Reisefieber von Elke Balthaus-Beiderwellen

Bei Reisen innerhalb Europas tue ich so, als läge mein Ziel in irgendeinem Taka-Tuka-Land, in dem es weder Apotheken, noch Drogerie- oder Supermärkte gibt. Von Zahnpasta über Aspirin, von Duschgel über Bodylotion, mein Koffer quillt über von Dingen, von denen ich meine, sie außerhalb Deutschlands nicht erwerben zu können. Als wäre die Medizin oder die Körperhygiene nur ein heimischer Standard. Ich habe sogar Nagellackentferner eingepackt; dabei lackiere ich mir im Urlaub nie die Nägel. Tonnen von Sonnenschutzmitteln machen meinen Koffer derart schwer, dass ich die vorgeschriebenen 20 Kg locker überschreite. Körperliches Untergewicht zählt nicht als Ausgleich, das habe ich mehrmals schmerzlich beim Einchecken erfahren müssen. Bleibt mir nichts anderes übrig, als heimlich einige Dinge aus dem Koffer meines Mannes zu entfernen. Was braucht der eine zweite Hose? Eine reicht doch völlig aus, denn seinen vierzehntägigen Hosenwechsel kann er ja auch im Urlaub beibehalten! Ob Sommer oder Winter, er trägt das ganze Jahr das gleiche Paar Schuhe. Warum müssen es in den Ferien ausgerechnet zwei Paar sein? Nein, Haarpackungen und Gesichtsmasken sind da wichtiger! Da mein Göttergatte der Ansicht ist, man brauche nur Pass, EC-Karten und die Flugtickets, alles andere könne man auch vor Ort besorgen, könnte ich seinen Koffer doch komplett mit meinen unabdinglichen Utensilien belegen. Weiterlesen

Verantwortung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Heute Morgen hörte ich ein ebenso gewaltiges wie inhaltsleeres Wort. »Verantwortungsgemeinschaft«. Inhaltsleer deswegen, weil was im Kleinen nicht funktioniert, es im Großen gleich gar nicht tut. Bereits in den Familien, sofern sie parallel zu den Alleinerziehenden noch vorhanden sind, wird Verantwortung gerne delegiert. Unsere Alten stecken wir in Pflegeheime, die Erziehung der Kinder schieben wir auf die Lehrer, oder in Härtefällen auf Kinder- und Jugendtherapeuten ab. Ja, wir übernehmen noch nicht einmal die volle Verantwortung für unser eigenes Leben. Wir mäandern hindurch und sind jedes Mal von den unangenehmen Konsequenzen unseres Tuns überwältigt. Für unsere Gesundheit ist der Arzt zuständig und, wenn Zucker und Blutdruck in schwindelerregende Höhen steigen, liegt das natürlich an der Unfähigkeit des Doktors. Wenn wir nicht schlafen können, ist die Matratze schuld. Alles treu dem Motto: Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt es an der Badehose. Unfähigkeit wird nicht durch die bloße Masse der Unfähigen zur Fähigkeit. Wie soll so die gemeinsame Verantwortung einer Nation für ihr Funktionieren, der europäischen Zweckvereinigung für die Flüchtlinge´oder der gesamten Menschheit für so unwichtige Dinge wie das Weltklima entstehen? Wie soll jemand, der die Verantwortung für sein eigenes Handeln nicht übernimmt, Verantwortung für seinen Nächsten aufbringen? Eine Verantwortungsgemeinschaft kann nur durch die Addition von Einzelverantwortungen entstehen, was das Wort, weil der Mensch eben ist, wie er eben ist, so inhaltsleer macht.

 

Europa schafft sich ab von Elke Balthaus-Beiderwellen

Erleben wir das Ende Europas? War es von Anfang an nur eine Zugewinngemeinschaft und keine der Werte? Wenn man sich noch nicht einmal auf die Quotenverteilung von 120.000-160.000 Flüchtlingen einigen kann, ist die Verteilung von Millionen reine Illusion. Schade eigentlich, Europa war gut gedacht, eine gut gemeinte Ideologie, die am den Zwängen des Faktischen scheitert. »Staaten haben keine Freunde, nur Interessen«, meinte schon Charles de Gaulle. Wie recht er doch hatte! Globalisierte Geldströme beinhalten nicht die Freigabe von globalisierten Menschenströmen. Wenn es um Geld geht, tagt Europa rund um die Uhr, menschliche Katastrophen können getrost bis Oktober warten. Weiterlesen

Hochhausrun von Tanja K.

Der Hochhausrun ist »in«. Während sich übersättigte »Nordwestler« gegenseitig Wettkämpfe liefern, wer zuerst die Treppen der höchsten Gebäude bewältigt, liefern sich die Afrikaner einen Wettstreit mit den spanischen Grenztruppen, in dem es darum geht, die meterhohen Zäune von Melilla, der spanischen Enklave in Nordafrika, möglichst ungesehen zu überwinden. Eine Art von »Hochzaunrun«, wenn man so will. Demnächst werden mit EU-Mitteln tiefe Gräben gegraben, um eine Überschwemmung (sic!) des europäischen Kontinents mit notleidenden »Nachbarn« zu verhindern, was vielleicht bei den Flüchtlingen zum »Deep swim« führt, während sich die Westler überlegen können, wie diese sportliche Höchstleistung noch zu toppen wäre, denn einfaches Rafting kann da nicht mehr mithalten. Aus Jux und Dollerei sich in Tonnen Wasserfälle herunterzustürzen, bringt auch keinen Reiz mehr, wenn die Afrikaner in gnadenlos überfüllten »Seelenverkäufern« abenteuerliche Seefahrten absolvieren.

