Nachbarschaft von Elke Balthaus-Beiderwellen

Der liebe Nachbar darf sich hüllenlos im eigenen Garten präsentieren, auch wenn die eigenen Kinder davon einen Schock für das Leben erhalten. Solange er nicht aus sexuellen Motiven Hand an sich legt, ist im eigenen Garten erlaubt, was gefällt. Hunde müssen sich hingegen an gewisse Bellzeiten halten. Von dreizehn Uhr bis fünfzehn Uhr ist die Mittagsruhe zu beachten und nach zweiundzwanzig Uhr hat Grabesruhe zu herrschen. Dies gilt auch für Kinder, die zwar nicht bellen, aber sich doch für einen gewissen Lärmpegel verantwortlich zeichnen. Belästigte Nachbarn sollten hier Lärmprotokolle führen und kurze Audioclips mit eingeblendeter Uhrzeit anfertigen. Weiterlesen

Nachbarn von Elke Balthaus-Beiderwellen

Bei uns im Dorf wird überlegt, wie man unsere niederländischen Nachbarn davon abhalten kann, im Kreisverkehr die einheimischen Radfahrer zu überfahren. Die Geschäftsleute brauchen die Holländer, die in Scharen ihre Läden heimsuchen, und da fallen die paar Ansässigen eher weniger ins Gewicht. Weiterlesen

Rechtsstreit von Witwe Clausen

Es gibt Rechtsstreitigkeiten. Nach Jahrzehnten guter Nachbarschaft, fiel es meinem Nachbarn zur Rechten plötzlich ein, einmal nach den Grenzsteinen zwischen unseren Grundstücken zu fanden. Da er auf seinem Grundstück nicht fündig wurde, spazierte er, ohne zu fragen auf meinem herum, buddelte hier, grub da und hast du nicht gesehen, fünfzig Zentimeter meines Rasens gehören rechtmäßig zu seinem Garten. Empört klingelte er bei mir und verlangte die sofortige Verlegung meiner Buchsbaumhecke, die noch aus den Zöglingen des Hochzeitsbogens von mir und Friedrich stammt, denn was Recht ist muss Recht bleiben, wie er sich ausdrückte. Ich schlug ihm vor, ihm das Terrain von fünfzig Zentimetern mal zehn Metern abzukaufen, aber so einfach wollte er es mir nicht machen. Und so liegen wir jetzt im Clinch. Ich will nicht auf meine Hecke verzichten, an der ich aus sentimentalen Gründen hänge, und er nicht auf die ihm zustehende Fläche. Grüßen tun wir uns seit dem schicksalsträchtigen Tag nicht mehr und dann kam ein anwaltliches Schreiben, das mich aufforderte, eine augenblickliche Grenzbereinigung vorzunehmen. Mein Sohn drängte mich dazu, ebenfalls einen Anwalt einzuschalten und nun sitze ich hier, gestiefelt und gespornt und sehe dem Termin mit Sorge entgegen. Als hätte ich am Ende meines Lebens nichts Besseres zu tun als vor Gericht zu ziehen, von dem ich mir eine gütliche Einigung erhoffe. Natürlich bin ich im Unrecht, denn Grenzstein ist Grenzstein, aber wir wohnen jetzt seit nun mehr dreißig Jahren in trauter Freundschaft nebeneinander. Unsere Kinder sind zusammen aufgewachsen und wir haben viel miteinander erlebt, was sogar in gemeinsamen Urlaubsfahrten gipfelte. Ich weiß nicht, was in Gottfried(!) gefahren ist, sich nach so langer Zeit einmal ausführlich um die Grundstücksgrenzen zu kümmern. Helga, seine Frau, weiß es auch nicht. Heimlich ruft sie mich immer wieder an, um mir mitzuteilen, wie Leid ihr die ganze Sache tue. Wunderlich und schrecklich stur wird ihr Gottfried, teilte sie mir mit und äußerte gleichzeitig die Befürchtung, da könne bereits eine Form von Demenz im Spiel sein. Mit den Kindern würde er sich auch wegen jeder Kleinigkeit anlegen, was dazu führt, dass sie sich kaum noch blicken ließen. Jetzt wird der dementielle Ausfall von Gottfried auch noch zu meinem Problem. Während ich diese Zeilen schreibe, komme ich mehr und mehr zu der Ansicht, ob meine dumme Buchsbaumhecke die ganze Aufregung wert ist. Denn das Wichtigste, das ich in meinem Alter noch habe, ist Zeit. Zeit, die ich nicht verschwenden kann. Schon gar nicht für einen Rechtsstreit. Also werde ich gleich das Anwaltsbüro anrufen und den Termin absagen. Gleich danach rufe ich die örtliche Gärtnerei an, damit einer ihrer Mitarbeiter die Buchsbaumhecke beseitigt. Wenn ich es mir recht überlege, wollte ich schon immer einen schön verschnörkelten weißen Gartenzaun. Mal sehen, wie lange es nach diesen Maßnahmen dauert, bis Gottfried mich wieder grüßt.

Witwe Clausen