Alter von Witwe Clausen

Marlene besuchte mich gestern. Sie ist eine langjährige Freundin von mir und mit ihren 79 Jahren ist sie genau zwei Jahre älter als ich. Marlene will ihr Leben von Grund auf ändern. Schritt eins: Das Gewicht erreichen, das schon zu Teenagerzeiten ihr nie erreichtes Zielgewicht war. »Vielleicht«, so teilte sie mir auch noch mit, »schaue ich mich, wenn ich meine Traummaße erreicht habe, auch noch nach meinem Traummann um!« Ich war sprachlos. »Schau dich an«, deutete sie mit dem Finger auf mich. »Du lässt dich eindeutig gehen. Noch nie was von den jungen Alten gehört? Diese Klodderklamotten, die du immer trägst. Wann bist du eigentlich das letzte Mal geschminkt aus dem Haus gegangen? So kriegst du keinen Kerl ab, soviel steht fest. Nein, du bist viel zu jung, um das Rennen bereits aufzugeben. Die Konkurrenz schläft nicht und du hast doch nicht etwa vor, die beste Zeit deines Lebens vergammeln zu wollen?« Da ich genau dies vorhabe, enthielt ich mich eines Kommentars. Weiterlesen

Altersgemäß von Elke Balthaus-Beiderwellen

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich bin 56 Jahre alt geworden und musste feststellen, dass in meinen Kopf der gleiche Wirrwarr herrscht wie zu meinem 20., 30. 40. oder 50. Jahrestag. Meinen Töchtern spiele ich die Erwachsene vor, aber eigentlich müsste ich ihnen sagen: »Mädels, rational und emotional betrachtet, bin ich noch nicht einen Schritt weiter als ihr.« Dabei habe ich die Jahrzehnte gerne gewechselt und überlegt, was ich nun nicht mehr zu tun brauche, nur um es einen Tag später umso intensiver weiter zu betreiben. So sagte ich mir zu meinem 50.: »Du bist nun für die Männer ein sexuellen Neutrum, Auftakeln jeglicher Art erübrigt sich. »Was tat ich? Ich färbte meine grauen Haare, schminkte und dresste mich vor jedem Ausgehen einen Tick heftiger, anstatt das zu sein, was ich war, eine ältere Frau. Weiterlesen

Herbstanfang von Witwe Clausen

Bei mir kann man schon lange nicht mehr davon reden; ich befinde mich sozusagen bereits mittendrin. Trotzdem könnte ich an die Decke gehen, wenn ich so dumme Sprüche höre, dass der Herbst auch noch schöne Tage besitzt. Denn wer, bitte schön, erinnert sich beim Herbstanfang noch an den Frühling oder Sommer und deren schöne Tage? Vielmehr fragen sich die Leute: Hatten wir überhaupt einen Frühling, einen Sommer? Wie kommt es eigentlich, dass wir uns noch nicht einmal daran erinnern können, was es gestern zu essen gab? Weil wir alles quasi nebenbei erledigen. Und so rauschen ganze Jahreszeiten, ganze Lebensabschnitte an uns vorbei. Plötzlich(!) ist es Herbst, jahreszeitlich und den Lebensabschnitt betreffend und wir fragen uns: Wo ist die Zeit geblieben? Am Ende unseres Lebens fragen wir uns: Hatten wir überhaupt ein Leben? Deswegen wollen wir nie damit aufhören, egal wie schlecht es uns geht, weil das Leben in unseren Augen noch nicht stattfand. Der Vorhang fällt und alle Fragen sind noch offen. Wer sind wir? Was wollen wir? Welchen Sinn hat unser Leben? Im Prinzip könnte auf jedem Grabstein stehen: Er/sie ging, ohne zu wissen, woher er/sie kam und wohin er/sie wollte. Dabei wäre gerade der Herbst die Zeit, in der man die wichtigsten Fragen klären könnte. Die Ernte ist eingefahren, die Kinder sind aus dem Haus, man hat Zeit für sich und zum Nachdenken, aber nein! Es muss jung geblieben sein, koste es, was es wolle. Die sogenannten »jungen Alten« treiben mich in den Wahnsinn. Es wird damit kokettiert, dass man jünger aussieht als man biologisch ist. Es wird gefärbt, gespritzt, geturnt und diätet, was das Zeug hält. Man erzwingt eine Neuauflage der Zeitspanne, die man verpasste, als könne man irgendetwas nachholen. Ist ein Lebensabschnitt nachholbar? Im Grunde genommen bekommen die »Nachholer« gar nicht mit, dass sie einfach nur lächerlich wirken. Da werden mit über 70 Gefühle herbei gezwungen, die man mit zwanzig hätte haben sollen. Der gutsituierte Senior lacht sich Frauen an, die er mit zwanzig für unerreichbar hielt und Seniorinnen gehen in Bekleidungsläden, die ihren Töchtern anstünden. Rocksäume wandern über Zellulitisbeine immer weiter nach oben, denn schließlich muss gezeigt werden, was man, als man es noch konnte, nicht zu zeigen gewagt hatte. Ich habe einmal die Probe aufs Exempel gemacht und in die heißesten Sportwagen in unserer Stadt geschaut. Die PS Zahl verhielt sich direkt proportional zum Alter des Fahrers. Klar, was man sich in der Jugend nicht leisten konnte, demonstriert man im Alter. Nur, was bewirkt dieses Verhalten? Fühlt man sich jung, weil man sich jung gibt? Dass es auf die Umwelt lächerlich wirkt, haben wir schon festgestellt, aber wie wirkt es auf denjenigen, der diese Verhaltensweise an den Tag legt? Ich kann mir vorstellen, dass man sich reichlich abgehetzt vorkommt. Man rauscht mit Vollgas durch den Herbst und verpasst auch diesen und seine sprichwörtlichen »schönen Tage«.

