Tag des Hausarztes Von Dr. Bremer

Im Dorf ist Schützenfest, was bedeutet, dass das normale Leben zum Erliegen kommt. Seltsamerweise fallen auch die ansonsten so dringenden Krankheiten und Beschwerden darunter. Ich sitze demnach bei einer Tasse Kaffee in meiner Praxis und harre der Dinge, die unweigerlich, sobald die ersten Patienten aus ihrem Koma erwacht sind, auf mich zurollen werden. Derweil lese ich die Einträge meiner Mitautoren. Zum Gestrigen Blog fällt mir nur ein: Wie wäre es mit einem Tag des Hausarztes? Und, wie hätte dieser auszusehen? Ein bürokratiefreier Tag wäre schön, an dem ich meiner Profession nachgehen könnte, ohne zusätzlichen Ballast. Patienten mit ernsthaften Erkrankungen, die still und zufrieden meinen Anweisungen folgten und nicht alles besser wüssten, gehörten schließlich ebenfalls dazu. Keine unnötigen Anrufe, keine Aufrufe, nur dem puren Beruf, der Berufung verpflichtet, von freundlichen, dienstbaren Arzthelferinnen umgeben, den Menschen helfen, die meiner Hilfe bedürfen, nur meiner Kunst, meinem Gewissen und keiner schwachsinnigen Vorschrift verpflichtet. Das ist ein Tag des Hauarztes nach meinem Geschmack!

Ich gerate ins Träumen, werde abrupt vom Telefon in die Wirklichkeit zurückgeholt. Ein besonders angeschlagener Schützenbruder bedarf eines dringenden Hausbesuches, aufgrund von schweren alkoholbedingten Nachwirkungen, die sich nach telefonischer Schilderung wie ein Herzinfarkt anhören, aber ich kenne meine Pappenheimer! Am Tresen beschimpft mich ein Patient, den ich wiederholt wegen vor Gesundheit strotzender Penetranz vor die Tür setzte, der ärztlichen Unfähigkeit. Etliche Anfragen von der kassenärztlichen Vereinigung stapeln sich neben den Telefonen meiner Helferinnen. Später. Erst der Hausbesuch. Kann sein, dass wirklich ein Infarkt vorliegt. Oma W., die gerne unsere Patiententoilette benutzt, parkte schon wieder meinen Wagen zu, sodass ich nicht loskann, bevor sie nicht den letzten Tropfen abdrückte. Ich tänzele um mein Auto herum, während sich Schlangen von halbkomatösen Patienten in meine Praxis schleppen, die rein vom Aspekt her nicht mehr als einen Kater haben und für Tage eine Krankmeldung brauchen. Eine, oder zwei kleine Platzwunden sind dabei, weil man besoffen zwar nicht Auto fährt, aber gerne auf das Rad steigt. Inzwischen taucht eine meiner Helferinnen mit dem Wagenschlüssel von Oma W. auf, bei der es heute etwas länger dauert. Vielleicht hat die Oma den lange von ihr ersehnten Harnwegsinfekt, der bislang nicht nachzuweisen war. Ich steige in mein endlich freigegebenes Auto und gebe mich auf der Fahrt zum Schützenbruder noch einem Moment meinem Traum vom Tag des Hausarztes hin.

 

