei noch analysieren, wie das Schlafverhalten in der Nacht war, riefen tiefe Besorgnis bei mir hervor. Denn als der Moderator des Morgenmagazins fragte, was man denn mit diesen gesammelten Daten macht, sagte der Fachberater, am Besten maile man sie an seinen Hausarzt. Nun habe ich bereits genügend Hypochonder in meiner Praxis, die sechs Mal am Tag ihre persönlichen Daten erheben, obwohl alle vierzehn Tage mehr als genug wäre. Ich sage Ihnen, da wird der Blutdruck so lange gemessen, bis der systolische Wert auf über zweihundert schnellt. Pumperlgesunde Achtzigjährige prüfen ihren Blutzuckerspiegel, bis die Fingerkuppen aussehen wie durch den Wolf gedreht und sparen sich jeden Bissen vom Munde ab, obwohl sie die Spätfolgen des Diabetes voraussichtlich posthum erleben werden. Jeder Wert, der nicht der Norm entspricht, macht ein sofortiges Telefonat mit dem Hausarzt erforderlich, gerne auch einen konsekutiven Hausbesuch, denn, wenn bei fast Hundertjährigen etwas nicht stimmt, ist höchste Alarmstufe angesagt. Merke: Was man nicht misst, beunruhigt einen auch nicht! Ich habe jetzt schon Schreckensvisionen von Hubschraubermüttern, die ihre Kinder »verkabeln« und im Sekundentakt deren biometrische Daten abrufen. Anorektische Mädchen werden noch anorektischer wegen der Gewichtsapp. Neurotiker laufen Amok, weil ihr Schlaf nicht ausreichend synchronisiert war und wenn demnächst nicht signifikante Tumormarker per App abzurufen sind, läuft alles aus dem Ruder. Prävention wird zur Perversion, so sieht es doch aus! Meine lieben Patienten, wenn euer Körper wirklich krank ist, dann merkt ihr Dies, auch ohne App! Die billigste und einfachste App ist immer noch der Ganzkörperspiegel. Man sieht, ob man zu dick, zu blass, zu übernächtigt, die Skleren gelb, das Gesicht hochrot oder die Lippen blau sind. Man erkennt Beckenschiefstände, Plattfüße, O- oder X-Beine und ob man insgesamt noch alle beisammenhat. Man sieht, ob die Unterschenkel aussehen wie Landkarten oder Ballons, etc., etc., etc.. Zieht euch aus und stellt euch kritisch vor den Spiegel, mehr Information ist für den medizinischen Laien nicht nötig, den Rest könnt ihr unbesorgt mir überlassen!

Körperliche Daten unterliegen der gaußschen Verteilungskurve, die Spielräume sind demnach weit gefasst. Und merke ebenfalls: Der Normalzustand des Körpers ist der der Gesundheit. Krankheit ist eine Störung! Wir können also mit geschätzt fünfundneunzigprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass sich unser Körper im Gleichgewicht befindet, wenn wir morgens aufstehen. Es sei denn, wir rufen alle möglichen Daten ab, die den Puls zum Rasen, das Herz zum Stolpern und das Hirn zum Fantasieren bringen. Merke nochmal: Der Körper regelt das meiste automatisch, wenn sich die Großhirnrinde nicht einmischt. Machen Sie einmal die Probe aufs Exempel. Beschäftigen Sie sich einen Tag lang intensiv gedanklich mit ihrer Verdauung. Ich garantiere Ihnen eine Verstopfung, die so lange anhält, bis sie sich wieder mit etwas anderem beschäftigen. Sagen Sie sich: »Ich habe Probleme mit dem Einschlafen.« Nach vierzehn Tagen werden Sie zum Schlafmittel greifen. Ich bin mehr für eine »Ruhig Blut App«. Egal welcher Ist-Zustand, die Geräte zeigen nur Normwerte. Ich gehe felsenfest davon aus, so gut haben Sie sich noch nie gefühlt!

