Genialität

Heute möchte ich den Blog einem Thema widmen, mit dem sich bereits mehrere meiner Texte beschäftigten: Staub! Die schräg stehenden herbstlichen Sonnenstrahlen mit ihrem ungünstigen Einfallswinkel lassen komplette Galaxien – was rede ich – ganze Universen dieser aus kleinsten und allerkleinsten Teilchen bestehenden Materie aufleuchten. Manchmal setze ich mich mitten im Wohnzimmer auf einen Stuhl und beobachte das Treiben. Nichts bringt einem die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns näher. Gelegentlich erhebe ich mich dann, lasse unter Mithilfe meines Zeigefingers kalligrafische Schnörkel auf der Klappe des Klaviers, das unter der Bezeichnung »hochglänzend schwarz« erworben wurde, entstehen und gerate dabei in einen zen-mäßigen Flow. Meistens kommt mir dabei das Kinderlied »Weißt du wie viel Sternlein stehen« in den Sinn. Wahrscheinlich weil in dem Lied nur Gott dem Herrn zugestanden wird, die Unermesslichkeit im Auge und in der Hand halten zu können. So gesehen wäre es eine Anmaßung meinerseits das Klavier zu polieren und zu meinen, damit einen endgültigen Zustand geschaffen zu haben. Aufräumen und Saubermachen lohnen sich nur, wenn ein chaotischer Vorgang beendet ist. Wer käme jemals auf die Idee, während eines Erdbebens mit dem Wegräumen der Trümmer zu beginnen? Nur die Ruhe nach dem Sturm ermöglicht es, die Ordnung wieder herzustellen. Außerdem las ich erst unlängst, dass nur Los- und Zulassen den menschlichen Geist befreit. Das Zulassen der Staubschicht auf dem Klavier wäre demnach der erste Schritt auf meinem Weg zu ungeahnten geistigen Höhenflügen. Bahnbrechende philosophische Erkenntnisse wären bis heute nicht erfolgt, hätten sich geniale Denker einzig und allein dem Staubwischen gewidmet! Es ist doch gerade existenziell für einen Philosophen, sich über die Banalität des Alltags zu erheben und sich dem Großen und Ganzen zu widmen. Dem im Denken gefangenen Menschen fiele ein verstaubtes Klavier noch nicht einmal auf! Hier muss ich unbedingt noch an mir arbeiten, denn solange sich mein Blick in Unwichtigkeiten verfängt, komme ich meiner eigentlichen Bestimmung als Homo sapiens (!) nicht nach. Wenn mein Göttergatte anzügliche Bemerkungen über das kalligrafisch verzierte Instrument macht, ist dies doch nur ein Beweis dafür, dass auch er noch meilenweit vom wahren Erkenntnisgewinn entfernt ist. Und wenn meine Mutter zu Besuch ist und als erste Amtshandlung mit vorwurfsvollem Blick zum Staubtuch greift, steht auch sie nicht weit genug über den Dingen. Wenn ich an den chaotischen Urzustand denke, in dem sich die Zimmer meiner Töchter immer befanden, als die beiden noch bei uns wohnten, wird mir erst heute klar, dass dies womöglich ein Zeichen abgehobener Genialität war, deren Entfaltung ich mit meinen Vorhaltungen im Wege stand. Ist der Menschheit die Weltformel entgangen, weil ich auf halbwegs grober Ordnung bestand? Dabei formulierte bereits »Karlsson vom Dach«, einer der führenden Philosophen unserer Zeit, die denkwürdige Frage: »Was stört es einen großen Geist?« Wie konnten mir diese inhaltsschweren Worte, denen ich bereits als Kind anhing, so mir nichts dir nichts verloren gehen? Staubwischen ist etwas für Kleingeister, so sieht es doch aus!

