McDonalds und Co. von Dr. Bremer

Vielleicht darf ich der jungen Dame, die Probleme mit dem Ansturm auf die Burgerfiliale hatte, ein wenig auf die Sprünge helfen. Es handelt sich bei diesem Phänomen um nichts anderes, als das gute alte »klassische Konditionieren«.

Pawlow machte damals eine Versuchsreihe mit Hunden. Jedes Mal, wenn sie ihr Futter bekamen, erklang ein Glöckchen. Nach einiger Zeit stellte der Wissenschaftler fest, dass allein der Klang dieses Glöckchens ausreichte, um den Speichelfluss bei den Tieren auszulösen, obwohl weit und breit keine Nahrung in Sicht war. Man entschuldige bitte meine vereinfachte Darstellung.

Meines Erachtens hat das riesige, leuchtende, gelbe M denselben Effekt auf die Menschen. Der Speichelfluss wird angeregt, die Verdauungssäfte sprudeln reichlich, gleichzeitig wird die Erinnerung an eine kurzfristige Serotoninausschüttung wach, obwohl weit und breit keine vernünftige Nahrung in Sicht ist.

An dieser Stelle einen schönen Gruß an Tanja K.. Bei ihr funktioniert dieser anerzogene Reflex genau so. Sie muss nur eine Flasche sehen und schon rattern Erinnerungen an schöne, besoffene Stunden los.

Aber ich war ja noch bei den Burgerkönigen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass das gelbe M sich auf die Forschungsergebnisse von Pawlow stützt. Ich meine, deutlicher kann ein Signal nicht sein. Ein Glöckchen ist ein Dreck dagegen!

Jeder Laborratte kann man diesen bedingten Reflex anerziehen, was einmal mehr beweist, der Mensch ist mehr Tier, als er es wahrhaben will.

Unser »Affenhirn« hat schon lange beschlossen, sich einen Fleischklops reinzuwürgen, bevor unser Großhirn überhaupt etwas davon mitbekommt und, hast du nicht gesehen, stehen wir in der Schlange des Fastfoodrestaurants und meinen auch noch, wir hätten es selber entschieden!

Erst wenn sich die ungesunde Kalorienmenge bereits in unserem Körper befindet, meldet sich die graue Hirnrinde in Form des schlechten Gewissens – auch hier einen Gruß an unsere anonyme Alkoholikerin.

Es ist die Crux des Menschen, dass Denkprozesse immer erst hinterher einsetzen.

»Wie konnte ich nur? Was war nur in mich gefahren? Das passiert mir nie wieder!«

Ich lach mich tot und meine Patienten fressen und saufen sich tot.

Laborratten eben.

Dr. Bremer, Landarzt

 

Prosit von Tanja K.

Prosit heißt: Es möge nützen, Ich bin nach wochenlanger Enthaltsamkeit rückfällig geworden, aber »Prosit«, er nützte überhaupt nicht, der Alkohol. Jetzt habe ich alle Moralprediger meiner Familie im Nacken. Gerade denen habe ich zugerufen, zugebrüllt: Lasst ab von Prinzipien, die jede Freude, jede Lust, jedes Laster verbieten. Esst, trinkt und schlaft, wenn Euch danach ist, passt nur auf, dass Ihr keinen dadurch verletzt oder schadet. Was das für einen Schaden verursachen könnte, wenn ich satt und zufrieden ins Bett taumele, muss mir noch jemand erklären.

Bier war seit jeher ein Grundnahrungsmittel. Wahrscheinlich wurden die Untergebenen, weil sie dadurch so sinnlos fröhlich und faul waren, den Dienstherren zu lustig, denn der war an hart arbeitenden Menschen und nicht an selbstzufriedenen Bierjunkies interessiert.

Ja, ja, die Drogen! Wenn die Dienstherren dem Volk, der Pharmazie sei Dank, vermitteln können: Du leidest nicht an den Umständen, sondern nur an dir, ist die Katze halb im Sack.Wir entwickeln, ein Hoch auf die Pharmaindustrie!, schwubbsdiwubbs gleich das passende Mittelchen für dich, das treibt dann den Rest der Katze in den Beutel.

»Denk dran, ich bin groß und du bist klein. Schlafe, mein Baby, schlaf ein (Text Ludwig Hirsch).

»Denk dran, ich bin groß und du bist klein!« Eine Behauptung, die das Einschlafen nahezu unmöglich machte, wenn es da nicht diese zahlreichen bunten Pillen gäbe.

»Denk dran, ich bin groß und du bist klein«, wurde uns bereits im Kleinkindalter von unseren Eltern eingetrichtert. Selbst wenn dies lange obsolet ist, wir glauben immer noch daran. Ersetzen den eigentlichen Vater durch Vaterfiguren und in jeder Frau wird die Übermutter vermutet. Herzlichen Grüße an Angela Merkel, an dieser Stelle.

