Wut von Tanja K.

»Auch wenn Sie es mir nicht ansehen; ich habe in der Tat eine Verärgerung.« Nie wurde blanke Wut mehr verbrämt als durch unseren Verkehrsminister Dobrindt, nachdem ihm die EU Steine in den Weg seines Wegezolls für Ausländer legte. Haben Politiker Gefühle, oder handelt es sich bei ihnen um Phrasenroboter? Weiterlesen

Staub II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Während der Innenbauarbeiten in unserem Hause beging ich den Fehler den Staub zu wegzuwischen, obwohl er zum großen Teil noch durch die Luft wirbelte. Fazit: Alle Anstrengungen waren für die Katz. Und wieder lehrte mich dieses leicht-luftige Material eine gewichtige Lektion für das Leben. Wie oft wollen wir etwas zu einem endgültigen Ergebnis bringen, während sich unsere Gefühlswelt noch in Aufruhr befindet. Anstatt in Ruhe abzuwarten und alles sacken zu lassen, erzwingen wir Zwischenlösungen, die nichts taugen. Nehmen wir einmal die Griechenlandkrise. Sämtliche Verhandlungen kann man regelrecht in den Wind schreiben, solange emotionale Schuldzuweisungen die Hauptrolle spielen. Solange sich die Gefühle »dicht im Raume stoßen« wie Staubpartikel bekommt man keinen glasklaren Konsens und, solange ein Wirbelwind, ein Aufrührer, dazwischen fährt, regiert das Provisorium.

So wenig wie sich ein aufgewühltes Meer kontrollieren lässt, entziehen aufgewühlte Gefühle Situationen jedweder Kontrolle. Selbst Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden sollte.

Daher werde ich, schwer genug, still warten bis sich die Wirbel um mich herum gelegt haben, um erst dann zur sinnvollen Tat zu schreiten. Obwohl es mich in allen Gliedern juckt und zwickt und es mich dazu drängt, aufzuspringen und zwecklos in alle Richtungen gleichzeitig aktiv zu werden. Blinden Aktionismus nennt man dies. Tätig werden um der Tat willen. Damit, wenn schon sonst nichts beruhigt ist, wenigstens das schlechte Gewissen schweigt.

 

Emoticons von Elke Balthaus-Beiderwellen

Zurzeit erliege ich einem neuen Trend. Ich verschicke Emoticons, diese Zeichen für »lange Rede, kurzer Sinn«. Ich erspare mir somit die »lange Rede« und überlasse, das, was ich sagen will einer Comicfigur, die mit ihrem Küsschen, Grinsen und Schmollgesicht mehr sagt, als »tausend Worte«. Sie gibt, besser als ich es jemals könnte, meine innere Befindlichkeit beim Verfassen einer Nachricht wieder. Ich brauch also nicht erst gründlich meinem Gefühlszustand mühsam in Worte fassen, was im Zeitalter der »schnellen Nachricht« unangemessen wäre. Wo käme ich denn da hin, wenn ich meinem virtuellen Gegenüber auch noch Zeit widme? Weiterlesen

Gefühle von Paul Wiedebach

Heute Morgen gab es eine kurze Diskussion am Frühstückstisch. Meine Frau und ich hatten es über Verstand und Gefühl. Was kommt zuerst. Irgendwie ging es um das Henne und Ei Problem. Während meine Gattin der Ansicht war, dass sie nur an etwas Unangenehmes denken müsse und schon wäre das entsprechende Gefühl da, war ich der Ansicht, dass Gefühle von sich aus entstehen und das Großhirn habe dann seine liebe Mühe, sie unter Kontrolle zu bekommen. »Warum sollte der Körper von sich aus Gefühle produzieren?«, fragte meine Frau. »Was vorher nicht im Kopf war, zieht auch nicht in den Bauch. Man kann sich durch negatives Denken den ganzen Tag versauen. Das beste Beispiel dafür sitzt übrigens bei mir zuhause!« »Du wirst doch wohl nicht behaupten wollen, ich hätte schlechte Laune, weil ich schlechte Laune haben will?«, entgegnete ich erbost. »Aber klar doch. Vom Aufschlagen der Augen an denkst du an alles Negative, das im Laufe des Tages auf dich zukommt, anstatt dem Positiven, das sich auch ergeben könnte, ebenfalls eine Chance zu geben. Ist dir einmal aufgefallen, dass dein erster Satz des Tages mit den Worten beginnt: Heute muss ich schon wieder …? Während dir ein: Heute könnte ich einmal, gar nicht in den Sinn kommt.« Hm, diesen Angriff konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. »Wahrscheinlich willst du mich nur mit zu deinem Yoga und deiner Meditation schleppen!« »Gott bewahre, du kannst ja nicht einmal zwei Minuten still sitzen. Jedenfalls habe ich bei einer Meditation, bei der ich an nichts denke, auch keine Gefühle, Punktum.« Damit stand sie auf und ließ mich allein. »Warum muss sie ständig das letzte Wort haben?«, dachte ich und ärgerte mich entsprechend. »Das hat sie von ihrer Mutter«, wurde ich langsam wütend.«Ob das noch lange gut geht?«, machte sich Hass in mir breit. »Wieso habe ich damals unbedingt heiraten wollen«, mischte sich nun auch Verzweiflung in meinen Gefühlscocktail. »Keiner versteht mich, nicht einmal die eigene Frau!«, stieg Selbstmitleid in mir auf. Hoppla! Wurde mir dann mit einem Mal bewusst, könnte meine Frau vielleicht Recht haben? »Du willst doch wohl nicht zugeben, wieder einmal im Unrecht zu sein?« Eindeutig Stolz! Diesem Phänomen musste ich auf den Grund gehen. Während ich noch am Frühstückstisch saß, gelang es mir, die gesamte Gefühlspalette durchzuspielen, indem ich nur an entsprechende Situationen dachte. Wenn ich also in einer bestimmten Stimmung bin, könnte es durchaus sein, dass mich eine nicht beachtete Gedankenkette in sie versetzt hat. Die Botenstoffe des Hirns sind immer die gleichen, macht nur meine Bewertung verschiedene Gefühle daraus? Setzt ich höchstpersönlich das Störfeuer in Gang, dass kurzfristige Entspannung in heillose Hektik verwandelt? Ist alles um mich herum zunächst einmal neutral, bis ich es deute? Und, was ist mit dem Einfluss von außen? Können andere manipulativ auf unserer Gefühlsklaviatur spielen? Letztendlich treffe ich doch die Entscheidung darüber, wie eine Bemerkung bei mir ankommt. Was natürlich einen permanenten Zustand der Bewusstheit voraussetzt. Denken ich nun zu viel oder zu wenig? Wie groß ist meine Macht über das, was sich unentwegt in meinem Oberstübchen abspielt? Gedanken an- und abstellen wäre vielleicht der erste Schritt. Ich muss doch meine Frau einmal fragen, wann der nächste Meditationskurs läuft.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Stimmungen von Witwe Clausen

Kennen Sie das? Wenn man mit sich alleine ist, brausen einem die Gedanken durch das Hirn, was man unbedingt dieser und jener Person ungepflegt an den Kopf werfen möchte. Aber, wenn einem die betreffende Person gegenübersitzt, weiß man nicht mehr, was man eigentlich sagen sollte. Mir geht es mit meinem Friedrich so. Ich bin kaum aufgestanden, da rasen meine Gedanken über Themen, die schon lange abgehakt sind. Wenn ich dann auf meiner Bank vor seiner Stele sitze, erscheint alles, was morgens noch eminent wichtig war, wie Schnee von vorvorgestern. Wie kommt es, dass momentane Stimmungen einen derart vereinnahmen können? Was bislang weiß war, wirkt pechschwarz und man will es sofort ändern, aber, kaum zwei Minuten später, ist aus schwarz wieder weiß geworden, weil man aus einem inneren Dialog heraus, die Dinge mit einem Mal vollkommmen anders sieht. Mein Friedrich war lieb. Nein, er war böse und egoistisch. Es ist gut, dass er weg ist, aber ich vermisse ihn furchtbar. Wer soll sich da noch auskennen. John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge ist zu beneiden, denn er denkt nicht. Zumindest erweckt er den Anschein. Entdeckt er ein von der Sonne bestrahltes Fleckchen, legt er sich hinein und dann passiert außer, dass er dem Sonnenstand folgt, stundenlang sehr wenig. Er hat es warm; er hat es ruhig; er schmatzt im Traum, räkelt sich gelegentlich genüsslich; er ist voll und ganz in der Situation und gibt sich ihr hin. Vergangenheit und Zukunft interessieren ihn nicht, denn für den Moment ist alles in Ordnung, warum sollte er ihn ändern?

