Rosa Viagra von Paul Wiedebach

»Was hieltest du davon, wenn ich die Viagra-Pille für die Frau ausprobierte?« Die Frage meiner Göttergattin kam heute Morgen dermaßen überraschend, dass ich mich an meinem Brötchen verschluckte. Sofort sprang sie auf und klopfte mir hilfreich auf den Rücken. »Für wen nähmst du das Zeug denn, für dich oder für mich?«, erkundigte ich mich, als ich wieder Luft bekam. Die Vorstellung, meine Frau könnte sich in eine Art von unersättlicher Nymphomanin verwandeln, behagte mir nicht. Was ist, wenn sie nicht auf mich Appetit bekommt, sondern auf andere Männer? »Genau, das ist mein Problem«, erwiderte sie. »Nicht, dass ich mit unserem Sexualleben unzufrieden wäre, aber was ist, wenn Höhepunkte bis ins unendliche steigerbar wären und ich erführe es nie? Andererseits, was hätte ein Christian Grey von einer frigiden Anastasia?« Weiterlesen

Lufthansa Von Elke Balthaus-Beiderwellen

Alles, in das man Zeit und Geld investierte, soll eine möglichst hohe Rendite bringen. Sei es die eigene Ausbildung und die der Kinder. Sei es das eigene Häuschen oder der Neuwagen, die man so teuer wie es eben geht, weiter verkaufen will. Ähnlich ergeht es Fluggesellschaften. Flugzeuge, die am Boden stehen, bringen kein Geld und Piloten, bei denen Krankheiten festgestellt werden ebenfalls nicht. Darum wurden die Untersuchungen der Luftfahrzeugführer auf ein Mindestmaß heruntergefahren, denn, was ich nicht untersuche, finde ich auch nicht. So mag es für den Großteil der Bevölkerung unverständlich erscheinen, dass es bislang weder ein Drogen- noch ein Alkoholscreening bei den Piloten gab. Von einer Laboruntersuchung auf Psychopharmaka ganz zu schweigen. Umso sinnvoller erscheint jetzt die Forderung des deutschen Fliegerarztverbandes, wenigstens dies untersuchen zu dürfen, woraus man folgern kann, dass es den Fliegerärzten sogar untersagt war, im Verdachtsfalle genauer nachzuhaken. Autofahrer werden in Grund und Boden kontrolliert. Einmal den Seitenstreifen touchiert, schon kann man sicher sein, freundlich herausgewunken zu werden und kräftig pusten zu dürfen. Nach einer unsauberen Landung hingegen beobachtete ich noch nie, dass der Pilot einem Alkoholtest unterzogen wurde. Jeder alkoholisierte Passagier wird gar nicht erst ins Flugzeug gelassen, aber wie steht es mit dem Cockpit? Ja, ich weiß, der Absturz der Germanwingsmaschine war ein unglückseliger Einzelfall, aber mit persönlich reicht es nicht, zu wissen, dass der Pilot, dem ich mein Leben und das meiner Familie anvertraue, gesunde Augen und Ohren, ein gesundes Herz, eine gesunde Lunge und keinen erhöhten Blutzuckerspiegel hat. Ich wüsste schon gerne, ob er sich gelegentlich etwas einwirft und vielleicht sogar am Alkoholismus vorbei schrappt. Menschen unter enormen Stress tun die merkwürdigsten Dinge und der Preiskampf unter den Fluggesellschaften, setzt Mensch und Maschine unter Dauerstress. Am Anfang mag zwar der Traum vom Fliegen gestanden haben, aber, was ist ein Pilot mehr, als ein unbedeutendes, reibungslos zu funktionieren habendes Rädchen im gnadenlosen Geschäft der Fliegerei? Wer meldet sich schon »unfit to fly«, wenn er nicht mehr als Mensch, sondern als ein Teil eines ausbeuterischen Systems angesehen wird. Die Piloten besitzen nur eines, ihre Pilotenlizenz, und wenn die weg ist, ist jeder andere Berufsweg verbaut. Und darum darf alles passieren, außer dem Verlust eben dieser Lizenz. Wer will sich da schon mit irgendwelchen vernachlässigbaren psychischen Problemen outen? Machen wir uns doch nichts vor. Wo sind die psychischen Probleme am Häufigsten vertreten? In Berufen, die mit extremer Verantwortung einhergehen. In Berufen, in denen ein kleines Versagen, ein kleiner Ausrutscher den Tod eines Menschen oder vieler bedeutet. Aber wir schließen die Augen und dösen. Meist schon, während die Flugbegleiterin die Sicherheitsanweisungen für den Flug präsentiert.