Tolle Tage von Dr. Bremer

Von tollen Tagen kann ich ein Lied singen! Meine Praxis gleicht im Moment einem Irrenhaus. Ich rase von Sprechzimmer zu Sprechzimmer und anstatt eines Schwerkranken, finde ich jemanden mit leichten Symptomen eines grippalen Infektes vor. Nun muss ich jeden auf eine Pneumonie, eine Angina tonsillaris, eine Otitis media, eine Sinusitis und eine Erkrankung des rheumatischen Formenkreises untersuchen. Lege artis müsste ich von allem und jedem Abstriche machen und ein Antibiogramm erstellen, aber mir fehlt die Zeit! Darum meine Bitte an die Patienten: Kommen sie nur zu mir, wenn sie ernsthaft krank sind, damit für die wirklich Kranken, A: mehr Geld im Gesundheitssystem verbleibt und B: Ich mich mit der nötigen Obsorge um sie kümmern kann! Weiterlesen

Morgenmagazin von Witwe Clausen

Keine Tiere unter dem Weihnachtsbaum lautete das Servicethema des MoMa heute Morgen, womit gemeint ist, dass man keine Tiere verschenken soll. Dem kann ich nur zustimmen, denn der Erwerb eines Tieres muss wohl überlegt sein. Ich bin mit meinem räudigen Tierheimkater, dessen halb geschlossenes, linkes Auge mich permanent missbilligend zu mustern scheint, hoch zufrieden. Obwohl, meine Familie mag ihn nicht, was auf Gegenseitigkeit beruht. Noch bevor sich einer meiner Angehörigen meinem Haus nähert und zum Zwecke des Einlasses auf die Klingel zu drücken beabsichtigt, wird John Carter durch Sträuben seines Fells doppelt so dick. Er faucht genervt, und ich weiß, einer aus meiner lieben Verwandtschaft ist im Anmarsch. Carter kringelt sich, mit dem Gesicht zur Ritze, auf dem Lieblingssessel meines allzu früh verflossenen Friedrichs enger als gewöhnlich ein, nicht ohne mir vorher einen warnenden Blick aus seinem Halbmastauge zugeworfen zu haben.

Er besitzt eben einen ausgeprägten Charakter, mein John Carter, was man vom Rest meiner Familie nicht behaupten kann. Mein neuer Mitbewohner dient mir somit als eine Art von Lackmustest, was die Integrität meiner Verwandtschaft betrifft.

Wie im Morgenmagazin erwähnt, sucht sich in den Tierheimen bei Katzen nicht der Mensch das Tier aus, sondern es ist umgekehrt. Die Katze prüft und wen sie als zu leicht befindet, dem zeigt sie die kalte Schulter.

Genauso macht es Carter. Er wiegt ab. Gibt er ein kurzes Schnurren von sich, wenn jemand von außerhalb mein Wohnzimmer betritt, ist dies als knappes Lob für den Betreffenden zu werten. Öffnet er die Augen, beweist das eine Art von Wertschätzung. Dreht er sich um und gönnt er dem Besucher anderthalb Blicke, ist dies mit dem Nobelpreis für den Ankömmling gleichzusetzen. Nur auf den Schoß springt er nicht. Das hat er bei mir allerdings auch noch nie getan. Jedenfalls betrachte ich durch Carters Gradeinteilung der Sympathie, meine Besucher mir anderen Augen. Keine Reaktion des Katers: »Es wäre gut, wenn du gleich wieder gingest.« Ein Schnurren: »Na gut, einige Worte können wir ja wechseln.«

Eine Kehrtwende mit sekundenlangem Augenkontakt:« Vielleicht biete ich dir ja einen Kaffee an.«

Nun kann ich mich nicht strikt an Carters Maßeinteilung halten, denn dann bekämen meine Tochter, mein Sohn und meine Enkel noch nicht einmal mehr ein Glas Leitungswasser angeboten. Carter mag sie nicht, was auf absoluter Gegenseitigkeit beruht, wie ich bereits erwähnte. Nun ja, es sind verwöhnte Blagen, was eher als meine eigene Schuld zu werten ist. Und zugegeben, sie machen mir dauernd Vorschriften, wie ich mein Leben als Witwe zu führen habe. Und richtig, ich stecke ihnen bei jedem Besuch immer Geld zu, was die hohe Frequenz ihrer Anwesenheit bei mir miterklärt, aber man soll doch lieber mit warmer als mit kalter Hand geben!

Mmh, vielleicht ist John Carter auf der richtigeren Fährte.

Witwe Clausen

 

Nicht-Herdentier von Witwe Clausen

Jetzt drängele ich mich vor, denn eigentlich überlasse ich meinen Mitautoren den Vortritt, aber es brennt mir auf der Seele von John Carter zu berichten. Wie ich es mir vornahm,schaute ich vor dem letzten Wochenende beim Tierheim vorbei. Die Auswahl an abzugebenden Katzen war immens. Als ich in das Katzengehege ging, wurde ich sofort von süßen Fellknäueln umschnurrt und umstrichen. »Nimm mich! Nimm mich!«, schienen sie um die Wette zu betteln. Auf einem Podest hingegen räkelte sich der räudigste, hässlichste Kater, den ich jemals zu Gesicht bekam. Eines seiner Augen hing auf »Halbmast«, wie es so schön heißt. Sein orange gestreiftes Fell war von Narben durchzogen, was auf etliche Straßenkämpfe schließen ließ. Als ich mich ihm näherte, drehte er sich demonstrativ von mir weg. Es schien ihm egal zu sein, wo er seinen Lebensabend verbringt.

»Den nehme ich und keinen anderen!«

Die nette Dame vom Tierheim blickte skeptisch. »Sind Sie sicher? Der Kater ist ein absoluter Einzelgänger. Wir glauben, dass er niemals ein Haustier war, sondern auf der Straße gelebt hat. Jedenfalls stand er eines Abends hier im Hof wie ein Obdachloser, der für den Rest seiner Tage ein warmes Plätzchen sucht. Es wird nicht einfach mit ihm.«

Nun verbrachte ich Jahrzehnte mit meinem Friedhelm, bevor dieser endgültig in seine Stele zog. Mit komplizierten Männern kenne ich mich demnach aus. Ich konnte nicht anders. Dieser Kater und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls von meiner Seite aus. Ich bezahlte die Schutzgebühr von 30 Euro und bat die nette Dame vom Tierheim, mir den Kater zu reservieren, da ich noch einige Besorgungen für meinen neuen Hausgenossen machen musste.

»Keine Sorge, den schnappt Ihnen niemand weg«, meinte sie.

Ich tätigte eine größere Investition. Von der Transportbox, über ein geeignetes Katzenklo, über Kratzbaum, über Kuscheldecke, über Streu, Futter, Näpfe, Bürsten für die Fellpflege und besonderen Leckerlis; bis an den Hals beladen taumelte ich in mein Haus und machte es katzentauglich.

Danach fuhr ich wieder zum Tierheim. Und, Sie werden es nicht glauben, aber als ich die nagelneue Transportbox vor den Kater auf seinem Podest auf den Boden stellte, sprang er von seinem erhöhten Posten und stolzierte mit hoch aufgerichtetem Schwanz hinein! Die nette Dame vom Tierheim traute ihren Augen nicht. »Na, vielleicht seid ihr beide ja doch füreinander bestimmt.« Sie händigte mir die Impfausweise des Katers aus und, als ich mit John Carter vom Hof fuhr, winkte sie mir kopfschüttelnd hinterher.

In meinem Haus ließ ich meinen neuen Freund frei. Er interessierte sich nicht die Bohne für meine Neuerwerbungen, sondern sprang gleich auf Friedhelms Lieblingssessel, kringelte sich ein, warf mir einen verächtlichen Blick aus einem ganz und einem halb geöffneten Auge zu und schlief augenblicklich ein.

Als ich es leid war, auf eine Reaktion des Taschentigers zu warten, ging ich schließlich zu Bett. Er ist wohl eine Nachteule, denn als ich am nächsten Morgen aufstand, waren der Futternapf geleert, das Katzenklo benutzt, aber mein John Carter lag wieder, jegliche Ansprache meinerseits ignorierend, in Friedhelms Sessel.

»Naja, kommt Zeit, kommt Rat«, teilte ich ihm trotzdem mit. »Dich kriege ich schon hin!«

Witwe Clausen

Graue Tage von Witwe Clausen

Heute werde ich meinen Friedhelm in seiner Stele nicht besuchen. Stattdessen leiste ich mir den Luxus, einen Gammeltag einzulegen. Der Himmel ist düster, Sturm ist angekündigt; was spricht dagegen, einen gemütlichen Sofatag zu verbringen? Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen über den November beklagen. Eine bessere Ausrede als dessen Wetter gibt es nicht, um kuschelig in eine Decke gewickelt, innere Einkehr zu halten.

Ich mache mir viele Kerzen an, koche ausreichend Kaffee, gönne mir den ersten Christstollen des Jahres und lasse den dunklen Tag einfach Tag sein. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich mir bereits immer eine Katze zulegen wollte. Mein Friedhelm mochte diese Tiere nicht, da sie ihm in ihrer absoluten Unabhängigkeit  unheimlich erschienen. Katzen sind die einzige Spezies, die niemals vom Menschen domestiziert wurde, sondern sich ihm quasi freiwillig anschloss. Wo Menschen lebten, existierten Kornkammern und, wo sich Kornkammern befanden, ging der Vorrat an Mäusen und Ratten nie zu Ende. So profitierte einer vom anderen. Die Menschen wurden die Nagerplage quitt und die Katzen fanden ausreichend Futter.

Jetzt wird doch nichts aus meinem gemütlichen Haustag, denn, warum fahre ich nicht ins Tierheim und schaue mir die dort zu verschenkenden Taschentiger an? In meiner Kuscheldecken- und Kerzenidylle fehlt eindeutig eine schnurrende Katze! In den örtlichen Tierladen müsste ich dann auch noch, um das nötige Equipment zu besorgen. Friedhelm ist ja nicht mehr anwesend. Warum sollte ich mir nicht einen unabhängigen Hausgenossen besorgen? Die Betonung liegt auf Unabhängigkeit, denn die Witwer, die auf dem Friedhof um mich herum scharwenzeln, suchen doch nur eine neue Abhängigkeit. Eine Ersatzmama, eine niemals austrocknende Amme, eine Trösterin in einsamen Nächten und eine eifrige Haushälterin. Nein danke, meine Herren!

Dann lieber ein fetter Kater, der genau zugibt, mich nur ausnutzen zu wollen. Der nicht vortäuscht, was nicht vorhanden ist, auf meine Kosten lebt und es auch noch genießt. Wenn er auf meinen Schoß springen sollte, weiß ich, dass ihm in diesem Moment danach ist und er dies nicht aus falsch verstandenem Pflichtgefühl tut.

Mmh …. Einen Namen für ihn hätte ich auch bereits. Ich werde ihn, als eingefleischter Emergency Room Fan, John Carter nennen. Dann kann ich ihn Carter rufen und ihm das Gefühl vermitteln, nicht so vermessen zu sein, ihm einen Namen aufdrücken zu wollen.

Tut mir jetzt Leid für die jungen Leute, die hier diesen Blog betreiben, aber ich muss meinen Kugelschreiber niederlegen, denn ich habe noch gewaltig viel zu erledigen!

Witwe Clausen