Herbstanfang von Witwe Clausen

Bei mir kann man schon lange nicht mehr davon reden; ich befinde mich sozusagen bereits mittendrin. Trotzdem könnte ich an die Decke gehen, wenn ich so dumme Sprüche höre, dass der Herbst auch noch schöne Tage besitzt. Denn wer, bitte schön, erinnert sich beim Herbstanfang noch an den Frühling oder Sommer und deren schöne Tage? Vielmehr fragen sich die Leute: Hatten wir überhaupt einen Frühling, einen Sommer? Wie kommt es eigentlich, dass wir uns noch nicht einmal daran erinnern können, was es gestern zu essen gab? Weil wir alles quasi nebenbei erledigen. Und so rauschen ganze Jahreszeiten, ganze Lebensabschnitte an uns vorbei. Plötzlich(!) ist es Herbst, jahreszeitlich und den Lebensabschnitt betreffend und wir fragen uns: Wo ist die Zeit geblieben? Am Ende unseres Lebens fragen wir uns: Hatten wir überhaupt ein Leben? Deswegen wollen wir nie damit aufhören, egal wie schlecht es uns geht, weil das Leben in unseren Augen noch nicht stattfand. Der Vorhang fällt und alle Fragen sind noch offen. Wer sind wir? Was wollen wir? Welchen Sinn hat unser Leben? Im Prinzip könnte auf jedem Grabstein stehen: Er/sie ging, ohne zu wissen, woher er/sie kam und wohin er/sie wollte. Dabei wäre gerade der Herbst die Zeit, in der man die wichtigsten Fragen klären könnte. Die Ernte ist eingefahren, die Kinder sind aus dem Haus, man hat Zeit für sich und zum Nachdenken, aber nein! Es muss jung geblieben sein, koste es, was es wolle. Die sogenannten »jungen Alten« treiben mich in den Wahnsinn. Es wird damit kokettiert, dass man jünger aussieht als man biologisch ist. Es wird gefärbt, gespritzt, geturnt und diätet, was das Zeug hält. Man erzwingt eine Neuauflage der Zeitspanne, die man verpasste, als könne man irgendetwas nachholen. Ist ein Lebensabschnitt nachholbar? Im Grunde genommen bekommen die »Nachholer« gar nicht mit, dass sie einfach nur lächerlich wirken. Da werden mit über 70 Gefühle herbei gezwungen, die man mit zwanzig hätte haben sollen. Der gutsituierte Senior lacht sich Frauen an, die er mit zwanzig für unerreichbar hielt und Seniorinnen gehen in Bekleidungsläden, die ihren Töchtern anstünden. Rocksäume wandern über Zellulitisbeine immer weiter nach oben, denn schließlich muss gezeigt werden, was man, als man es noch konnte, nicht zu zeigen gewagt hatte. Ich habe einmal die Probe aufs Exempel gemacht und in die heißesten Sportwagen in unserer Stadt geschaut. Die PS Zahl verhielt sich direkt proportional zum Alter des Fahrers. Klar, was man sich in der Jugend nicht leisten konnte, demonstriert man im Alter. Nur, was bewirkt dieses Verhalten? Fühlt man sich jung, weil man sich jung gibt? Dass es auf die Umwelt lächerlich wirkt, haben wir schon festgestellt, aber wie wirkt es auf denjenigen, der diese Verhaltensweise an den Tag legt? Ich kann mir vorstellen, dass man sich reichlich abgehetzt vorkommt. Man rauscht mit Vollgas durch den Herbst und verpasst auch diesen und seine sprichwörtlichen »schönen Tage«.

Witwe Clausen

Ein Gedanke zu „Herbstanfang von Witwe Clausen

  1. Es tut mir Leid, lieber Herr Rettig, aber Irmgard Clausen ist ein Pseudonym. LG Elke Balthaus-Beiderwellen

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