Ewige Dinge von Elke Balthaus-Beiderwellen

Kennen Sie die ewig vergessenen Dinge? Mein Haus ist voll davon. Auf Regalen, Kommoden, in Dekoschalen und auf dem Küchentresen stauben Dinge vor sich hin, die irgendjemand aus meiner Familie einmal dort ablegte und die keiner wegräumt. Da liegt der Eiskratzer, den meine Jüngste vor Wochen kaufte, das Haargummi, das meine Älteste vor Monaten trug. Da liegt eine CD in ihrer Originalverpackung, die ich erwarb, weil ich sie unbedingt hören wollte. Prospekte und Schriftkram meines Gatten stapeln sich auf der Küchenfensterbank. In der Obstschale liegen noch die Kräuterbonbons, die gegen das Kratzen im Hals von letzten Frühjahr übrig sind. Auf der Badezimmerablage etliche Haarkuren mit Wundereffekt, die man doch nicht benutzt. Dinge, die man nicht wegwirft, aber auch nicht wegräumt. Etliche halb abgenagte Kauknochen meiner Hunde entdeckte ich gestern hinter dem Wohnzimmersofa und stellte fest, dass auch Tiere einen Hang zu ewig vergessenen Dingen besitzen. Fällt einem einer dieser Gegenstände in die Hand, überlegt man kurz, wohin man damit soll, bevor man ihn an seinen angestammten Platz zurücklegt. Der Platz war eigentlich als Provisorium gedacht, aber wird nun zur ewigen Ruhestätte. Weiterlesen

Eigentlich von Elke Balthaus-Beiderwellen

Das Wort eigentlich ist sinnverwandt mit den Worten wesentlich und essentiell, lese ich gerade auf Wikipedia, was mich nicht unbedingt weiter bringt. Für mich ist dieses eigentlich ein Begriff der Ratio, die vergeblich gegen das überstarke Bauchgefühl ankämpft. Wer kennt das nicht. Man tut irgendetwas, obwohl man wüsste, dass man eigentlich etwas anderes tun sollte. Eigentlich sollte ich beim Essen zurückhaltender sein, aber ich sterbe vor Hunger. Inwieweit unser Unterbewusstsein darauf hinarbeitet, dass wir das Eigentliche gar nicht tun können, ist eine interessante Frage. Weiterlesen

Leben von Witwe Clausen

Frei Otto ist tot. Ein Name, der mir bislang nichts sagte, bis ich in den Nachrichten erfuhr, dass er für die Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions verantwortlich war. Posthum soll ihm jetzt der Pritzker-Preis für Architektur verliehen werden. Der Preis sagt mir auch nichts, soll aber so etwas wie der Nobelpreis für Architekten sein. Der original Nobelpreis wird nie posthum vergeben, was mir sehr sinnvoll erscheint, denn was hat ein toter Preisträger von nachträglichen Ehren? Was haben all die Dichter, Denker, Komponisten und Maler, die zu ihren Lebzeiten verachtet wurden, davon, dass ihre Namen noch immer in aller Munde sind? Dass ihre Werke immer noch gespielt, zitiert oder zu Phantastimillionen auf dem Kunstmarkt versteigert werden? Weiterlesen

