Ramsch von Elke Balthaus-Beiderwellen

„Spiegelfechterei“ Ursprünglich von der Ausübung des Fechtens zum Scherz oder zur Übung stammend wurde der Begriff zum Ausdruck für eine Aktion, die scheinbar sinnvoll oder bedeutsam ist, in Wirklichkeit aber nur zum Schein, in der Regel mit der Absicht der theatralischen Vortäuschung einer Sinnhaftigkeit oder Bedeutsamkeit ausgeführt wird. (Quelle Wikipaedia). Schöner kann man Politik nicht beschreiben. Sei es Seehofers Gepolter, sei es der Streit der Koalition über das Asylpaket II, sei es Erdogans Grenzschließung, sei es der Wahlkampf in den USA, wohin man auch sieht, Klone von Kim Yong Un bevölkern die Weltbühne. Über den möglicherweise schwachsinnigen Potentaten Nordkoreas regt man sich auf, aber wie war das nochmal mit dem Splitter im Auge des Gegenübers und dem Balken im eigenen? Wen wundert es da, dass die Zahl der Nichtwähler unaufhörlich steigt. Es wird nicht mehr geredet; es wird nur noch geplappert. Weiterlesen

500.000 $ vor Lampedusa

von Hubertus Willmehr, CEO der „United World Financial Corp.“

Ich hatte eigentlich nicht vor, mich zu diesem Drama zu äußern. Dabei kann man sich eh nur den Mund verbrennen. Egal was einer dazu sagt, schnell wird sich ein anderer finden, der wahlweise Zynismus oder Blauäugigkeit unterstellt. Überall wird der Name dieser Mittelmeerinsel genannt, sogar schon bei uns im Vorstandskasino. Und dieser Wiedebach hat das Thema nun auch noch in diesen Blog getragen.

Ratlos sei er, habe Herzschmerz, ein schlechtes Gewissen gar, meint, etwas tun zu müssen, wisse aber nicht, was. Das übliche Betroffenheitsgeschwafel eben. Selbstverständlich habe auch ich Mitleid mit Ertrinkenden. Eine der schrecklichsten Todesarten, die man sich vorstellen kann. Deshalb bin ich auch extrem pingelig, was das Anlegen von Rettungswesten auf meiner Segelyacht betrifft. Und ich betreibe keine gewerbliche Personenbeförderung! Ich hätte nicht einmal das entsprechende Schifffahrtspatent dazu.

Wie kommen also diese mehr als fünfhundert Menschen auf so einen Schrottkahn, auf dem es offenkundig an elementarster Sicherheitsausrüstung gefehlt hat? Die Fahrgäste sollen, Medienberichten zufolge, mehr als eintausend Dollar pro Person für die Überfahrt gezahlt haben, zusammen also über einer halben Million. Für ein paar hundert Seemeilen. Für den Preis hätte man ein Kreuzfahrtschiff chartern können.Es hätte sich nur keine Reederei der Welt bereit erklärt, diese Überfahrt zu organisieren. Sie wäre ihre Gäste nämlich nicht mehr losgeworden, weil kein Land der Welt sie in ihre Häfen gelassen hätte. Bei unerlaubtem Einlaufen würde der Kapitän sofort verhaftet und das Schiff beschlagnahmt. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es etliche Staaten gibt, die den Kreuzfahrer mit Waffengewalt am Einlaufen hindern, notfalls ihn sogar vor ihren Küsten versenken würden. Ich kann mir  nicht vorstellen, dass einer dieser überladenen Seelenverkäufer ein Chance hätte, eine Überfahrt in umgekehrter Richtung, also von Europa nach Afrika, zu starten. Er käme gar nicht aus dem Hafen raus. Der Kahn würde in jedem EU-Hafen sofort an die Kette gelegt und die Mannschaft festgesetzt.

Wo ist nun also das zynische Verhalten zu verorten? Beim deutschen Innenminister, der EU-Komission? Oder doch eher bei den Behörden der Länder, in denen die Fahrten ihren Ausgang nehmen? Deren Behördenvertreter vermutlich eifrig die Hand aufhalten, um am Elend zu verdienen. Und die Eliten in den Herkunftsländern der Flüchtlinge sind bestimmt auch nicht böse darum, einen Teil ihrer sozialen Konflikte exportieren zu können. Bei den vor Lampedusa gestrandeten handelt es sich mitnichten um die Hungernden und Dürstenden dieser Welt, wie Wiedebach meint. Immerhin waren sie in der Lage, die, in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage ihrer Heimat, horrenden Kosten für die Fahrt aufzubringen.

Alle, die jetzt am lautesten schreien, wir müssten mehr Menschen aufnehmen, werden die ersten sein, die anschließend Sozialleistungskürzungen für alle fordern werden, weil die Kosten explodieren. Bezeichnenderweise ist es immer wieder dasjenige politische Lager, das sich am ehesten links verortet und sich für alle Benachteiligten dieser Welt zu Wort meldet, das skrupellos Wohltaten wie Hartz IV und andere Agenden durchpeitscht, die Banken dereguliert, Privatisierungen auf den Weg bringt und solidarische Systeme zusammenstreicht. SPD und Grüne waren, gerade in Deutschland, immer die zuverlässigsten Verbündeten von Groß- und Finanzindustrie. Deutschland exportiert mit seinen Handelsbilanzüberschüssen Arbeitslosigkeit und Elend in die ganze Welt und wundert sich, dass die verarmten Massen sich auf den Weg nach Europa machen. Und wenn endlich die von Deutschland forcierte Politik in der ganzen EU greift, können sich die Armutsflüchtlinge aus Afrika mit den verarmten Menschen Südeuropas zusammen tun und auf dem Landweg weiter Richtung Norden wandern.

Tut mir leid, dass ich jetzt immer noch keine Interna aus dem Finanzsystem ausgeplaudert habe, aber das musste ich jetzt einfach mal loswerden. Zum eigentlichen Thema das nächste Mal. Ganz bestimmt!

Ihr Hubertus Willmehr

 

Lampedusa von Paul Wiedebach

Es gibt Namen, die sich uns ins Gedächtnis brannten, weil sie für Ereignisse stehen, die uns wenigstens kurz aus unserem Alltagstrott rissen. Meistens handelt es sich um die Namen von Schiffen. Titanic, Lusitania, Wilhelm Gustloff, Herald of free Enterprise, um nur einige aufzuführen. Nun versuche ich bereits seit dem frühen Morgen, herauszufinden, wie das Schiff heißt, das vor Lampedusa kenterte, aber es wird ebenso namenlos bleiben, wie die Menschen, die mit ihm untergingen. Vielleicht findet »Lampedusa« Einzug in unser kollektives Erinnern.

Vor dieser Tragödie stehe ich ratlos da. Sie verursacht bei mir einen unbestimmten Herzschmerz, ein unbestimmtes schlechtes Gewissen, ein Gefühl, etwas tun zu müssen, aber was?

Ich denke, es geht allen Europäern so, wenigstens denjenigen, die noch einen Hauch von solidarischen Anwandlungen besitzen. Okay, wenn sämtliche Tore des europäischen Dampfers für jeden geöffnet werden, kentert dieser zwangsläufig auch. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal steht selbst das Wasser bis zum Halse. Ist Europa ein Rettungsboot, das nur für eine begrenzte Menge an Menschen zugelassen ist?

Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass die Superreichen längst auf ihren Luxusyachten in schönen, sicheren Gefilden sitzen, dort, wo ihr Geld bereits ist. Ich weiß auch, dass wenn nichts passiert, die Sache in einer kriegerischen Auseinandersetzung enden wird. Ich meine, wie hoch kann man Mauern bauen? Werden sie in nicht allzu ferner Zukunft durch Minengürtel ersetzt? Ich sitze hier im Norden Europas und vergesse nur zu gerne, dass sich dieser drohende Konflikt nur zwei Flugstunden von mir entfernt abspielt.

Was ist, wenn die Afrikaner nicht mehr stillschweigend vor unserer Haustür ertrinken wollen, sondern vehement auf ihr Recht auf Leben pochen? In der Welt ist kein enthemmteres Tier bekannt, als der hungrige und durstige Mensch.

Und, wo ist demnächst der Minengürtel zu ziehen? Zwischen Nord- und Südeuropa? 2015 könnten wir 70 Jahre Frieden in Europa zu feiern. Schaffen wir das noch?

Unsere Ratlosigkeit scheint ebenso grenzenlos, wie unsere Ressourcen begrenzt sind. Wir sind zu viele Menschen auf der Erde, aber welcher Teil von uns ist über? Wenn jeder das gleiche Recht auf Leben besitzt, wer siebt aus? Vor allen Dingen, wer verzichtet freiwillig?

Papst Franziskus weinte angesichts der Tragödie von Lampedusa. Ob ihm diese Krokodilstränen die Empfängnisverhütung in Erwägung ziehen ließen?

Man weiß es nicht.

Man weiß überhaupt gar nichts, außer, dass es nicht so weiter gehen kann.

Paul Wiedebach, Kolumnist