Toleranz von Dr. Bremer

Was diese Tugend betrifft, wird sich gerne im Schwarz-Weiß-Bereich bewegt. Es gibt die Toleranten, deren Einstellung an Dummheit grenzt, und die Intoleranten, denen dementieller Starrsinn nachgesagt werden kann. Im Mittelfeld befinden sich die Opportunen, die sich dem unterordnen, was gerade en vogue ist. So wird am Stammtisch jeder zum dementiellen Starrkopf, während bei der Love-Parade jeder verdummt. Äußerst tolerant ist auch derjenige, der weit weg von sozialen Brennpunkten lebt, aber je näher die Gefahrenzone kommt, desto intoleranter wird man. Was mich dazu brachte, darüber nachzudenken, wie tolerant ich eigentlich bin. Erschreckt stellte ich fest, dass ich zu den Opportunen gehöre. In »Rechter Runde« wage ich zu sagen, was ich manchmal denke. Sitze ich mit gewohnheitsbetroffenen Berufstoleranten zusammen, kommt dieses Konzept durcheinander. Bei den »Rechten« überkommt mich das Gefühl, die sozial Benachteiligten verteidigen zu müssen, während mir bei den »Linken« erzkonservatives Gedankengut in den Kopf schießt. Ja, wie denn nun? Das Problem ist der Sprachgebrauch. »Die, alle, jeder von denen, statistisch gesehen und so ist da nun einmal« und schon sitzt man in der Falle. Ich habe nun die Formulierungen auf mich angewendet. DIE Ärzte sind nur am Geld interessiert. ALLE kommen sich vor, wie Halbgötter in weiß. JEDER VON DENEN ist Millionär. STATISTISCH GESEHEN handelt es sich um die bestverdienende Berufsgruppe – wenn man ehrliche Arbeit zugrunde legt -. Ärzte interessieren sich nicht für den Patienten; SO IST DAS NUN EINMAL. Dies würde ich mir aber heftig verbitten! Wenn Sie in der Lage sind, mir zwei original gleiche Charaktere zu präsentieren, behandele ich Sie ein Jahr umsonst. Selbst eineiige Zwillinge sind, was den Charakter betrifft, vollkommen unterschiedlich. Einer von beiden ist der Dominante und der andere fügt sich eben. Wir sind Einzelpersonen! Man kann das  aber noch ausweiten. Die Männer sind nur an Sex interessiert. Alle kommen sich vor, wie die Platzhirschen. Jeder von denen würde fremdgehen, wenn er könnte. Statistisch gesehen ist der Mann jenseits der Sechzig impotent. Männer können nicht zuhören; so ist das nun einmal. Jetzt die Frauen. Die Frauen sind nur an Schuhen interessiert. Alle bekommen vor dem Sex Kopfschmerzen. Jede von denen würde die Beine breit machen, wenn die Geldmenge nur groß genug wäre. Statistisch gesehen bekommt die deutsche Frau 1,4 Kinder. Frauen sind Quasselstrippen; so ist das nun einmal. Dies könnte ich jetzt in extenso weiter treiben; der Wahrheitsgehalt meiner Behauptungen nähme nicht zu. Andere Menschen sind nicht besser, nicht schlechter, nicht genau so wie ich – jetzt wollte ich zunächst wir schreiben, was natürlich auch eine Verallgemeinerung ist, sondern sie sind nur Menschen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Glauben von Paul Wiedebach