Dr. Bremer, Landarzt

Null Bock von Dr. Bremer

Dieses Phänomen besitzt viele Namen. »Burn out«, depressive Verstimmung, chronisches Müdigkeitssyndrom, Fibromyalgie, PMS, die neuentdeckten männlichen Wechseljahre, leichter grippaler Infekt und Stress jeglicher Ausprägung. Mir fiel heute Morgen eine Liedzeile von »Ganz schön feist« ein. »Mein Körper möchte ruhen und ich tu ihm den Gefallen«. Hier liegt der Hund begraben, dass wir unserem Körper eben nicht mehr gefällig sind. Der schwerste Tag der Woche ist der Montag und die Gesündesten unter uns holen sich entweder beim Wochenenddienst oder morgens bei mir in der Sprechstunde eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Ihr Körper mag aktuell zwar nicht nach Ruhe schreien, aber manche Zeitgenossen sind eben ausgeprägt präventiv unterwegs. Ich rede hier nicht von den Alkoholfeierleichen, sondern von denen, die die bewundernswerte Fähigkeit besitzen aus einer leichten Unlust eine schwerwiegende Erkrankung zu machen. De Leidensdruck eines leichten Ziehens in irgendeiner Körperregion kann immens sein, wie ich immer wieder feststellen muss. Vom Ziehen in den Haarspitzen bis zum Ziehen im kleinen Zeh, alles kann sich zu einem besorgniserregenden Krankheitsbild ausweiten. Die Zeiten meiner reformatischen Einstellung sind lange vorbei. Ich diskutiere und kämpfe nicht mehr um »Gelbe Scheine«, dafür sind mir meine Nerven zu schade. Das Feld der körperlichen Befindlichkeitsstörungen scheint abgegrast, während die der psychischen Empfindlichkeit grassiert. Der DSM (Verzeichnis der psychiatrischen Erkrankungen) wird minütlich dicker. Ich werde demnächst ein Gegenwerk erstellen, das VDAUA, das Verzeichnis der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungsausreden. Von schleichender Koffeinresistenz, die einen nicht mehr richtig wach werden lässt, bis zur Tastaturphobie bei Computerarbeitsplätzen, von Mobbing durch den PC bis klaustrophobischen Zuständen in Klein- und agoraphobischen Zuständen in Großraumbüros, der Ausreden sind viele. Letztens wollte mir ein Patient die Taucherkrankheit weismachen, weil an seinem Arbeitsplatz ein Aquarium steht. Lehrer haben Schülerphobien, und ich bekomme allmählich eine Patientenphobie, die montags am ausgeprägtesten ist. Alles ein Ausdruck von: »Am liebsten würde ich in meinem Bett bleiben und mir die Decke über den Kopf ziehen.« Wer von den sogenannten Erwachsenen möchte das nicht? Auch ich leide unter der Montagskrankheit, deren Schwere entschieden davon abhängt, ob man selbstständig, angestellt oder verbeamtet ist. Vom flüchtigen Symptom bis zur vollen Ausprägung der Erkrankung, genau in dieser Reihenfolge erfolgt deren Schwere. Die Prävalenz ist bei Männern wie Frauen gleich hoch. Von meiner Seite aus ist nur ein enger Zusammenhang zum Arbeitsverhältnis feststellbar. Gegen die Krankheit gefeit sind nur diejenigen, denen Beruf Berufung ist und die kann man an einer Hand abzählen. Mir ist mein Beruf ebenfalls Berufung und so werde ich jetzt diese Zeilen beenden und den Patienten meine Tür öffnen, die wie im ersten Zombiefilm meine Praxis umkreisen und an der Tür kratzen, wie damals die Untoten das Einkaufszentrum – man erinnere sich.

Dr. Bremer, Landarzt

DFB-Team von Paul Wiedebach

Der wichtigste Mann ist im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft eingetroffen. Ist es ein Superstürmer? Ein Supercoach? Nein, es ist der Mannschaftsarzt! Natürlich handelt es sich um die Seniorenelf, aber ich wusste nicht, dass Löw sie aus einem Seniorenheim rekrutierte. Mit dem Alter kommen die Zipperlein; wer weiß dass nicht? Prostataleiden scheinen bei einigen Spielern auch schon eine Rolle zu spielen. Einer konnte in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels seinen Urin nicht mehr halten und jetzt ist fraglich, ob er in Brasilien überhaupt dabei sein wird; denn was ist, wenn er sich während eines Spiels mitten auf dem Platz erleichtern muss?

Nun ist Müller-Wohlfahrt, der ewige Doc, mit seinen 71 Lenzen auch nicht mehr der Frischeste. Also ich hätte Bedenken, wenn mein Arzt das auch für Mediziner geltende Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hätte, aber so kann der Mannschaftsarzt aus seinem eigenen Beschwerdefond schöpfen und ist bestimmt auch versiert darin, welche medizinischen Hilfsmittel angebracht sind. Ich denke da an Inkontinenzeinlagen, Dauerkatheter, Mittel gegen »Durchliegen«, bzw., »Durchstehen«, womit beim deutschen Team zu rechnen ist. Seh- und Hörhilfen werden unbedingt erforderlich sein und wer weiß, vielleicht hat er auch die eine oder andere Prothese dabei. Zahnprothesen sind nicht erforderlich, da sich die Nationalelf ja von Nutella ernährt und keine Kauhilfen benötigt. Was mich direkt zu den Sponsoren des deutschen Teams bringt. Ratiopharm, Kukident und Medisan stehen Schlange, ebenso wie Caritas, Diakonie und ASB. Fielmann und Apollo-Optik meldeten Interesse an, gefolgt vom deutschen Verband der Hörgeräteakustiker. Bestattungsunternehmen waren meines Wissens noch nicht dabei, aber Hersteller von Defibrillatoren und Herzschrittmachern, obwohl nicht damit zu rechnen ist, dass sich die nationalen Fußballgrazien das Herz aus dem Leibe rennen.

Wobei ich mich natürlich frage, wie es kommt das hochbezahlte Spitzenathleten so viel »Verletzungspech« haben. Dachte ich doch immer, ausführliches Training führe dazu, Zerrungen, Stauchungen und dergleichen mehr zu verhindern. Oder ist die Teilnahme an einer WM nicht hoch genug dotiert, sodass man dort gerne einmal den sterbenden Schwan gibt, was bei gut honorierten Ligaspielen entfällt?

Wenn es so weiter geht mit dem Vor-WM-Geplänkel, werde ich mir gelegentlich ein Spiel ansehen. Nur nicht eines der deutschen Elf, denn wer weiß, ob diese Kicker die volle Zeit durchhalten. Wahrscheinlich wird nach einer knappen Viertelstunde Müller-Wohlfahrt eingewechselt, dann kann er sich während des laufenden Matches um alle angeschlagenen Kicker kümmern. Er wäre auch ein guter Ersatz für den Lobbypinkler, bei dem noch zwischen Spiel- und charakterlicher Stärke abgewogen wird. Ob Müller-Wohlfahrt zwischendurch Pinkelpausen einlegen muss, die in seinem Alter beinahe zwingend sind, bleibt abzuwarten. Vielleicht tritt ja ein Vertriebler von Kürbiskernen als Sponsor in den Ring.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Special Olympics von Dr. Bremer

Ja, ja, die Zahnärzte! Eine Vertreterin dieses Standes nahm heute im Morgenmagazin Bezug auf die zahnärztliche Betreuung von geistig Behinderten, was für eine Mühe es wäre diesen etwas zu erklären oder den Betreuern die Sachlage klar machen zu müssen, aber vor allen Dingen störte die Kollegin der Geldzunft, dass man diesen zusätzliche Zeitaufwand nicht ABRECHNEN kann. Ich musste über diesen freudschen Lapsus so lachen, dass ich mich an meinem Morgenkaffee verschluckte. Herrlich, wie sie große Teile ihres Berufsstandes entlarvte! Zahnmedizin ist nun einmal keine sprechende und insbesondere keine Zuhörende, denn der Patient wird naturgemäß am Sprechen gehindert.  Warum die Zahnärzte überhaupt Ärzte heißen war mir schon seit jeher ein Rätsel. Warum nennen sie sich nicht Klempner, wie der Volksmund schon lange weiß, denn was hat die Reparatur von Zähnen mit Medizin zu tun. Was mich direkt zu unseren Teenagern bringt. Keiner von diesen grinst mich an, ohne dass mir die festinstallierte Zahnspange entgegen blinkt, oder dass ich OP-Vorbereitungen für die anstehende Weisheitszahnextraktion treffen muss. Passen die Zähne innerhalb der jungen Generation nicht mehr ordnungsgemäß in die Münder? Hat da die Evolution die Hand im Spiel oder das Abrechnungssystem der Zahnärzte, Kieferchirurgen, Kieferorthopäden und Dentalkosmetiker? Eltern kommen um vor schlechtem Gewissen, wenn ihr Nachwuchs keinen Draht im Gegenwert eines PKW um die Zähne geschlungen hat. Da wird auch gerne einmal mehrmals auf den Urlaub verzichtet, um eine nicht sichtbare Fehlstellung der Backenzähne zu korrigieren. Und wenn dann noch ein Röntgenbild des NOCH WACHSENDEN Kiefers gemacht wird, ist eigentlich logisch, dass die noch nicht durchgebrochenen Weisheitszähne in diesem Stadium des Wachstums noch nicht in die vorhandene Zahnreihe passen. Deswegen brechen diese Zähne meist erst nach dem 19. Lebensjahr durch – darum der Name Weisheitszähne – wenn der Kiefer ausgewachsen ist. Die Röntgenbilder werden aber schon ab dem 12. Lebensjahr erstellt, ergo müssen die Weisheitszähne raus!