Ego te absolvo

In den Stunden, in denen mein Hirn endlos Geschehnisse wiederkaut, die nicht mehr zu ändern sind, wünsche ich mir, gläubiger, praktizierender Katholik zu sein. Ich meine, was kann erholsamer sein, als die »Schwamm-Drüber-Methode« der Beichte? Eine gewisse Anzahl von Rosenkränzen und drei Ave Marias als Zugabe obendrauf und schon geht es unbeschwert auf zu neuen Schandtaten. Die Unfehlbarkeit des Papstes zeigt mir, dass ein menschliches Wesen – obwohl dem menschlichen Wesen wesensfremd – den Zustand der Narrenfreiheit erreichen kann. Somit ist mir dieses vielleicht auch vergönnt. Da Gott, abgesehen von der Homosexualität, der Abtreibung und dem außerehelichem Sex, alles verzeiht, bekomme ich in diesem Leben keine nennenswerten Sünden mehr zusammen. Ich bereue dann wöchentlich meine lässlichen Verfehlungen und trete reiner als dermaleinst die Jungfrau Maria aus dem Beichtstuhl. Mit dem Zustand, dass ich als Frau Hauptverursacherin der Erbsünde bin, komme ich klar. Diese Tatsache hat mir noch nie den Tag verdorben. Aber ein klerikales Reset befreit Geist und Seele und zeitigt nachhaltigere Effekte als das Zureden eines Psychotherapeuten, da ihm, einfacher Mensch, der er ist, die Fähigkeit zur einzig wahren Absolution abgeht. Zwischenmenschliche Konflikte können mir nicht mehr angelastet werden, da allein der Herr entscheidet, was gut und richtig ist, und da es bis zum Jüngsten Tag eh noch etwas hin ist, erledigt sich das meiste in der Zwischenzeit von selbst. Zwiesprachen mit Gott können nur zu meinen Gunsten ausgehen, da sie das Produkt meiner ureigenen Gedankenwelt sind, und sollte sich doch ein leiser Zweifel an meiner Vorgehensweise ergeben, beruhigt mich, dass zumindest Jesus Christus jederzeit für mich einsteht. Kaum ist die Mündigkeit einer höheren Macht überlassen, breitet sich das wohlige Gefühl der Verantwortungslosigkeit aus, denn wofür hat man schließlich einen Vater? Wenn der dann auch noch allmächtig und allwissend ist, werde ich kleines Licht ihm bestimmt nicht reinreden. Es mögen wohl Momente des Zweifels entstehen, da der Herr seine Segnungen nicht gleichmäßig unter den Menschen verteilt, aber das liegt eben daran, dass sie nicht wie ich zu den Auserwählten gehören. Manche fallen eben tiefer als in Gottes Hand. So weit, so paradiesisch, wäre da nicht dieses Gefühl, dass ich es mir ein wenig zu einfach mache. Jetzt könnte ich diese Verunsicherung dem Teufel anlasten und bin erneut prima aus dem Schneider, aber da selbst die gläubigsten der Gläubigen unter den Katholiken, Vorkehrungen in ihrem Sinne treffen, erscheint vollkommenes Gottvertrauen nicht mehr zu sein, als ein Himmelfahrtskommando. Vielleicht ist genau dies ja das pragmatische am praktizierten Katholizismus. Gott ist für das Verzeihen zuständig und um den Rest kümmert man sich halt selbst.