Pausen von Elke Balthaus-Beiderwellen

Für die Jugend gibt es keine Wartezeiten mehr. Egal, ob an der Supermarktkasse, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer eines Arztes, das Smartphone überspielt Leerzeiten. Dabei empfand ich diese erzwungenen Auszeiten durchweg als äußerst nützlich, denn nach einer gewissen Zeit, begann man sich Gedanken zu machen. Über sich, über das Leben und über die eigenen Beziehungen zu den Mitmenschen. Langweilig wurde es nie, im Gegenteil! Man beobachtete, zog seine Schlüsse oder versetzte sein Hirn in eine Art von Stand-by-Modus, der die freie Assoziation regelrecht erzwang. Es gab noch Kopf-Kino, wenn man so will. Erinnert sich unsere Jugend noch an eine Fähigkeit, die man Phantasie nannte? Oder kennt sie noch den wohligen Zustand des Tagtraumes? Schlimm genug, dass wir überall von Musik berieselt werden, aber ständig, ohne Auszeit mit anderen kommunizieren zu müssen, sich Videos und Fotos von fremden Leben anzuschauen, legt wichtige Bereiche des Hirns lahm. Das Hirn ist wie ein Muskel; was nicht genutzt wird, verkümmert. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht mehr in vollständigen Sätzen kommuniziert wird, sondern in Schlagworten und sogenannten Smileys. Man macht sich natürlich nicht die Mühe, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, denn dies setzt eine gewisse Gedankenarbeit voraus. So ungefiltert, wie alles in die Hirne hineinströmt, kommt es auch wieder heraus, ohne den Verstand passieren zu müssen. Wir werden zu reflektierenden Flächen, zu austauschbaren Spiegeln. Inhalte werden geteilt, nicht erdacht. Jeder längere Text wird bereits als Überforderung empfunden; er wird nur noch »überflogen«, denn »dringende« Kurznachrichten warten auf ihren Abruf. Leben findet nur noch in Schlagworten oder Schlagzeilen statt, als Komprimat. Und genau so wird die Zeit empfunden. Jede längere Zeitspanne, in der nichts passiert, macht uns nervös, also wird sie durch Ablenkung komprimiert, deformiert und verzerrt, bis wir sie nicht mehr als störend empfinden. Wobei es ein Rätsel ist, wie man seine Lebenszeit als störend empfinden kann. John Lennon hat es auf den Punkt gebracht. »Leben findet statt, während man anderweitig zu tun hat«!

Elke Balthaus-Beiderwellen

Metaphysik von Maria Mitscherlich

Gibt es ein besseres Mittel gegen die Realität als die Flucht in Phantasiewelten und, was spricht dagegen. Jede Religion ist eine Phantasiewelt und derjenige, der eine »Höhere Macht« auf seiner Seite weiß, bewältigt die Widrigkeiten des Alltags besser, genau so wie derjenige, der von einer »besseren Zukunft« träumt. Obwohl die Beweise für höhere Mächte ebenso ausstehen, wie die für eine Kehrtwendung zum Glück, scheinen wir auf irgendetwas vertrauen zu müssen, was außerhalb unseres Einflussbereiches liegt. Die Metaphysik liegt uns quasi in den Genen. Der Spiritist ist glücklicher als der Materialist, da Ersterer sich einreden kann, dass da noch »mehr zwischen Himmel und Erde ist als die Wissenschaft sich erträumt«.

