Glauben von Paul Wiedebach

»Das geht bestimmt auf das Konto der Leipziger!« Selten waren meine Göttergattin und ich uns derart einig, als wir vom Abbruch des Fußballspiels Osnabrück gegen Leipzig erfuhren. Nähere Einzelheiten erfuhren wir zwar nicht, aber wir gingen in der Gewissheit schlafen, dass sich unsere Vorurteile spätestens in den Frühnachrichten bestätigen würden. Dann heute Morgen die Überraschung! Es handelte sich um einen Osnabrücker, der völlig planlos dem Schiedsrichter der Partie ein Feuerzeug an den Kopf und so die eigene Mannschaft aus dem Rennen warf! Meine Holde und ich sahen uns schamrot an. Wir wussten genau, was im Kopf des jeweils anderen vorging. Vorverurteilung aufgrund von angeblichen Gewissheiten, die nicht auf Prüfung von Fakten, sondern auf Annahmen beruhen. »Aber sonst sind es immer die Leipziger«, wagte meine Frau einen vagen Versuch der Selbstverteidigung. »Ja, sonst …«, mehr fiel mir auch nicht dazu ein. Weiterlesen

Glauben von Paul Wiedebach

Wir sind alle gläubige Menschen. Aufgefallen ist es mir, als ein Test ergab, dass 40 % der Dämmmaterialien, mit denen wir brav unsere Häuser einpacken, nicht den Anforderungen entsprechen. Wir glauben alles und allen. Dem Banker die profitable Geldanlage, dem Steuerfachmann die Steuererklärung und dem Lehrer in Gemeinschaft mit dem Ergotherapeuten, dass unser Kind ADHS hat. Wir glauben dem Dachdecker, dass unser Flachdach nun endlich dicht ist. Wir kaufen der Autowerkstatt alle erforderlichen Reparaturen und teuren Ersatzteile ab, und wir lassen uns von einem lange verkalkten Hausarzt behandeln, weil wir ihn schon immer konsultierten. Wir glauben unserem Arbeitgeber, dass wir noch nicht kompetent genug für eine Beförderung sind, nehmen unseren Ehepartnern den Beistand in schlechten Zeiten ab und glauben, dass aus unseren mittlerweile vierzigjährigen Kindern doch noch etwas wird. Wir glauben weiterhin, dass in Verpackungen ist, was draufsteht und wir glauben an faire Arbeitsbedingungen bei Billigimporten aus dem fernen Ausland. Was mich fast schon zu der Ansicht bringt, dass der Glauben eine Hirnfunktion ist, die uns am Leben erhält. Wir glauben fest daran, unseren nächsten Geburtstag noch zu erleben, doch wissen können wir nur, was jetzt, in diesem Moment in unserer unmittelbaren Umgebung geschieht, obwohl wir dies auch nur eher flüchtig erfassen und unser Hirn einiges nur konstruiert, weil es einen stimmigen Ablauf braucht. Wir wissen nicht, ob der Traum die Realität und das, was wir für die Realität halten nur der Traum ist. Dass sich der Wasserfleck an der Decke unter dem Flachdach weiter ausbreitet, halte ich allerdings für Realität und ärgere mich ob meines Leichtglaubens. Meines Erachtens der Hauptgrund für Ärger, der Leichtgläubigkeit überführt zu werden. Da würden wir auf der Stelle alle Fachleute lynchen, wenn sie zur Stelle wären. Ein Problem, das durchaus vermeidbar wäre, wenn alle einmal, auch die selbsternannten Genies unter uns, gemeinsam den Satz übten: »Ich weiß es im Moment nicht!« Wären Sie beleidigt, wenn ein Fachmann zu ihnen sagte: »Ich weiß es im Moment nicht, aber ich mache mich gerne für Sie schlau.« Meine Großmutter pflegte immer zu sagen: «Für dumm verkaufen, kann ich mich selber, das brauchst du nicht zu tun.« Wenn ich mir meinen Wasserfleck so betrachte, werde ich diesen Satz in Zukunft viel häufiger zum Einsatz bringen. Kostenvoranschlag beim Zahnarzt oder in der Autowerkstatt? »Für dumm verkaufen …« Die Gesichter möchte ich sehen! Auf der Arbeitsstelle rechts von einem Dussel überholt werden? »…, kann ich mich selber, das brauchen Sie nicht zu tun!«, lässt bestimmt den Mund des Chefs offen stehen. Natürlich besteht auch die Gefahr auf der Stelle gekündigt zu werden, aber man wurde wenigstens nicht »für dumm verkauft« und ist den latent schwelenden Ärger los. Andererseits bringt es eine enorme Erleichterung mir sich, zu sagen: »Ich weiß es im Moment nicht.« Halten Sie dies einmal konsequent durch. Alle, die sowieso nicht an einer Antwort Ihrerseits interessiert sind, gehen Ihnen in Zukunft bestimmt nicht mehr auf die Nerven! Zwei einfache Sätze und das Leben wird um Vieles leichter.

