Pausen von Elke Balthaus-Beiderwellen

Für die Jugend gibt es keine Wartezeiten mehr. Egal, ob an der Supermarktkasse, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer eines Arztes, das Smartphone überspielt Leerzeiten. Dabei empfand ich diese erzwungenen Auszeiten durchweg als äußerst nützlich, denn nach einer gewissen Zeit, begann man sich Gedanken zu machen. Über sich, über das Leben und über die eigenen Beziehungen zu den Mitmenschen. Langweilig wurde es nie, im Gegenteil! Man beobachtete, zog seine Schlüsse oder versetzte sein Hirn in eine Art von Stand-by-Modus, der die freie Assoziation regelrecht erzwang. Es gab noch Kopf-Kino, wenn man so will. Erinnert sich unsere Jugend noch an eine Fähigkeit, die man Phantasie nannte? Oder kennt sie noch den wohligen Zustand des Tagtraumes? Schlimm genug, dass wir überall von Musik berieselt werden, aber ständig, ohne Auszeit mit anderen kommunizieren zu müssen, sich Videos und Fotos von fremden Leben anzuschauen, legt wichtige Bereiche des Hirns lahm. Das Hirn ist wie ein Muskel; was nicht genutzt wird, verkümmert. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht mehr in vollständigen Sätzen kommuniziert wird, sondern in Schlagworten und sogenannten Smileys. Man macht sich natürlich nicht die Mühe, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, denn dies setzt eine gewisse Gedankenarbeit voraus. So ungefiltert, wie alles in die Hirne hineinströmt, kommt es auch wieder heraus, ohne den Verstand passieren zu müssen. Wir werden zu reflektierenden Flächen, zu austauschbaren Spiegeln. Inhalte werden geteilt, nicht erdacht. Jeder längere Text wird bereits als Überforderung empfunden; er wird nur noch »überflogen«, denn »dringende« Kurznachrichten warten auf ihren Abruf. Leben findet nur noch in Schlagworten oder Schlagzeilen statt, als Komprimat. Und genau so wird die Zeit empfunden. Jede längere Zeitspanne, in der nichts passiert, macht uns nervös, also wird sie durch Ablenkung komprimiert, deformiert und verzerrt, bis wir sie nicht mehr als störend empfinden. Wobei es ein Rätsel ist, wie man seine Lebenszeit als störend empfinden kann. John Lennon hat es auf den Punkt gebracht. »Leben findet statt, während man anderweitig zu tun hat«!

Elke Balthaus-Beiderwellen

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