Jetzt hätte ich doch fast das Bleeching vergessen, das den Zahnschmelz angreift. Von der professionellen Zahnreinigung, die der Kassenpatient selbst bezahlen darf, ganz zu schweigen. Was wohl Dr. Best dazu sagen würde, dass sämtliche Zahnbürsten nichts zu taugen scheinen. Wenn die »Kollegen« immer noch nicht genug gescheffelt haben, werden Glitzersteinchen auf die Zähne aufgebracht.

Das mache ich jetzt auch. Ich kümmere mich nicht mehr um Patienten, die nicht auf Anhieb verstehen, was ich ihnen erkläre, da ich es nicht abrechnen kann. Ich entferne eingewachsene Zehnägel, bevor sie eingewachsen sind, biete allen Diabetikern – auch denen ohne diabetischen Fuß – professionelle Fußreinigungsprophylaxe an. Verhökere an alle Kinder, die natürlicherweise noch einen Plattfuß haben, Einlagen der Luxusklasse und nehme Piercings in meine IGEL-Leistungen auf.

Nachdem ich mich heute Morgen ausgelacht hatte, schämte ich mich gründlich fremd für die Kollegin. Was hatte sie bei den Rahmenveranstaltungen zu den Special Olympics zu suchen? Ich möchte mich stellvertretend für die gesamte Ärzteschaft bei den Teilnehmern dieser Veranstaltung entschuldigen, denn sie sind jeden zeitlichen Mehraufwand wert, einfach nur, weil sie da sind und unser Leben bereichern!

Dr. Bremer, Landarzt

Conchita Wurst von Dr. Bremer

Jetzt raten Sie einmal, welches die meist gestellte Frage bei mir in der Sprechstunde war. Welches Geschlecht die Gewinner/in des Eurovision Song Contest besitzt? Dabei ist mir das völlig Wurst! Ob es denn einen derartigen Bartwuchs auch bei Frauen gäbe, oder ob Männer mit so einer Figur, Stimme und solchen Brüsten existieren. Meine Antwort, dass es alle Formen zwischen männlich und weiblich gibt, rief besonders bei Oma W. Erstaunen hervor. Vergeblich versuchte ich, auf ihren bedenklichen Zuckerspiegel und Blutdruck zu sprechen zu kommen, aber wie viele meiner Patienten interessierte sie nur das Abendprogramm vom Wochenende, denn mit irgendjemand muss man ja über die skandalösen TV-Ereignisse plaudern. Fast sehne ich die Zeiten zurück, als samstags die Schwarzwaldklinik lief, denn da konnte ich wenigstens fachlich versiert Stellung beziehen, obwohl meine Aussage, dass dort, medizinisch betrachtet, völliger Blödsinn läuft, gerne überhört wurde. Wenn dann Professor Brinkmann, doch bitte schön, mehr medizinische Kompetenz unterstellt wurde als mir, musste ich mich schon arg zusammenreißen.

Oma W. war nicht zu bremsen. Wie denn das da unten herum aussähe? Ob ihr Ernst-August womöglich auch so ein Zwischending wäre? Was sie direkt zu der mangelhaften genitalen Ausstattung ihres Gatten und dessen Busenansatz brachte. Und klappen würde es ja schon seit Jahrzehnten nicht mehr, was bedeuten soll, eigentlich nie so richtig. Sie könne ja froh sein, ihm überhaupt zwei Kinder abgepresst zu haben. Ich warf seufzend einen Blick auf meinen montäglich übervollen Terminkalender. Trotzdem beruhigte ich sie, dass echte Zwitter kaum zur Zeugung in der Lage seien. Aber, so wie sie kopfschüttelnd endlich mein Sprechzimmer verließ, ist sie sich über das eindeutige Geschlecht ihres Ernst-August weiterhin im Unklaren.

