Jägerlatein von Dr. Bremer

Für Jäger gibt es vor der Jagd nur ein Gebot, was den Konsum von Alkohol betrifft. Soweit ich die »Säufernasen« der dazu befragten Waidmänner richtig deute, bin ich sehr froh darüber, dass sie keinem Alkoholverbot unterliegen. Man stelle sich einen Jäger auf Entzug vor! Die Folgen des Tremors wären nicht zu ermessen! Da ist es mir doch lieber, der Schütze trinkt sich eine ruhige Hand an, bevor er zur Waffe greift. Vor einigen Jahren war es unter meinen ärztlichen Kollegen Usus, auf Kosten der Pharmaindustrie zur Wildschweinjagd nach Polen zu fahren, was bei unserem heutigen Wildschweinüberschuss nicht mehr nötig wäre, fällt mir da gerade ein. Wie dem auch sei, den Erzählungen der Rückkehrer von diesen Expeditionen entnahm ich, dass es sich um ausschweifende Saufgelage mit Schießeinlage handelte. Der Wodka floss reichlich und die Wildschweine kamen weitgehend ungeschoren davon. Jetzt ist mir auch klar, warum sich Jäger als Naturschützer verstehen. Die meisten von ihnen sind derart betrunken, dass das Wild unbehelligt seiner Wege gehen kann. Dagegen nehmen die Schussverletzungen unter den Jagdgenossen zu. Da wird sich gerne einmal in den Fuß oder ins Knie geschossen. Ganze Autodächer werden durchlöchert, da das ungesicherte Jagdgewehr im Wagen aufrecht gehalten wird. Nun erklärt sich mir auch der Gruß der Jäger: Waidmanns Heil. Denn auf einer beduselten Pirsch, ist es dringend notwendig, sich gegenseitig zu wünschen, einigermaßen heil nach Hause zu kommen. Die Geschichten, die mir bei der Versorgung von Streif- und Durchschüssen erzählt werden, bringen mir auch den Ausdruck:« Jägerlatein« näher. Es ist schon erstaunlich, wie weit man gegen die Gesetze der Logik verstoßen und trotzdem noch eine einigermaßen plausible Erklärung zustande bringen kann. Zwar heißt es bei den Jägern: »Erst die Waffe in den Schrank und dann das Bier auf den Tisch!«, aber die Reihenfolge wird doch gerne durcheinandergebracht. Und, wenn ich bedenke, ich müsste stundenlang auf einen öden Hochsitz nur in meiner eigenen Gesellschaft verharren, hätte ich bestimmt auch den einen oder anderen Flachmann dabei. Schon im »Struwwelpeter« legt sich der »Wilde Jägersmann« wohl alkoholbedingt erst einmal zu einem ausgiebigen Schläfchen hin, was ihm den Verlust seiner Waffe an seine Beute und die Bedrohung durch Diesselbe einbringt. Wer zu meiner Generation gehört, bekam schon als Kind das reichlich merkwürdige Verhalten der Jägerschaft nahe gebracht. Jemand, der sich abgeschnittene Tierköpfe an die Zimmerwände hängt, kann meines Erachtens nicht ganz normal sein. Vielleicht wird demnächst, aufgrund des Alkoholgebots dort auch der eine oder andere Kopf eines Jagdkollegen finden, denn Blattschuss bleibt Blattschuss und Trophäe bleibt Trophäe.

Dr. Bremer, Landarzt

Ein Gedanke zu „Jägerlatein von Dr. Bremer

  1. Es ist bei den Grünröcken eine Ehrenpflicht, wer einen Treiber erschiesst, muss die Witwe heiraten. Mit anderen Worten, beim Schiessen doppelt aufpassen, damit man nicht einen Treiber erwischt, dessen Frau man nun überhaupt nicht ehelichen mag.

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