Weltmännertag von Paul Wiedebach

»Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr ist Männertag! Wofür brauchen wir noch einen Weltmännertag?« Wütend blickte meine Göttergattin von ihrer Tageszeitung auf.

»Um all der geknechteten Männer zu gedenken, die alles sein dürfen, nur keine richtigen Männer mehr. Die Steinzeit ist lange vorbei und aus dem Keulen ist ein fortgesetztes Kuschen geworden. Ich wette, die kleinen Jungs, bei denen Hyperaktivität diagnostiziert wird, sind die einzigen männlichen Geschöpfe, die sich noch ihrer Natur gemäß verhalten.«

»Wie würde das aussehen, wenn du dich deiner Natur gemäß verhieltest?«

Ich würde dir sofort diese dämliche Zeitung aus der Hand reißen, dich ins Schlafzimmer schleppen und dir zeigen, was es heißt, ein Mann zu sein. Dies dachte ich natürlich nur, denn, was würde sie von mir denken, wenn ich es laut ausspräche? Dass ich ein hilfloses Opfer meiner morgendlichen Lust wäre? Nein, diese Blöße wollte ich mir nicht geben!

»Ich warte auf eine Antwort!« Meine Herzallerliebste legte ihre Lektüre weg und sah mich interessiert an. »Würdest du gerne auf die Jagd oder Angeln gehen, dich in einer Horde Gleichgesinnter sinnlos betrinken ,dich ein einer Fankurve heiser grölen oder eine Rockermotorradtour unternehmen?« Weiterlesen

Ziele von Tanja K.

Da beim FC Bayern nur das Triple als Erfolg zu rechnen ist, kann man das verlorene Spiel gegen Borussia Dortmund in der DFB-Pokal-Runde nur als Komplettverlust werten. Hinzu kommt das fast sichere Ausscheiden in der Champions League. Zwar sind sie deutscher Meister, aber wo kein Dreifachsieg, da überhaupt kein Sieg. So ist das nun einmal mit den Zielen. Werden sie zu hoch gesteckt, bleibt man ewiger Verlierer, egal, was man erreicht. Wo ist das gute alte »Dabei sein ist alles« hin? Was sowohl für den Sport und ganz besonders auch für das Leben gilt. Weiterlesen

Doping im Fußball von Elke Balthaus-Beiderwellen

Weil »nicht sein kann, was nicht sein darf« galt der geheiligte Fußball bislang als letzte Enklave des dopingfreien Raumes. Nun fanden doch die Idioten die Untersuchungskommission Freiburg heraus, dass in den 70er und 80er Jahren systematisch beim Flächenvolkssport Nr.1 systematisch mit Dopingmitteln gearbeitet wurde. Welche Überraschung!!! Ich arbeitete viel zu lange in einer sportmedizinischen Praxis und, was ich dort an verlangtem »Fitspritzen« für das kommende Spiel bei Kleinkleckersdorfligen erlebte, geht gegen jede medizinische und sportliche Ethik. Weiterlesen