Witwe Clausen

Pflege im Alter von Maria Mitscherlich

Etwas gab mir heute Morgen zu denken. Wir holen Chinesinnen ins Land, damit sie unsere Alten pflegen. Diese Chinesinnen wurden in ihrem Heimatland zu Krankenschwestern ausgebildet und sind für den Job der reinen Pflegerin überqualifiziert. Pflegeausbildungen gibt es in China nicht, wie ich durch ein Interview mit einer der jungen Damen erfuhr, denn die Pflege der Alten obliegt ausschließlich der Familie.

Interessant dachte ich und fragte mich, ob es daran liegt, dass der Staat sich einfach nicht kümmert, oder eher daran, dass dort die Familie eine andere Wertigkeit besitzt als bei uns.

Der Familienverband ist hierzulande auf dem absteigenden Ast. Unsere Familien bestehen entweder aus patchworkartigen Zusammenballungen oder aus Alleinerziehenden. Gerade die Alleinerziehenden haben nach einem Kind die Pappe auf, denn es ist weit und breit weder Oma noch Tante in Sicht, die sich auch einmal um den Nachwuchs kümmert.

Haben Sie schon einmal einen ganzen Tag allein mit einem Kind verbracht? Ich, die ich weder Kinder noch sonstige Familie besitze, stelle mir das grauenhaft vor. Schon vor langer Zeit entschied ich mich dafür, dass mein Leben ausschließlich mir selbst gehört. Deswegen sah ich auch von einem störenden Lebenspartner ab. Finanziell gesehen bin ich unabhängig, also brauche ich keinen Ernährer. Die heutigen Frauen wollen beides, die finanzielle Unabhängigkeit und den Ernährer, besonders, wenn Kinderwunsch besteht. Was hat es nun mit diesem Kinderwunsch auf sich? Was treibt Frauen dazu, ihr Leben dem Nachwuchs opfern zu wollen. Hormone? Gesellschaftlicher Druck? Ist man ohne Kind keine richtige Frau? Oder besitzt das Kind eher Alibifunktion, weil in der kalten Berufswelt der Wind weitgehend von vorne bläst?

Weil man nicht in der Lage ist, etwas zu leisten, leistet man sich eben ein Kind, aber, ist ein Kind eine Leistung? »Damit ich im Alter nicht so alleine bin«, bekomme ich oft zu hören. Was aber nicht zu funktionieren scheint, wie man am Beispiel der Chinesinnen erkennt, denn welches Kind sitzt schon bei Mama und Papa und hält Händchen?

Wenn ich mir die Sorgen und Nöte der Eltern anhöre, die in meine Therapiestunden kommen, schlage ich jedes Mal drei Kreuze, dass mir diese Nemesis, Mutter zu sein, erspart blieb. Bekommt man die vielen schlaflosen Nächte, die sich nicht nur auf das Säuglingsalter beziehen, irgendwann einmal vergütet? Elterliche Sorgen sind Sorgen, die erst aufhören, wenn man so dement ist, dass man sich nicht mehr an die eigenen Kinder erinnert.

»Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen«, pflegte meine Mutter zu deklarieren. Allein meine Berufswahl trieb sie halbwegs in den Wahnsinn. Wobei mir gerade einfällt, dass ich sie wieder einmal besuchen müsste. Wann war ich zuletzt in dieser Einrichtung, in der sie jetzt sitzt? Wie man sieht, bin ich ein äußerst undankbares Kind. Aber, was heißt hier undankbar. Habe ich sie dazu gedrängt, mich zu zeugen?

Jedenfalls werde ich mich rechtzeitig nach einer überqualifizierten, treusorgenden Asiatin umschauen, wenn ich alt und klapprig werde. Ich bin dann im Alter nicht allein und habe mir dennoch jede Menge Sorgen erspart.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin