Datenströme zum Wohle der Menschen

Von Anna-Luisa Schlimmbach, 28, Vorstandsassistentin

Zunächst möchte ich mich bei den Lesern des Blogs entschuldigen dafür, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Im Konzern ist der Teufel los! Willmehr hat alle außerberuflichen Aktivitäten verboten, selbst das Schafseminar ist erst einmal verschoben. Wir machen alle Überstunden um Überstunden und ein Ende ist nicht in Sicht.

Und warum das Ganze? Die IT wird umgestellt! Konzernweit! Hier in der Zentrale und in allen Niederlassungen weltweit wimmelt es von IT-Leuten. Wir müssten darauf achten, den Anschluss nicht zu verlieren, hat er gesagt, der Willmehr. Big Data und so. Alle Informationen – und damit meine er wirklich  A L L E  Informationen – müssen auf seinem Bildschirm erscheinen. Auf meine Frage, ob wir jetzt der NSA Konkurrenz machen sollten beim Ausspionieren der einzelnen Menschen, ist er fast ausgerastet.

Einzelne Menschen? Wie ich darauf käme, irgendwer wolle irgendetwas über einzelne Menschen wissen? Es gehe überhaupt nicht darum, zu wissen, was der Einzelne mache, sonder nur darum, zu erfahren, zu welcher Herde oder welchem Schwarm ein Mensch gehöre. Die Leute sollten sich bloß nicht so haben mit ihrer Individualität. Alles Herdentiere! Wenn wir wissen, zu welcher Herde einer gehöre, dann wüssten wir auch, wie er sich verhält. Nämlich so, wie die anderen Mitglieder seiner Herde. Deshalb seien ja auch die Metadaten so interessant. Wir müssten gar nicht wissen, was für Inhalte die Menschen in ihrer Kommunikation austauschen, sondern nur, mit wem sie vernetzt seien. Und schwupp – schon wissen wir, wie sie sind. Die weltweiten Datenströme verraten demjenigen, der sie bündelt, als Erstem jede Richtungsänderung eines Schwarmes, noch bevor dessen einzelne Mitglieder dieses überhaupt registrieren. Wenn wir eher als alle anderen erfahren, dass bei einem Schwarm ein Richtungswechsel bevorstehe, könnten wir darauf reagieren. Wir hätten dann ungeahnte Möglichkeiten. Stellen Sie sich einmal vor, Anna-Luisa, ich wüsste heute schon, was Sie morgen wollen werden! Wäre das nicht fantastisch? Aber damit nicht genug, könnte ich gezielt Informationshäppchen in die Datenströme ihres Schwarmes einstreuen, die die Richtungsänderungen beeinflussen. Dann könnte ich nicht nur vor Ihnen wissen, was Sie wollen, sondern  ich könnte sogar beeinflussen, was Sie wollen. Sie würden am Ende meinem Willen gehorchen und hätten dennoch das Gefühl, aus freien Stücken gehandelt zu haben. Und seien wir doch mal ehrlich; für die meisten Menschen wäre es das Beste, andere, fähigere würden die alltäglichen Entscheidungen für sie treffen. Nur kann man eben nicht mehr einfach befehlen, sondern müsse den Menschen das Gefühl geben, aus eigenem Antrieb zu handeln. Glauben Sie mir: die Menschen werden dankbar und glücklich sein damit. Oder sehen Sie irgendwo Massen, die sich gegen die Überwachung ihrer Daten auflehnen? Die Leute sind doch alle auf der Suche nach jemandem, dem sie die Verantwortung für ihr Leben aufdrücken können. Sie lesen doch auch die Blogeinträge von diesem Dr. Bremer, oder? Der soll eben die Verantwortung für die gesundheitlichen Folgen des falschen Verhaltens seiner Patienten übernehmen. Wäre es nicht wunderbar, man könnte das Wollen der Menschen dahingehend beeinflussen, dass sie ihr selbstschädigendes Verhalten in Übereinstimmung mit ihrem Wollen beenden? Wir haben schließlich die Verantwortung für das finanzielle Wohl unserer Kunden. Also los, Anna-Luisa, stürzen Sie sich in die Datenschlacht. Sie wollen doch nicht, dass unsere Konkurrenten das Geschäft übernehmen!