Polenspiel von Paul Wiedebach

Normalerweise bin ich kein Fußballfan, aber das EM-Qualifikationsspiel der deutschen Mannschaft gegen Polen sah ich mir an. Und, was habe ich mich gefreut! Für die Polen und mit den Polen, denn in Warschau wurde Geschichte geschrieben! In Zukunft wird der historische Sieg gegen Deutschland zu den Daten gehören, die zukünftige Schüler auswendig zu lernen haben. Für die Deutschen freute ich mich auch, denn sie spielten überragend, waren die klar überlegene Mannschaft und hatten 28 Torchancen! So konnten beide Teams mit sich und der Welt äußerst zufrieden sein. Wären da nicht die zwei klitzekleinen Schönheitsfehler in Form von polnischen Toren, aber, wie der Kölner ganz richtig sagt: »Mann muss auch jönne, könne.« Der Enthusiasmus der Polen war derart mitreißend, dass mich meine Frau daran erinnern musste, dass ich Deutscher und kein Pole bin. Woraufhin ich sie daran erinnerte, dass mit diesem Sieg der Polen jede historische Schmach innerhalb von 90 Minuten hinweggefegt wurde. Was mich heute Morgen dazu bringt, darüber nachzudenken, warum wir Kriege führen, wenn man alle Konflikte auch mit einem simplen, sportlichen Wettkampf lösen kann. Ich glaube, ein chinesischer Kaiser hat dies einmal gemacht. Es ging darum, ob eine Volksgruppe sich unterwerfen sollte und geklärt wurde dies mit einem Fußballspiel. Elegant, muss ich da sagen. Es wurde kein Blut vergossen, außer, dass die Mitspieler der unterlegenen Mannschaft von den eigenen Leuten geköpft wurden, was im Vergleich zu einem Massensterben doch recht überschaubar ist und vor allen Dingen den Ehrgeiz der Spieler weckt! Laufverweigerung und mentale Dissonanzen sind auf diese Art und Weise von vorneherein ausgeschlossen. Daran lag es übrigens, dass die deutsche Elf verlor. Kurz vor dem Torabschluss kam bei ihnen mental so einiges durcheinander, wie ich heute Morgen erfahren musste. Sie hatten quasi während des Spiels ihren Kopf verloren. Bei der Androhung, nach einer Niederlage des Hauptes verlustig zu werden, kommt so etwas während des Spielverlaufes nicht mehr vor! Außerdem könnte man so den offensichtlichen Blutdurst der Fans kanalisieren. Sie müssen nicht mehr aufeinander losgehen, sondern könnten ihren Frust gleich an den eigentlichen Verursachern abreagieren. Was mit den Trainern und Betreuern der unterlegenen Mannschaft damals in China geschah, ist nicht überliefert. Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass sie das gleiche Schicksal ereilte.

Man stelle sich vor, es gäbe keine Kriege mehr auf der Welt, sondern nur noch Fußballspiele! Wer Weltmacht ist, wird alle vier Jahre während der WM entschieden und wer in Europa das Sagen hat, bei der EM. Die unterlegenen Spieler müssen ja nicht gleich hingerichtet werden; ein bisschen Folter ist ja durchaus ausreichend. Das Prämiensystem versagt ja auf ganzer Linie, wenn es um die Erweckung von sportlichem Ehrgeiz geht. Warum es also nicht einmal anders herum versuchen? Bleibt nur ein winziges Problem. Ich glaube nicht, dass Fußballspieler dann noch zu den Traumberufen gehören wird.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Freistoßspray von Dr. Bremer

Sollten Schiedsrichter die neue Errungenschaft im Fußball einsetzen, so ist das eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Strafe von 5-55 Euro belegt werden kann. Der TÜV moniert, dass die Aufschrift auf der Spraydose in Spanisch dort steht, dass sich keine Sicherheitszertifikatkennzeichen auf derselben befinden und, last but not least, es sind hormonähnlich wirkende Parabene im Inhalt entdeckt worden. Da wird Europas Männlichkeit en Masse feminisiert durch hormonähnlich wirkende Weichmacher in Plastikumhüllungen aller Art, aber dies stört den deutschen TÜV nicht. Vielmehr macht er sich Sorgen um den Fußballrasen, auf dem busenähnliche Buckel durch die Einwirkung des Sprays entstehen könnten. Was den Spielverlauf erheblich beeinträchtigen würde. A: durch Behinderung des Balles, B: durch Ablenkung der Spieler. Bei der WM ins Brasilien ist dieser Effekt nicht aufgetreten, was aber daran liegen kann, dass dort selbst der Rasensamen den Machismo quasi im Erbgut trägt, aber wie sich das auf feminisierte Hybride in deutschen Stadien auswirkt, ist noch nicht abzusehen.

Vielleicht müsste dem Spray ein Beipackzettel in allen Sprachen der Welt beiliegen, in dem auch die kleinste Nebenwirkung in aller Schauerlichkeit geschildert wird. Was mich zu einem meiner Lieblingsthemen bringt, die Beipackzettel. Meterlang und unverständlich jagen sie meinen Patienten eine Heidenangst ein. Da wundere ich mich, warum manche Medikamente nicht anschlagen, bis mir der Patient nach wochenlanger Behandlung gesteht, er hätte die Tabletten nicht eingenommen, weil er den Beipackzettel gelesen hat. Da kann man nichts machen. Danach wird zumeist zaghaft eingestanden, es zunächst mit »Kügelchen« versucht zu haben, denn die hätten schließlich keine Nebenwirkungen. Da kann ich so oft erklären, wie ich will, dass etwas, was keine Nebenwirkungen besitzt, auch keine Wirkung hat, der Denkfehler wird nicht eingesehen.