Somit verbreite ich als Engeltherapeutin mehr Nutzen als Schaden. Ich schenke Hoffnung,  Vertrauen und vor allen Dingen Sinn, denn wenn hinter allem und jedem eine Bestimmung liegt, erträgt man selbst Unerträgliches. Ich erwäge meine Spiritualität auf das Reich der Toten auszuweiten, denn diesen Geschäftszweig vernachlässigte ich bislang. Dabei ist der Bedarf immens, sich darüber zu versichern, dass es den lieben Verschiedenen auch im Jenseits an nichts mangelt und dass sie stets ein Auge auf die Hinterbliebenen haben. Ein Schweizer Freund von mir hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert und ich kann Ihnen sagen, seine Sprechstunde brummt. In der Schweiz gibt es ganze Ausbildungsbereiche, was die Fähigkeit betrifft, Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Nunja, eine gewisse mediale Grundausstattung muss man mitbringen, denn die Auren von Toten aufzunehmen ist nicht einfach. Mein Freund ist da eine echte Ausnahmeerscheinung, denn seine Antennen wurden ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt. Schon als Kind führte er Unterhaltungen mit für den Normalmenschen unsichtbaren Personen und es dauerte lange, bis er erkannte, dass es sich bei seinen Eigebungen nicht um eine Geisteskrankheit, sondern um eine besondere Gabe handelt. Nun tröstet er die Untröstlichen, gibt jedem allzu frühen Versterben Sinn und kann auch noch gut davon leben. Was mich direkt zu den Psychopharmaka bringt, die jede Halluzination, jede außersinnliche Wahrnehmung auszumerzen versuchen. Wir sperren unsere Schamanen in Psychiatrien und wollen sie »heilen«, dabei wären es vor allen Dingen sie, die Sinn und Zweck in unsere materialistische Welt bringen könnten. Darum geschehen heutzutage keine Wunder mehr, obwohl der Bedarf daran glauben zu können größer ist als je. Gehen sie einmal auf eine Esoterikmesse und betrachten sie in aller Ruhe die strömenden Menschenmassen. Fahren Sie einmal nach Lourdes und sehen Sie, wie groß die Sehnsucht nach Wundern ist. Warum sind die großen Religionen nicht auszumerzen? Weil wir uns nicht damit abfinden wollen und können, dass wir nur wir und im Grunde genommen mit uns alleine sind. Es ist die Angst vor dem Nichts und vor der Sinnlosigkeit. Ich muss unbedingt mit meinem Schweizer Freund telefonieren, damit er mir verrät, wie er es macht. Es ist an der Zeit, mein Geschäft zu erweitern.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Demenzdörfer von Tanja K.

Der Gedanke und die Umsetzung der ersten Ghettos für die geistig nicht mehr ganz Klaren stammen aus den Niederlanden und wenn Deutschland einen Floh husten hört, wird er sich gerne in den Pelz gesetzt.

Nun frage ich mich natürlich, was diese Demenzdörfer vom »normalen« Rest der Welt unterscheidet, denn je mehr ich mit nüchternem Verstand von den Kapriolen des Homo »Sapiens« mitbekomme, desto intensiver verschwimmen die Grenzen. Da dachte ich, ich wäre irre, weil alles nur unter der Droge Alkohol zu ertragen war, aber, wenn ich die Irren um mich herum sehe, ist es mir ein Rätsel, warum die wenigen »Vernünftigen« nicht permanent unter irgendwelchen Drogen stehen.

Was mich auf den Gedanken des Vernunftdorfes bringt. Warum schließen sich die Wissenden nicht zusammen und schotten sich konsequent vom Rest der Welt ab? Es liegt im Geldmarkt begründet, denn die Bedürfnisse des täglichen Lebens müssen bezahlt werden und, solange der Ruf des Kapitals entscheidend bleibt, knechten und versklaven wir uns im Sinne des Systems.

Was wäre zu tun?

Erst einmal die Bedürfnisse auf das absolut Lebensnotwendige zurückschrauben. Wer machte sich jemals die Mühe, sich zu fragen, wie viel Euros er im Monat unbedingt braucht? Für diesen Betrag wäre die Fron des Sklavendienstes zu leisten, dem kann man sich nicht entziehen, wenn man sich nicht in die schaukelnde soziale Hängematte legen will. Den Rest des Tages gewönne man für sich, womit wir zum zweiten Problem kämen. Was fängt man mit sich und der freien Zeit an? Nicht jedermann ist zum Diogenes berufen, was wir lege artis direkt nach der Geburt alle sind. Was wollen wir als Kleinkind? Wärme, Essen, Trinken, in Ruhe ausscheiden und viel Zeit zum Spielen und Weltentdecken. Erinnern wir uns noch an die Tage, als uns die Verpackung der Geschenke mehr interessierte, als die Präsente? Erinnern wir uns daran, dass ein gefundenes Stück Holz in unserer Phantasie schier alles sein konnte? Wie wunderbar das Sonnenlicht durch ein einfaches Blatt schien? Wie eine Pfütze zum Meer mutierte und wir Papierschiffchen auf Entdeckungstouren schickten? Wie wir miteinander redeten und lachten, weil es nichts Interessanteres gab, als die Gedanken, Geschichten und Erlebnisse des anderen? Wie wir unser Weltbild und unsere Position darin täglich neu entdeckten?

