Stimmungen von Witwe Clausen

Kennen Sie das? Wenn man mit sich alleine ist, brausen einem die Gedanken durch das Hirn, was man unbedingt dieser und jener Person ungepflegt an den Kopf werfen möchte. Aber, wenn einem die betreffende Person gegenübersitzt, weiß man nicht mehr, was man eigentlich sagen sollte. Mir geht es mit meinem Friedrich so. Ich bin kaum aufgestanden, da rasen meine Gedanken über Themen, die schon lange abgehakt sind. Wenn ich dann auf meiner Bank vor seiner Stele sitze, erscheint alles, was morgens noch eminent wichtig war, wie Schnee von vorvorgestern. Wie kommt es, dass momentane Stimmungen einen derart vereinnahmen können? Was bislang weiß war, wirkt pechschwarz und man will es sofort ändern, aber, kaum zwei Minuten später, ist aus schwarz wieder weiß geworden, weil man aus einem inneren Dialog heraus, die Dinge mit einem Mal vollkommmen anders sieht. Mein Friedrich war lieb. Nein, er war böse und egoistisch. Es ist gut, dass er weg ist, aber ich vermisse ihn furchtbar. Wer soll sich da noch auskennen. John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge ist zu beneiden, denn er denkt nicht. Zumindest erweckt er den Anschein. Entdeckt er ein von der Sonne bestrahltes Fleckchen, legt er sich hinein und dann passiert außer, dass er dem Sonnenstand folgt, stundenlang sehr wenig. Er hat es warm; er hat es ruhig; er schmatzt im Traum, räkelt sich gelegentlich genüsslich; er ist voll und ganz in der Situation und gibt sich ihr hin. Vergangenheit und Zukunft interessieren ihn nicht, denn für den Moment ist alles in Ordnung, warum sollte er ihn ändern?

Gestern tat ich es ihm gleich, was heißen soll, ich versuchte es. Ich rückte mir meinen Sessel und meinen Fußhocker in die durch das Wohnzimmerfenster hereinfallende Sonne, setzte mich, legte die Beine hoch und schloss die Augen. Dieser Zustand hielt genau zwei Minuten an, dann öffnete ich die Augen wieder und beschaute mir die Zimmerdecke, wobei ich jede Menge Spinnweben entdeckte, die mir bei meinem Frühjahrsputz entgangen sind. Also stand ich auf, holte meinen Wedel und beseitigte die Störenfriede meiner Meditation. Da ich den Blick streng nach oben richtete, trat ich John Carter auf den Schwanz, was er mit einem Kreischen und mit einen vorwurfsvollen Blick aus anderthalb Augen quittierte, bevor er in seine Sonnenstarre zurückfiel. Ich setzte mich ebenfalls wieder. Die Sonne beschien meinen Bauch, aber bevor mir die Augen zufielen, kam mir in den Sinn, dass ich womöglich noch anderes Spinnwerk in meinem Haus übersehen hatte. Ein kurzer Kontrollgang überzeugte mich vom Gegenteil. John Carter öffnete sein halbes Auge und starrte mir verständnislos nach. Wieder zurück in meinem Sessel, fiel mir brandheiß ein, dass die Blumen in der Vase vor Friedrichs Stele gestern schon halbtrocken aussahen und bei der intensiven Sonneneinstrahlung, würden sie heute ganz vertrocknet sein, was etlichen Friedhofsbekannten negativ aufstoßen könnte. Ich erhob mich seufzend, warf dem sich in der Sonne räkelnden John Carter einen neidischen Blick zu und macht mich auf den Weg zum Friedhof. Bei der Gelegenheit wollte ich Friedrich auch noch sein Schnarchen vorhalten, das mich unzählige Nächte lang wach hielt. Vor der Stele angekommen stellte ich fest, dass die Blumen es noch einen weiteren Tag tun würden und das Friedrich mir immer die Füße im Bett wärmte, wenn sie zu Eisklumpen erstarrt waren. Der Vortrag über Schnarchbelästigung und der Blumenwechsel erübrigten sich. Ich dachte an John Carter in seiner Sonneninsel und hatte es auf einmal furchtbar eilig nachhause zu kommen.

Witwe Clausen

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