Ich musste erst einmal  – wieder einmal – schlucken. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich ihm recht geben. Wenn wir es nicht tun, tun es eben andere, und die sind bestimmt nicht moralischer als wir. Also bleibt gar nichts anderes übrig, als mitzumachen, schließlich ist selbst ein Konzern wie der unsere auch nur Teil einer Herde und muss sich, ob er will oder nicht, anpassen. Dabei wollte ich Sie, liebe Leser doch eigentlich über die Hintergründe der Finanzindustrie aufklären. Aber das kommt noch. Ganz bestimmt!

Ihre Ana-Luisa Schlimmbach

 

Mensch ärgere dich nicht von Paul Wiedebach

Dieses in Deutschland millionenfach verkaufte Spiel wird 100 Jahre alt. Was mich dazu brachte, wie wohl der Spielverlauf aussieht, wenn man gegen bestimmte Gegner antritt.

Bei Xi Jinping oder Putin sähe es so aus, dass alle zwar mitwürfeln können, aber ihr Häuschen nicht verlassen dürfen, egal wie viel Augen der Würfel auch zeigen mag.

Die NSA benutzt einen Schwerpunktwürfel, der immer eine Sechs anzeigt. Tritt man gegen andere Politiker außer den oben genannten an, darf man sein Häuschen erst verlassen, wenn der Würfel eine Sieben anzeigt. Militärregimes bekommen die dreifache Anzahl an Spielfiguren zur Verfügung. Beim Großkapital sind alle Zielhäuschen außer dem des Großkapitals verbarrikadiert. Bei Bankern besitzen alle Spielfiguren die gleiche Farbe und nur sie wissen, welche die eigenen und welche die gegnerischen sind, während wir mühsam herausfinden müssen, wer oder was zu uns gehört. Asylsuchende bekommen weder Spielfiguren, noch Würfel gestellt und müssen sehen, wie sie klarkommen. Gleiches gilt für Bewohner der sogenannten »Dritten Welt«. Die Umwelt ist von vorneherein vom Spiel ausgeschlossen, was auch für Tiere gilt.

Tritt man gegen die eigenen Kinder an, so ist es den Eltern bei Strafe verboten, die Spielfiguren der Kinder vom Spielfeld zu werfen, egal wie blödsinnig diese auch vorgehen. Gleiches gilt für ein Spiel mit den eigenen Eltern. Bei einem Spiel gegen den Ehepartner radiert man am Besten die Sechs vom eigenen Würfel aus, denn der Gatte, oder die Gattin ist bei Laune zu halten.

Spielt man hingegen ganz allein gegen sich selbst, sind alle Regelverstöße erlaubt.

Wie man sieht, birgt dieses einfache Spiel mehr Möglichkeiten, als man je glaubte, weil es keine Schiedsrichter gibt.

Der Name des Spieles ist Programm: Mensch ärgere dich nicht!

Jetzt kann man noch mit dem Namen spielen, indem man jedes einzelne Wort separat für sich betont. Wobei mir die Variante, Mensch ärgere DICH nicht, am Besten gefällt.

Man sollte viel lieber die anderen ärgern, bevor man es mit sich selber tut. Im Prinzip ärgern wir UNS die ganze Zeit über Nichtigkeiten, wobei wir vollkommen übersehen, dass die anderen den Spielverlauf quasi hinter unserem Rücken bestimmen, wie man an den oben genannten Beispielen erkennt.

Der Erfinder des Spieles, Josef Friedrich Schmidt, handelte übrigens aus reiner Not, da er nach einer Möglichkeit suchte, die eigenen, allzu lebhaften Kinder zu beschäftigen.

Wie man sieht, lassen sich aufmüpfige Zeitgenossen durch Spiel beruhigen, selbst wenn die Karten gezinkt sind.

Bevor ich MICH also noch weiter aufrege, werfe ich ein Computerspiel auf meinem Laptop an. Wenigstens die Aliens in diesem Spiel lassen mir die Illusion, eine Chance zu besitzen, letztendlich Sieger zu sein.

Paul Wiedebach, Kolumnist

NSA von Tanja K.

Weiterhin denke ich über Emotionen nach. Ich sinniere so unendlich viel, seitdem ich nicht mehr trinke. Nachholbedarf?