Gestern tat ich es ihm gleich, was heißen soll, ich versuchte es. Ich rückte mir meinen Sessel und meinen Fußhocker in die durch das Wohnzimmerfenster hereinfallende Sonne, setzte mich, legte die Beine hoch und schloss die Augen. Dieser Zustand hielt genau zwei Minuten an, dann öffnete ich die Augen wieder und beschaute mir die Zimmerdecke, wobei ich jede Menge Spinnweben entdeckte, die mir bei meinem Frühjahrsputz entgangen sind. Also stand ich auf, holte meinen Wedel und beseitigte die Störenfriede meiner Meditation. Da ich den Blick streng nach oben richtete, trat ich John Carter auf den Schwanz, was er mit einem Kreischen und mit einen vorwurfsvollen Blick aus anderthalb Augen quittierte, bevor er in seine Sonnenstarre zurückfiel. Ich setzte mich ebenfalls wieder. Die Sonne beschien meinen Bauch, aber bevor mir die Augen zufielen, kam mir in den Sinn, dass ich womöglich noch anderes Spinnwerk in meinem Haus übersehen hatte. Ein kurzer Kontrollgang überzeugte mich vom Gegenteil. John Carter öffnete sein halbes Auge und starrte mir verständnislos nach. Wieder zurück in meinem Sessel, fiel mir brandheiß ein, dass die Blumen in der Vase vor Friedrichs Stele gestern schon halbtrocken aussahen und bei der intensiven Sonneneinstrahlung, würden sie heute ganz vertrocknet sein, was etlichen Friedhofsbekannten negativ aufstoßen könnte. Ich erhob mich seufzend, warf dem sich in der Sonne räkelnden John Carter einen neidischen Blick zu und macht mich auf den Weg zum Friedhof. Bei der Gelegenheit wollte ich Friedrich auch noch sein Schnarchen vorhalten, das mich unzählige Nächte lang wach hielt. Vor der Stele angekommen stellte ich fest, dass die Blumen es noch einen weiteren Tag tun würden und das Friedrich mir immer die Füße im Bett wärmte, wenn sie zu Eisklumpen erstarrt waren. Der Vortrag über Schnarchbelästigung und der Blumenwechsel erübrigten sich. Ich dachte an John Carter in seiner Sonneninsel und hatte es auf einmal furchtbar eilig nachhause zu kommen.

Witwe Clausen

Entschlackung von Tanja K.

Was ist aus den Primärgefühlen geworden?

Hass ist zu Gehässigkeit verkommen, Trauer zu Wehleidigkeit, Wut zu Selbstzerstörung und Ekel zu Übersättigung. Wann in unserem Leben teilte man uns mit, dass unsere ureigensten Gefühle keine Existenzberechtigung besitzen und nicht gesellschaftsfähig sind. Wir regen uns zwar über alles und jedes auf, aber diese Erregung bleibt an der Oberfläche. Wir gehen unserer Erregung nicht mehr auf den Grund. Erregung ist zunächst einmal neutral. Sie beinhaltet aber meistens ein Urgefühl, dass alles sein kann, von der sexuellen Anziehung bis zur Ablehnung ein Gegenüber betreffend, aber fragen wir uns jemals, was genau der Andere da gerade in uns auslöst?

So oberflächlich die Erregung, so oberflächlich auch die Beziehungen. Eine wirkliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, da sie auch zu zeitintensiv und zu anstrengend wäre. Da beschäftigt man sich doch lieber mit dinglichen Ablenkungen aller Art. Spannung wir überall gesucht, besonders in den Extremen, wobei die Spanne von der Extremsportart zum Extremberuf bis zur Extremsucht reicht. Unsere Mitmenschen sind halt nicht spannend, da keiner mehr offenbart, was er wirklich denkt und fühlt.

Gehässigkeit, Wehleidigkeit, Selbstzerfleischung und Übersättigung sind eher lästig und hinterlassen nur ein vages Gefühl der Beunruhigung, was zu Schlaflosigkeit und Bluthochdruck führt.

Also fragt man tunlichst nicht nach. »Was willst du mit dem, was du da faselst, eigentlich sagen?« Wer weiß schon, welche Lawinen er damit ins Rollen bringt. Und, wer weiß schon, ob ihn nicht eine dieser Lawinen ebenfalls überrollt. Wer tief gräbt, stößt ja nicht zwangsläufig auf Gold. Obwohl die Möglichkeit bestünde. Und so stoßen wir niemals auf Gold, da wir wohlweislich nicht tief graben. Auch in uns selber nicht.

Deswegen meiden wir Momente der Stille, hungern nach der nächsten Abwechslung, auch wenn sie nur darin besteht, den Fernseher anzuschalten oder ins Internet zu gehen.

Was wohl alles zutage tritt, wenn wir in uns graben, wollen wir nicht so genau wissen, denn auch dort, vermuten wir, bzw., wurde uns beigebracht, sind die Goldadern rar gesät.

Gerade im Frühjahr lache ich mich halbtod, da überall »Entschlackungskuren« für den Körper angepriesen werden, obwohl dieser mit mehreren, sehr effektiven Entgiftungsorganen ausgestattet ist, die automatisch ihre Arbeit verrichten. Seelische Entschlackungskuren sichtete ich noch nicht, obwohl die Seele nur ein, höchst selten genutztes Entgiftungsorgan besitzt, den Sprechapparat. Freud sprach nicht umsonst bei seinen Behandlungen von »Redekuren«.

Gibt es einen schlimmeren Zustand, als eine lebendige Seele zu besitzen und nicht in der Lage zu sein, ihr Ausdruck zu geben?

Ich denke, es ist dies, was uns Rainer Maria Rilke mit seinem Panther-Gedicht sagen wollte:

»Der Panther:

Sein Blick ist vom

Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er

nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend

Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben

keine Welt.

Der weiche Gang

geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten

Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft

um eine Mitte,

in der betäubt ein großer

Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf – dann

geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder

angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu

sein.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin