Herdenführung in Zeiten der Massentierhaltung

Von Anna-Luisa Schlimmbach, zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende der „UWFC“

Gestern war ich bei Judith, der Frau des CEO. Sie hatte natürlich schon vom Projekt „Schafseminar“ gehört und sich köstlich darüber amüsiert. Sie ist überzeugt, dass wir von Schafen nichts über die Menschen lernen können. Ich war wieder einmal ratlos und muss auch entsprechend geguckt haben, schließlich war ich gerade erst zur Erkenntnis gelangt, dass das Gegenteil der Fall ist und wir wirklich etwas bei den Schafen lernen können. Judith lächelte mich an und wartete wohl darauf, dass bei mir der Groschen falle. Mir fiel aber beim besten Willen nicht ein, was sie gemeint haben könnte und gnädig erlöste sie mich.

„Sieh mal, Anna-Luisa, ein Onkel von mir hat vor Jahren in großem Stil in die Schafzucht in Neuseeland investiert. Ich war schon als Kind, gemeinsam mit meinen Cousins und Cousinen, dort und konnte mir das ganze von Nahem ansehen. Schafe werden in der Regel immer noch so gehalten, wie es seit Jahrtausenden üblich ist. In großen Herden folgen sie ihr ganzes Leben einfach den angeborenen Instinkten. Manchmal haben sie vielleicht Stress, wenn bei Gefahr Angst oder gar Panik in der Herde aufkommt, aber immer können sie mit ihren instinktiven Verhaltensweisen reagieren. Ihr Gefühl ist nie verlegen um die richtige Reaktion auf die Umstände. Sieh dir dagegen das Leben der meisten Menschen an! Ständig müssen sie ihre Gefühle unterdrücken und sind verzweifelt auf der Suche nach gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensnormen. Ständig im Zweifel, ob sie gerade das Richtige tun, entwickeln nahezu alle mehr oder weniger ausgeprägte Neurosen und enden, im günstigsten Fall, in einer Psychotherapie. Ihr Leben ist zerrissen zwischen den Anforderungen der arbeitsteiligen Moderne mit all ihren Folgeerscheinungen. Während ihrer Arbeit befriedigen sie, gegen Bezahlung,  die Bedürfnisse anderer Menschen. Die Entfremdung nimmt immer weiter zu und durch die technisch bedingte Spezialisierung werden sie selbst zu einem immer kleineren Rädchen in einer immer gigantischeren Verwertungskette. Der Beitrag des Einzelnen zum Endprodukt des Unternehmens, für das er tätig ist, wird kleiner und kleiner, bis zur Unkenntlichkeit. Nach Feierabend wechselt er die Rolle, vom fremdbestimmten Bestandteil eines anonymen Produktionsprozesses zum – vorgeblich – autonomen Konsumenten und wird da nur wieder manipuliert von Verwertungsprozessen, deren Bestandteil er gerade eben noch war. Die einzelnen Menschen verlieren die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen und am Ende sind sie sogar unfähig, ihre Bedürfnisse überhaupt noch zu erkennen. Ab diesem Punkt sind sie das ideale Opfer der Manipulation durch Andere. Und diese Anderen, das sind eben Leute wie mein Hubertus. Wenn ihr etwas über die Menschen erfahren wollt, solltet ihr euch lieber Einrichtungen zur Massentierhaltung ansehen.“

Mein gerade erst errichtetes Gedankengebäude stürzte – einmal mehr – in sich zusammen. Hilflos sah ich sie an und fragte, warum ihr Mann  uns dann zu den Schafen schicke. „Na, das ist doch klar! Er will wissen, wie weit bei euch die Degenerierung schon fortgeschritten ist. Ob eure Instinkte noch stark genug sind, um Führungsaufgaben zu übernehmen. Stell dir vor, er spielt sogar mit dem Gedanken, den Schäfer zum Personalchef zu machen!“ Lachend sah sie mich an. Mein Gesichtsausdruck muss entsprechend gewesen sein. Der Schäfer als Personalchef! Langsam zweifelte ich an Willmehrs Verstand. Allerdings, je mehr ich darüber nachdachte, um so weniger abwegig schien mir die Idee. Der wusste bestimmt, wie man die Instinkte Anderer zu deren Manipulation einsetzt. Willmehr schickt uns zu den Tieren, damit wir etwas über den Schäfer lernen. Den sollen wir beobachten, wie der das mit der Führung macht. Klar! Da hätte ich auch selbst drauf kommen können! Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob ich die anderen Seminarteilnehmer darauf aufmerksam machen soll, oder ob ich den Wissensvorsprung für mich behalte, um vielleicht in den Augen unseres CEO als Einzige den Test zu bestehen. Darüber muss ich erst einmal in Ruhe nachdenken, sind schließlich noch ein paar Wochen bis zum Seminarbeginn.