Knotenkunst

Entgegen der landläufigen Meinung bin ich der Ansicht, dass die Kunst des Macrame nicht vom Menschen ersonnen wurde, sondern eine Eigenschaft und ein Drang ist, der allen Schnüren, Bändern, Lade- und Elektrokabeln und insbesondere Weihnachtslichterketten von Natur aus innewohnt. Das Kabel meines Föhns erbrachte heute wieder den Beweis. Eine derart kunstvolle Verknotung kann unmöglich dem menschlichen Geist entsprungen sein. Zumal ich meines Wissens den Föhn mitsamt dem entwirrten Kabel in den Badezimmerschrank verbrachte und er seitdem jedem Einfluss durch den Homo sapiens entzogen war. So handelte es sich auch beim berühmten Gordischen Knoten um ein reines, spontan Entstandenes natürliches Gebilde und wer jemals eine Lichterkette auseinanderfriemelte, kann ein Lied davon singen, dass die Tendenz zu gordischen Verknotungen jeder fadenförmige Struktur ab einer gewissen Länge quasi in die Wiege gelegt wurde. Wie die Eiweißmoleküle, die e benfalls dazu neigen, sich zu den kompliziertesten Verschachtelungen und Verwindungen zu fügen, so drängt es jedes einzelne Haar auf meinem Kopf dahin, sich in verdrehte Zustände zu versetzen, denen mit einem Kamm oder einer Bürste kaum beizukommen ist. Oder nehmen wir einmal Spaghetti, wenn sie erkaltet sind. Die bekommt man nie wieder auseinander. Egal ob Wolle, Näh- und Stickgarn bis zu Gartenschläuchen und Starhilfekabeln; der Trieb zur allgemeinen Verwirrung ist nicht zu verhindern. Was mich jetzt dazu bringt, zu überlegen, ob das Korrelat menschlichen Denkens nicht auch ein fadenförmiges ist, denn ab einer gewissen Länge eines Gedankenganges, nimmt dessen Unentwirrbarkeit eindeutig zu. Und wenn man ihn komplett sich selbst überlässt, wie jetzt das Kabel meines Föns, verschlingt er sich zu kunstvollen Phantasiegebilden, die jenseits jeder Realität liegen. Schon jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich nicht umhin, zu bemerken, dass sich meine Gedanken mehr und mehr verknoten wollen. Es ist demnach an der Zeit, zu einem Ende zu kommen.

Vegetation

Mein Haus ist ein fruchtbares Biotop. Was dem Gärtner der Knöterich oder der Giersch ist mir der Krimskrams. Diese Form der Wildwucherung breitet sich in jeder unbeobachteten Ecke quasi über Nacht aus und lässt kein Regal, keine Dekoschale und keine Fensterbank aus. Herumfliegende und herumliegende Gegenstände des noch nicht einmal täglichen Gebrauches befruchten sich anscheinend gegenseitig und greifen sofern einzeln vorkommend auf Parthenogenese zurück. Auch Knospung und Keimung scheint im Repertoire der Staubfänger vertreten zu sein. Zettel, Zeitschriften und Reklamebroschüren bevorzugen die Zellteilung in toto. Schlüssel, von denen keine Menschenseele mehr weiß, für welches Schloss sie einst zuständig waren, bringen durch Abschnürung zahlreiche Varianten ihrer selbst hervor, kleben wie die Miesmuscheln aneinander und füllen sämtliche Schubladen. Verzwirbelte Haargummis mit Resthaaranteil breiteten sich bereits bis in mein Auto aus, während sie ansonsten scheu in unzugänglichen Bereichen des Fußbodens vegetieren. Der Einzug unser beiden Hunde brachte die nicht überall verbreiteten Gattungen der verfilzten Tierbürsten, der gerissenen Leinen und der zu klein gewordenen Halsbänder zu einem Wachstumsschub, dem nicht beizukommen ist. Halb abgebrannte Kerzen bevölkern bevorzugt das Wohnzimmer und wurzeln nicht nur in, sondern wundersamerweise auch neben den Kerzenständern. Nicht mehr aktuelle Telefonbücher bilden termitenhügelähnliche Gebilde in sämtlichen Komodenschubladen und führen eine friedliche Koexistenz mit Stapeln von alten Fotos und ebenfalls veralteten Visitenkarten. Reste von Kosmetikprodukten beschränken sich nicht nur auf Feuchtgebiete wie das Badezimmer. Nein, diese äußerst widerstandsfähige Spezies findet sich sogar in hauptsächlich trockenen Zonen wie dem Küchenregal und allen Flächen, die auch nur andeutend waagerecht sind. Irgendwie scheint da ein Zusammenhang mit der Anwesenheit meiner Töchter zu bestehen. Genau so, wie die Anwesenheit meines Mannes im direkten Zusammenhang mit dem Erblühen von gebrauchten Papiertaschentüchern steht. Meister allen Krimskrams sind Geldmünzen aus aller Herren Länder und seitdem man sich nicht mehr traut als Einkaufsbremser aufzutreten, in dem man den zu zahlenden Betrag an der Kasse passend zusammensucht, auch einheimisches Klimpergeld. Einen Ableger dieses Vegetationsgiganten fand ich unlängst sogar in einem Eierbecher, während er ansonsten gerne das Flusensieb der Waschmaschine verstopft. Hab ich noch etwas vergessen? Ach ja, den sich stetig erneuernden Flor aus Einzelsocken, der Waschmaschine und Trockner überzieht, die punktuelle Ausbreitung von Einzelhandschuhen im Garderobenbereich und die wohl zu den Nachtschattengewächsen gehörenden angekauten Hundeknochen, die man bevorzugt unter Betten, Sofas und Sesseln findet. Aber so ist halt das Leben; ein ewiges Wachsen und Gedeihen und ich werd einen Teufel tun, mich da einzumischen.