Wann, verdammt, gingen uns diese Fähigkeiten verloren? Wer trichterte uns ein, was für uns wichtig zu sein hat? Dass wir wichtig zu sein hätten? Dass, egal, wer kommt, wichtiger ist als wir, weil er DAS Ziel erreichte? Welches Ziel? Meines Erachtens steht der Zielpunkt für uns alle fest; wir werden tot sein. Bis dahin sind wir alle lebend tot. Ja, wenn dies nicht das Demenzdorf par excellence ist, dann weiß ich nicht.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Spielregeln von Tanja K.

Meine Form des zivilen Ungehorsams ist eher banal. So benutze ich eine Nachtcreme ausschließlich morgens. Nehme ein Duschgel für den Körper auch zum Haarewaschen und verwende Repairspülungen für die Haare zur Hautpflege. Ich decke meine Gartenpflanzen im Winter nicht ab, halte mich nie an Gieß- und Standortanweisungen für die Zimmerpflanzen. Ich nehme die vorgeschriebene Flüssigkeitsmenge von mindestens drei Litern nicht zu mir und besitze noch keinen Schrittzähler, um die empfohlenen täglichen 10.000 Schritte zu absolvieren. Ich enthalte mich jeder Grauabdeckung meiner Haare und nenne keinen Zellulitemassageroller mein eigen. Ich enthalte mich der zahllosen Nahrungsergänzungsmittel, obwohl ich dann im Alter von 100 Jahren nicht mehr »die Kraft der zwei Herzen« in mir spüren werde. Mein Skelettsystem vernachlässige ich sträflich, da ich kein zusätzliches Calcium zuführe. Gleiches gilt für meine Muskulatur, die nicht in den Genuss von Magnesium kommt. Ich setze mein Gesicht der Sonne aus ohne einen UV-Schutz vom Faktor 30; ich peele und straffe nicht.

Meine Desodorantien halten keine 48 Stunden; ich achte nicht auf tägliche Verdauung und der prozentuale Eiweiß-, Fett- und Kohlehydratgehalt meiner Nahrung ist mir schnuppe. Ich kenne das Fett-Muskel-Wasserverhältnis meines Körpers nicht und sah noch niemals ein Fitnessstudio von innen. Botox ist für mich ausschließlich das stärkste Nervengift, das es gibt, und meine Nase besitzt einen Höcker, über den ich noch nie psychisch gestolpert bin. Ich bekomme meine flache, waagerecht gehaltene Hand nicht zwischen meine Oberschenkel, ohne anzuecken und mein Po und mein Busen bestehen den »Bleistifttest« nicht. Mein Schlaf ist nicht durchweg erholsam und ich verabscheue Ballaststoffe. Meine Matratze und mein Kopfkissen sind nicht ergonomisch geformt, ebenso wenig wie meine Unterwäsche und Schuhe. Meine BH`s pushen nicht und meine Hosen gleich gar nicht. Meine Kleidung verweigert die »Atmungsaktivität« und ich entschlackte meinen Körper noch nie. Ich murmele kein »OM« vor mich hin, wenn ich mich lieber aufrege, und habe den Gelenken in meinen Zehen noch nie die nötige Achtsamkeit gewidmet. Ich kenne keinen einzigen Akupressurpunkt und weiß nicht, in welchem Gleichgewichtszustand sich mein Ying und Yang befinden. Ich habe noch nie ein Mandala ausgemalt, oder erspürt,wo unter meinem Bett sich Wasseradern befinden. Ich erhoffe mir durch Mantras und Beten keine Wunder, und wenn mich jemand segnet, bekomme ich das Gefühl, er will mich möglichst schnell loswerden.