Ach ja, über’s Finanzsystem wollte ich auch noch referieren. Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich zur Zeit, beim besten Willen, nicht dazu komme. Aber das kommt noch! Bestimmt!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

Herdentiere von Tanja K.

Allmählich gerate ich zu der Überzeugung, eine Art von Autistin zu sein, denn mit dem ständigen Geschreibsel über Schafherden hier in diesem Blog komme ich nicht klar. Wahrscheinlich eine besondere Pathologie von mir, meine A-sozialität, denn als Zwangsmitglied einer Herde fühlte ich mich noch nie wohl. Je mehr »Schafe« um mich herum, desto größer mein Fluchtinstinkt als wären es Wölfe. Und, wenn wir ehrlich sind, handelt es sich bei den meisten von uns um den berühmten »Wolf im Schafspelz«. Der verlogene, nur mühsam getarnte Egoismus des »Herdentieres Mensch« bereitete mir seit jeher Brechreiz. Dieses falsche Lächeln, die geheuchelte Zustimmung, die »Katzenfreundlichkeit« innerhalb menschlicher Gruppen. Das »Übereinander Herziehen«, wenn einer nur kurz die Gruppe(?!) verlässt. Dieses Verbiegen und Verbeugen, obwohl man innerlich das Raubtiergebiss zeigt. Ja, rutscht mir doch meinen ehrlich gezeigten Katzenbuckel herunter!

Jetzt wollen die AA`s mir noch einreden, ich wäre der Störfaktor. Nun gut, betrunken war ich es, aber nüchtern konnte und kann ich Gruppen-Euphorien nicht ertragen. Muss ich auch nicht, fällt mir da gerade ein. Um meine Kernfamilie kümmere ich mich weiterhin, aber der ganze Rest geht mir langsam am A …. vorbei. Man beobachte nur aufmerksam ein Gespräch. Spätestens nach zwei Minuten verschleiern sich die Augen des zum Zuhören verdammten im Sinne von: »Rede du nur, interessiert mich total nicht, was du da von dir gibst!« Jeder wartet doch nur auf die kurze Lücke im Satz, in der er endlich zu Wort kommt und schon verschleiern sich die Augen des Anderen. Leuchtende Augen hat nur derjenige, der gerade »am Wort ist«.

Wahrscheinlich sprießen deswegen die gekauften, professionellen Zuhörer wie Pilze aus dem Boden, obwohl sich alle Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen meiner Ansicht nach im Grunde genommen nur selbst therapieren wollen. Was ist ein Therapeut anderes als ein gekaufter Freund? Endlich einmal einer, der mir zuhören muss, denn schließlich habe ich bezahlt!

Machen Sie doch einmal eine Probe. Reden Sie minutenlang von sich und bitten Sie dann Ihren »Gesprächspartner« um eine kurze Zusammenfassung dessen, was sie gesagt haben. Sie werden dreierlei ernten: 1. Unverständnis, 2. Verwirrung, 3. Gestammel.

Bestenfalls hat Ihr Gegenüber noch Ihren ersten Satz im Kopf, denn danach gingen seine Gedanken auf Wanderschaft bezüglich eigener Einwände und Vorstellungen. Was noch positiv ist; dann war er wenigstens rudimentär bei Ihnen. Wahrscheinlich langweilte ihn Ihre Darbietung aber derart, dass er im Geiste bei den Dingen ist, die ihm weit wichtiger erscheinen als Sie und Ihr Gerede.

Umgekehrt könnte es natürlich auch daran liegen, dass man nur den Mund aufmachen sollte, wenn man tatsächlich etwas zu sagen hat.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

Gammelfleisch von Paul Wiedebach

Jetzt besitzen wir in meiner Grafschaft einen ausgewachsenen Gammelfleischskandal, der natürlich durch zwei Whistleblower zutage befördert wurde. Was mich zu der Frage bringt: Läuft denn überhaupt nichts mehr lege artis ohne Menschen, die bereit sind »aus dem Nähkästchen zu plaudern«?

