Volksverhetzung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Justizminister Maas forderte Facebook in einem Brief dazu auf, rechtsradikale Äußerungen, Links und etliches mehr zu blockieren. Rein rechtlich sei das soziale(!) Netzwerk verpflichtet jeder Volksverhetzung vorzubeugen. Was mich zu der Frage bringt, was ist eigentlich Volksverhetzung? Wie ist sie nach Jahrzehnten der Aufklärung überhaupt noch möglich, wo doch jeder weiß, dass selber denken klug macht. Was ist aus dem guten alten Kant geworden mit seinem Aufruf: » Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« Weiterlesen

Facebook von Maria Mitscherlich

Facebook gibt den Engeltherapeuten. Für einen Großteil der Nutzer ließen sie nur die positiven Meldungen ihrer »Freunde« durch und untersuchten, was dabei wohl herum kommt. Das Ergebnis überraschte niemanden, am wenigsten mich, denn wenn man nur optimistische Nachrichten bekommt, sendet man auch fröhlich gestimmte in die Welt. Besser wurde mein Berufsbild noch nie beschrieben und statistisch ausgewertet, denn Engel verbreiten nur positive Botschaften, denn sonst wären sie ja keine Engel. Sie glauben ja gar nicht, wie der Glaube an einen persönlichen Schutzengel selbst die Niedergeschlagensten meiner Klienten aufrichtet. Dass da jemand nur sie persönlich im Blick hat, bewirkt Wunder! Positive Stimmung bewirkt positive Handlungen und konsekutiv positive Ergebnisse. Man sieht es bei der WM. Die Südamerikaner gehen mit dem nötigen Enthusiasmus zu Werke und es funktioniert! Wer von einem guten Ende ausgeht, tritt gleich ganz anders auf. Ein: »Ach das klappt ja doch nicht!«, führt eben dazu, dass es tatsächlich nicht klappt. Nun ist das Volk der Deutschen insgesamt von ausgeprägtem Pessimismus befallen. Nirgendwo sind Engeltherapeuten so nötig wie hier in diesem Lande. Und es wäre den sozialen Netzwerken zu empfehlen, die Taktik der Zurückhaltung von Negativem aller Art, weiter zu praktizieren! Vielleicht kann man so die deutsche Niedergeschlagenheit in das amerikanische »Yes, we can!« verwandeln.

Kein »Ja, aber«, im Gegenteil, »Jetzt erst recht!« müsste die Devise lauten. Aus einem »die Welt bekümmert mich«, sollte ein »Was kümmert mich die Welt?« werden. Wer ein Jammertal erwartet, bekommt es frei Haus geliefert! Heute Morgen gab es eine Umfrage, wie wohl das Spiel Algerien-Deutschland ausgeht und nur die wenigsten erwarteten einen Sieg der deutschen Elf, obwohl es nur gegen Algerien geht, das nicht gerade als Fußballgigant bekannt ist. Da wird sich schon vor dem Spiel über die unausweichliche Niederlage mit Alkohol getröstet. Deutschland ist mit Abstand der Weltmeister, was den Konsum von Alkoholika betrifft. Und so kommt zu dem angeborenen Katzenjammer noch der chemisch ausgelöste, was zu einem Selbst erfüllenden. »Ich habe es ja gleich gesagt.«, führt. Da wird nun wieder Alkohol draufgeschüttet und der Teufelskreis beginnt von vorne. Obwohl Jogis Jungs die Vorrunde als Gruppenerster bestritten, war die Freude darüber eher verhalten. Im Gegenteil, es wurde nur herumgenörgelt! Während bei den anderen die Devise: »durch, egal wie« ganze Völker in einen kollektiven Freudentaumel stürzte. Wenn sie auch dann irgendwann scheitern, diesen Taumel haben sie wenigsten gehabt. Der geht nicht mehr verloren! Kurz geschüttelt, sich gesagt: »Die nächste WM kommt bestimmt; da machen wir es besser!«, und es wird nach einem neuen Grund zu ausgelassener Freude gesucht. Obwohl, braucht es eigentlich immer einen Grund, um sich einmal ausgiebig freuen zu können? Für die Deutschen schon, denn wo kämen wir da hin, wenn man einfach glücklich ist, ohne erkennbare Ursache. Das ist hierzulande schwer verdächtig! Darum mein Appell an Facebook, lass nur positive Nachrichten durch! Vielleicht gelingt es ja mit deiner und meiner bescheidenen Hilfe, die größten Knötterpötte der Welt doch noch zu bekehren.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Facebook von Paul Wiedebach

Das soziale Netzwerk wird 10 Jahre alt und seit ungefähr einem Jahr besitze ich ebenfalls einen Facebook-Account. Leider musste ich feststellen, dass die Kommunikation im Netz genau so verläuft, wie sie es analog auch tut, nämlich einseitig. Jeder hört sich vornehmlich gerne selber reden, kann es kaum erwarten, einen Zwischenruf oder eine Einrede anzubringen und im Prinzip geht es um das: »Alle Augen auf mich!«

Das Problem bei Facebook ist es nun, dass alle Welt selbst das Unwichtigste und Nebensächlichste in aller Gemütsruhe zu Ende posten kann und darf. Wie ich mein Frühstücksei genoss und verdaute, wird mit Akribie beschrieben und es wird sogar ein Foto besagten Eies beigefügt. Demnächst wird damit zu rechnen sein, dass auch das Verdauungsendprodukt in aller Ausführlichkeit bei Facebook zu bestaunen ist.

Intimstes wird preisgegeben, von der ärztlichen Diagnose bis zu Schwierigkeiten in der Partnerschaft, von Erziehungsproblemen bis zu Einschlafstörungen als hätte man es mit echten Freunden zu tun. Aber keine Sorge, außer der NSA interessiert unser Privatleben keine Sau, denn jedermann ist ausschließlich damit beschäftigt, seine eigene Privatsphäre der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Was ist nun Privatsphäre?

In der Gesellschaft, wohlgemerkt nicht in der Gemeinschaft, unterscheiden wir zwischen öffentlicher und privater Person. Ohne die Rückzugsbereiche des rein Privaten, wären wir nicht in der Lage, als öffentliche Person aufzutreten. Anders ausgedrückt, jedermann braucht »seine Leichen im Keller«, die nur ihn etwas angehen. Noch besitzen wir Privatsphäre, aber was ist, wenn totale Überwachung greift?

Perverserweise schalten wir den »Big Brother« vollkommen freiwillig an, wenn wir uns ins Netz und in dessen Fangstricke begeben. Wenn wir auf Facebook unser Alltagsleben breit treten, richten wir ohne Not den Fokus einer Kamera auf uns.

Wir überwachen uns quasi selbst, und wenn dies nicht die totale Überwachung ist, dann weiß ich nicht, was dem gleichkäme.

Aber vielleicht wollen wir dies ja, uns einmal so richtig im Scheinwerferlicht sonnen, unser Leben bis in den letzten Winkel ausleuchten lassen, besonders, da wir selber keine Leuchten zu sein scheinen.

Was bringt es uns eigentlich, wenn ein Herr X oder eine Frau Y aus Hinterposemuckeldorf unter unseren Post den Facebook-Like-Daumen aktiviert? Wollen wir schlichtweg nur wahrgenommen werden, egal von wem? Wer sich seiner Existenz nicht bewusst ist, bräuchte sich im Prinzip nur kurz kneifen.

Jedenfalls genoss ich heute selber ein Frühstücksei, war dabei aber bar jedes Verlangens, dafür den Beifall der Massen einzuheimsen.

Paul Wiedebach, Kolumnist