Wir sind alle gläubige Menschen. Aufgefallen ist es mir, als ein Test ergab, dass 40 % der Dämmmaterialien, mit denen wir brav unsere Häuser einpacken, nicht den Anforderungen entsprechen. Wir glauben alles und allen. Dem Banker die profitable Geldanlage, dem Steuerfachmann die Steuererklärung und dem Lehrer in Gemeinschaft mit dem Ergotherapeuten, dass unser Kind ADHS hat. Wir glauben dem Dachdecker, dass unser Flachdach nun endlich dicht ist. Wir kaufen der Autowerkstatt alle erforderlichen Reparaturen und teuren Ersatzteile ab, und wir lassen uns von einem lange verkalkten Hausarzt behandeln, weil wir ihn schon immer konsultierten. Wir glauben unserem Arbeitgeber, dass wir noch nicht kompetent genug für eine Beförderung sind, nehmen unseren Ehepartnern den Beistand in schlechten Zeiten ab und glauben, dass aus unseren mittlerweile vierzigjährigen Kindern doch noch etwas wird. Wir glauben weiterhin, dass in Verpackungen ist, was draufsteht und wir glauben an faire Arbeitsbedingungen bei Billigimporten aus dem fernen Ausland. Was mich fast schon zu der Ansicht bringt, dass der Glauben eine Hirnfunktion ist, die uns am Leben erhält. Wir glauben fest daran, unseren nächsten Geburtstag noch zu erleben, doch wissen können wir nur, was jetzt, in diesem Moment in unserer unmittelbaren Umgebung geschieht, obwohl wir dies auch nur eher flüchtig erfassen und unser Hirn einiges nur konstruiert, weil es einen stimmigen Ablauf braucht. Wir wissen nicht, ob der Traum die Realität und das, was wir für die Realität halten nur der Traum ist. Dass sich der Wasserfleck an der Decke unter dem Flachdach weiter ausbreitet, halte ich allerdings für Realität und ärgere mich ob meines Leichtglaubens. Meines Erachtens der Hauptgrund für Ärger, der Leichtgläubigkeit überführt zu werden. Da würden wir auf der Stelle alle Fachleute lynchen, wenn sie zur Stelle wären. Ein Problem, das durchaus vermeidbar wäre, wenn alle einmal, auch die selbsternannten Genies unter uns, gemeinsam den Satz übten: »Ich weiß es im Moment nicht!« Wären Sie beleidigt, wenn ein Fachmann zu ihnen sagte: »Ich weiß es im Moment nicht, aber ich mache mich gerne für Sie schlau.« Meine Großmutter pflegte immer zu sagen: «Für dumm verkaufen, kann ich mich selber, das brauchst du nicht zu tun.« Wenn ich mir meinen Wasserfleck so betrachte, werde ich diesen Satz in Zukunft viel häufiger zum Einsatz bringen. Kostenvoranschlag beim Zahnarzt oder in der Autowerkstatt? »Für dumm verkaufen …« Die Gesichter möchte ich sehen! Auf der Arbeitsstelle rechts von einem Dussel überholt werden? »…, kann ich mich selber, das brauchen Sie nicht zu tun!«, lässt bestimmt den Mund des Chefs offen stehen. Natürlich besteht auch die Gefahr auf der Stelle gekündigt zu werden, aber man wurde wenigstens nicht »für dumm verkauft« und ist den latent schwelenden Ärger los. Andererseits bringt es eine enorme Erleichterung mir sich, zu sagen: »Ich weiß es im Moment nicht.« Halten Sie dies einmal konsequent durch. Alle, die sowieso nicht an einer Antwort Ihrerseits interessiert sind, gehen Ihnen in Zukunft bestimmt nicht mehr auf die Nerven! Zwei einfache Sätze und das Leben wird um Vieles leichter.

Sterbehilfe von Dr. Bremer

Heute Morgen musste ich mir wieder anhören, dass die Ärzteschaft schließlich an ihren Eid gebunden sei. Da plapperte einer herum, ohne recherchiert zu haben. Noch einmal langsam und zum Mitschreiben: Ärzte schwören den Eid des Hypokrates nicht! Hier ist er übrigens (Quelle ArztWiki): Ich schwöre bei Appollon dem Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und allen Göttern und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen rufe, daß ich nach meinem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Vereinbarung erfüllen werde: Den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleichzuachten meinen Eltern und ihm an dem Lebensunterhalt Gemeinschaft zu geben und ihn Anteil nehmen zu lassen an dem Lebensnotwendigen, wenn er dessen bedarf, und das Geschlecht, das von ihm stammt, meinen männlichen Geschwistern gleichzustellen und sie diese Kunst zu lehren, wenn es ihr Wunsch ist, sie zu erlernen ohne Entgelt und Vereinbarung und an Rat und Vortrag und jeder sonstigen Belehrung teilnehmen zu lassen meine und meines Lehrers Söhne sowie diejenigen Schüler, die durch Vereinbarung gebunden und vereidigt sind nach ärztlichem Brauch, jedoch keinen anderen. Die Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meinem Vermögen und Urteil, mich davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht. Ich werde niemandem, auch auf eine Bitte nicht, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen; gleicherweise werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibens Zäpfchen geben: Heilig und fromm werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst. Ich werde niemals Kranke schneiden, die an Blasenstein leiden, sondern dies den Männern überlassen, die dies Gewerbe versehen. In welches Haus immer ich eintrete, eintreten werde ich zum Nutzen des Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung und den Werken der Lust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven. Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung, im Leben der Menschen, so werde ich von dem, was niemals nach draußen ausgeplaudert werden soll, schweigen, indem ich alles Derartige als solches betrachte, das nicht ausgesprochen werden darf. Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht breche, so möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg beschieden sein, dazu Ruhm unter allen Menschen für alle Zeit; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, dessen Gegenteil.