„Uber“ von Dr. Bremer

Die Taxifahrer bekommen ihre eigenen Heilpraktiker. Unter »Uber« kann sich jeder Vollblutlaie als professioneller Personenbeförderer betätigen. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Es reicht, wenn man weiß, wo beim Auto vorne ist. Also ungefähr der gleiche Wissensstand wie bei den »Nichtheilkundigen« der Medizinbranche. In der Politik ist das schon lange Usus, denn ich kenne nur wenige, die auf diesem Feld tätig sind, die eine Grundausbildung in diesem Fach genossen. Warum überhaupt Diplome, Zertifikate, Meisterbriefe und derlei mehr? Im Zeitalter der App. bietet jeder alles an und wenn man bedenkt, dass die Fehlerquote beim Fachmann wie beim Amateur gleich hoch ist, kann man sich eine Menge Geld und Zeit sparen. Da können wir Ärzte und die Apotheker heilfroh sein, dass die Patienten aufgrund ihrer Krankenversicherung nicht auf der Stelle selbst in ihre Geldbörse greifen müssen, denn sonst würde es Apps wie Appendektomie to go geben und Medikamente würden zum Sonderpreis über das Internet bestellt. Geiz ist eben geil und die Einstellung, dass das, was etwas wert ist, auch seinen Preis besitzt, gehört nun wirklich der Vergangenheit an. Warum überhaupt noch fundierte Ausbildungen, wenn man sich über Google Grundkenntnisse im Eigenstudium erwerben kann? Die meisten, die zu mir kommen, haben ihre mögliche Erkrankung bereits im Netz recherchiert, kennen Behandlungsmöglichkeiten, deren Prognosen und Nebenwirkungen bis ins letzte Detail, vertun sich aber immer noch bei der Diagnose, weil, ja weil in manchen Bereichen die Internetdienste noch sehr fehlerhaft sind. Da werden doch sehr viele Kolibris gesichtet, wo Spatzen wahrscheinlicher erscheinen. Das Häufige ist deswegen häufig, weil es häufig, und das Seltene, selten, weil es eben selten ist. Aber ich war ja noch bei den Amateurdiensten. Der allgemeine Sparzwang geht bereits so weit, dass man sein Leben in die Hände eines Laien legt. Ich stelle mir gerade die Uber-App in Bezug auf Flugdienste vor. Schließlich gibt es jede Menge Privatpiloten und wenn einer von denen von A nach B fliegt, warum sich nicht einfach dazusetzen, wenn man auch dorthin will? Da man von der Materie viel weniger Ahnung hat, als vom Autofahren, bleibt einem ein Urteil über die Künste des Piloten erspart, und es bleibt einem gar nichts anderes übrig als gottgegeben zu vertrauen. Es wird allgemein von einem Rückgang des zwischenmenschlichen Vertrauens geredet, aber meiner Ansicht nach war es nie größer! Man isst und trinkt unhinterfragt, wirft Pillen ein, setzt sich in waghalsige Fahrgeschäfte, betreibt Bungee-Jumping ohne das Seil nachgemessen zu haben, absolviert Tandemfallschirmsprünge, macht seinen Tauchschein dort, wo er am billigsten ist, folgt einem bekifften Guide in die exotischsten Gegenden und überlässt den Weltfrieden dem amerikanischen Militär. Flüge können gar nicht billig genug sein. Da bekommt der Ausdruck »Abenteuer Leben« gleich eine ganz andere Dimension! Je größer die Böswilligkeit der Geschäftemacher, desto größer die Gutgläubigkeit des Verbrauchers. Ein direkt proportionales Verhältnis, wenn man so will. Da wird allgemein über den Rückgang der Gläubigkeit diskutiert, dabei war der allgemeine Glaube nie verbreiteter. Aus irgendwelchen Gründen glauben die meisten von uns an einen guten Ausgang, egal, welchen Blödsinn sie auch veranstalten. Aber, wie heißt es so schön? Glauben heißt: Nicht wissen.

