Pfingsten von Dr. Bremer

Pfingstmontag liegt bei mir der Notfallsitzdienst im Krankenhaus an. Wenn ich mir den Wetterbericht so ansehe, kann ich heute schon voraussagen, welche Diagnosen in dieser Notfallsprechstunde zu stellen sind. Von Hitzschlägen über Sonnenbränden, Gichtanfällen durch reichlich genossenen Alkohol und zu viel Grillfleisch, Brandwunden durch unsachgemäßes Anzünden eben jenes Grills, Zeckenbefall und Insektenstichen, psychische Entgleisungen aufgrund von reichlich freien Tagen im Familienkreis bis zum Beinaheertrinken von Kleinkindern in diversen Pools, Teichen und Badeseen wird wohl alles vertreten sein. Das Wetter wird schön und heiß und da zieht es den Germanen nach draußen und lockt ihn zu den seltsamsten Aktivitäten. Ich vergaß die Prellungen und Stauchungen, denn bei strahlend blauem Himmel wird schon einmal gerne die eine oder andere ungewohnte sportliche Aktivität in Gang gesetzt und die Kreislaufdekompensation der alten Leute, die sich trotz intensiver Sonneneinstrahlung nicht dazu überreden lassen, mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Das Jungvolk und das mittlere Alter nehmen mehr Flüssigkeit in Form von Alkohol zu sich, als ihnen gut tut und besonders die Frauen beschließen, ihren schneeweißen Körper im Schnellverfahren dunkelbraun werden zu lassen. Die Natur lockt, trotz all der ihr innewohnenden Gefahren, mit denen der zivilisierte Mensch nicht mehr klar kommt. Da kreucht und fleucht so einiges durch die Gegend, das beißen und stechen und nicht näher identifiziert werden kann und da mit Hitzegewittern zu rechnen ist, erwarte ich zusätzlich  einige Blitzjäger, die es übel erwischt hat. Ich weiß nicht, welcher Geist den Menschen bei schönem Pfingstwetter ins Hirn fährt, der heilige ist es ganz bestimmt nicht. Am morgigen Samstag werde ich mit meiner Frau einkaufen gehen und schon einmal checken, welche Wellen auf mich zurollen. Die Schlangen vor den Getränkemärkten und die riesigen Fleischberge in den Theken der Supermärkte, die bis zum Abend bestimmt leergekauft sein werden, lassen so einige vermuten und ich werde, wie jedes Jahr mit dem Gedanken spielen, ein besonderes Abrechnungssystem für die Notfallbehandlung einzuführen. Aus Leichtsinn selbst verschuldet? Prima, dann darf gleich die Geldbörse gezückt und das Gesundheitssystem nicht belastet werden. Eigentlich müsste dies jedes Mal so sein, wenn die Diagnose hinter der Diagnose, ausgeprägte Blödheit lautet. Man stelle sich einmal die Entlastung für die Solidargemeinschaft der Krankenkassen vor. Nach dem Ursache-Wirkungsprinzip wird die erste Ursache für die jetzigen Beschwerden ermittelt und Bingo!, die Kasse ist da vorne! Vielleicht setzt ja diese Methode den einen oder anderen ungewohnten Denkprozess in Gang, bevor etwas passiert. Das nenne ich Prävention! Denn in den meisten Fällen bügeln die Ärzte nur aus, was der Patient selber verbockt hat. Ich würde auch noch Zuschläge für absolute Beratungsresistenz erheben, die dann fällig sind, wenn wider besseres Wissen mit den gleichen Problemen vorstellig geworden wird. Glauben Sie mir, so schnell ist noch nie das »Schicksalhafte« einiger Krankheiten entlarvt worden. Aber ich werde ja nicht gefragt.

Dr. Bremer, Landarzt

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