Wie man sieht, wäre er absolut tagesaktuell. Ich meine, wer von den Kollegen nimmt schon seine Professoren mit ins Haus und versorgt sie für den Rest ihrer Tage? Was Abtreibungen betrifft, berufen wir uns mittlerweile auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Nur bei der Sterbehilfe scheint es nicht möglich, dem Menschen ein Selbstbestimmungsrecht einzuräumen. Es ist geradezu eine Frechheit, wenn die Kirche eingefleischten Atheisten mitteilt, dass Gott das alleinige Entscheidungsrecht besitzt. Und ich halte es ebenso für unangebracht, dass Politiker über aktive Sterbehilfe entscheiden. Zumal laut Forsa 80% der Deutschen sie befürworten würden. Daraus spricht doch die unendliche Angst vor einem langen und qualvollen Ende. Ich finde, diese Angst sollte jedem genommen werden, damit er frohgemut noch ein wenig weiter machen kann.

 

Ärztemangel von Dr. Bremer

Neulich spazierte ich durch eine Großstadt und zählte meine Schritte. Nachdem ich die Anzahl von eintausend erreicht hatte, war ich in der Zwischenzeit an vier Ärztehäusern vorbeigekommen, in denen sich jede Fachrichtung finden ließ. Drei Apotheken lagen ebenfalls auf meinem Weg. Dazu kamen drei Zahnarztpraxen und zwei Praxen für kosmetische Chirurgie. Man kann sagen, ich sah den Arzt vor lauter Ärzten nicht. Ein wenig kam ich mir vor, wie im Supermarkt, in dem ich mich bei dem Überangebot jeglicher Artikel auch nicht für ein bestimmtes Produkt entscheiden kann. Wovon leben die Kollegen, fragte ich mich. Findet hier eine Art Patientenrotation statt, in der jeder Patient einmal jeden Arzt ausprobiert, um sich von Neuem einmal »gründlich auf den Kopf stellen« zu lassen«? Ärzte scheinen ein Schwarmverhalten zu zeigen, und da der Patient unmöglich wissen kann, nach welchem er schnappen soll, besucht er dann gleich alle? Und rechnet jeder Kollege dann auch gleich alles ab? Jedenfalls kam ich mir, da ich den ländlichen Ärztemangel gewohnt bin und mich vor Arbeit kaum retten kann, geschweige denn, dass ich einen Termin beim Facharzt für meine Patienten finden kann, vor, wie im Paradies. Ich ging nochmal zurück. Fünf Internisten auf zweihundert Metern! Wahnsinn! Hier könnte sich jeder Kollege auf ein einziges inneres Organ konzentrieren. Was rede ich? Jede Körperzelle hat hier ihren eigenen Doktor! Ärzte für Halsnasenohrenheilkunde waren auf meinen eintausend Schritten derart zahlreich vertreten, dass sie sich auf die Gesichtshälften beschränken müssten, um überleben zu können. Linkes Ohr oder rechtes? Linkes Nasenloch oder rechtes und da der Rachen symmetrisch geteilt ist, ein Arzt für jede Rachenmandel! Bei den Augenärzten das Gleiche. Zumal auf meinem Wege auch drei Augenoptiker zu finden waren. Hier konnte man sich nicht nur eine Zweitmeinung einholen, sondern eine »Zehntmeinung«! Und alle diese Ärzte wollen als Alterssicherung ihre Praxis noch an den Meistbietenden verkaufen. Wenn ich einmal nicht mehr kann, mache ich still und heimlich zu, ohne Aussicht auf einen Nachfolger. Vielleicht praktiziere ich, der Patienten wegen noch weiter, obwohl ich nicht mehr kann. Plötzlich überkam mich das Bedürfnis, in die Hände klatschen zu wollen und laut: »Husch, husch, geht dahin, wo ihr gebraucht werdet!«, zu rufen. Lokale Ärzteschwemme, um nicht zu sagen: Ärzteschwämme, die nur im Großstadtbereich zu wuchern scheinen. Hier gehört doch einmal gründlich durchgefegt!