Schicksal

Der Wahlspruch der Hauptfigur aus »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« lautet: Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt! Nun erfuhr ich aus diversen psychologischen Schriften, dass dem Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit überlebenswichtig ist. Ist es das? Mir fällt nämlich gerade auf, dass dies genau genommen hauptsächlich für den »westlichen« Menschen gilt, denn der scheint mir unter allen Kulturen der unruhigste Geist zu sein. Ein Hinnehmen und Loslassen ist ihm wesensfremd und ein Tag, an dem er nicht seinen Senf zu Ereignissen, die ihm im Grunde nichts angehen, beitragen konnte, ist ein vergeudeter. Man mischt eben tüchtig mit und vor allen Dingen mischt man sich auch ungefragt ein. Ob man diese Aufdringlichkeit nun beschönigend Selbstwirksamkeit nennt, sei dahingestellt, aber manche Zeitgenossen meinen, unser Sonnensystem geriete aus seiner Bahn, wenn sie nicht in irgendeiner Form am liebsten stündlich öffentlich in Erscheinung träten. Mittlerweile ist es schwer geworden, aus der gewaltigen Anzahl von unwesentlichen Meinungsäußerungen, die wesentlichen herauszufiltern, denn durch Ahnungslosigkeit bedingtes Schweigen wird nicht mehr als Tugend empfunden. Wer nicht postet oder twittert existiert schlichtweg nicht. Dabei reichen der eigene Herzschlag und die eigene Atmung aus, um sich seiner selbst zu versichern und Ehrfurcht gebührt dem Leben an sich, aber keiner einzelnen lebenden Person. Wenn man sich die Schädlichkeit jedes menschlichen Aktionismus vor Augen führt, sollte man sich doch damit bescheiden, sein Leben möglichst störungsfrei für seine Mitbürger zu gestalten, denn wer »die Welt in Brand setzt« tut letztlich nur eins: Er setzt die Welt in Brand! Und, was ist ein Ziel wert, das auch nur einen einzigen Mitmenschen seiner Würde und seines Rechts auf Leben beraubt? Die Pächter der Wahrheit, die die Welt in ihrem Sinne zu gestalten suchen, richten in ihrem Wahn der Selbstwirksamkeit den größten Flurschaden an. Ein Status quo ist nicht hinnehmbar, auch wenn er noch so bewährt ist. Ich höre schon den Aufschrei! Gegen Ungerechtigkeit muss man sich doch auflehnen! Dabei würde ein Zustand der Selbstgenügsamkeit erst gar keine Schieflage im Miteinander entstehen lassen. Es sind doch die sogenannten Prädestinierten, die die anderen aus ihrer Destination werfen. Die ungestörte Natur erstrebt das finale Gleichgewicht, aber nur solange, bis der Mensch dazwischen pfuscht! Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte sich irgendein »Berufener« in den Urknall eingemischt. Apropos »Berufener«, wer rief da? Wahrscheinlich nur die eigenen Hirngespinste! Es ist kaum vorstellbar, dass der Erzengel Gabriel ausgerechnet einem Analphabeten die Regeln für das menschliche Miteinander diktiert. Und wenn man sich vor Augen führt, wem sich Gott anscheinend offenbarte, kann man nicht von unendlicher Weisheit ausgehen. Da kann ich unserem leider verstorbenen Altkanzler nur zustimmen. »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!« Man sollte nie vergessen, dass die größten Errungenschaften der Menschheit wert- und vorurteilsloser Beobachtung geschuldet sind. Es ist, wie es ist, und erst einmal schauen, wie es kommt!