Man könnte die Freistoßspraydose auch mit zahllosen Warnhinweisen versehen, wie es so wunderbar bei den Zigarettenverpackungen funktioniert. Besonders bei eingefleischten Rauchern bewirken die Aufschriften ein sofortiges Aufhören, weil sie bislang noch nicht wussten, was sie sich da antaten. »Vorsicht! Enthält hormonähnlich wirkende Parabene!«, wäre doch angebracht. Vielleicht stand es in Spanisch bereits auf der Dose, warum sonst wären manche Fußballer wie die Karnickel gehüpft, damit das hochgefährliche Spray nicht mit ihren Schuhen in Berührung kommt. Der Einzige, der möglicherweise in direkten Kontakt mit dem Spray gerät, ist der Schiedrichter, wenn er sich aus Versehen selbst besprüht. Wer weiß, vielleicht war die ausgeprägte Neigung der Unparteiischen bei der letzten WM, sich nicht eindeutig entscheiden zu können bereits eine Auswirkung des feminisierenden Sprays? Ein Tropfen und schon gerät jeder rein sachlich reagierende Verstand aus den Fugen. Die Spätfolgen wären erst dann erkennbar, wenn jeder Schiedsrichter in Zukunft einen BH unter seinem Trikot trägt und jede Entscheidungen erst nach ausführlichem Gespräch mit den Aktiven und mit dem Publikum getroffen wird.

Dr. Bremer

Weltmeister von Dr. Bremer

Meine Praxis ist heute Vormittag leer wie nie. Ist ja auch kein Wunder. Ganz Deutschland muss sich von dem schwer erkämpften und erfeierten WM-Gewinn erholen. Auch ich saß bis in die Puppen vor dem Fernseher und sah mir bis zur letzten Minute alles an, was es zu sehen gab. Danach taumelte ich in mein Bett, wohl wissend, dass ich ab 7:30 Uhr wieder meinen Mann zu stehen hätte. Pünktlich betrat ich meine Praxis, aber, weit und breit kein Patient zu sehen, was mir die Gelegenheit gibt, über Placeboeffekte von Fußballweltmeisterschaften nachzusinnen. Wenn ich mir überlege, welche Überredungskünste ich einsetzen muss, um gestandene Männer dazu zu bringen, sich eine Platzwunde nähen zu lassen und sehe, wie sie brutal am Spielfeldrand mal eben zusammen getackert werden, ohne eine Schmerzreaktion der Adrenalin und Testosteron gesättigten Spieler hervorzurufen, dann denke ich darüber nach, wie solche Effekte auch im normalen Sprechstundenalltag zu bewirken wären. Vielleicht stelle ich ein Tischfußballgerät im Nähraum auf und trete zunächst gegen den Verletzen an. Wenn es Spitz auf Knopf steht, bringe ich einen Tacker zum Einsatz, danach geht die Partie weiter. Schultern einrenken, Brüche richten, eingewachsene Fußnägel extrahieren, Furunkel spalten, die Zeiten der Lokalanästhesie sind passe´. Wenn das »starke Geschlecht« trotzdem an Flucht denkt, kommt Strafstoßspray zum Einsatz, mit dem ich eine Linie markiere, die nicht überschritten werden darf. Von Weltmeisterschaften lernen, heißt siegen und vor allen Dingen sparen lernen! Meine Arzthelferinnen könnten ihre Zeit besser nutzen, als beim Festhalten von zappelnden Patienten. Vielleicht hindere ich ADHS-Jungs an der Verwüstung meiner Praxiseinrichtung mithilfe eines Schaumkreises. Wer weiß? Auch die Zeiten des Gedränges am Empfangstresen wären vorbei, wenn ich Sprayhemmschwellen zum Einsatz brächte. Tätliche Angriffe durch schwer suchtmittelgestörte Kundschaft? Freistoßspray! Wenn ich jetzt einmal durchrechne, wie viel Ärger, Zeit und Kosten durch einfachste Mittel erspart werden könnten, wird mir schwindelig. Keine Nadeln, kein Nahtmaterial, keine Lokalanästhetika, kein Anruf bei der örtlichen Polizei, wenn es allzu turbulent zu werden droht. Auch eine Schiedsrichterpfeife werde ich mir zulegen. Allzu viel Gesöre und Geklage? Ein Pfiff und Freistoß für den behandelnden Arzt. Rote und gelbe Karten wären auch nicht schlecht. Nach zwei Gelben gibt es die Rote und das heißt: Praxisverweis und Sperrung für das gesamte Quartal! Während ich auf meiner Behandlungsliege diese Möglichkeiten resümiere, klopft es leise an die Tür zu meinem Sprechzimmer. Sie wird einen Spalt breit geöffnet und Oma G.`s Kopf erscheint. Mit 88 Jahren so gesund wie man nur sein kann, aber leider immer zu einem Schwätzchen aufgelegt und offensichtlich von der Tatsache unbeleckt, dass Deutschland Weltmeister geworden ist. Wie gerne hätte ich jetzt eine rote Karte!