Trotzdem war ich froh, wieder zu Hause zu sein. Zwar quoll mein Wartezimmer am Montagmorgen wie üblich über, der Mittag war mit zahlreichen Hausbesuchen mehr als ausgelastet, bevor es nachmittags gegen eine weitere Patientenschwemme anzuarbeiten ging. Oma G. brachte es auf den Punkt. »Sie waren doch in der Großstadt?«, war sie bestens informiert. »Wir hatten schon Angst, dass sie nicht wiederkommen. Aber, das geht doch nicht. Sie sind doch unser Doktor!«

Dr. Bremer, Landarzt!

Special Olympics von Dr. Bremer

Ja, ja, die Zahnärzte! Eine Vertreterin dieses Standes nahm heute im Morgenmagazin Bezug auf die zahnärztliche Betreuung von geistig Behinderten, was für eine Mühe es wäre diesen etwas zu erklären oder den Betreuern die Sachlage klar machen zu müssen, aber vor allen Dingen störte die Kollegin der Geldzunft, dass man diesen zusätzliche Zeitaufwand nicht ABRECHNEN kann. Ich musste über diesen freudschen Lapsus so lachen, dass ich mich an meinem Morgenkaffee verschluckte. Herrlich, wie sie große Teile ihres Berufsstandes entlarvte! Zahnmedizin ist nun einmal keine sprechende und insbesondere keine Zuhörende, denn der Patient wird naturgemäß am Sprechen gehindert.  Warum die Zahnärzte überhaupt Ärzte heißen war mir schon seit jeher ein Rätsel. Warum nennen sie sich nicht Klempner, wie der Volksmund schon lange weiß, denn was hat die Reparatur von Zähnen mit Medizin zu tun. Was mich direkt zu unseren Teenagern bringt. Keiner von diesen grinst mich an, ohne dass mir die festinstallierte Zahnspange entgegen blinkt, oder dass ich OP-Vorbereitungen für die anstehende Weisheitszahnextraktion treffen muss. Passen die Zähne innerhalb der jungen Generation nicht mehr ordnungsgemäß in die Münder? Hat da die Evolution die Hand im Spiel oder das Abrechnungssystem der Zahnärzte, Kieferchirurgen, Kieferorthopäden und Dentalkosmetiker? Eltern kommen um vor schlechtem Gewissen, wenn ihr Nachwuchs keinen Draht im Gegenwert eines PKW um die Zähne geschlungen hat. Da wird auch gerne einmal mehrmals auf den Urlaub verzichtet, um eine nicht sichtbare Fehlstellung der Backenzähne zu korrigieren. Und wenn dann noch ein Röntgenbild des NOCH WACHSENDEN Kiefers gemacht wird, ist eigentlich logisch, dass die noch nicht durchgebrochenen Weisheitszähne in diesem Stadium des Wachstums noch nicht in die vorhandene Zahnreihe passen. Deswegen brechen diese Zähne meist erst nach dem 19. Lebensjahr durch – darum der Name Weisheitszähne – wenn der Kiefer ausgewachsen ist. Die Röntgenbilder werden aber schon ab dem 12. Lebensjahr erstellt, ergo müssen die Weisheitszähne raus!

Jetzt hätte ich doch fast das Bleeching vergessen, das den Zahnschmelz angreift. Von der professionellen Zahnreinigung, die der Kassenpatient selbst bezahlen darf, ganz zu schweigen. Was wohl Dr. Best dazu sagen würde, dass sämtliche Zahnbürsten nichts zu taugen scheinen. Wenn die »Kollegen« immer noch nicht genug gescheffelt haben, werden Glitzersteinchen auf die Zähne aufgebracht.