»Geh mit Gott, aber geh!«

Ich verweigere Bibelorakel, das Y Ging und Pendel, lese mein Horoskop nicht und denke, dass Beschwörungen und Verfluchen nichts nützen, und da Gott nicht würfelt, tue ich es ebenfalls nicht.

Insgesamt glaube ich daran, dass es nicht möglich ist, die Karten, mit denen wir das Spiel des Lebens spielen müssen, zu zinken.

»Que sara, sara!«

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

 

Skandale von Paul Wiedebach

Man erregt Aufsehen oder auch einen Aufschrei. Beides beinhaltet durch die Vorsilbe »auf« die Kurzfristigkeit des Ereignisses. Wer aufsieht, bzw., aufschreit, tut dies nur punktuell und kehrt, sobald der Adrenalinspiegel sinkt, zu seinen Gewohnheiten zurück. Trotzdem liegt es in unserer Natur, der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit sein zu wollen, ohne zu bedenken, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Mitmenschen kürzer und kürzer wird. Zu groß die Flut an sogenannten Medienspektakeln, die alle um unser Interesse konkurrieren. Zu groß das wahrhaftige Interesse, das vornehmlich der eigenen Person gilt.

Und wenn wir einmal aufsehen oder aufschreien, tun wir dies nur, wenn wir direkt betroffen scheinen. »Große Skandale« fallen ebenso schnell dem Vergessen anheim, wie »große Menschen«, womit sich erklärt, warum so viele »Promis« endlos darum bemüht sind, »in aller Munde zu bleiben«. Dabei fällt so manche Schamgrenze nach dem Motto: Lieber berühmt blamiert als vergessen angeschmiert.

Wie intensiv das Streben nach auch nur fünfminütiger Berühmtheit ist, beweisen die vielen Casting-Shows, das egozentrische Treiben auf sozialen Netzwerken und das unstillbare Bedürfnis aller Welt die banalsten Dinge zu zwitschern.

Auf die sogenannte Privatsphäre legt man keinen Wert mehr. Epikurs Aufruf: »Lebe im Verborgenen!«, als Maßstab eines guten Lebens ist allseits in Vergessenheit geraten. Dabei lebt der ungehörte Mensch ungestört. Dem Ungesehenen wird Verstehen zuteil, und ein lautes Leben zerdröhnt nicht nur die Ohren, sondern vor allen Dingen die Seele und den Verstand.

»Was macht einen Tag zu einem guten Tag?«, frage ich mich.

Es ist das Fehlen der Vergleiche mit anderen Menschen. Weder besser noch schlechter, weder wichtiger noch unwichtiger, sondern eben so wie alle anderen sein, nämlich Durchschnitt. Nicht dem »Höheren, sondern dem »So-Sein« geweiht zu sein, lässt am Ende eines Tages zufrieden einschlafen, zumal wir alle unweigerlich demselben Endzustand zustreben. Posthume Lorbeerkränze befriedigen nicht wirklich, und der Versuch, sich im Leben täglich einen frischen aufzusetzen, kostet so viel Mühe und Kraft, dass das Leben dafür geopfert wird.

Es kommt uns so vor, als existierten wir nicht, wenn uns keiner explizit wahrnimmt. Vielleicht liegt es daran, dass wir unserer Selbstwahrnehmung nicht trauen und für unsere Existenz unentwegt eine Berechtigung brauchen.

Wir sollten uns täglich einige Zeilen zu Gemüte führen. Das Buch findet sich in jedem Haushalt und in jedem Hotelzimmer(!).

Matt. 6, 25-34 mehr Antwort braucht man nicht.

