Schulweg von Elke Balthaus-Beiderwellen

Heute ist der internationale Tag des zu Fuß zur Schule Gehens. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zur Schule gebracht worden zu sein. Weder zu Fuß, noch mit dem Auto. Da hieß es nur, da muss du lang und sieh zu, dass du pünktlich bist. Ob dunkel oder hell, ob Regen oder Schnee, selbst mit einem verdrehten Fußgelenk hieß es, ich solle mich bloß nicht anstellen und einfach früher loslaufen. Die irrste Begründung, warum das Kind die Hundert Meter bis zum Unterricht mit dem Auto gebracht werden müsse, hörte ich von einer Mutter, die auf die Gefährlichkeit all der Autos vor der Schule hinwies. Je mehr Eltern »bringen«, um so prekärer die Verkehrslage vor dem Gebäude und um so dringender das Bedürfnis, die Kinder mit dem sicheren Fahrzeug hindurchzuschleusen. Wahrscheinlich sind das genau die umweltbewussten Eltern, die sich jetzt über die manipulierten Abgaswerte für Dieselfahrzeuge des VW-Konzerns aufregen. Weiterlesen

Nachbarschaft von Elke Balthaus-Beiderwellen

Der liebe Nachbar darf sich hüllenlos im eigenen Garten präsentieren, auch wenn die eigenen Kinder davon einen Schock für das Leben erhalten. Solange er nicht aus sexuellen Motiven Hand an sich legt, ist im eigenen Garten erlaubt, was gefällt. Hunde müssen sich hingegen an gewisse Bellzeiten halten. Von dreizehn Uhr bis fünfzehn Uhr ist die Mittagsruhe zu beachten und nach zweiundzwanzig Uhr hat Grabesruhe zu herrschen. Dies gilt auch für Kinder, die zwar nicht bellen, aber sich doch für einen gewissen Lärmpegel verantwortlich zeichnen. Belästigte Nachbarn sollten hier Lärmprotokolle führen und kurze Audioclips mit eingeblendeter Uhrzeit anfertigen. Weiterlesen

Kinderfeindlichkeit von Tanja K.

Deutschland ist nicht kinderfeindlich, sondern hoch allergisch gegen Eltern, die ihre Kinder nicht im Griff haben. Wenn ich im Supermarkt von Dötzen überrannt und angerempelt werde und die liebe Mama nur ein verständnisvolles Lächeln für die Unarten ihrer Sprösslinge übrig hat, bei der Quengelware endlos quengeln lässt, bevor sie dann doch nachgibt und mir dann noch einen triumphierenden Blick nach dem Motto: Was bin ich doch für eine Supermutti, zuwirft, dann läuft mein Geduldsfass über. Der öffentliche Raum wird zunehmend dazu genutzt, seine Brut ihre Wege gehen zu lassen, denn schließlich muss jede Helikoptermutter sich schließlich auch einmal erholen. Ob in Wartezimmern, Supermärkten, Schwimmbädern oder öffentlichen Verkehrsmitteln, hier dürfen die Eltern ihre unendliche Toleranz beweisen. Kommt ein unbeteiligter Dritter dazu, schon endet die Verantwortung der Erziehungsverpflichteten, nicht berechtigten-wohlgemerkt. Weiterlesen

Kindheit von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es ist mir ein Rätsel, wie ich mein Alter von 56 Jahren erreichen konnte. Ich saß nie in einem Kindersitz, trug niemals einen Fahrradhelm und meine Eltern brachten mich nie mit dem Auto irgendwo hin. Ich erblindete nicht, obwohl ich als Kind keine UV-undurchlässige Sonnenbrille trug, erkrankte nicht an Hautkrebs, trotz langer, im freien verbrachter Sommer ohne Lichtschutzfaktor. Ich spielte mit Spielzeug ohne Warnhinweise und unsere Spielplätze waren nicht mit Gummimatten gepflastert. Ich fuhr Rollschuh, Schlittschuh und Gleitschuh ohne jeden Körperschutz, lernte Fahrradfahren ohne Stützräder, Schwimmen ohne Schwimmflügel und Treppensteigen ohne Absperrgitter. Unsere Steckdosen lagen frei und meine Mutter konnte ihre Putzmittel noch problemlos öffnen. Weiterlesen

Erziehung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Unser neuer Hund wird erzogen, und zwar von meiner älteren Tochter. Ich sage Ihnen, die Supernanny ist ein Dreck dagegen. Konsequent und streng, keinen Ungehorsam duldend entwickelt meine Älteste ein Erziehungskonzept, bei dem mir der Mund offen stehen bleibt und ich permanent denke: Wenn ich dies nur früher gewusst hätte, als meine Töchter noch formbar, willig und absolut von mir abhängig waren! Leider ist mein Erziehungszug schon lange abgefahren und zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, dass ich meine Töchter nie als formbar, willig und absolut von mir abhängig empfand. Weiterlesen

Apps von Paul Wiedebach

Es gibt neuerdings eine App mit dem Namen »Crying translater«, sprich, die kreischenden Geräusche, die ein Baby von sich zu geben pflegt, werden ins elterliche Hochdeutsch übersetzt. Ja, geht es noch?! Letztens las ich, dass afrikanische Frauen, die ihr Baby auf dem Rücken tragen, erspüren, wenn es sich erleichtern muss, während in der sogenannten zivilisierten Welt, während der Schwangerschaft Kurse angeboten werden, in denen im Schnellverfahren, praktisch kurz vor Toreschluss, die Neurosen der Eltern beseitigt werden sollen, damit diese dann in der Lage sind, dem Kind eine sichere Bindung zu verschaffen. Für Interessierte, die Kurse nennen sich SAFE, was für sichere Ausbildung für Eltern steht. Wer sich dieser Mühe nicht unterziehen möchte, dem bietet natürlich die »Crying translater App eine Alternative. Bevor ich von selber auf den Gedanken komme, dass mein Kind vielleicht Hunger oder Durst haben könnte, es einfach nur müde oder ohne Grund quengelig ist, gehe ich doch lieber auf Nummer sicher und lasse mein Handy entscheiden.

Wobei mich wundert, warum in den Äonen vor Erfindung von Apps der Nachwuchs weder verhungert noch verdurstet ist, obwohl die Eltern nicht übersetzt bekamen, was das Protestgeschrei des Säuglings bedeutet. Wie machen es eigentlich die Affen? Meines Wissens stehen sie nicht vor dem Aussterben, trotz ausgeprägter Unerfahrenheit im Gebrauch von Apps. Verlassen die sich etwa auf ihr Gefühl? Stellen die vielleicht den Nachwuchs und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Interesses? Wie ist es bei den Tieren überhaupt? Gab es da nicht so etwas, das man Instinkt nennt?

Nun ist es ja leider so, dass wir mittlerweile alle neurotisch sind und manchmal habe ich den Eindruck, je neurotischer, desto dringender der Kinderwunsch und desto höher die Kinderzahl. Ein gesunder Mann, und ich zähle mich dazu, sieht seine Lebensziele kaum in einem plärrenden Bündel verwirklicht, dass einem zeitlebens auf der Tasche liegt. Frauen mögen da anders ticken. Selbst bei meiner Frau, die immer damit einverstanden war uns nicht zu duplizieren, denn was hätten wir oder die Welt davon, schwärmt seit Neuesten Tag und Nacht von Hundewelpen. Wenn ich nicht aufpasse, kommt sie mir mit einem Kindersatzkläffer angeschleppt. Gibt es eigentlich eine »Kläff translater App«, die Hundegequengel decodiert? Das wäre doch einmal eine Marktlücke! Denn die Menschen kümmern sich mehr um ihre Haustiere als um ihren Nachwuchs, wie ich bei etlichen Bekannten feststellen konnte. Aber irgendwie scheinen sie es da noch im Gefühl zu haben, was Fiffi oder Mieze gerade für eine Befindlichkeit hat, denn Fiffi oder Mieze müssen ja auch nicht die Ziele erreichen, die Frauchen oder Herrchen verpassten. So etwas muss nur der biologische Nachwuchs. Der muss geformt, genormt und wirtschaftlich passend gemacht werden, darum der angespannte Umgang damit.

Eigentlich gibt es viel zu wenige Translater Apps fällt mir gerade auf. Wir brauchen mehr Übersetzungen im Sinne von Politiker-Normaldeutsch und Wirtschaftsboss kontra Baumumarmer. Ich meine Langenscheidt arbeitet zwar dran, aber immer noch in kleiner gelber Buchform. Absolut retro, wenn Sie mich fragen.

Was ist mit der Übersetzung der Idiome zwischen Mann und Frau. Wenn Frau beim Liebesakt fragt: »Liebst du mich?«, und er schweißüberströmt und atemlos haucht:« Was meinst Du, was ich hier gerade tue?«, dann meinen sie zwei völlig verschiedene Dinge!

Paul Wiedebach, Kolumnist