Vorwürfe

Wer kennt sie nicht, die ohrenbetäubende Stille des stummen Vorwurfes. Mich wundert, dass die Psychologie den Gesichtsausdruck des »tödlich beleidigt Seins« noch nicht in ihren Katalog der Mimik aufgenommen hat. Dort findet man nur die sogenannten Grundemotionen wie Wut, Ekel, Trauer, Verachtung, Freude und Überraschung. Der lautlose Appell an die Umwelt, sich mehr um einen zu kümmern, bleibt unerwähnt. Dabei kennt der Volksmund den Begriff des »Schüppe Ziehens« durchaus. Dem nicht genug Beachteten steht der Wunsch nach ungeteilter Aufmerksamkeit förmlich ins Gesicht geschrieben und wer die Zeichen missdeutet, bekommt nun seinerseits keine Anerkennung mehr. Im Sinne von »ich achte nur den, der mich ausreichend beachtet. Nun ist der stumme Vorwurf bar jeder Handlung. Die Verletzung wird noch nicht einmal verbalisiert, und verpflichtet das Gegenüber, sie richtig zu deuten und nach Möglichkeit »wieder gut zu machen«.So eindeutig der Gesichtsausdruck, so uneindeutig der Grund dafür. Nun wird ja allgemein behauptet, Frauen seien Meister dieses Faches, aber ich finde, dass Männer führend auf dem Gebiet des »stummen Leidens« sind. Wer jemals einen kränkelnden Mann Zuhause hatte, weiß wovon ich rede. In länger währenden Partnerschaften durchlaufen Frauen unmerklich die Metamorphose von der Geliebten, über die Partnerin zur treusorgenden Mutter. Die Anzahl der Kinder, die eine Frau ihr eigen nennt, besteht immer aus der tatsächlichen Menge plus eins. Womit natürlich der Mann im Hause gemeint ist. Und im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, dass die Liebe in ihrem letzten Stadium beim Manne vornehmlich durch den Magen geht. Merke: Nur der satte Säugling ist ein zufriedener solcher. Wo einst scharfe Kurven die Phantasie beflügelten, ist es nun der Schweinsbraten mit Knödeln. Da bekommt der Ausdruck Fleischeslust eine völlig neue Bedeutung! Da wird von ehemals anrüchigen Seiten auf das »Grillmagazin für Männer« umgeschaltet. Wer jemals einen Mann, dem es nicht schmeckt, bei Tisch hatte, der weiß nicht, wie laut ein stummer Vorwurf hallen kann, denn die versalzene Speise ist nur deswegen versalzen, um ihn eins auszuwischen. Dabei steckt – abgesehen von Arsen als Würz- Zusatz- keine böse Absicht dahinter. Somit erklärt sich auch der stumme Vorwurf auf den Gesichtern der Frauen. Immer dort, wo Männer sich wie kleine Jungs aufführen, findet sich eine Frau, die mit den Augen rollt.