Dr. Bremer, Landarzt

Allergien von Paul Wiedebach

Am Freitag musste meine Gattin unbedingt einen Grillabend mit Public Viewing in unserem Garten veranstalten. Wir kauften also groß ein, was zu einem derart zünftigen Ereignis gehört. Grillfleisch, Grillfisch, Grillgemüse, Alkoholika, die Zutaten für Salate und jede Menge Aufbackbrot. Zum Nachtisch wollte meine Holde eine dreischichtige Quarkspeise zubereiten, natürlich in den Nationalfarben. Einen Großteil unserer Freund hatten wir lange nicht gesehen und, laut meiner Frau, waren wir sowieso »mal dran«, was eine umfangreiche Einladung betraf. Leider hatten auch alle ab 17:00 Uhr Zeit, da sie sich für das Viertelfinale der DFB-Elf nichts vorgenommen hatten. Selbst die Fußballmuffel waren noch völlig frei, was ihre Planung betraf und ich dachte nur, dass es auf die vier Personen nun auch nicht mehr ankäme. Meine Frau schnibbselte und schnibbelte zwecks Salatbuffet in der Küche, während ich in der Nachbarschaft einige Holzkohlegrills zusammenlieh, denn wir besitzen derlei nicht. Zwar hält mir meine Gattin seit Beginn der WM vor, wir sollten uns diesen Grill besorgen, für den Thomas Müller immer Werbung macht, aber ich weigere mich, dafür eine Summe auf den Tisch zu legen, mit der man spielend einen Gebrauchtwagen erwerben könnte.

Kurz vor 17:00 Uhr stand alles parat. Das Buffet, samt nationaler Quarkspeise war aufgebaut, die Getränke gekühlt und fünf Leihgrills kokelten vor sich hin.  Bald trudelten auch nach und nach unsere Freunde ein, begutachteten das Angebot und damit fing der Ärger an. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass alles vertreten war, was es an Besonderen die Ess- ,Trink- uns Lebensgewohnheiten betreffend gibt. Die Vegetarier schreckten vor Fleisch und Fisch zurück, die Veganer lehnten den Eiersalat vehement ab und die Frutarier Salat per se, da sie nur Pflanzenprodukte essen, bei denen dem Grünzeug kein Haar gekrümmt wird. Die Glutenallergiker konnten mit dem Brot nichts anfangen, wohingegen die Laktoseintoleranzler angewidert auf die Quarkspeise schauten. Die Abstinenzler wollten nur pures Leitungswasser, Rauchgegner zogen sich in eine qualmfreie Ecke unseres Gartens zurück und die Fußballmuffel protestierten lautstark gegen die Inbetriebnahme des Fernsehers. Eva und Georg hatten ihre Sprösslinge dabei, die andauernd fragten, ob da denn Nüsse drin wären. Die Zahnschmelzfetischisten wollten nur Zuckerfreies und eine Freundin von uns, die auf Diät war, wog alles und jedes ab, bevor es in ihrem Mund wanderte.  Die Eiweiß- und Fettfraktion wollte keine Kohlehydrate und die Kohlehydratanhänger kein Eiweiß oder Fett. Die Nitrosaminvermeider lehnten Holzkohlegrills prinzipiell ab und erkundigten sich nach einem Gasgrill. Monika hatte ihre Adrenalinspritze dabei, weil sie auf jedes Stechinsekt mit einem Schock reagiert und verstand nicht, nachdem sie unser Haus inspiziert hatte, warum wir weder Fliegengitter noch Moskitonetze besitzen. Kathrin hatte ihren Sunblocker vergessen und zog sich unter den Sonnenschirm zurück, bis die Sonne untergegangen war, während Jutta jeden Sonnenstrahl förmlich in sich aufsaugte, denn das sei gut gegen ihre Depression. Einige bedauerten, dass sich die Nahrungsmittel nicht mehr in der Originalverpackung befanden, denn sie hätten gerne vor dem Verzehr die aufgedruckte Lebensmittelanalyse gelesen. Günther isst grundsätzlich nur regionale Produkte und bemängelte die goldenen Ananas in der Quarkspeise. Ich wurde gefragt, warum ich keine Aluminiumfolie unter das Grillgut lege, was diejenigen, die sich vor Nanopartikeln aller Art fürchten eher begrüßten. Susanne schaute dauernd zwecks Pollenfluginformation auf ihr Smartphone und meinte, dass sie sich überhaupt nicht draußen aufhalten dürfe.

Nachdem ich feststellte, dass meine Gattin ihr Rotweinglas gar nicht so schnell wieder füllen konnte, wie sie es austrank, tat ich es ihr nach. Was mir einen Tadel einbrachte, weil wir immer noch auf Wein mit Korkverschluss stehen, obwohl Metallkronkorken weit hygienischer sind. Nach anderthalb Flaschen Wein kam mir der Gedanke, warum ich mir Fußball ansehen sollte, denn es wäre weit interessanter, unsere Gäste gegeneinander antreten zu lassen. Irgendwann war mir auch das egal. Zu später Stunde war ich heilfroh, dass kein Vollmond am Himmel stand, denn wer weiß, welche seltsamen Allergien und Verhaltensweisen dieser wieder ausgelöst hätte. Auch diese Befürchtung trank ich nach und nach weg. Übrigens hatten weder ich noch meine Frau am nächsten Morgen eine Ahnung, wie die Fußballspiele ausgingen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Viertelfinale von Paul Wiedebach

Der Super-GAU ist eingetreten. Gestern war meine fußballverrückte Gattin nach der ersten Halbzeit des Spiels Deutschland-Algerien derart nervlich ausgepowert, dass sie beschloss ins Bett zu gehen. Nicht, ohne mir vorher den Auftrag zu geben, dass Debakel bis zum Ende durchzuhalten und sie, nur im Falle eines deutschen Sieges, zu wecken. Was tut man nicht alles, damit die holde Gattin ihren Schlaf bekommt! Also saß ich gähnend und nur mühsam die Augen aufhaltend vor der Flimmerkiste, schaute bis zum Ende der Verlängerung und schlich dann nach oben ins Schlafzimmer. Erst nach mehrmaligen Anläufen reagierte meine Frau auf meine Weckversuche und öffnete widerwillig ein Auge. Zwei zu eins für Deutschland flüsterte ich ihr todmüde ins Ohr, woraufhin sie putzmunter mit den Worten: »Und jetzt Autocorso!«, aus dem Bett sprang.

»Nur über meine Leiche und über deine auch, wenn du dich nicht sofort wieder hinlegst und Ruhe gibst«, giftete ich. »Spaßverderber! Ich gehe mir jetzt noch die Nachberichte ansehen!« Sprach`s und verließ das Schlafzimmer. Von unten hallte der Fernseher zu mir herauf, aber übernächtigt, wie ich war, kroch ich, ohne mir die Zähne zu putzen, ins Bett und rollte mich schmollend in meine Decke ein.

»Mann, war das ein Scheißspiel«, weckte mich meine Frau. Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass ich eine Stunde Schlaf bekommen hatte. Meine Gattin war in Plauderlaune. »Hätte kurz vor Schluss doch in die Hose gehen können!« »Weiß ich Schatz, ich habe es gesehen«, gab ich flüsternd zurück. »Aber, Hauptsache weiter. Darum geht es doch. Der Spielverlauf ist egal; der Sieg zählt, oder wie siehst du das?«

»Wie sehe ich was?«, war ich schon halb wieder eingeschlafen. »Nie hörst du mir zu, wenn ich etwas mit dir besprechen will. Also, ist der Weg das Ziel, oder ist das Ziel das Ziel?« »Wie bitte?« »Soll man in Schönheit sterben, oder weiterleben, egal wie hässlich?« »Ist mir egal, lass mich schlafen«, drehte ich mich von ihr weg. »Es ist wie beim Segeln oder beim Autofahren«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »Du kannst segeln wie ein Weltmeister, beurteilt wirst du nach deinem Anlegemanöver. Oder fahren wie ein junger Gott, wenn du das Einparken verpatzt, ist jede vorherige Leistung obsolet. Die letzten Meter sind entscheidend, immer und überall. Nimm einmal unsere Ehe. Wenn wir uns nach fünfzig Jahren scheiden ließen, hätten wir verloren, egal, was wir vorher investiert hätten.«

»Was hat jetzt unsere Ehe mit diesem verdammten Fußballspiel zu tun?«, richtete ich mich, plötzlich hellwach, auf. »Sieh doch, es gibt keinen großen Plan; es geht um das Durchwursteln und dann alles vom Ende her betrachten. Wenn das Ergebnis stimmt, stimmt alles, egal wie chaotisch es zwischendurch war.« Zufrieden legte sich meine Frau ins Bett und war kurz darauf eingeschlafen. Ich hingegen lag noch bis in die frühen Morgenstunden wach, weil mich ihr philosophisches Résumé nicht zur Ruhe kommen ließ. Morgens, beim Frühstück wollte ich ihr meine diesbezüglichen Überlegungen mitteilen, aber sie war nur an den noch bevorstehenden heutigen Spielen interessiert.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Facebook von Maria Mitscherlich

Facebook gibt den Engeltherapeuten. Für einen Großteil der Nutzer ließen sie nur die positiven Meldungen ihrer »Freunde« durch und untersuchten, was dabei wohl herum kommt. Das Ergebnis überraschte niemanden, am wenigsten mich, denn wenn man nur optimistische Nachrichten bekommt, sendet man auch fröhlich gestimmte in die Welt. Besser wurde mein Berufsbild noch nie beschrieben und statistisch ausgewertet, denn Engel verbreiten nur positive Botschaften, denn sonst wären sie ja keine Engel. Sie glauben ja gar nicht, wie der Glaube an einen persönlichen Schutzengel selbst die Niedergeschlagensten meiner Klienten aufrichtet. Dass da jemand nur sie persönlich im Blick hat, bewirkt Wunder! Positive Stimmung bewirkt positive Handlungen und konsekutiv positive Ergebnisse. Man sieht es bei der WM. Die Südamerikaner gehen mit dem nötigen Enthusiasmus zu Werke und es funktioniert! Wer von einem guten Ende ausgeht, tritt gleich ganz anders auf. Ein: »Ach das klappt ja doch nicht!«, führt eben dazu, dass es tatsächlich nicht klappt. Nun ist das Volk der Deutschen insgesamt von ausgeprägtem Pessimismus befallen. Nirgendwo sind Engeltherapeuten so nötig wie hier in diesem Lande. Und es wäre den sozialen Netzwerken zu empfehlen, die Taktik der Zurückhaltung von Negativem aller Art, weiter zu praktizieren! Vielleicht kann man so die deutsche Niedergeschlagenheit in das amerikanische »Yes, we can!« verwandeln.

Kein »Ja, aber«, im Gegenteil, »Jetzt erst recht!« müsste die Devise lauten. Aus einem »die Welt bekümmert mich«, sollte ein »Was kümmert mich die Welt?« werden. Wer ein Jammertal erwartet, bekommt es frei Haus geliefert! Heute Morgen gab es eine Umfrage, wie wohl das Spiel Algerien-Deutschland ausgeht und nur die wenigsten erwarteten einen Sieg der deutschen Elf, obwohl es nur gegen Algerien geht, das nicht gerade als Fußballgigant bekannt ist. Da wird sich schon vor dem Spiel über die unausweichliche Niederlage mit Alkohol getröstet. Deutschland ist mit Abstand der Weltmeister, was den Konsum von Alkoholika betrifft. Und so kommt zu dem angeborenen Katzenjammer noch der chemisch ausgelöste, was zu einem Selbst erfüllenden. »Ich habe es ja gleich gesagt.«, führt. Da wird nun wieder Alkohol draufgeschüttet und der Teufelskreis beginnt von vorne. Obwohl Jogis Jungs die Vorrunde als Gruppenerster bestritten, war die Freude darüber eher verhalten. Im Gegenteil, es wurde nur herumgenörgelt! Während bei den anderen die Devise: »durch, egal wie« ganze Völker in einen kollektiven Freudentaumel stürzte. Wenn sie auch dann irgendwann scheitern, diesen Taumel haben sie wenigsten gehabt. Der geht nicht mehr verloren! Kurz geschüttelt, sich gesagt: »Die nächste WM kommt bestimmt; da machen wir es besser!«, und es wird nach einem neuen Grund zu ausgelassener Freude gesucht. Obwohl, braucht es eigentlich immer einen Grund, um sich einmal ausgiebig freuen zu können? Für die Deutschen schon, denn wo kämen wir da hin, wenn man einfach glücklich ist, ohne erkennbare Ursache. Das ist hierzulande schwer verdächtig! Darum mein Appell an Facebook, lass nur positive Nachrichten durch! Vielleicht gelingt es ja mit deiner und meiner bescheidenen Hilfe, die größten Knötterpötte der Welt doch noch zu bekehren.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Fußballphilosophie