Das mache ich jetzt auch. Ich kümmere mich nicht mehr um Patienten, die nicht auf Anhieb verstehen, was ich ihnen erkläre, da ich es nicht abrechnen kann. Ich entferne eingewachsene Zehnägel, bevor sie eingewachsen sind, biete allen Diabetikern – auch denen ohne diabetischen Fuß – professionelle Fußreinigungsprophylaxe an. Verhökere an alle Kinder, die natürlicherweise noch einen Plattfuß haben, Einlagen der Luxusklasse und nehme Piercings in meine IGEL-Leistungen auf.

Nachdem ich mich heute Morgen ausgelacht hatte, schämte ich mich gründlich fremd für die Kollegin. Was hatte sie bei den Rahmenveranstaltungen zu den Special Olympics zu suchen? Ich möchte mich stellvertretend für die gesamte Ärzteschaft bei den Teilnehmern dieser Veranstaltung entschuldigen, denn sie sind jeden zeitlichen Mehraufwand wert, einfach nur, weil sie da sind und unser Leben bereichern!

Dr. Bremer, Landarzt

Quälgeister von Dr. Bremer

Heute begann ein neuer Lehrling bei mir in der Praxis. Ein junges Ding, total unerfahren im Umgang mit dem Patienten an sich. Leider machten die »alten Hasen«, sprich meine erfahrenen Arzthelferinnen den Fehler, die Kleine einen Moment lang mutterseelenallein zu lassen. Was dazu führte, dass das Mädchen in Tränen aufgelöst im Personalraum saß und sich weigerte, weiteren Patientenkontakt aufzunehmen.

Was war passiert?

Völlig unbedarft fragte sie eine Patientin, um sie in der Kartei eindeutig zu identifizieren, nach deren Geburtsdatum, was ihr die Ankündigung der derart Bloßgestellten einbrachte, sofort eine Eingabe beim deutschen Beauftragten für Datenschutz zu veranlassen. Kaum erholt von diesem Schock wurde sie, die Lütte, mehrmals am Telefon von »akut Kranken« bedroht, weil ihr eingetrichtert worden war, die Sprechstunde wäre voll und sie solle weitere Termine blocken. Was sie auch tapfer tat. Aber, als eine Patientin keifte, sie würde sich sofort einen anderen Arzt suchen, brach der Lehrling zusammen, weil sie fürchtete, sie hätte mich durch den Verlust dieser einen Patientin an den Rand des Ruins gebracht.

Ich tröstete die Gebrochene. Die Patientin drohe dieses mindestens zweimal pro Woche an, käme aber jede Woche dreimal vorbei.

Zitternd traute sich das Mädchen wieder an den Empfangstresen und nahm mutig das nächste Telefongespräch entgegen. Leider war Herr S. in der Leitung, bei dem ich täglich vorbeischaute, seit er sich selber aus dem Krankenhaus entließ. Ihm fehlt so weit nichts; er hat eben gerne Kümmerer um sich.

»Der Doktor muss auf der Stelle kommen!«, hallte es, statt einer Begrüßung aus dem Hörer. Ich beging den Lapsus, energisch mit dem Kopf zu schütteln, da ich die lautstarke Forderung bis vor den Tresen hören konnte.

»Aber, aber, aber …..«, stammelte die Kleine in den Hörer, den sie, einen Hörschaden vermeidend, vom rechten Ohr abhielt. Schließlich schmiss sie den Hörer auf die Gabel und flüchtete sich dieses Mal schluchzend auf das Personalklo.

Es dauerte eine Weile, bis unsere gemeinsamen Bemühungen fruchteten und wir sie dort herausbekamen. Im Personalraum flößten wir ihr ein Glas Saft ein.

»Warum sind die alle so böse? Ich tue ihnen doch nichts?«, flüsterte die Kleine.