Paul Wiedebach, heute einmal kein Kolumnist

 

Herdenführung in Zeiten der Massentierhaltung

Von Anna-Luisa Schlimmbach, zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende der „UWFC“

Gestern war ich bei Judith, der Frau des CEO. Sie hatte natürlich schon vom Projekt „Schafseminar“ gehört und sich köstlich darüber amüsiert. Sie ist überzeugt, dass wir von Schafen nichts über die Menschen lernen können. Ich war wieder einmal ratlos und muss auch entsprechend geguckt haben, schließlich war ich gerade erst zur Erkenntnis gelangt, dass das Gegenteil der Fall ist und wir wirklich etwas bei den Schafen lernen können. Judith lächelte mich an und wartete wohl darauf, dass bei mir der Groschen falle. Mir fiel aber beim besten Willen nicht ein, was sie gemeint haben könnte und gnädig erlöste sie mich.

„Sieh mal, Anna-Luisa, ein Onkel von mir hat vor Jahren in großem Stil in die Schafzucht in Neuseeland investiert. Ich war schon als Kind, gemeinsam mit meinen Cousins und Cousinen, dort und konnte mir das ganze von Nahem ansehen. Schafe werden in der Regel immer noch so gehalten, wie es seit Jahrtausenden üblich ist. In großen Herden folgen sie ihr ganzes Leben einfach den angeborenen Instinkten. Manchmal haben sie vielleicht Stress, wenn bei Gefahr Angst oder gar Panik in der Herde aufkommt, aber immer können sie mit ihren instinktiven Verhaltensweisen reagieren. Ihr Gefühl ist nie verlegen um die richtige Reaktion auf die Umstände. Sieh dir dagegen das Leben der meisten Menschen an! Ständig müssen sie ihre Gefühle unterdrücken und sind verzweifelt auf der Suche nach gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensnormen. Ständig im Zweifel, ob sie gerade das Richtige tun, entwickeln nahezu alle mehr oder weniger ausgeprägte Neurosen und enden, im günstigsten Fall, in einer Psychotherapie. Ihr Leben ist zerrissen zwischen den Anforderungen der arbeitsteiligen Moderne mit all ihren Folgeerscheinungen. Während ihrer Arbeit befriedigen sie, gegen Bezahlung,  die Bedürfnisse anderer Menschen. Die Entfremdung nimmt immer weiter zu und durch die technisch bedingte Spezialisierung werden sie selbst zu einem immer kleineren Rädchen in einer immer gigantischeren Verwertungskette. Der Beitrag des Einzelnen zum Endprodukt des Unternehmens, für das er tätig ist, wird kleiner und kleiner, bis zur Unkenntlichkeit. Nach Feierabend wechselt er die Rolle, vom fremdbestimmten Bestandteil eines anonymen Produktionsprozesses zum – vorgeblich – autonomen Konsumenten und wird da nur wieder manipuliert von Verwertungsprozessen, deren Bestandteil er gerade eben noch war. Die einzelnen Menschen verlieren die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen und am Ende sind sie sogar unfähig, ihre Bedürfnisse überhaupt noch zu erkennen. Ab diesem Punkt sind sie das ideale Opfer der Manipulation durch Andere. Und diese Anderen, das sind eben Leute wie mein Hubertus. Wenn ihr etwas über die Menschen erfahren wollt, solltet ihr euch lieber Einrichtungen zur Massentierhaltung ansehen.“

Mein gerade erst errichtetes Gedankengebäude stürzte – einmal mehr – in sich zusammen. Hilflos sah ich sie an und fragte, warum ihr Mann  uns dann zu den Schafen schicke. „Na, das ist doch klar! Er will wissen, wie weit bei euch die Degenerierung schon fortgeschritten ist. Ob eure Instinkte noch stark genug sind, um Führungsaufgaben zu übernehmen. Stell dir vor, er spielt sogar mit dem Gedanken, den Schäfer zum Personalchef zu machen!“ Lachend sah sie mich an. Mein Gesichtsausdruck muss entsprechend gewesen sein. Der Schäfer als Personalchef! Langsam zweifelte ich an Willmehrs Verstand. Allerdings, je mehr ich darüber nachdachte, um so weniger abwegig schien mir die Idee. Der wusste bestimmt, wie man die Instinkte Anderer zu deren Manipulation einsetzt. Willmehr schickt uns zu den Tieren, damit wir etwas über den Schäfer lernen. Den sollen wir beobachten, wie der das mit der Führung macht. Klar! Da hätte ich auch selbst drauf kommen können! Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob ich die anderen Seminarteilnehmer darauf aufmerksam machen soll, oder ob ich den Wissensvorsprung für mich behalte, um vielleicht in den Augen unseres CEO als Einzige den Test zu bestehen. Darüber muss ich erst einmal in Ruhe nachdenken, sind schließlich noch ein paar Wochen bis zum Seminarbeginn.