Genderwahnsinn

Was läuft verkehrt in der Frauenwelt? Gestern las ich in einer Statistik, dass neun von zehn süchtigen Frauen von ihren Männern verlassen werden. Umgekehrt bleiben neun von zehn Frauen bei ihren süchtigen Partnern. Den Seitensprung des Mannes überlebt so gut wie jede Ehe; den Seitensprung der Frau fast keine. Jetzt müsste ich die Eingangsfrage revidieren. Läuft es in der Frauenwelt, rein menschlich betrachtet, eher richtig? Man hört viel von lebenslang entzweiten Vätern und Söhnen. Die unwiederbringlich verlorenen Mutter-Tochter-Beziehungen halten sich in Grenzen. Trump mit seiner Hire and fire Attitüde führt uns die Unbarmherzigkeit der Alphamännchenwelt beinahe täglich vor Augen. Deswegen ist mir schleierhaft, wie die großen Religionen zu der Ansicht kommen konnten, Gott wäre männlich. Unterhält man sich mit einem bislang unbekannten Mann und empfindet ihn als außergewöhnlich einfühlend, kann man sicher davon ausgehen, dass es sich um einen Homosexuellen handelt und wenn ich das Neue Testament richtig deute, muss Jesus ebenfalls eine andere sexuelle Orientierung als die rein männliche besessen haben. Oder wie war das mit seinen »Lieblingsjüngern«? Aber Schluss mit der Religion. Da können sich die Genderbeauftragten noch so sehr auf den Kopf stellen; Männer und Frauen ticken unterschiedlich! Einem Mädchen, dem man ein Spielzeuggewehr anbietet, wird dieses Ding in den Puppenwagen legen und zudecken, während der Junge der angebotenen Puppe, getrieben vom Forschergeist erst einmal Gliedmaßen und Kopf abtrennt. Ich führte bei meinen Mädchen einen energischen Kampf gegen die Barbie-Puppe, weil mir deren pinkfarbene Glitzerwelt zuwider war, musste letztendlich aber kapitulieren. Einmal wollte sich ein robuster Nachbarsjunge eine von den Dingern ausleihen, was mich verwunderte, aber es ging darum, dass seine Action-hero-Figur jemanden zum Retten brauchte. Ein anderer, besonders lieber und netter Nachbarsjunge, probierte bevorzugt die Kleider meiner Tochter an, wenn sie zusammen in ihrem Zimmer spielten. Dies bringt mich einmal mehr zu meinem Lieblingsthema: den Hormonen. Gegen deren Steuerung ist nur schwer anzukommen, wodurch sich die aufoktroyierte Gleichschaltung von Männern und Frauen als widernatürlich erweist. Frauen können sich in einer vom männlichen Prinzip beherrschten Arbeitswelt, naturgemäß nicht zurechtfinden. Wenn ich daran denke, wie gern mein Gatte zum Laternenbasteln in den Kindergarten ging, wäre Mann in einer rein weiblichen Atmosphäre ähnlich orientierungslos. Wäre es nicht sinnvoller, das weibliche und das männliche Prinzip zu akzeptieren und zu kultivieren, damit es sich ergänzen kann?
Gleichschaltung kommt der Ausschaltung von Denkanstößen gleich. So wie es überhaupt nicht bringt, wenn eine Kultur die andere vollkommen assimiliert. Wer kennt nicht das schöne Beispiel von These und Antithese, das in der Synthese mündet. Was hielt die Enterprise im All? Die Materie-Antimaterie-Triebwerke! Was bringt den Strom? Der Plus- und Minuspol. Gegensätze erzeugen Spannung. Was mich jetzt wieder zu meiner Eingangsfrage bringt. Es gibt kein richtig oder falsch; es gibt nur ein »anders«.

