Hart aber fair von Paul Wiedebach

Da wir nur einen Fernseher besitzen, vor dem man gemütlich sitzen kann, kam es zur Gender-Debatte bei uns am Abendbrottisch. Meine Frau bevorzugte natürlich »Hart aber Fair«, während ich das Spiel der deutschen Nationalmannschaft verfolgen wollte. Mein Argument, dass es sich bei der Sendung der ARD um eine Wiederholungssendung handeln würde, zog bei meiner Gattin nicht. Erst recht nicht, dass ich weiter argumentierte, Das Erste wäre selber schuld, wenn die gesamte Männerwelt von der schwierigen Frage der Gender-Studies unbeleckt bliebe, da es reichlich ungeschickt sei, darüber im TV zu debattieren, wenn auf RTL ein Quali-Spiel der EM laufe. Was sie so wütend machte, dass sie mit ihren »Nie, ständig und immer immer Sätzen« anfing. Nach dem Motto: »Nie schaust du dir an, was mich interessiert!« »Immer triffst du die Programmauswahl!« »Ständig habe ich hier im Hause das Nachsehen!« Wie man leicht erkennen kann, beenden Sätze, die mit diesen Worten beginnen, jede Diskussion! Ich hielt meinen Ärger zurück und machte den Vorschlag, die Flimmerkiste ganz auszulassen und dass wir uns stattdessen ausführlich unterhalten könnten. »Und worüber?«, kam es reichlich feindselig von ihr. Weiterlesen

Nachbarn von Elke Balthaus-Beiderwellen

Bei uns im Dorf wird überlegt, wie man unsere niederländischen Nachbarn davon abhalten kann, im Kreisverkehr die einheimischen Radfahrer zu überfahren. Die Geschäftsleute brauchen die Holländer, die in Scharen ihre Läden heimsuchen, und da fallen die paar Ansässigen eher weniger ins Gewicht. Weiterlesen

Deutschland von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es ist nicht zu fassen! Welche Nation ist die beliebteste der Welt? Deutschland! Am allerwenigsten können es die Deutschen selber begreifen, wenn man den Umfragen glauben darf. Sofort kommen Fragen. Warum? Wieso? Wodurch? Anstatt einfach einmal etwas Erfreuliches unhinterfragt hinzunehmen und nicht das »Haar in der Suppe« zu suchen, jammert unsere Nation gleich herum nach dem Motto: Wir haben es gar nicht verdient, dass sie uns so liebhaben. Wahrscheinlich wollen sie mehr Geld von uns und tun nur so. Dann sehen wir an uns herunter, finden nichts Bemerkenswertes und werden noch misstrauischer. Weltweit wird dieses Phänomen als »German Krankheit« bezeichnet und ich frage mich, ob jeder Einzelne von uns, allein aufgrund der Tatsache, Deutscher zu sein, mit diesem Gebrechen geschlagen ist. Der indigene Deutsche muss sich sein Glück erarbeiten, sonst traut er dem Braten nicht. Nur bei uns gibt es »das Glück des Tüchtigen«. Aber, wenn man unendlich tüchtig ist, kann man dann noch von Glück reden? Hat Glück per Definition nicht etwas vollkommen Zufälliges? Ist es nicht so, dass es »einem in den Schoß fällt«? Wenn der Germane ein Hufeisen auf der Straße findet, sucht er gleich nach dem Pferd, das beschlagen werden muss. Der Rest der Welt hängt sich das Eisen über die Haustür und betrachtet sein Haus als gesegnet. Dem Rest der Welt reicht hierzu ein einfacher Nagel, während es beim Deutschen schon ein kräftiger Dübel sein muss, damit ihm das Glück nicht auch noch auf den Kopf fällt. Bei uns gibt es so irre Ansichten, dass Glück planbar, vorhersehbar und vor allen Dingen verdient sein muss. Gibt es etwas Abartigeres als Ratgeber für das Glück? Schauen Sie einmal in die Regale der Buchläden, und Sie werden staunen. Dies wäre ja alles schön und gut, wenn nicht noch erschwerend der Neid hinzukäme. Wenn einer ohne Hab und Gut fröhlich in der Sonne sitzt, dann kann und darf mit dem etwas nicht stimmen. Still verklärtes Lächeln ohne offensichtlichen Grund weckt Misstrauen. »Was hat der wohl genommen?« Leid scheint hinnehmbar, Glück hingegen nicht, weil man nur in Deutschland vor Glück platzt, strotzt, aus der Haut fährt oder stirbt. Jetzt sind wir Deutschen also »mit dem schweren Los geschlagen«, die beliebteste Nation der Welt zu sein. Für uns gleichsam die Verpflichtung, jetzt besonders nett zu sein, denn einmal Erreichtes, darf nicht mehr verloren gehen. Aber ich kann alle beruhigen. Als Hauptgrund für unseren Spitzenplatz wurde unser Bier angegeben, und das macht automatisch nett.