Der Irrsinn geht weiter. Keiner betete so intensiv wie ich, dass die deutsche Elf nicht über die Vorrunde kommt, denn ich will meine Frau wieder haben! In einem möglichst klaren geistigen Zustand! Gestern saß sie doch tatsächlich vor dem Fernseher und war in eine deutsche Flagge gehüllt. Sie lud mich ein, das Spiel Deutschland-USA mit ihr zu schauen. Da diese Einladung den Charakter einer unbedingten Aufforderung besaß, willigte ich ein. Was soll ich sagen? Ich habe mich ein meinen Leben selten so gelangweilt und lenkte mich damit ab, dass ich darüber nachsann, ob die Anzahl der Ballkontakte auch irgendwie in das Endergebnis eingerechnet wird, denn die Deutschen hatten und hatten und hatten den Ball und wussten anscheinend nichts damit anzufangen. Nun ist der Weg vom Hirn zum Fuß lang. Es dauert also bis eine effektive Weiterverwertung einer Ballannahme zustande kommt. Man konnte den Spielern förmlich beim mühsamen Denken zusehen.Mhm, da Ball, Ball muss weg, aber zu wem, wohin und, was war noch mal der Sinn des Spieles? Es wird im Fußball ja zunehmend von einer Philosophie geredet, die die Spielweise der jeweiligen Mannschaft bestimmt. Wenn ich mir die Mannschaften des Achtelfinales so ansehe, muss ich davon ausgehen, dass sich die europäischen Teams irgendwie verphilosophiert haben, denn während diese noch nachdachten, stürmten die Südamerikaner an ihnen vorbei und schossen die Tore. Ein Fußballspiel dient nicht dem Nachweis geistiger Überlegenheit, so viel steht schon einmal fest. Es ist nicht, wie ein begnadeter Fußballer konstatierte, »genau wie Schach, nur ohne Würfel«. Nein es ist ein Kampf-, Kraft und Leidenschaftssport.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die südamerikanischen Trainer ihre Jungs mit den Worten, geht raus, kämpft und rennt um euer Leben, auf den Platz schicken. Während die europäischen Coaches am Ursprung aller philosophischen Fragen anknüpfen: Wer bin ich, und was will ich eigentlich? Warum ist der Ball rund und das Tor eckig? Warum soll etwas Rundes in etwas Eckigem verschwinden? Wie steht es mit dem freien Willen? Muss ich mich dem Spielverlauf beugen, oder soll ich ihm meinen eigenen Stempel aufdrücken? Das sind schwere Fragen. Man hält daher den Ball in den eigenen Reihen und geht dem Grundsätzlichen nach. Doch plötzlich ist da ein Südamerikaner, der mit eisernem Willen den Ball an sich bringt und doch glatt, ohne weitere philosophische Skrupel, Richtung gegnerisches Tor stürmt.

Das Klinsmann es auch mehr mit der Philosophie hat, erkannte man am amerikanischen Spiel. Die Spieler dachten nämlich pausenlos darüber nach, wie schwer es ist, die Deutschen besiegen zu wollen. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung war dies denn nun auch der Fall. Vielleicht sollte man ihnen und den europäischen Teams bei der nächsten WM gar nicht verraten, gegen wen sie antreten, dann fällt der Glaube an die vermeintliche Übermacht des Gegners schon einmal weg. Nur das Kreisen um die eigene Person und ihre Geworfenheit in dieses Spiel ist nur schwer zu umgehen. Es ist wie im Leben. Wer zu viel darüber nachdenkt, lebt nicht wirklich. Und während man darüber nachsinnt und grübelt, vergeht die Zeit. Plötzlich ist es zu Ende, das Leben. Es hat nämlich stattgefunden, während wir mit den Gedanken ganz woanders waren.

Paul Wiedebach, Kolumnist