Aufmerksamkeiten

Nichts geht mir so sehr gegen den Strich wie Menschen, die einen katzenfreundlich auf etwas aufmerksam machen, was einen so nicht weiter gestört hätte, weil es irrelevant ist. Wenn ein besorgter Mitbürger mich auf die Blätter auf dem Gehweg vor meinem Haus hinweist, steckt keine Fürsorglichkeit dahinter, sondern bloße Missbilligung. Auch den nett gemeinten Tipp eines Rentners neulich beim Aldi, dass mein Wagen etwas schräg in seiner Parklücke stehe und die Räder die Begrenzung touchierten, empfand ich als nicht sehr hilfreich. Besonders schlimm wird es, wenn mein Mann mit unserem überdimensionierten Hund unterwegs ist, der ihm auch ohne Leine keinen Schritt von der Seite weicht, und ältere Damen über die von dem Hund ausgehende Gefahr lamentieren. Wieso, frage ich mich, empfinden die Meisten von uns den unwiderstehlichen Drang, das Verhalten ihrer Mitmenschen ungefragt zu kommentieren? Und wenn ich die Anzahl unwichtiger Fakten mit der anschließenden Kommentarwut vergleiche, komme ich auf ein Missverhältnis, das seines Gleichen sucht. Dabei ist das noch nicht mitgezählt, was hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Wenn jemand einen Satz mit den Worten: »Ist dir schon aufgefallen, dass …« beginnt, werde ich in Zukunft versuchen wegzuhören. Die Betonung liegt hierbei auf Versuchen, denn so abgehoben bin ich noch nicht, dass ich ausnahmslos dem Prinzip der deutschen Eiche und dem an ihr kratzenden Schwein folgen könnte. Ganz perfide finde ich unverlangte Auskünfte über Personen, die mir bislang vollkommen in Ordnung erschienen. Auch wenn es nur Gerüchte sein sollten, irgendwas bleibt davon ungewollt in meinem Hirn hängen. An der charakterlichen Stärke den einsetzenden Redeschwall mit einem »erzähl mir, was mich wirklich interessiert« zu unterbrechen, arbeite ich noch. Welchen Sinn ergeben diese Verunglimpfungen und Aufhetzereien? Ist es so, dass sich jemand über etwas erregt und gerne möchte, dass sich »miterregt« wird, weil die bloße Anzahl der erregten Personen die Erregung rechtfertigt? Sieht ja auch echt blöd aus, wenn ich mich allein an Kleinigkeiten hochziehe, die dem Rest der Welt vollkommen wurscht sind. Aufregung kann erst durch das Gruppenerlebnis richtig ausgekostet werden. Bei Affenhorden geht dies ganz einfach. Sobald einer kreischt, kreischen alle. Der Mensch ist da geringfügig vernünftiger. Er muss erst aufgestachelt werden, ist dann aber schwerer zu bremsen als die Affenhorde. Dem beschwerten Gemüt scheint nichts unerträglicher als ein unbeschwertes, und wer fröhlich pfeifend seiner Wege geht, der ist eben naiv und weiß noch nicht um den Ernst des Lebens, zu dem unbedingt gehört, sein Auto gerade in eine Parklücke zu setzen.

Diesel

Allmählich entwickele ich mich zu einer Gefahr für die Volksgesundheit. Ich fahre einen Uraltdiesel und rauche. Schande über mich! Obwohl die Umwelt immer giftiger und von allerlei unsichtbaren Gefahren durchzogen scheint, werden die Menschen so alt wie nie zuvor. Unsere Körper scheinen mit Konservierungsmitteln, Genprodukten und Nanopartikeln dermaßen gut klarzukommen, dass mich die allgemeine Aufregung wundert. Was mich noch mehr wundert, ist die Tatsache, wie man sich in einem Cafe, Restaurant oder einer Wirtschaft mittels unnötiger Kalorien- und Alkoholzufuhr in ausartende Stoffwechselerkrankungen manövriert und sich dann beim Verlassen der Örtlichkeit, über draußen stehende Raucher und Abgase ereifert. Todesursache Nr. 1 in Deutschland ist immer noch selbst schädigendes Verhalten. Die gesamte Bevölkerung hängt im Sommer mit der Nase über dem Holzkohlegrill, führt sich Unmengen von fettig verbrannten Nitrosaminen zu und vermeidet die Straßenkreuzung aufgrund von Feinstaub. Hier sind die südlichen Länder unbedarfter. Da wird Gartenabfall verbrannt, dass es nur so raucht und alles, was Benzin oder Diesel verbrennt, befindet sich ungehindert auf der Straße. Nirgends werden Menschen älter als auf Sardinien, wo diese Praktiken in extenso betrieben werden und es kaum einen Fleck gibt, wo nicht ein fröhliches Gartenabfallfeuer vor sich hinschmaucht. Was machen die Sarden anders? Sie ernähren sich gesund! Und anstatt bei der Lebensmittelindustrie einmal gründlich auszumisten, diskutiert man die Abschaffung von Verbrennungsmotoren. So manches mit zuckerstrotzenden Fruchtzwergen bis an die Ohren abgefüllte Kind, darf auf hundert Meter nicht an mich heran, wenn ich mir draußen eine Zigarette anzünde, weil ich ja als Kindermörder gelte. Ganz abgesehen davon, dass ich den durch Überzuckerung und Bewegungsmangel hyperaktiven kleinen Monstern sowieso lieber aus dem Weg gehe. Wenn mir der Sinn nach frischer Luft steht, ziehe ich aufs Land. Und wo stapeln sich die Menschen? In den ach so verpesteten Innenstädten, wo sich der Mensch bereits durch seine pure Anzahl, die Luft streitig macht. Und wenn der Ländler mit seinem Diesel auch mal dorthin will, wird ihm dies verwehrt. So darf ich zwar in den Ballungsgebieten des Ruhrgebietes die Autobahn benutzen, kann sie aber nicht verlassen, wegen der Umweltzonen. Wobei ich mich frage, ob man bei den dortigen Fress-, Konsumtempeln und Wohnburgen überhaupt noch von Umwelt reden kann.