Die nächste Patientin hatte den Tatort gesehen. Ihre schwer gestörten Jungs, die mir jedes Mal das Wartezimmer auseinandernehmen, hatte sie wohlweislich dort gelassen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Was mich dazu veranlasste, eben noch aus dem Zimmer zu huschen, während sie ihre Pfunde mühselig im Stuhl vor meinem Schreibtisch deponierte. Mit tiefdüsterem Blick und todernster Stimme nagelte ich die beiden Rangen erst einmal auf ihren Wartezimmerstühlen fest. Eine Methode, die wunderbar funktioniert, denn so wie sie meinen Blick erwiderten, würden sie sich nicht rühren, bis ihre überforderte Mutter sie abholt. Ob es denn Kinder gäbe, bei denen jegliche Erziehung versagt und die von sich aus nicht zu bändigen sind, wollte Frau M. wissen. Sie hätte seit dem Kölner Tatort da ihren eigenen Verdacht. Mein Verdacht ginge da eher in die andere Richtung, klärte ich sie auf. Ob ich ihr denn einmal etwas zeigen dürfe. Ich blieb an der Schwelle stehen, bis sie sich hochgewuchtet hatte, und zeigte ihr durch die Scheiben des Wartezimmers ihre angeblich nicht zu bändigenden »Monster«, die sich seit meiner Ermahnung noch keinen Millimeter gerührt hatten und immer wieder ängstlich Richtung Tür schielten.

Was ich denn mit ihren Kleinen angestellt hätte? Die wären ja bleich und eingeschüchtert! Sie wolle augenblicklich den Hausarzt wechseln! Sprach es und eilte zu ihrem Nachwuchs, von dem einer der beiden ihr sofort ans Schienbein trat. Ich zuckte nur die Achseln. Wer nicht will, der hat schon.

Als mich dann im Laufe des Vormittags noch ein Patient, der so, wie er wirkt, wahrscheinlich nur sexuelle Eigenkontakte pflegt, mich nach der Möglichkeit einer HIV- Infektion fragte, fiel mir ein, dass auf Arte Philadelphia lief.

Montags brauche ich keine medizinischen Lehrbücher. Montags brauche ich eine Programmzeitschrift!

Dr. Bremer, Landarzt

Ehrentag des Unkrauts von Dr. Bremer

»Unkraut vergeht nicht!«

Warum denken meine Patienten nicht daran, wenn sie mich für jedes Zipperlein aufsuchen? Voltaire sagte einmal sinngemäß, dass Medizin die Kunst wäre, den Patienten so lange abzulenken, bis der Körper sich selbst geheilt hat.

Da der Mensch hier auf dieser Erde so etwas wie eine spontane Nebenvegetation ist, wird er durch die Natur nicht auszulöschen sein. Es sei denn, er nimmt die Sache selber in die Hand. Die Tendenz zur Selbstschädigung und Selbstvernichtung scheint dem Menschengeschlecht wesensimmanent zu sein und wer durch nichts und niemanden auszurotten ist, tut dies eben durch Messer, Gabel und Glas.

Dabei ist es doch sehr einfach. Alles, was unnatürlich ist, ist ungesund. Trinken, wenn man nicht mehr durstig ist, essen, wenn man nicht hungrig ist, faulenzen, wenn alle Muskeln förmlich nach Bewegung zucken, sich künstlich wachhalten, wenn der Körper nach Schlaf schreit und unbedingt schlafen wollen, wenn weit und breit keine Müdigkeit in Sicht ist.

Seitdem es für jedes Wehwehchen eine Pille gibt, schwelgen wir in Symptom- und nicht in Ursachenbekämpfung, und ich wage zu behaupten, dass mehr Menschen durch die Nebenwirkungen der zahllosen Medikamente zu Tode kommen, als durch Krankheiten.

Besonders verdächtig sind mir die sogenannten Kombipräparate, eine Art von Überraschungsei der Pharmaindustrie. Drei Wirkstoffe auf einmal, wenn man so will, die sich im günstigsten Falle in ihrer Wirkungsweise gegenseitig aufheben.

Kurioserweise fühlt man sich, sofort, nachdem man zum Beispiel eine Tablette gegen Kopfschmerz schluckte, besser, obwohl, physiologisch betrachtet, das Medikament noch gar nicht wirkt. Ein Placebo hätte demnach den gleichen Effekt. Placebooperationen wirken, Placeboakupunkturen wirken- die Nadeln werden in diesem Falle neben den vorgeschriebenen Linien gesetzt- und Placebokügelchen wirken, weil der Körper eben eine ausgeprägte Tendenz zeigt, sich selbst zu heilen.

All dies wirkt natürlich umso besser, je teurer die Maßnahme ist, denn dann ist die Erwartungshaltung größer.

»Ja aber«, werde ich oft gefragt, »warum geht es denn Tieren nach einer Behandlung beim Heilpraktiker besser?«

»Ganz einfach«, antworte ich dann, »weil Frauchen und Herrchen erwarten, dass es mit dem kleinen Liebling aufwärtsgeht. So überträgt sich der Placeboeffekt des Tierhalters auf das Tier, besonders, da es mehr Aufmerksamkeit, vielleicht auch mehr Streicheleinheiten als sonst bekommt.«

Apropos, Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit. Vielleicht geht es nur darum!

Wer sie sonst nicht erhält, erwartet sie von mir!

Dr. Bremer, Landarzt

 

Quälgeister von Dr. Bremer

Heute begann ein neuer Lehrling bei mir in der Praxis. Ein junges Ding, total unerfahren im Umgang mit dem Patienten an sich. Leider machten die »alten Hasen«, sprich meine erfahrenen Arzthelferinnen den Fehler, die Kleine einen Moment lang mutterseelenallein zu lassen. Was dazu führte, dass das Mädchen in Tränen aufgelöst im Personalraum saß und sich weigerte, weiteren Patientenkontakt aufzunehmen.

Was war passiert?

Völlig unbedarft fragte sie eine Patientin, um sie in der Kartei eindeutig zu identifizieren, nach deren Geburtsdatum, was ihr die Ankündigung der derart Bloßgestellten einbrachte, sofort eine Eingabe beim deutschen Beauftragten für Datenschutz zu veranlassen. Kaum erholt von diesem Schock wurde sie, die Lütte, mehrmals am Telefon von »akut Kranken« bedroht, weil ihr eingetrichtert worden war, die Sprechstunde wäre voll und sie solle weitere Termine blocken. Was sie auch tapfer tat. Aber, als eine Patientin keifte, sie würde sich sofort einen anderen Arzt suchen, brach der Lehrling zusammen, weil sie fürchtete, sie hätte mich durch den Verlust dieser einen Patientin an den Rand des Ruins gebracht.

Ich tröstete die Gebrochene. Die Patientin drohe dieses mindestens zweimal pro Woche an, käme aber jede Woche dreimal vorbei.

Zitternd traute sich das Mädchen wieder an den Empfangstresen und nahm mutig das nächste Telefongespräch entgegen. Leider war Herr S. in der Leitung, bei dem ich täglich vorbeischaute, seit er sich selber aus dem Krankenhaus entließ. Ihm fehlt so weit nichts; er hat eben gerne Kümmerer um sich.

»Der Doktor muss auf der Stelle kommen!«, hallte es, statt einer Begrüßung aus dem Hörer. Ich beging den Lapsus, energisch mit dem Kopf zu schütteln, da ich die lautstarke Forderung bis vor den Tresen hören konnte.

»Aber, aber, aber …..«, stammelte die Kleine in den Hörer, den sie, einen Hörschaden vermeidend, vom rechten Ohr abhielt. Schließlich schmiss sie den Hörer auf die Gabel und flüchtete sich dieses Mal schluchzend auf das Personalklo.

Es dauerte eine Weile, bis unsere gemeinsamen Bemühungen fruchteten und wir sie dort herausbekamen. Im Personalraum flößten wir ihr ein Glas Saft ein.

»Warum sind die alle so böse? Ich tue ihnen doch nichts?«, flüsterte die Kleine.

»Keine Sorge, die bellen, aber die beißen nicht«, sagte meine erste Kraft.

»Bis du dir da sicher?«, fragte die zweite Kraft, was ihr einen warnenden Blick meinerseits einbrachte, denn schließlich hatte das Mädchen gerade erst zu zittern aufgehört.

Dabei bin ich mir selber nicht sicher, ob sie im Extremfall auch beißen würden. Was ich auch nicht sicher weiß, ist, ob der Lehrling Morgen wiederkommt.

Dr. Bremer, Landarzt