Dr. Bremer, Landarzt

Gewissheiten von Maria Mitscherlich

Natürlich macht sich der Großteil der Menschen, die ich kenne, über meine Überzeugung lustig, dass Engel um uns herum sind. Meiner Meinung glauben selbst die größten

Atheisten an irgendetwas, obwohl sie keine Beweise dafür haben. Da werden Ehen geschlossen, in der fraglichen Gewissheit, dass sie ein Leben lang halten. Da werden Kinder in die Welt gesetzt, in der Annahme, dass ihnen dereinst die Welt zu Füßen liegen wird. Da wird morgens fröhlich aus dem Haus gegangen, mit dem zweifelhaften Glauben, abends auch wieder zurück zu kehren. Da wird demnach auf Dinge vertraut, für die es absolut keine Garantie gibt. Was ist denn gewiss in dieser Welt? Das Universum kennt so viele Variablen, dass wir sie niemals überschauen können und es ist noch nicht einmal gewiss, dass wir morgen früh putzmunter die Augen aufschlagen werden. Natürlich müssen wir die Unendlichkeiten der Ungewissheit ausblenden, denn sonst wäre ein Leben nicht möglich und wir würden zitternd und zagend im Bett verharren, aus lauter Angst davor, was alles schief gehen könnte, aber die Gewissheit, dass es in der Vergangenheit immer so war und auch in alle Zukunft so bleiben wird, ist die illusionärste von allen. Schlimmer noch als mein Engelglauben. Gewiss ist nur, dass wir eines Tages sterben werden, der Rest ist Glauben. Ja, meine lieben Anhänger das Unglaubens, ihr seid die Gläubigsten von allen, denn ihr lebt in der felsenfesten Annahme, dass ihr ganz allein euer Schicksal in der Hand habt. Ihr glaubt so fest an das Ursache-Wirkungprinzip, dass der Papst dagegen wie ein Heide erscheint. Ihr habt den Allmächtigen durch den Glauben an die eigene Wirkmächtigkeit ersetzt, obwohl es keinerlei Beweise dafür gibt, dass ihr auch nur die kleinste Kleinigkeit im Griff habt. Deswegen ist das Leben für euch eine endlose Kette von Ent-Täuschungen. Und wenn ihr dann alt und grau seid, kommt ihr zu derselben Erkenntnis, die Sokrates schon hatte: »Ich weiß, dass ich nichts weiß!«

Es ist unmöglich, dass Geschehen um einen herum in den Griff zu bekommen. Es gibt nur eines, dass man einigermaßen in den Griff bekommen kann, und das ist die eigene Person, obwohl ich auch daran meine Zweifel habe, denn wenn ich mich umschaue, muss ich feststellen, dass es keinem gelingt. Es scheint derart schwierig zu sein, dass es jenseits aller Fähigkeiten liegt, die dem Menschen gegeben sind. Wenn ich die alten Griechen noch einmal zitieren darf, denn es stand über dem Orakel von Delphi der weise Ratschlag :«Erkenne dich selbst!« Ohne Gewissheit über die eigene Persönlichkeit, gibt es-außer dem Sterben- keine Gewissheit über irgendetwas, denn solange man sich nicht über sich selbst im Klaren ist, gilt das Pipi-Langstrumpf-Prinzip: »Ich mach mir die Welt, wide-wide-wie sie mir gefällt. In Bezug darauf gibt es rosafarbene und pechschwarze Brillen und wir sind jeder Fähigkeit beraubt, die Dinge objektiv zu sehen und sind Opfer einer Gläubigkeit, über die sich jede Weltreligion freuen würde. Der größte Irrglaube ist der Glaube an die eigene Person bar jeder Selbsterkenntnis.  Glaube gründet sich schon seit jeher auf Nicht-Wissen, und wenn ich nichts über mich selber weiß, dann weiß ich überhaupt nichts und bin hilflos, blindes Opfer eines allgegenwärtigen Glaubens. Dann kann ich mit der gleichen Berechtigung an Engel glauben, wie daran, dass alles irgendwie gut enden wird. Da glaube ich doch lieber an meine Engel als an die Happy- End-Theorie.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin