Gefühle von Paul Wiedebach

Heute Morgen gab es eine kurze Diskussion am Frühstückstisch. Meine Frau und ich hatten es über Verstand und Gefühl. Was kommt zuerst. Irgendwie ging es um das Henne und Ei Problem. Während meine Gattin der Ansicht war, dass sie nur an etwas Unangenehmes denken müsse und schon wäre das entsprechende Gefühl da, war ich der Ansicht, dass Gefühle von sich aus entstehen und das Großhirn habe dann seine liebe Mühe, sie unter Kontrolle zu bekommen. »Warum sollte der Körper von sich aus Gefühle produzieren?«, fragte meine Frau. »Was vorher nicht im Kopf war, zieht auch nicht in den Bauch. Man kann sich durch negatives Denken den ganzen Tag versauen. Das beste Beispiel dafür sitzt übrigens bei mir zuhause!« »Du wirst doch wohl nicht behaupten wollen, ich hätte schlechte Laune, weil ich schlechte Laune haben will?«, entgegnete ich erbost. »Aber klar doch. Vom Aufschlagen der Augen an denkst du an alles Negative, das im Laufe des Tages auf dich zukommt, anstatt dem Positiven, das sich auch ergeben könnte, ebenfalls eine Chance zu geben. Ist dir einmal aufgefallen, dass dein erster Satz des Tages mit den Worten beginnt: Heute muss ich schon wieder …? Während dir ein: Heute könnte ich einmal, gar nicht in den Sinn kommt.« Hm, diesen Angriff konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. »Wahrscheinlich willst du mich nur mit zu deinem Yoga und deiner Meditation schleppen!« »Gott bewahre, du kannst ja nicht einmal zwei Minuten still sitzen. Jedenfalls habe ich bei einer Meditation, bei der ich an nichts denke, auch keine Gefühle, Punktum.« Damit stand sie auf und ließ mich allein. »Warum muss sie ständig das letzte Wort haben?«, dachte ich und ärgerte mich entsprechend. »Das hat sie von ihrer Mutter«, wurde ich langsam wütend.«Ob das noch lange gut geht?«, machte sich Hass in mir breit. »Wieso habe ich damals unbedingt heiraten wollen«, mischte sich nun auch Verzweiflung in meinen Gefühlscocktail. »Keiner versteht mich, nicht einmal die eigene Frau!«, stieg Selbstmitleid in mir auf. Hoppla! Wurde mir dann mit einem Mal bewusst, könnte meine Frau vielleicht Recht haben? »Du willst doch wohl nicht zugeben, wieder einmal im Unrecht zu sein?« Eindeutig Stolz! Diesem Phänomen musste ich auf den Grund gehen. Während ich noch am Frühstückstisch saß, gelang es mir, die gesamte Gefühlspalette durchzuspielen, indem ich nur an entsprechende Situationen dachte. Wenn ich also in einer bestimmten Stimmung bin, könnte es durchaus sein, dass mich eine nicht beachtete Gedankenkette in sie versetzt hat. Die Botenstoffe des Hirns sind immer die gleichen, macht nur meine Bewertung verschiedene Gefühle daraus? Setzt ich höchstpersönlich das Störfeuer in Gang, dass kurzfristige Entspannung in heillose Hektik verwandelt? Ist alles um mich herum zunächst einmal neutral, bis ich es deute? Und, was ist mit dem Einfluss von außen? Können andere manipulativ auf unserer Gefühlsklaviatur spielen? Letztendlich treffe ich doch die Entscheidung darüber, wie eine Bemerkung bei mir ankommt. Was natürlich einen permanenten Zustand der Bewusstheit voraussetzt. Denken ich nun zu viel oder zu wenig? Wie groß ist meine Macht über das, was sich unentwegt in meinem Oberstübchen abspielt? Gedanken an- und abstellen wäre vielleicht der erste Schritt. Ich muss doch meine Frau einmal fragen, wann der nächste Meditationskurs läuft.

Paul Wiedebach, Kolumnist

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