»Keine Sorge, die bellen, aber die beißen nicht«, sagte meine erste Kraft.

»Bis du dir da sicher?«, fragte die zweite Kraft, was ihr einen warnenden Blick meinerseits einbrachte, denn schließlich hatte das Mädchen gerade erst zu zittern aufgehört.

Dabei bin ich mir selber nicht sicher, ob sie im Extremfall auch beißen würden. Was ich auch nicht sicher weiß, ist, ob der Lehrling Morgen wiederkommt.

Dr. Bremer, Landarzt

Ärzte von Dr. Bremer

Das Volk der Dichter und Denker ist zwar geblieben, nur muss das Dichten und Denken anders interpretiert werden. Jeder dichtet sich eine Krankheit an und denkt, er bräuchte unbedingt Behandlung. Wie heißt es bei Jesus Sirach so schön?

Kapitel 38:

Gib dem Arzt die Ehre, weil du ihn brauchst; denn auch ihn hat der HERR eingesetzt. GOTT, der Höchste, gibt dem Arzt das Wissen, und der König belohnt ihn mit Geschenken. Sein Können gibt ihm großes Ansehen, sogar mächtige Leute bewundern ihn.

Ja, ha ha, liebe Patienten liest dies, tut Buße und stehlt mir nicht meine Zeit mit Gejammer über alles, was ihr in eurem Leben nicht in den Griff bekommt und dann körperlich verortet!

Gehet in euch und fraget euch, was kann ich selber ändern, bevor ich einem anderen damit auf die Nerven falle.

Bedenket, es herrscht ein Mangel an guten Ärzten hier in euren Landen, also schätzt diejenigen hoch, die euch noch verblieben sind, und belohnt sie angemessen.

Gönnet ihm, dem Arzte, die nötigen Ruhezeiten, damit er frisch und ausgeruht ans Werk gehe, und stört ihn vor allen Dingen nicht in seinem Schlafe.

Weinet klagt und verdammt ihn nicht, wenn er seinen wohlverdienten Urlaub antritt und sich unerreichbar macht.

Die Regierung verschone ihn mit Bürokratie, denn er ist ein Heiler und kein Beamter.

Machet ihm seinen Beruf nicht noch schlimmer als er ohnehin schon ist, denn bedenket, er wendet sich denjenigen zu, von denen ihr euch mit heimlichen Grausen abwendet.

Haltet euch immer vor Augen, dass seine Lehrzeit lang und beschwerlich war, und er irgendwann einmal die Lorbeeren dafür einfahren möchte.

Mögen auch die Krankenkassen bislang noch eure Rechnungen begleichen, so entlohnt ihr ihn wenigstens mit Achtung und Dankbarkeit.

Erinnert euch daran, auch er ist ein fehlender Mensch und sucht nicht gleich euren Anwalt auf, wenn ihm ein Fehler unterlaufen sollte.

Vergesset demnach nie, er ist nur ein Halbgott in Weiß.

So, dies musste einmal in aller Ausführlichkeit gesagt werden. Jetzt fühle ich mich besser und gleichzeitig schlechter. Besser, weil ich mich gerne aufführen würde, wie oben erwähnt, schlechter, weil es eben selten geschieht. Zumal etliche meiner Kollegen den Arztberuf nur erwählten, nachdem sie offensichtlich im alten Jesus Sirach stöberten und auf diese Zeilen stießen. Die meisten meiner Kommilitonen kamen sich während des Studiums bereits als Komplettgötter vor, da der Herr Vater als Obergott in Weiß dominierte. Deren Ansicht bestand darin, den Arztberuf und dessen Ansehen herrlich zu finden, wenn, ja wenn nur die Patienten nicht wären. Aber so besitzt jeder Beruf seine notwendigen Übel. Ich werde mich jetzt aus meinen himmlischen Gefilden in die Realität begeben und mir in aller Ausführlichkeit ein paar diabetische Füße und rückwärtige Abzesse anschauen.

Dr. Bremer, Landarzt