Ewige Dinge von Elke Balthaus-Beiderwellen

Kennen Sie die ewig vergessenen Dinge? Mein Haus ist voll davon. Auf Regalen, Kommoden, in Dekoschalen und auf dem Küchentresen stauben Dinge vor sich hin, die irgendjemand aus meiner Familie einmal dort ablegte und die keiner wegräumt. Da liegt der Eiskratzer, den meine Jüngste vor Wochen kaufte, das Haargummi, das meine Älteste vor Monaten trug. Da liegt eine CD in ihrer Originalverpackung, die ich erwarb, weil ich sie unbedingt hören wollte. Prospekte und Schriftkram meines Gatten stapeln sich auf der Küchenfensterbank. In der Obstschale liegen noch die Kräuterbonbons, die gegen das Kratzen im Hals von letzten Frühjahr übrig sind. Auf der Badezimmerablage etliche Haarkuren mit Wundereffekt, die man doch nicht benutzt. Dinge, die man nicht wegwirft, aber auch nicht wegräumt. Etliche halb abgenagte Kauknochen meiner Hunde entdeckte ich gestern hinter dem Wohnzimmersofa und stellte fest, dass auch Tiere einen Hang zu ewig vergessenen Dingen besitzen. Fällt einem einer dieser Gegenstände in die Hand, überlegt man kurz, wohin man damit soll, bevor man ihn an seinen angestammten Platz zurücklegt. Der Platz war eigentlich als Provisorium gedacht, aber wird nun zur ewigen Ruhestätte. Weiterlesen

Hunde III von Elke Balthaus-Beiderwellen

Irgendwo in Afrika ist ein Museum geplant, das die kuriosen Sitten der Deutschen in Bezug auf ihre Hunde zeigt. So wie wir uns über seltsame Gebräuche aus dem schwärzesten Afrika wundern, ist uns die Verwunderung der Afrikaner gewiss, wenn sie sehen, welchen Aufwand wir mit unserem Kindersatz treiben, der auf ihren Kontinent als wild streunend und gefährlich gilt. Von Diamanthalsbändern über exklusive Trachtenbekleidung, von Schönheitssalon über Wellnessoasen, von Luxusfutter über Prachtbestattungen, nichts erscheint für den »besten Freund des Menschen« gut genug. So wie uns Schamanentänze, die wenigstens im Keim noch einen Sinn besitzen, befremdlich erscheinen, mag beim Afrikaner der Kult um unsere Vierbeiner, der noch nicht einmal im Keim einen Sinn besitzt, Erstaunen, wenn nicht Entsetzen hervorrufen. Weiterlesen

Nachbarschaft von Elke Balthaus-Beiderwellen

Der liebe Nachbar darf sich hüllenlos im eigenen Garten präsentieren, auch wenn die eigenen Kinder davon einen Schock für das Leben erhalten. Solange er nicht aus sexuellen Motiven Hand an sich legt, ist im eigenen Garten erlaubt, was gefällt. Hunde müssen sich hingegen an gewisse Bellzeiten halten. Von dreizehn Uhr bis fünfzehn Uhr ist die Mittagsruhe zu beachten und nach zweiundzwanzig Uhr hat Grabesruhe zu herrschen. Dies gilt auch für Kinder, die zwar nicht bellen, aber sich doch für einen gewissen Lärmpegel verantwortlich zeichnen. Belästigte Nachbarn sollten hier Lärmprotokolle führen und kurze Audioclips mit eingeblendeter Uhrzeit anfertigen. Weiterlesen

Wachhunde Von Elke Balthaus-Beiderwellen

Bei uns herrscht strenger Schichtwechsel. Sobald ich mich in mein Bett zurückziehe, um ein wenig Augenpflege zu betreiben, übernimmt Satchmo, unser Großer Schweizer Sennhund, die volle Verantwortung für Haus und Hof. Er postiert sich in der oberen Etage am Fenster und bellt, was das Zeug hält und sei es auch nur wegen eines Flug- oder Krabbelinsektes, das sich dorthin verirrte. Von seinem erhöhten Posten aus überblickt er große Teile der Hauptstraße vor unserem Heim und jeder harmlose Passant wird intensiv verbellt, damit er es nicht wagt, in die Nähe der Haustür zu kommen, auch wenn er es gar nicht vorhatte. Diese lautstarken Attacken halten so lange an, bis ich entnervt aufstehe. Sobald Satch hört, dass ich vehement meine Bettdecke zurückschlage, schließt er seine Augen und gibt nach spätestens zwei Sekunden ein tiefes Schnarchen von sich. Sein Wachdienst endet, wenn ich übernehme, und zwar rund um die Uhr! Weiterlesen

Hundehaare II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Seit unser Haus von Handwerkern überschwemmt wird, haart unser Großer Schweizer Sennhund Louis Armstrong, genannt Satchmo, stressbedingt wie ein neuer Mohairpullover. Ich meine, sogar einige kahle Stellen an seinem gewaltigen Körper wahrnehmen zu können. Meine Verzweiflung ob dieser Tatsache ging so weit, dass ich googelte: was tun bei stark haarenden Hunden? Weiterlesen

Hitzewelle II von Elke Balthaus-beiderwellen

Hunde sind schlauer als wir! Während unsereins in der Sonne backt und brät, um braun zu werden, verziehen sich meine Vierbeiner in den Schatten. Sie graben feuchte Erdlöcher aus, was meinem Garten eher abträglich ist, hecheln ergeben vor sich hin, legen sich in die kühle Kuhle und regen sich nicht. Wenn ich von A nach B laufe, schenken sie mir einen verständnislosen Blick, und ich sehe in ihren Augen, was sie denken: »Die Irre ist schon wieder unterwegs!« Sie gähnen träge, was ich als Kritik auffasse, recken und strecken sich tiefer in die Erde hinein, während ich nur daran denke, dass sie mein Haus wieder betreten werden und ich dann schweißtriefend staubsaugen muss. Vergeblich versuchen sie mir zu vermitteln, dass extreme Hitze extremen Stillstand erfordert, was mich die Südeuropäer verstehen lässt. Wärmerekorde sind mit Wirtschaftsrekorden nicht vereinbar!

Mein Hirn will immer noch Aktion; mein Körper weigert sich. Aber, wer sagt denn, dass ausschließlich die graue Substanz das Sagen hat? Wenn ich mir meine Hunde so betrachte, steht mir auch der Sinn nach einem kühlen Erdloch, einem kühlen Getränk und nach absoluter Regungslosigkeit. Wenn, ja wenn da nicht die Liste der heute zu erledigenden Pflichten wäre. Denn der größte Vorwurf wäre der der Faulheit. Kant, der zeit seines Lebens zu frieren schien, bemerkte schon, dass Faulheit das Bedürfnis nach Ruhe ist, ohne vorher etwas gearbeitet zu haben. Von diesem Verfechter des allgemeinen Pflichtgefühls hörten meine Hunde noch nie! Ich wünschte, ich hätte auch nicht davon gehört! Der kategorische Imperativ verliert bei über 40°C seinen Sinn! „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!« Was bedeutet dies jetzt in Bezug auf meine Hunde? Vielleicht beuge ich mich ihrem Imperativ!

 

Staub von Elke Balthaus-Beiderwellen

»Aus Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden!«(1.Mos. 3:19)

Den tiefen Sinn dieses Bibelverses verstehe ich erst seit einer Woche. Das Haus wird renoviert und ich bin von Staub umnebelt. Er befindet sich auf mir, in mir und rund um mich herum. Auf jede noch so kleine Fläche kann man problemlos mit dem Finger seine momentanen Gedanken notieren. Ein äußerst vergängliches Kunstwerk, das alsbald wieder von einer Staubschicht bedeckt ist. Meine schwarzfelligen Hunde vergrauen und mir graut vor der Sisyphosaufgabe dieses Staubes wieder Herr, bzw., Frau zu werden, wenn der letzte Handwerker die Tür hinter sich, dabei eine Staubwolke aufwirbelnd, schließt. Zwischenzeitlich Staub zu wischen lohnt nicht, wie ich schmerzlich erfahren musste, denn der sich in der Luft befindliche Staub weht und wogt und lässt sich auf gerade polierte Flächen nieder. Also kreiere ich Pollock-mäßige Kritzeleien auf den mir zahllos zur Verfügung stehenden Staubleinwänden. Ist ein Werk misslungen, wische ich es weg, warte ab, bis alles wieder vollgestaubt ist, und beginne von vorne. Gott sei Dank legt sich ein gnädig verbergender Schleier auf meine Brillengläser, den ich nicht wegwische, denn wer will seine Umwelt schon allzu deutlich im Augenschein nehmen, wenn sie der ewigen Vergänglichkeit anheimfällt. Und so tappe ich durch den grauen Nebel des Grauens und erkenne weder Horizont noch klare Linie. Die Konturen verwischen; ich werde eins mit dem Staub und bekomme einen Eindruck davon, was mir nach dem Tode blüht. Wenn ich die gerade getippten Zeilen lese, stelle ich fest, das mein Hirn ebenfalls zu Staub zerfällt. Die graue Substanz assimiliert sich mit ihrer Umgebung. Ich atme tief durch; der Luftstrom in meine Lungen stockt und ich huste Bröckchen. Ich schniefe und schnäuze mich und, was dabei zustande kommt, das zu beschreiben fehlen mir die Worte. Meine Hunde toben durch das Haus. Es bilden sich Staubverwirbelungen, Staubsäulen, ja, komplette Staubwände. Zeitweise ist das wilde Duo meinen Blick entzogen, und ich kann mich der Illusion hingeben, die Staubstöberer wären nicht da. Gerade Satchmo, der große Schweizer taucht dann aber riesig aus dem Nebel auf wie der Hund von Baskerville und ich erschrecke, bevor mir wieder einfällt, was für ein gutmütiger Trottel er ist. Richie, der Minihund erscheint als überdimensionierte Ratte aus der grauen Wolke. Ich springe auf und beruhige mich erst, als er fröhlich mit dem Schwanz wedelt, was Ratten meines Wissens nicht tun. Des Nachts bette ich mein Haupt auf ein Kissen, das mich in Kalkstaub hüllt und morgens muss ich zweimal hinschauen, um zu erkennen, wer der graue Kerl mit der weißen Perrücke da neben mir ist. Im Moment reicht es mir. Ich schnappe mir die Hundeleinen und gehe mit dem Hund von Baskerville und der Riesenratte an die frische Luft.

 

Hundegesetz von Elke Balthaus-Beiderwellen

Eigentlich wollte ich heute Morgen lediglich unseren neuen Hausbewohner Satchmo – eine großen Schweizer Sennhund – bei der Gemeinde anmelden. Bekam dann aber erst einmal jede Menge Hundekotbeutel in die Hand gedrückt und einen umfangreichen Merkzettel zum neuen Hundegesetz in Niedersachsen. Danach müssen alle Hunde einen elektronischen Chip (Transponder) eingesetzt bekommen (§ 4 NHundG). Hat er bereits, dachte ich erleichtert. Dann muss eine Tierhalterhaftpflichtversicherung mit der Mindestversicherungssumme von 500.000 Euro für Personenschäden und von 250.000 Euro für Sachschäden abgeschlossen werden( 5 NHundG) – also erst einmal gleich meine Versicherungsmaklerin anrufen, ob diese Summen gedeckt sind. Dann braucht man seit neuestem einen als Hundeführerschein bezeichneten Sachkundenachweis für alle Hunde gemäß § 3 NHundG. Hierzu müssen eine theoretische und praktische Sachkundeprüfung bestanden werden. Brauche ich jetzt nicht, weil ich seit 1994 lückenlos Hundebesitzerin bin und man mir zutraut, dass ich mit den Viechern umgehen kann. Den letzten Punkt muss ich aber noch für unsere beiden Hunde erfüllen, nämlich sie beim niedersächsischen Hunderegister eintragen lassen. Hätte ich mir doch einen Kanarienvogel angeschafft! Weiterlesen

Mein Morgen von Elke Balthaus-Beiderwellen

Was war ich heute Morgen kurzfristig stolz auf mich! Satchmo unser riesiger Großer Schweizer Sennhund darf ja nicht mehr ins Wohnzimmer, während ich dort meine Morgengymnastik absolviere, weil es mit Gefahr für Leib und Leben für mich verbunden ist, wenn ich bauchmuskelübenderweise auf dem Boden liege und der Hund fröhlich auf mir herumtappst. Heute Morgen schien er es endlich kapiert zu haben, dass ich diese halbe Stunde in absoluter Isolation verbringen will, denn er versuchte weder durch die Wohnzimmertür zu brechen, noch versuchte er auf dem Umweg über draußen, durch die Terrassentür einen heftigen Angriff zu starten. Zwar tobte er mit Richard unserem Jack-Russel-Mix heftig durch den Flur, aber das störte mich nicht. Solange bis in aus dem Wohnzimmer kam und in Küche und Flur eine Schneelandschaft aus statisch aufgeladenen winzigen Styroporkugeln vorfand. Weiterlesen

Mein Hund und ich von Elke Balthaus-Beiderwellen

Manchmal überlege ich, ob sich der ganze Ärger lohnt. Besonders nachdem mir Satchmo, unser Großer Schweizer Sennhund – das groß ist hier wörtlich zu nehmen – tapsig mit seinen Riesenpfoten bei meiner Bodengymnastik ins Gesicht gesprungen ist. Ich sah aus, als wäre ich gegen einen der Klitschkos angetreten! Während ich noch dabei war, die Blutungen aus Mund und Nase zu stillen, zerkaute er fröhlich die Lehne meines Luxusmassagesessels und sah mich bei meiner Rückkehr ins Wohnzimmer derart treudoof an, dass ich ihm tröstend den Kopf streichelte. Weiterlesen