Toleranz II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Toleranz II

Es ist nicht zu fassen! Gestern hörte ich im Fernsehen, dass ein Chefarzt eines katholischen Krankenhauses rechtmäßig entlassen wurde, da er geschieden und wiederverheiratet ist, und keine zwei Minuten später vernahm ich die Worte von Franziskus I: »Gott verzeiht immer, der Mensch manchmal, die Natur nie.« Zwar vermeldete er diese Worte in Bezug auf die Umwelt, aber auch im priesterlich zwischenmenschlichen Bereich wären sie durchaus angebracht. Besonders der letzte Teil dieser theologisch-philosophischen Äußerung weckte meine Aufmerksamkeit. »Die Natur verzeiht nie.« Was ist mit der menschlichen Natur? Dass man evolutionär-genetische Prägungen nicht unterdrücken kann, beweist die Priesterschaft zur Genüge. Macht aber auch nichts, weil laut Franziskus Gott immer verzeiht. Da wird das Papstamt gottgleich erhöht, denn schließlich haben wir es mit dem Stellvertreter Christi auf Erden zu tun und mit einem Satz beweist der Papst, dass er von göttlicher Größe noch meilenweit entfernt ist. Die Kardinäle sind weiterhin nur Menschen; sie verzeihen nur manchmal, was heißt, nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt. Was zwingend beweist, dass Keuschheit, Gehorsam und Armut (!) nicht der Königsweg sind, Gott näher zu kommen. Da schwören sie allem zutiefst menschlichen ab und landen trotzdem in einer Sackgasse. Tragisch, irgendwie. Eine derartige Askese ist bereits an sich verdächtig. Selbstüberhöht darf man auf andere, die ihren Trieben hilflos ausgeliefert sind, herabschauen und ihnen sagen, wo es lang zu gehen hat. Wenn Gott immer verzeiht, ergeben die Dogmen der Kirche überhaupt keinen Sinn mehr. Im Prinzip hat sich der Papst durch seine Äußerung als Schabowski der katholischen Kirche erwiesen. Es hätte nur jemand fragen müssen, ab wann diese Regelung zu gelten hat. Wenn Franziskus I dann verwirrt auf seinen Zettel gesehen und gestottert hätte: »So wie ich das sehe, ab sofort«, hätten alle Schwulen, Lesben, Priester mit Kindern, Geschiedenen, Wiederverheirateten und anderweitig »Verirrten« sofort offen freien Zutritt zum Abendmahl verlangen sollen. Das wäre eine ähnliche Party im Vatikan geworden, wie damals auf der Berliner Mauer! Und aus dem »die Mauer muss weg« wäre endlich ein »die Mauer ist weg« geworden. Zu schön, um wahr zu sein, aber man wird doch einmal träumen dürfen!

Spezialisten von Paul Wiedebach

Es ist erstaunlich, wofür die Tagesschau ihre knapp bemessene Sendezeit opfert. So widmete sie der Mitteilung, dass im Vatikan eine zweiwöchige Sondersynode der Bischhöfe tagt, an deren Ende keinerlei Beschlüsse gefasst werden sollen, kostbare Sekunden. Die Tatsache, dass nach dieser Sonderversammlung keinerlei Ergebnis zustande kommt, verwundert mich hingegen nicht, denn die Kirchenoberen diskutieren über Ehe, Familie und Sexualität. Es ist genauso, als würde ich ausführlich Stellung zum prämenstruellen Syndrom beziehen. Im Italienischen(!) gibt es eine treffende Formulierung für sinnlose Gespräche, die da lautet: Über das Geschlecht von Engeln diskutieren. Wobei dieses Thema den Bischhöfen angemessener gewesen wäre und den gleichen, sinnfreien Zeitvertreib dargestellt hätte.  Ehelose, kinderlose, zölibatäre, im besten Fall homoerotische »Männer« beleuchten Fragen, für die sie die absoluten Fachleute darstellen; also kann man davon ausgehen, dass sie mehr Dunkelheit als Licht verbreiten. Obwohl Franzl ihnen auftrug, besonders offen mit diesem Themenkreis umzugehen, stellt sich mir die Frage, wie dies gehen soll. Vorgefasste Meinungen zu Themen, von denen man keine Ahnung hat. Verschlossener geht es doch gar nicht. Grund für diese Sondersynode soll sein, dass sich normal veranlagte Menschen nicht mehr in der katholischen Kirche vertreten fühlen. Darüber dachte ich lange nach und kam zu dem Schluss, dass ich mich von extremen Sonderlingen auch nicht so recht vertreten fühle. Größere Vorkommen findet man meist in geschlossenen Psychiatrien, und ich stelle mir vor, sich geistig nicht in dieser Welt befindliche Zeitgenossen kommen zu dem Schluss, sich in mein alltägliches Leben einmischen zu wollen. »Völlig offen« diskutieren sie darüber, was ich zu tun und zu lassen habe und drohen mir mit Hölle und Verdammnis, wenn ich mich nicht an ihre absonderlichen Regeln halte. Da tippt sich doch jeder, der seinen Verstand einigermaßen beisammenhat, an die Stirn und denkt sich seinen Teil.

Sollte diese Versammlung von Irren aber im Vatikan stattfinden, sieht die Sache anders aus! Alles eine Frage der Lokalität und weniger der Mentalität. Aber, jetzt im Ernst. Denken wir uns die prächtige Kirche, die prächtigen Roben und den luxuriösen Schnickschnack Drumherum einmal weg. Was bleibt dann? Eine Zusammenkunft von weltfremden, abnormalen alten Männern, die endlos über Dinge lamentieren, von denen sie keine Ahnung haben und die sie nichts angehen! Ob die Tagesschau dem beachtung-schenken würde? Wohl kaum!

Paul Wiedebach, Kolumnist

Missbrauch von Paul Wiedebach

Die katholische Kirche will alle Missbrauchsfälle seit 1945 wissenschaftlich aufarbeiten. Wissenschaftlich? Wieso nicht strafrechtlich? Der Jesuitenpater und Psychologe(!) Hans Zollner, der mit dieser Bearbeitung befasst ist, entgegnete sinngemäß auf die Frage des MoMa- Moderators, ob die Institution Kirche sich nicht selbst den Vorzug vor den Opfern gibt, dass dies jeder Sportverein tue.

Wie? Die Kirche setzt sich mit einem Sportverein gleich? Warum werden dann Zwangsabgaben in Form von Kirchensteuern erhoben? Und ist es nicht so, dass Trainer, die ihre Zöglinge unsittlich berühren in den Knast gehen und nicht strafversetzt werden? Sind Sportvereine insgesamt moralisch und strafrechtlich konsequenter als die Kirche es ist?

Katholische Einrichtungen sind der sicherste Ort für Kinder, führte Zollner weiter aus. Wie das, wenn Straftäter mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davon kommen?

Edathy fiel der medialen Lynchjustiz anheim, wieso nicht die Kirche? Angst vor Gottes Zorn oder der Exkommunikation?

Die Angst vor der Vergeltung des Allmächtigen scheint in der breiten Bevölkerung verbreiteter zu sein als bei seinen selbsternannten Bevollmächtigten.

»Die unterschiedlichen Modelle religiöser Verehrung, die in der römischen Welt vorkamen, wurden von den einfachen Leuten als gleichermaßen wahr, von den Philosophen als gleichermaßen falsch und von den Regierenden als gleichermaßen nützlich angesehen.« (Edward Gibbon) und, um dem noch eins draufzusetzen, möchte ich Diderot zitieren:

»Wo immer man Gott zulässt, herrscht ein Kult, die natürliche Ordnung der Moral wird umgeworfen und korrumpiert. Bald kommt der Moment, an dem eine Idee, die Menschen daran hinderte, eine kleine Münze zu stehlen, dazu führt, dass tausend Menschen die Kehle durchgeschnitten wird. Eine großartige Kompensation.«

Uns, den kleinen Leuten kommt man mit den rigidesten Moralvorstellungen, während diejenigen, die uns mit der ewigen Verdammnis drohen, von keinerlei christlichem Gewissen eingeschnürt, tun, was immer ihnen in den Sinn kommt.

Vertue ich mich, oder lauten die Gelübde des Priesters nicht »Armut, Keuschheit und Gehorsam«? Selbst wenn man diese Uranforderungen an die katholische Kirche stellt, scheitert sie auf ganzer Linie. Welche Existenzberechtigung besitzt sie dann noch?

Mit welcher moralischen Keule kann ein Sumpf von Größenwahnsinnigen drohen?

Vom lateinischen Wortsinn instantia ( Daraufbestehen, abgeschlossene Einheit) ist die Kirche zwar eine Instanz, aber, da sie sich nur noch selbst etwas mitzuteilen zu haben scheint, sollte man die abgeschlossenen Einheit, in eine Weggeschlossene verwandeln.

Das wäre was! Zaun drum und gut. Nichts kommt heraus, nichts kommt herein, vor allen Dingen nicht unser Geld und mal sehen, wie viel vom christlichen Gedankengut dann noch übrig bleibt. Ob dann noch länger Wasser gepredigt und Wein gesoffen wird?

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Bischofskonferenz von Paul Wiedebach

Ein neuer Vorsitzender wird gesucht. »Er sollte fromm und theologisch versiert sein«, erfuhr ich heute Morgen. Nun frage ich mich die ganze Zeit, was soll Letzteres bedeuten? Muss er die Bibel auswendig vor- und rückwärts hersagen können? Was ist Theologie? Besitzt dieses Fachgebiet einen Gegenstand? Gestern hatte es Tanja K. mit den zehn Geboten. Muss der Vorsitzende sich sklavisch daran halten und, wo ist das Gebot: Du sollst keine Kinder missbrauchen?

Fragen über Fragen.