Die beiden Mitarbeiter einer Fleischfabrik in Bad Bentheim gingen ihrer Anstellung verlustig und wagen es nicht, in den Medien ihr Gesicht zu zeigen, aus Angst vor weiteren Racheaktionen von Seiten der Firma.  Nach ihren Aussagen verarbeitete der Fleischbetrieb bereits grün verfärbte Fleischabfälle und, wenn die Angestellten dies monierten, zwang man sie, die Klappe zu halten und die verweste Masse in die Fleischwölfe zu werfen.

Leider aß ich, während die Berichterstattung im Fernseher lief, ein Mettbrötchen, von dem ich plötzlich nicht mehr wusste, ob es hinein oder besser sofort wieder hinaus sollte.

Was denkt sich solche Sorte Mäuse, wie die Betreiber der Fabrik eigentlich? Fresst und sterbt von mir aus, Hauptsache bei mir klingelt die Kasse? Denken diese Auswürfe der Hölle, denen es nicht möglich zu sein scheint, wenigstens die elementarsten Regeln des guten Geschmacks einzuhalten überhaupt? Sind wir nur noch von Geldhaien umzingelt?

Ja, ja und nochmals ja!

Ich weiß, das Zeitalter, in dem wir uns als vertrauensvolle Schafherde gebären konnten, ist lange vorbei, wenn es diese Zeitspanne jemals gegeben haben sollte. Die Hirten waren in Wahrheit immer die wissend grinsenden Wölfe.

Wir können beinahe täglich von derartigen Nachrichten überrascht(!) werden, »das Schweigen der Lämmer« ist bleiern in seiner Duldsamkeit. Schöne Grüße an Tanja K.! Manchmal bedauere ich es lebhaft, nicht das Zeug zum Alkoholismus zu besitzen.

Wieso liegen wir nicht alle friedlich aufgrund von irgendeiner Droge in der Sonne und lassen die Ratten rennen?

Ich kann es Ihnen sagen, weil wir vom Geschmeiß unserer Gesellschaft bereits eine Droge namens Konsum bekamen. Wir wiegen uns im falschen Rausch und stolpern blöde vor uns hinblökend in jede Richtung, die uns die Finanzwelt vorgibt. Nicht die Mogule sind des Denkens nicht mächtig; wir sind es!

Also lasst uns weiter das verschimmelte Fleisch in uns hinein stopfen. Wir verdienen es nicht besser.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Herdentrieb von Tanja K.

Zu den dämlichen Ausführungen unseres CEO kann ich nur ein chinesisches Sprichwort zitieren. »Schafe gehen in Herden, Adler fliegen«.

Aber dies soll heute gar nicht mein Thema sein. Nachdem ich nun eine Weile stocknüchtern bin, fällt mir auf, wie verlogen die Menschen um mich herum sind. Nun ja, ich log auch, was den Alkohol betraf. Leugnete überhaupt getrunken zu haben, gab nie genaue Mengen an, wenn meine Trunkenheit zu offensichtlich wurde und über die zahlreichen Verstecke in unserem Hause will ich gar nicht reden. Aber, meine Verlogenheit bezog sich ausschließlich auf den Alkohol. Jetzt höre ich bereits das Protestgeschrei, zu trinken wäre die größte Lüge von allen, doch dies schert mich nicht mehr.

Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, musste ich feststellen, nachdem ich genau hinhöre und Aussagen verifiziere, indem ich nachfrage.

Wenn das Wetter nicht so offensichtlich vor Augen läge, würde dort ebenfalls vertuscht, beschönigt, verleugnet und verdrängt.

Im Moment weiß ich nicht mehr, wem ich noch glauben schenken darf und mir selbst glaube  ich noch am allerwenigsten. Ich kann mir gut vorstellen, dass den AA nichts anderes bleibt als die »Höhere Macht«, um sich über jeden einzelnen Tag zu retten. Verbündete sind rar und absolutes Vertrauen ist nicht möglich. Da muss Gott herhalten, aber über Ihn weiß man ebenfalls nichts Genaues und man steht als trockener Alkoholiker reichlich blöd da.

Wie tief geht diese Verlogenheit? Ist man selbst von dem überzeugt, was man für andere hörbar von sich gibt? Und, warum scheint sie dermaßen überlebenswichtig zu sein?

Nach langem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nichts über die Tiefe der Verlogenheit im Gegenüber sagen kann. Über den Grund bin ich mir so weit im Klaren, dass es mit der Urangst vor dem Verlassen werden zu tun haben muss.

Wobei ich unbeabsichtigt bei der Herde lande, denn der Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutet für ein Tier den sicheren Tod. Für ein Tier, wohl gemerkt!

Und für den Menschen?

Ist es für ihn nicht eher so, dass er nur von Nutzen für eine Herde sein kann, wenn er unter Beweis gestellt hat, dass er in der Lage ist, alleine zu überleben und der Anschluss an die Herde einen Akt der Freiwilligkeit darstellt? Von beiden Seiten?

Mir fallen da die Initiationsriten bei einigen Naturvölkern ein. Beweise uns, dass du für dich stehen kannst, dann bist du willkommen! Einer Menschenhorde ist mit blind folgenden Herdentieren wenig gedient, wie die Geschichte zeigt, und ich darf doch davon ausgehen, dass wir mehr Grips besitzen als Schafe.

Oder irre ich mich in diesem Punkt schon wieder?

Tanja K. Anonyme Alkoholikerin

Zwei- und vierbeinige Herdentiere

Von Manno Janssen, Tierwirtschaftsmeister Schafzucht

Tja, was soll ich sagen? Nu trainier ich also Manger. Ich wollt‘ ja erst nich‘, aber dieser Willmehr hat so lange gedrängelt, bis ich nachgegeben habe. Für das Geld, was der mir zahlen will, muss ich schon ’ne Menge Schafe verkaufen.

Was die hier bei mir lernen wollen, is‘ mir echt ’n Rätsel. Obwohl, wenn ich’s recht bedenke: eigentlich kein großer Unterschied zwischen die Schafe und die Menschen. Wenn ich nur an meinen Jan denke, also mein bester Bock, mit dem ich auf der letzten Körung den ersten Preis geholt hab‘. Wie der immer rummacht, wenn die Mutterschafe brünstig sind. Wie bei meinen Söhnen, also nich‘ bei den Schafen, bei ihren Freundinnen mein‘ ich. Dieser Willmehr meinte auch, Schafe und Menschen sind Herdentiere, also können die Manager ’ne Menge lernen hier bei mir. Nur dies‘ junge Ding, das er mit hatte, schien nich‘ so angetan davon, ’n paar Tage mit die Schafe zu verbringen. Aber da war er unerbittlich. Irgendwas mit Frauenquote hat er gesagt. So was gibt’s bei meinen Jan nich‘, glaub ich jedenfalls. Der nimmt, was er kriegen kann, obwohl er manchmal ganz schön Stress mit die Jungböcke hat. Erst ’n paar Monate alt und schon wollen die auch. Mit sonne Frauenquote, also jedem Bock seine Mutterschafe zugeteilt,  wär’s bestimmt ruhiger inne Herde. Iss ja man bei den Menschen, also inne zivilisierte Welt, auch so geregelt. Monogamie heißt das, glaub‘ ich. Aber wenn man sich so umkuckt, scheint den Leuten das immer weniger zu gefallen. Kommen zusammen, wieder auseinander, denn mit’n Neuen und wieder auseinander. Und Kinder hammse auch oft von verschiedene Männer. Manchmal auch weit und breit kein Kerl in Sicht und trotzdem Blagen. Aber mit diesen neuen Gentest können die Männer sich wenigstens wehren, wennse meinen, dass ihnen was untergeschoben wird. Bei meine Schafe, also die, die gekört sind, muss ich auch höllisch aufpassen, dass der richtige Bock zum Zuge kommt. Deswegen haben die Zuchtböcke alle so Stempelkissen unter’n Bauch, da siehste bei den Mutterschafen anhand der Farbe gleich, wer drauf war. Wär bestimmt mal interessant, sowas bei die Menschen einzuführen. Wenne dann deine Perle auspackst und die hat ’n Stempel vom Nachbarn drauf. Muss ja richtig schlimm sein inner Geschäftswelt, wenn die da jetzt extra ’ne Frauenquote einführen. Dabei machten der Willmehr und die junge Dame eigentlich nen ganz gesitteten Eindruck. Na, geht mich auch nichts an. Soll’n die mal kommen, die Manager mit ihren Quotenfrauen und sich meinen Jan und seine Herde bekucken. Ich werd‘ Ihnen anschließend  berichten, wie es bei diesen Finanzheinis wirklich zugeht. Versprochen!

Manno Janssen, Tierwirtschaftsmeister Schafzucht