Erwachsene

Woran bemisst sich eigentlich der Status des Erwachsenen? Stoisch über den Dingen zu schweben, kann es nicht sein, denn da kommt mir außer buddhistischen Mönchen ad hoc keiner in den Sinn. Widersprüche zu einem tragfähigen Kompromiss zu bringen, anstatt sich in ihnen zu verheddern, derlei Fähigkeiten sind auch eher Mangelware. Erst nach ausführlicher Recherche die notwendigen Schlüsse zu ziehen, ist ebenfalls unterrepräsentiert. Nach allen Seiten offen sein und Selbst die wahnwitzigsten Argumente auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen, mutet sich auch keiner zu. Die Konsequenz seines Handelns ohne Hintertür zu tragen und zu ertragen, da steht sogar die Geistlichkeit außen vor. Verantwortung bis zum bitteren Ende zu übernehmen, zwingen wir nur Straftätern auf. In jeder Lage den nötigen Weitblick zu behalten findet sich nur bei Giraffen. Sich und seinen Platz auf der Welt zu kennen und so gut wie eben möglich zu erfüllen, gehört ebenfalls nicht zu den beliebtesten Tätigkeiten. So drängt sich mir der Schluss auf, dass die Forderung von Grönemeyer »Kinder an die Macht« bereits der Realität entspricht. Wir besitzen alle ein kindliches Gemüt, ohne die dazugehörige Freude. Und ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass sich die Infantilisierung auf dem Vormarsch befindet. Ziel: sich irgendwie in den warmen Mutterleib zu regredieren. Das Streben nach Ersatz für die Uteruswände weist die merkwürdigsten Auswüchse auf, aber immer geht es darum, dass einem keiner irgendwas kann. Erwachsene Autonomie ist fruchtbar anstrengend; außerdem müsste man sich dafür den Gefahren der »großen weiten Welt« aussetzen und sein eingefahrenes Welt- und Eigenbild täglich in Frage stellen, was Angst macht. Da tauchen wir doch lieber in Phantasiewelten ein und unter und verharren in dem Stadium, als unsere Eltern uns noch supertoll fanden und die Welt uns zu einem nicht näher bezeichneten Zeitpunkt zu Füßen liegen würde. Was irgendwann dazu führt, dass wir in unserem Sarg der Welt zu Füßen liegen, ohne einen brauchbaren Teil zum allgemeinen Geschehen beigetragen zu haben. Wenn wir ehrlich sind, geht es bei den Jungs darum, wer im Sandkasten die Schüppchenhoheit behält, während sich die Mädels den Prinzessinnenstatus streitig machen. Von mir aus auch umgekehrt; man will ja keine Genderbeauftragten verärgern. So sitzen wir vor dem Leben, als wäre es ein großes Kasperletheater, feuern je nach Gusto den Kasperl oder den Räuber an, ohne jemals mitzumischen.