»Er, der neue Vorsitzende sollte vor allen Dingen ein Moderator, nicht Moderater, sein. Wozwischen moderiert er? Zwischen Mensch und Gott? Zwischen Kirche und Mensch? Wobei mir die Vermittlung zwischen Kirche und Mensch wahrscheinlicher vorkommt, denn seit Jesus Christus verfügt jeder einzelne Mensch über eine direkte Standleitung zu Gott. Wozu dann noch Kirche?

Heißt »theologisch versierter Moderator«, dass er uns die Existenzberechtigung seiner eigenen Institution nahe legen soll?

Man weiß es nicht.

Wie sich Otto Normalverbraucher nicht im Juristendeutsch zurechtfindet, findet er sich auch nicht mehr in den verbalen theologischen Volten zurecht, die uns das mittelalterliche Weltbild der katholischen Kirche rechtfertigen sollen.

Jedenfalls ist der Prunkbischof Thebartz van Elst der Versammlung vorsorglich fern geblieben; der bleibt uns als Vorsitzender erspart. So fromm und theologisch versiert ist noch nicht einmal der Papst, als dass er uns diesen kirchlichen Brocken hätte schmackhaft machen können.

Meiner Meinung nach befindet sich in der Zusammenkunft, der in Purpur Gewandeten, kein theologisch Versierter, denn hatte Jesus nicht die Völler, Prasser und Machthungrigen aus seinem Tempel geworfen? Speiste Er nicht vornehmlich mit Armen, Aussätzigen und Ausgestoßenen, anstatt sich an den Töpfen der eigenen Bevorzugung zu mästen?

Hätte Jesus als neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz überhaupt eine Chance?

Obwohl er wohl der Frommste und theologisch Versierteste wäre? Er, der Moderator und Moderate zwischen Mensch und Gott würde gar nicht in die Heiligen Hallen der Wahlveranstaltung vorgelassen, was die Anforderungen an den neuen Präses gleich ad absurdum führt.

Vielleicht ist auch gar nicht theologisch versiert, sondern theologisch verschmiert gemeint. Und statt eines Moderators wird ein Gladiator gesucht, der den Kampf Kirche gegen Mensch unerschrocken antritt. Kein Frommer, sondern ein Frömmler soll es sein. Jetzt bietet sich mir ein klares Bild!

Ein theologisch verschmierter, frömmlerischer Gladiator! Aber hatten wir den nicht bereits?

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Abhörskandal von Paul Wiedebach

Bei einem wie Kiesling mit seinem nicht eingestandenen Phantomtor regen sich alle wegen der eklatanten Unsportlichkeit auf.

Bei der Friedensnobelpreisdrohne Obama, die ebenfalls eingestehen könnte: »Leute, das war nichts mit dem Preis. Er steht mir nicht zu. Ich gebe ihn an Snowden weiter«, empört sich keiner über mangelnde Fairness.

Es könnte natürlich daran liegen, dass Fußball populärer und interessanter ist, als der Staat im Staate Amerika namens NSA. Dieser Geheimdienst ist dermaßen geheim, dass noch nicht einmal die dafür zuständige Regierung mitbekommt, was der so treibt, wenn man den Beteuerungen der US-Lenker Glauben schenken will.

Nun hat also Ströbele Snowden nach Deutschland eingeladen, warnte diesen aber gleichzeitig davor, dass die Möglichkeit der Auslieferung nach den USA besteht, sobald der Whistleblower deutschen Boden betritt.

Hier wird es ganz perfide, was Unsportlichkeit betrifft. »Vielen Dank für deine Enthüllungen, liebster Edward, aber nach deiner Aussage vor einem Untersuchungsausschuss, geben wir dir einen mächtigen Fußtritt, der dich über den Atlantik katapultiert.«

Die Welt wird immer verrückter!

Snowden ist nirgends so sicher wie in Russland – China wäre vielleicht auch eine Option. Nun wird aber auch dort nicht aus Fairness, sondern aus Eigeninteresse gehandelt, was mich zum Menschen an sich bringt.

Wenn keine Gefahr des »erwischt Werdens« bestünde, täte jedermann, wonach ihm im ureigensten Interesse der Sinn steht. Der Tarnmantel der Sozialisation ist eben hauchdünn.

Ist der Mensch demnach böse?

Meiner Ansicht nach nein, weil er ausschließlich auf das eigene Überleben getrimmt ist. Wenn dieses Überleben von einer Gruppe abhängt, passt er sich notgedrungen an. Wenn nicht, dann nicht!

Nun reden uns aber die verschiedensten Gruppierungen erfolgreich ein, wir wären von ihnen abhängig, was zu einem unendlichen Seiltanz unsererseits führt, solange wir diesen Schwachsinn glauben.

Was uns direkt zu der Frage bringt, wen brauchen wir und wen brauchen wir nicht. Kann es sogar sein, dass eine bestimmte Gruppe uns ausschließlich schadet, obwohl sie uns Heilsversprechen in die Ohren säuselt?

Wieso fallen mir da die USA, die Kirche, die Banker und die Superreichen ein? Je mehr »Pickel am Gesäß«, desto intensiver das Säuseln! Wie hieß nochmal das Wort? Ach ja, Schmarotzer!

Paul Wiedebach, Kolumnist