Weltmeister von Dr. Bremer

Meine Praxis ist heute Vormittag leer wie nie. Ist ja auch kein Wunder. Ganz Deutschland muss sich von dem schwer erkämpften und erfeierten WM-Gewinn erholen. Auch ich saß bis in die Puppen vor dem Fernseher und sah mir bis zur letzten Minute alles an, was es zu sehen gab. Danach taumelte ich in mein Bett, wohl wissend, dass ich ab 7:30 Uhr wieder meinen Mann zu stehen hätte. Pünktlich betrat ich meine Praxis, aber, weit und breit kein Patient zu sehen, was mir die Gelegenheit gibt, über Placeboeffekte von Fußballweltmeisterschaften nachzusinnen. Wenn ich mir überlege, welche Überredungskünste ich einsetzen muss, um gestandene Männer dazu zu bringen, sich eine Platzwunde nähen zu lassen und sehe, wie sie brutal am Spielfeldrand mal eben zusammen getackert werden, ohne eine Schmerzreaktion der Adrenalin und Testosteron gesättigten Spieler hervorzurufen, dann denke ich darüber nach, wie solche Effekte auch im normalen Sprechstundenalltag zu bewirken wären. Vielleicht stelle ich ein Tischfußballgerät im Nähraum auf und trete zunächst gegen den Verletzen an. Wenn es Spitz auf Knopf steht, bringe ich einen Tacker zum Einsatz, danach geht die Partie weiter. Schultern einrenken, Brüche richten, eingewachsene Fußnägel extrahieren, Furunkel spalten, die Zeiten der Lokalanästhesie sind passe´. Wenn das »starke Geschlecht« trotzdem an Flucht denkt, kommt Strafstoßspray zum Einsatz, mit dem ich eine Linie markiere, die nicht überschritten werden darf. Von Weltmeisterschaften lernen, heißt siegen und vor allen Dingen sparen lernen! Meine Arzthelferinnen könnten ihre Zeit besser nutzen, als beim Festhalten von zappelnden Patienten. Vielleicht hindere ich ADHS-Jungs an der Verwüstung meiner Praxiseinrichtung mithilfe eines Schaumkreises. Wer weiß? Auch die Zeiten des Gedränges am Empfangstresen wären vorbei, wenn ich Sprayhemmschwellen zum Einsatz brächte. Tätliche Angriffe durch schwer suchtmittelgestörte Kundschaft? Freistoßspray! Wenn ich jetzt einmal durchrechne, wie viel Ärger, Zeit und Kosten durch einfachste Mittel erspart werden könnten, wird mir schwindelig. Keine Nadeln, kein Nahtmaterial, keine Lokalanästhetika, kein Anruf bei der örtlichen Polizei, wenn es allzu turbulent zu werden droht. Auch eine Schiedsrichterpfeife werde ich mir zulegen. Allzu viel Gesöre und Geklage? Ein Pfiff und Freistoß für den behandelnden Arzt. Rote und gelbe Karten wären auch nicht schlecht. Nach zwei Gelben gibt es die Rote und das heißt: Praxisverweis und Sperrung für das gesamte Quartal! Während ich auf meiner Behandlungsliege diese Möglichkeiten resümiere, klopft es leise an die Tür zu meinem Sprechzimmer. Sie wird einen Spalt breit geöffnet und Oma G.`s Kopf erscheint. Mit 88 Jahren so gesund wie man nur sein kann, aber leider immer zu einem Schwätzchen aufgelegt und offensichtlich von der Tatsache unbeleckt, dass Deutschland Weltmeister geworden ist. Wie gerne hätte ich jetzt eine rote Karte!

Dr. Bremer, Landarzt