Ach ja, über’s Finanzsystem wollte ich auch noch referieren. Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich zur Zeit, beim besten Willen, nicht dazu komme. Aber das kommt noch! Bestimmt!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

Hammelhaftigkeiten von Paul Wiedebach

»Oh wie dumm ich war, wie total beduldelt dumm, welch ein hammelhaftes Schaf war ich«. Aus »My fair Lady«. Gruß übrigens an meine Mitautoren!

Meine Frau und ich befinden uns in dem Alter, in dem man beinahe wöchentlich zu einer Beerdigung muss. Väter, Onkel, Schwager und Schwägerinnen, Freunde, ein Bruder, die Einschläge kommen näher, so viel steht fest. Was soll also das sinnlose Philosophieren über allgemein menschliches Verhalten, ohne im eigenen Kopf Hausputz gehalten zu haben! Diese arrogante Überheblichkeit, die aus den Artikeln spricht, verursacht mir Übelkeit. Wisst Ihr was, verehrte Mitschreiberlinge, geht erst einmal gründlich in euch, bevor Ihr auch nur ein einziges Wort über Eure Mitmenschen verliert. Lediglich bei der Witwe Clausen ist ein Wandel zur Selbsteinsicht erkennbar, der Rest ergeht sich in Plattitüden.

Wer, verdammt noch einmal seid Ihr, Urteile über Menschen zu fällen, sie zu Schafen zu erklären, ohne einen von ihnen näher zu kennen?

Der Freund, den ich vor einer Woche begraben musste, hatte eine ganze Welt in seinem Kopf, die nun mit ihm für immer verschwunden ist. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Welt für sich darstellt. Sie kann schön, sie kann schrecklich sein, man kommt nur schwer aus ihr heraus, und der Tag ist ein Kampf, diese innere Welt mit dem Außen in Einklang zu bringen. Leben als ewiger Kompromiss, gepaart mit zeitweisem Aufbegehren, Rückschlägen, Scheitern und trotz allem irgendwie weiter machen. Ich halte jeden Menschen, der es schafft, morgens aufzustehen und seine Pflicht zu tun, für einen Helden! Weitermachen, auch wenn die Dinge schwierig erscheinen, einen Traum besitzen und sei er noch so klein. Wer maßt sich an, Urteile über Träume abzugeben? Wer maßt sich an, sich zum Hirten über Schafe hochzustilisieren?

Die Crux bei Pauschalurteilen ist die immanente, bestechende Einfachheit, die deren Fehlerhaftigkeit überdeckt.

Globalen Ansichten geht das Detail verloren. Ich verwehre mich dagegen, hier in einen »Einheitstopf« geworfen zu werden, denn zuerst stelle ich ein Individuum dar. Es gibt weltweit keine Kopie meiner Selbst, meine Aktionen und Reaktionen sind Ausdruck meiner Persönlichkeit und so mancher, der dachte, einfach einmal Schlachtvieh zum Schlachter bringen zu können, wurde, historisch betrachtet, oftmals eines besseren belehrt.

Jedes politische System, das versucht, Personen zu uniformieren, wird kurz über lang von Unikaten ad absurdum geführt.

Jetzt verliere ich fast den Faden.

Summa summarum wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es eine Frevelhaftigkeit sonder gleichen ist, Menschen in selbsternannter Göttlichkeit »über einen Kamm zu scheren«.

Paul Wiedebach, Kolumnist