Routine von Witwe Clausen

Langsam legt sich meine Panik. Ich habe verschlafen! Nun können Sie sich berechtigterweise fragen, wie eine Witwe und Rentnerin überhaupt verschlafen kann. Es liegt daran, dass ich immer um 6:00 Uhr aufstehen musste, um einen dezidierten Tagesplan mit Mann, Kindern und Haushalt abzuarbeiten. Ich pflegte immer um 9:00 Uhr einkaufen zu gehen, da mein Friedrich um 12:30 Uhr zum Mittagessen vorbeischaute. Bis dahin war die Bude in Ordnung, die Kinder, samt Pausenbrot in der Schule und die ersten Fuhren Wäsche liefen. Mein Tag war in Zeiteinheiten eingeteilt und offensichtlich tickt meine innere Uhr noch wie früher. Jetzt sitze ich hier, ungewaschen und ungekämmt am Küchentisch und schreibe diese Zeilen, während alles in mir danach drängt, den üblichen Zeitplan einzuhalten. Ich stelle mir vor, jemand klingelt an der Tür und ich öffne um 10:00 Uhr im Nachthemd, obwohl nie jemand um diese Zeit bei mir Einlass verlangt. Aber, es könnte ja mal sein! Mein Bett ist auch noch nicht gemacht, was in Anbetracht der Tatsache, dass nur ich allein mein Schlafzimmer betrete, nun wirklich unwesentlich ist. Was ist das für ein Teufel in mir, der mich dazu drängt, die Dinge des Tages zu bestimmten Uhrzeiten zu erledigen? Natürlich beruhigt Routine. Sie erspart lästiges Nachdenken. Jeder Tag ein Murmeltiertag! Wie langweilig und wie erleichternd gleichzeitig. Während ich mich dazu zwinge, hier sitzen zu bleiben und zu schreiben, zucken meine Beine ständig, weil sie dorthin laufen wollen, wo sie um diese Uhrzeit immer hinlaufen. Es wäre eine große Erleichterung, diesem Zucken und Zappeln nachzugeben und es kostet große Mühe, es zu ignorieren. Es ist sowohl lächerlich als auch beängstigend, denn wer ist hier Herr, bzw., Frau im Hause. Ein: du müsstest, kämpft unablässig mit einem: du brauchst aber nicht und ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, wer letztendlich die Oberhand behält. Ich komme mir vor wie ein Raucher, der sich das Rauchen abgewöhnt hat, aber unablässig nach der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug tastet. Was wir immer tun, wird selten hinterfragt. Wann geht es dem Raucher am Schlechtesten? Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem er immer eine Zigarette rauchte. Alles nur Gewohnheit. Es wäre ja auch lästig, sich bei allem und jedem zu fragen; warum tue ich das eigentlich? Die häufigste Antwort wird wohl sein: Weil es immer so war. Kennen Sie diesen Zeitpunkt, direkt nach dem Aufwachen, an dem unsere Gewohnheitsperson noch nicht zur Gänze aufgebaut ist? Man ist verwirrt und orientierungslos, aber nach und nach fällt jedes Teilchen an seinen Platz, und der Roboter betritt seine ausgetretenen Pfade. Wir funktionieren. Was womöglich das Gegenteil von Leben ist. Wer nicht reibungslos funktioniert, fällt aus unserer arbeitsteiligen Gesellschaft heraus. Und wer kein wichtiges Rädchen im Getriebe ist, will wenigstens für sich die Illusion aufrechterhalten, er wäre es, was zur Aktivität um der Aktivität willen führt.

Neulich las ich von einem Experiment. Menschen mussten sich in einem reizlosen Raum aufhalten. Die einzige Möglichkeit der Ablenkung bestand darin, sich leichte Stromschläge versetzen zu können und, Sie werden es nicht glauben, nach 15 Minuten fingen alle damit an.

Witwe Clausen

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