Ja, die Dunklerpigmentierten – sagt man das jetzt eigentlich so? – sie rennen schneller, klettern höher, schwimmen weiter, da muss das degenerierte Bleichgesicht schon irgendwie dagegen halten, denn außer im Geldverdienen, ist es in keiner Disziplin besser. Der Schwarze – oder sagt man so? – kommt mit dem Hunger, dem Alkohol und mit den Drogen besser klar – was bleibt ihm auch anderes übrig? Korrupte Diktaoren rotten ihn ebenso wenig aus, wie exotische Bakterien und Viren aller Art, während der Westler mit einer einfachen Erkältungskrankheit schon völlig überfordert ist und ein einziger durchgeknallter Diktator die Deutschen an den Rand des Ruins brachte.

Die Weißen vermehren sich nicht mehr und die weiße Männlichkeit musste Dinge wie Viagra erfinden, damit es überhaupt noch klappt. »Die Schwarzen schnackseln eben gerne«, wie es Gloria von Thurn und Taxis mit einer Spur von Neid formulierte.

Dekadenz gegen Überlebenskompetenz. Vielleicht deswegen die hohen Zäune, die geplanten tiefen Gräben, die vermehrten Kontrollen der Küstenwachen, denn »Konkurrenz« unter Gleichen fordert einen weniger, da man genau weiß, dass der andere nicht mehr kann als man selber. Was nun auch kein echtes »Survival of the fittest« darstellt.

Ob nun die Tatsache besonders schnell auf Hochhäuser rennen zu können einen Vorteil im Überlebenskampf bringt, der Beweis steht noch aus. Ebenso wie bei die Fähigkeit, besonders viel Geld anzuhäufen. Ich persönlich würde ja liebend gerne einmal einen Geldsack einen Tag in der Wüste oder im Dschungel aussetzen und sehen, was passiert. Oder einer der Hochhausspinner sollte sich an den Grenzzäunen von Melilla messen. Mal sehen, ob er dann noch aus Spaß an der Freude den Frankfurter Messeturm hochhechelt. Besonders reizvoll wäre es, die gesammelten EU-Parlamentarier auf eine Seefahrt von Nordafrika nach Lampedusa zu schicken, auf einen morschen Holzkahn wohlgemerkt. Oh, wenn ich nur könnte, wie ich wollte. Ich hätte da noch eine Menge Ideen. Jede Einzelne führt dazu, dass zukünftig der Mount Everest unbehelligt bleibt, Touristenfahrten in den Weltraum unterbleiben und Abenteuerurlaube darin bestehen, dort aufzuräumen, wo es am allernötigsten ist.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Lampedusa von Paul Wiedebach

Es gibt Namen, die sich uns ins Gedächtnis brannten, weil sie für Ereignisse stehen, die uns wenigstens kurz aus unserem Alltagstrott rissen. Meistens handelt es sich um die Namen von Schiffen. Titanic, Lusitania, Wilhelm Gustloff, Herald of free Enterprise, um nur einige aufzuführen. Nun versuche ich bereits seit dem frühen Morgen, herauszufinden, wie das Schiff heißt, das vor Lampedusa kenterte, aber es wird ebenso namenlos bleiben, wie die Menschen, die mit ihm untergingen. Vielleicht findet »Lampedusa« Einzug in unser kollektives Erinnern.

Vor dieser Tragödie stehe ich ratlos da. Sie verursacht bei mir einen unbestimmten Herzschmerz, ein unbestimmtes schlechtes Gewissen, ein Gefühl, etwas tun zu müssen, aber was?

Ich denke, es geht allen Europäern so, wenigstens denjenigen, die noch einen Hauch von solidarischen Anwandlungen besitzen. Okay, wenn sämtliche Tore des europäischen Dampfers für jeden geöffnet werden, kentert dieser zwangsläufig auch. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal steht selbst das Wasser bis zum Halse. Ist Europa ein Rettungsboot, das nur für eine begrenzte Menge an Menschen zugelassen ist?

Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass die Superreichen längst auf ihren Luxusyachten in schönen, sicheren Gefilden sitzen, dort, wo ihr Geld bereits ist. Ich weiß auch, dass wenn nichts passiert, die Sache in einer kriegerischen Auseinandersetzung enden wird. Ich meine, wie hoch kann man Mauern bauen? Werden sie in nicht allzu ferner Zukunft durch Minengürtel ersetzt? Ich sitze hier im Norden Europas und vergesse nur zu gerne, dass sich dieser drohende Konflikt nur zwei Flugstunden von mir entfernt abspielt.

Was ist, wenn die Afrikaner nicht mehr stillschweigend vor unserer Haustür ertrinken wollen, sondern vehement auf ihr Recht auf Leben pochen? In der Welt ist kein enthemmteres Tier bekannt, als der hungrige und durstige Mensch.

Und, wo ist demnächst der Minengürtel zu ziehen? Zwischen Nord- und Südeuropa? 2015 könnten wir 70 Jahre Frieden in Europa zu feiern. Schaffen wir das noch?

Unsere Ratlosigkeit scheint ebenso grenzenlos, wie unsere Ressourcen begrenzt sind. Wir sind zu viele Menschen auf der Erde, aber welcher Teil von uns ist über? Wenn jeder das gleiche Recht auf Leben besitzt, wer siebt aus? Vor allen Dingen, wer verzichtet freiwillig?

Papst Franziskus weinte angesichts der Tragödie von Lampedusa. Ob ihm diese Krokodilstränen die Empfängnisverhütung in Erwägung ziehen ließen?

Man weiß es nicht.

Man weiß überhaupt gar nichts, außer, dass es nicht so weiter gehen kann.

Paul Wiedebach, Kolumnist