Was ist zum Beispiel aus der hehren Wut Angela Merkels über die Abhörung ihres Handys geworden? In Luft löste sie sich gewiss nicht auf; sie brodelt weiter unter einer Konsequenzanalyse. Was unsere Emotionen betrifft, analysieren wir uns um Kopf und Kragen, welche Auswirkungen sie besitzen und uns dermaßen in den Würgegriff nehmend, leiden wir unter Ventilfunktionen, die oftmals schädlichere Wirkungen zeitigen als

das zugrunde liegende »Ursprungsgefühl«.

Ich weiß, wovon ich rede, denn welche schwerwiegenden Konsequenzen es mit sich bringt, seine Gefühle ertränken zu wollen, davon kann jeder Alkoholiker Zeugnis ablegen. Nicht nur die Alkoholiker unter uns, auch die divers Süchtigen, die »Psychosomatiker«, die Neurotiker und die Arbeitswütigen dürfen sich hier durchaus einreihen.

Unser Körper wird durch Wut und den dadurch steigenden Adrenalinspiegel zum Kampf gedrängt, aber was machen wir? Wir ziehen den Schwanz ein, erstarren äußerlich Kaninchenhaft, während der Wolf in uns weiter tobt.

Schon Plautus, der römische Komödiendichter, wusste:

»Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit. (Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt.)

Hobbes machte daraus:

»Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.«

Angie besitzt demnach, laut Hobbes, in Bezug auf Obama freie Bahn!

Wir sind beides: Gott und Wolf. Wobei ich der Meinung bin, dass man sich anderen Göttern gegenüber göttlich, anderen Wölfen gegenüber wölfisch verhalten sollte, auch wenn man sie kennt!

Mir fällt da ein Spruch ein, den ich einmal, ich weiß nicht mehr, wo, las:

»Der Kunde ist König, solange er sich königlich verhält!«

Warum besitzt das alte Sprichwort: »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück«, keine Gültigkeit mehr?

Warum darf man auf eine offensichtliche Provokation nicht angemessen antworten? Meiner Ansicht nach wird viel zu oft die »andere Wange hingehalten«.

Wenn ich enorm wütend bin, hat dies auch seinen Grund. Ich rede mich ja nicht aus Spaß an der Freude in Rage. Und, wenn ich den Verursacher dieser meiner Wut eindeutig ausgemacht habe, warum zahle ich dann nicht mit »gleicher Münze heim«?

Oder sind wir alle besessen davon, vor uns und besonders vor dem Rest der Welt, als »Gutmenschen« dazustehen, was uns zu notorischen Leisetretern degradiert?

Ich kann nur für mich sprechen und finde heraus, dass ich viel zu oft »Angst vor der eigenen Courage« habe. Die Gründe hierfür wären ein anderes Mal zu erläutern.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

 

Botschaften von Paul Wiedebach

Nun ist es heraus! Der Gebärdendolmetscher bei der Trauerfeier für Mandela versichert, bei seiner Aktion neben den »größten« Staatsmännern der Welt sei er von Engeln geleitet gewesen. Ist somit eine wichtige Botschaft von Gott dem Herrn für uns alle, die Gehörlosen eingeschlossen, unverständlich geblieben? Schizophren soll er sein, der Götterbote. Da gibt sich die NSA die größte Mühe, alles und jeden dezidiert zu überwachen, aber, dass ein geistig Gestörter an der Seite ihres Präsidenten agiert, ist ihnen offensichtlich entgangen. Heißt das, sie können Gott nicht abhören? Ansonsten wäre ihnen im Vorfeld aufgefallen, dass ein Gesandter des Herrn da zu einem Sondereinsatz aufbrach.

Gottes Wege sind unergründlich, aber die der NSA scheinen noch unergründlicher zu sein. Ich kann mir diesen gravierenden Fehler der US-Geheimdienste nur dadurch erklären, dass sie vor lauter Information, die wesentliche Information nicht mehr sehen. Datenfluten können naturgemäß nicht im Detail gesichtet werden und die US-Computer geben bei Signalworten wie: Gebärden, Dolmetscher, Trauerfeier, Engel und Schizophrenie keinen Alarm. Ebenso wenig wie bei: Grundschule, Amoklauf und Bewaffnung.

Bei Kindstod durch Feuerwaffen bleiben sie genau so inert, wie bei Waffenlobby und Raubtierkapitalismus. Es ist eben eine Frage der richtigen Trigger.

Bei Gott bleibt alles stumm, wohingegen dessen andere Bezeichnung Allah sämtliche Sirenen, einschließlich der Himmlischen, zum Schrillen bringt. Und, wer auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub ist, bekommt nicht alles mit, obwohl er alles, auch auf illegalem Wege, mitbekommt.

Jedenfalls bewies sich, was jeder wusste. Die Lauschangriffe dienen nicht der Sicherheit, sondern dem Machtstreben. Unsereins denkt; die NSA lenkt. Unsereins denkt, die NSA lenkt, um präziser zu sein, denn es zeigte sich einmal mehr, überall dort, wo Menschen ihre Finger ins Spiel drängen, geht es den Bach herunter. Selbst die Vorhänge der Macht kaschieren nur notdürftig, dass es dahinter zugeht wie bei »Hempels unterm Sofa«.

Der Kaiser steht nackt da, jeder sieht es, aber keiner sagt etwas. Entkleide einen Menschen seines Amtes und was übrig bleibt, ist bei den meisten ein frierendes, zitterndes Geschöpfchen, das endlos plärrt: »Ihr sollt mich liebhaben.«

Je mehr Robe erforderlich ist, umso erbärmlicher das darunter.

Jetzt frage ich mich doch glatt, wer hier in diesem Spiel der Schizophrene ist.

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

NSA ist überall von Tanja K.

Vielen Dank an Dr. Bremer. Ich weiß, dass ich nichts weiter als eine konditionierte Laborratte bin, bei der es besser ist, sofort die Beine in die Hand zu nehmen, wenn man ihrer ansichtig wird.

Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob mein Alkoholismus auf puren Egoismus oder auf übertriebenen Altruismus zurückzuführen ist.

Der Alkoholiker an sich ist ja ein antisozialer Egomane, der gnadenlos alle mit in den Abgrund reißt, ohne Rücksicht auf Verluste. Willensschwach und größenwahnsinnig, egozentrisch und soziopathisch trinkt er lustig vor sich hin und lacht sich besoffen ins Fäustchen, wenn der Rest der Welt einmal mehr um ihn herum kopfsteht.

Das, mein lieber Dr. Bremer, weiß ich zur Genüge, aber ich frage mich, wie viel Egoismus ist erforderlich, um gesund zu bleiben?

Ich habe mein Leben lang unbedingt vertraut und jedes Wort für bare Münze genommen, bin aber immer wieder darauf hereingefallen, dass das meiste, was mein Gegenüber sagt, im Großteil der Fälle eine Manipulation meinerseits bewirken soll. Vielleicht reden die Menschen deswegen so gerne über das Wetter, um diesem Treiben der wechselseitigen Manipulation wenigstens kurzfristig eine Pause zu gönnen.

Nun kann es sein, dass ich ebenfalls ein großer Manipulierer bin, trotzdem horchte ich vor jeder meiner Äußerungen tief in mich hinein und fragte mich: »Meinst du das, was du zu sagen beabsichtigst zutiefst ehrlich?«

Natürlich erwische ich mich häufig bei »Schönfärbereien« und mache mir hinterher die Hölle heiß, weil ich das überhaupt nicht ausstehen kann. Aber, was soll ich sagen? Ich bin auch nur ein Mensch und der Mensch erzählt eben gerne Geschichten, in denen ihm die Heldenrolle zukommt. Tatsachen werden so lange verdreht, bis man selber im hellsten Licht dasteht.

Geschieht dies eigentlich bewusst oder unbewusst? Ich begegne Fällen von derart eklatanter kognitiver Dissonanz, dass ich manchmal meine, ich säße einem Schizophrenen gegenüber. Was gestern noch rabenschwarz war, ist heute blütenweiß und ich frage mich, ob die Erinnerung an die gestrige Rede komplett gelöscht wurde.

»Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern«, meinte schon Adenauer. Nun ist Geschwätz, Geschwätz, aber eine Haltung ist immerhin eine Haltung.

Diese Haltungslosigkeit führt bei mir zur Haltlosigkeit, bei der bislang der Alkohol meine Stütze darstellte.

Nun bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine Haltung meilenweit vom Egoismus entfernt ist. Ich brauche demnach eine eigene Haltung um der Haltlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein. Dies muss nicht im »nach mir die Sintflut“ enden, wie bei einem gewissen Hubertus hier in diesem Blog, sondern nur darin, dass ich eine stabile Außenfassade vorweise, wenn die Einschläge wieder einmal dichter kommen.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin