Volksverhetzung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Justizminister Maas forderte Facebook in einem Brief dazu auf, rechtsradikale Äußerungen, Links und etliches mehr zu blockieren. Rein rechtlich sei das soziale(!) Netzwerk verpflichtet jeder Volksverhetzung vorzubeugen. Was mich zu der Frage bringt, was ist eigentlich Volksverhetzung? Wie ist sie nach Jahrzehnten der Aufklärung überhaupt noch möglich, wo doch jeder weiß, dass selber denken klug macht. Was ist aus dem guten alten Kant geworden mit seinem Aufruf: » Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« Weiterlesen

Hitzewelle II von Elke Balthaus-beiderwellen

Hunde sind schlauer als wir! Während unsereins in der Sonne backt und brät, um braun zu werden, verziehen sich meine Vierbeiner in den Schatten. Sie graben feuchte Erdlöcher aus, was meinem Garten eher abträglich ist, hecheln ergeben vor sich hin, legen sich in die kühle Kuhle und regen sich nicht. Wenn ich von A nach B laufe, schenken sie mir einen verständnislosen Blick, und ich sehe in ihren Augen, was sie denken: »Die Irre ist schon wieder unterwegs!« Sie gähnen träge, was ich als Kritik auffasse, recken und strecken sich tiefer in die Erde hinein, während ich nur daran denke, dass sie mein Haus wieder betreten werden und ich dann schweißtriefend staubsaugen muss. Vergeblich versuchen sie mir zu vermitteln, dass extreme Hitze extremen Stillstand erfordert, was mich die Südeuropäer verstehen lässt. Wärmerekorde sind mit Wirtschaftsrekorden nicht vereinbar!

Mein Hirn will immer noch Aktion; mein Körper weigert sich. Aber, wer sagt denn, dass ausschließlich die graue Substanz das Sagen hat? Wenn ich mir meine Hunde so betrachte, steht mir auch der Sinn nach einem kühlen Erdloch, einem kühlen Getränk und nach absoluter Regungslosigkeit. Wenn, ja wenn da nicht die Liste der heute zu erledigenden Pflichten wäre. Denn der größte Vorwurf wäre der der Faulheit. Kant, der zeit seines Lebens zu frieren schien, bemerkte schon, dass Faulheit das Bedürfnis nach Ruhe ist, ohne vorher etwas gearbeitet zu haben. Von diesem Verfechter des allgemeinen Pflichtgefühls hörten meine Hunde noch nie! Ich wünschte, ich hätte auch nicht davon gehört! Der kategorische Imperativ verliert bei über 40°C seinen Sinn! „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!« Was bedeutet dies jetzt in Bezug auf meine Hunde? Vielleicht beuge ich mich ihrem Imperativ!

 

Streitkultur von Tanja K.

Gestern las ich den Blog meines Mitautoren Paul Wiedebach, was mich dazu brachte über Tabuwörter bei Streitereien nachzudenken. Sie lauten: nie, immer, ständig, jemals, wenn und aber. Bringen Sie einmal in einen Satz oder einer Frage eines dieser Wörter an und die mögliche Diskussion ist gleich beendet. Relative Tabuwörter sind: hoffentlich, vielleicht, möglicherweise und wahrscheinlich. Eine Vorwurf wird dadurch doch merklich abgeschwächt. Königswörter in Diskussionen sind: zurzeit, im Moment, gerade eben, etc., also alle Worte, die sich auf die unmittelbare Gegenwart beziehen und Vergangenheit, sowie Zukunft außer Acht lassen. Hände weg von Verallgemeinerungen, subjektiven Rückschlüssen und Voraussagen! Außerdem redet man tunlichst nicht aus dem Bauch heraus, denn dann wird jeder Meinungsaustausch automatisch zum Streit. Man sollte auch jeden Satz nach Möglichkeit mit »ich« und nicht mit »du« beginnen. Eine Diskussion führt man mit klarem Kopf, ruhigem Atem und normaler Pulsfrequenz, alles andere ist Streit! Natürlich unterlässt man Beleidigungen und agiert auf gar keinen Fall unter der Gürtellinie. Merke: Ein Monolog ist niemals eine Diskussion! Diskussionen sind Dialoge mit ausgeglichener Redezeit! Wie meinte der gute alte Hegel? »Die Verwirklichung des Absoluten vollzieht sich im Dreischritt von These, Antithese und Synthese«. Anders sind Wahrheiten nicht zu finden. Konjunktiv und Imperativ sind zu vermeiden, genau wie oben bereits erwähnt jegliche Form der Vergangenheit und Zukunft. Fakten stehen im Indikativ und im Präsens, sonst sind es keine Fakten. Also alles eine Frage der Wortwahl, der richtigen Grammatik und einer ausgeglichenen emotionalen Grundhaltung. Wer sich nicht an diese einfachen Regeln hält, redet Bockmist, schwafelt bestenfalls vor sich hin, während der Rest der Welt weghört. Die Welt ist voll von Lamentierern, Fabulierern, Schönrednern, Schlechtrednern, also Menschen, die reden, weil sie Stille unentwegt mit Worten füllen müssen. Am Schlimmsten sind diejenigen, die in sich eine Art von Berufung spüren. Wobei sich die Frage stellt, wer oder was hat da gerufen? Fakt ist, dass gewisse Hirnstörungen mit Redezwang, Konfabulationen und Verkennung der Realität einhergehen. Wie heißt es so schön? »Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der Psychotiker wohnt darin und der Therapeut kassiert die Miete«. Während der Rest der Welt sich leider von selbst ernannten Propheten in den Schlaf wiegen lässt. Warum sollte es sonst so etwas wie die Bezeichnung »Volksverhetzung« geben. Zitieren wir doch einmal Kant: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.« Bezeichnenderweise spricht er von Unmündigkeit, was so viel wie »ohne Mund« heißt. In diesem Sinne ist sogar ein Streit besser, als jedes Schweigen.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin