Deutschland von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es ist nicht zu fassen! Welche Nation ist die beliebteste der Welt? Deutschland! Am allerwenigsten können es die Deutschen selber begreifen, wenn man den Umfragen glauben darf. Sofort kommen Fragen. Warum? Wieso? Wodurch? Anstatt einfach einmal etwas Erfreuliches unhinterfragt hinzunehmen und nicht das »Haar in der Suppe« zu suchen, jammert unsere Nation gleich herum nach dem Motto: Wir haben es gar nicht verdient, dass sie uns so liebhaben. Wahrscheinlich wollen sie mehr Geld von uns und tun nur so. Dann sehen wir an uns herunter, finden nichts Bemerkenswertes und werden noch misstrauischer. Weltweit wird dieses Phänomen als »German Krankheit« bezeichnet und ich frage mich, ob jeder Einzelne von uns, allein aufgrund der Tatsache, Deutscher zu sein, mit diesem Gebrechen geschlagen ist. Der indigene Deutsche muss sich sein Glück erarbeiten, sonst traut er dem Braten nicht. Nur bei uns gibt es »das Glück des Tüchtigen«. Aber, wenn man unendlich tüchtig ist, kann man dann noch von Glück reden? Hat Glück per Definition nicht etwas vollkommen Zufälliges? Ist es nicht so, dass es »einem in den Schoß fällt«? Wenn der Germane ein Hufeisen auf der Straße findet, sucht er gleich nach dem Pferd, das beschlagen werden muss. Der Rest der Welt hängt sich das Eisen über die Haustür und betrachtet sein Haus als gesegnet. Dem Rest der Welt reicht hierzu ein einfacher Nagel, während es beim Deutschen schon ein kräftiger Dübel sein muss, damit ihm das Glück nicht auch noch auf den Kopf fällt. Bei uns gibt es so irre Ansichten, dass Glück planbar, vorhersehbar und vor allen Dingen verdient sein muss. Gibt es etwas Abartigeres als Ratgeber für das Glück? Schauen Sie einmal in die Regale der Buchläden, und Sie werden staunen. Dies wäre ja alles schön und gut, wenn nicht noch erschwerend der Neid hinzukäme. Wenn einer ohne Hab und Gut fröhlich in der Sonne sitzt, dann kann und darf mit dem etwas nicht stimmen. Still verklärtes Lächeln ohne offensichtlichen Grund weckt Misstrauen. »Was hat der wohl genommen?« Leid scheint hinnehmbar, Glück hingegen nicht, weil man nur in Deutschland vor Glück platzt, strotzt, aus der Haut fährt oder stirbt. Jetzt sind wir Deutschen also »mit dem schweren Los geschlagen«, die beliebteste Nation der Welt zu sein. Für uns gleichsam die Verpflichtung, jetzt besonders nett zu sein, denn einmal Erreichtes, darf nicht mehr verloren gehen. Aber ich kann alle beruhigen. Als Hauptgrund für unseren Spitzenplatz wurde unser Bier angegeben, und das macht automatisch nett.