Ich bin ein eingefleischter Morgenmagazin-Fan. Wenn ich, trunken von der Nacht, meine Realität Stück für Stück aufbaue, lenkt es mich ab, bis ich die Ritterrüstung des Tages anhabe. Hochgeklapptes Visier geht überhaupt nicht!

Gestern gab es im Service meiner bevorzugten Morgensendung das Thema: Depressionen. Alles klar, ein angeblicher Fachmann saß dort und beantwortete Fragen der Zuschauer. Normalerweise wird bei diesen »Expertenrunden« von den Anrufern der Name genannt. Gestern war dies nicht der Fall, denn der Großteil der Anrufe war anonym, weil, wer gesteht schon gerne ein, depressiv zu sein. Das reimt sich gerade, tut aber nichts zur Sache.

Sie hätten im MoMa statt Depression, Burn out zum Thema machen sollen, dann hätte es keinen anonymen Anrufer gegeben, dessen bin ich mir sicher. Obwohl Depressionen und Burn-out vollkommen identisch sind, was Studien bewiesen haben.

Egal, man klagt halt, gewissensmäßig reiner, über hohes Leistungsniveau, weil die Alternative beschämend wäre.

Neuro-Inhancement ist groß im Kommen. Lustige, bunte Pillen garantieren noch mehr Leistung. Wer nicht multitaskingfähig erscheint- der Mensch ist eigentlich überhaupt nicht darauf ausgerichtet- macht sich eben künstlich multitaskingfähig.

Mehr habe ich durch meinen Alkoholkonsum auch nicht getan.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

Versuchungen von Tanja K.

Nun, Überwindung kostet es mich schon, hier einfach drauflos zu schreiben. Nachdem es nicht so weiter geht mit meinem Alkoholkonsum am Wochenende, an dem eigentlich alle saufen, es mir aber körperlich und seelisch nicht mehr bekommt und ich endlich etwas unternehmen will, kann ich meine Texte, die ich für meine Online-AA Gruppe schreibe, auch für den Blog verwenden.

Absolute Anonymität garantierte man mir, und ich verlasse mich darauf.

Das Schwerste ist, sich zuzugestehen, dass man Schwierigkeiten mit dem Alkohol hat. Der »Problemlöser« wird selber zum Problem. Meine Familie drängt mich seit langem, etwas zu unternehmen, aber der Psychiatrie und der Psychologie traue ich nicht mehr über den Weg.

Ich meine, drei Jahre Psychoanalyse nach Freud wegen Magersucht, neun Wochen Psychiatrie wegen Trinkerei und Bulimie, fünf Wochen Psychiatrie wegen Valiumentzug und zwei Jahre ambulante Verhaltenstherapie wegen Panikattacken, brachten nicht allzu viel.

Ich fürchte die Therapeuten jetzt mehr als die Krankheit, denn außer einem Symptomwechsel ist nichts passiert.

So kehrte ich nach einem Ausflug in die Welt der Angstlöser in Pillenform zum guten, alten Alkohol zurück.

Die Beschaffung ist erheblich einfacher, der Kater dauert 48 Stunden, was man vom Valium nicht behaupten kann.

In ein reales Meeting der Anonymen Alkoholiker traue ich mich nicht, aber meine Online-Gruppe scheint ein angemessener Ersatz zu sein. Ich verliere alles. Meine Scheidung läuft. Das Sorgerecht für meine Söhne  bleibt fraglich und Freunde lassen sich schon lange nicht mehr blicken. Es bleibt mir demnach nichts weiter übrig, als es anders zu versuchen.

Die zwölf Schritte der AA sind gewöhnungsbedürftig. Mein jüngster Sohn, der Einzige der ab und an noch mehr als das Nötigste mit mir redet, meinte: »Steht da etwa von Punkt eins bis zwölf, kein Alkohol, kein Alkohol, kein Alkohol …..?«

Nein, da steht:

1. Schritt: Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

2. Schritt: Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wieder geben kann.

3. Schritt: Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen.

4. Schritt: Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.

5. Schritt: Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen unverhüllt unsere Fehler zu.

6. Schritt: Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.

7. Schritt: Demütig baten wir ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.

8. Schritt: Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, ihn bei allen wieder gut zu machen.

9. Schritt: Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war –  , es sei denn, wir hätten sie dadurch verletzt.

10. Schritt: Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.

11. Schritt: Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir ihn verstanden – zu verbessern.

12. Schritt: Nachdem wir durch diese Schritte ein geistiges Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiter zu geben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.

Da musste ich erst einmal schlucken. Bislang Gott (?) sei Dank noch keinen Alkohol.

Tanja K. Anonyme Alkoholikerin