Emotionen von Tanja K.

Die Psychologen überraschen beinahe täglich mit Neuigkeiten. So gibt es, wer hätte dies gedacht, sieben Grundemotionen, als da wären: Überraschung(!), Freude, Angst, Traurigkeit, Wut, Verachtung und Ekel. Diese Emotionen zeigen sich auch im Gesicchtsausdruck und werden überall auf der Welt erkannt. Wenn, ja wenn wir unsere Gefühle weiterhin deutlich sichtbar mimisch zum Ausdruck brächten. Dann wäre alles einfacher, weil das Rätselraten, was wohl hinter der Einheitsmaske steckt, entfiele.

Ich habe oft den Eindruck, als erstes wird morgens vor dem Spiegel das »Tagesvisier« geprobt, denn wer heutzutage gefühlmäßig zuerst zuckt, verliert. Wir regredieren zu Pokergesichtern, während vorwiegend negative Baucherruptionen mit aller Gewalt unterdrückt werden müssen. Nun verschwinden Gefühle aber nicht, auch wenn man sie so sehr unterdrückt, dass man sie nicht einmal mehr selber zu empfinden vermeint. Unbewusst tost und tobt es weiter in uns, bis Gefühle sich in allerlei psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen Bahn brechen. Auf einmal klappt es mit dem Schlaf nicht mehr so recht, das Herz stolpert, der Magen brennt und der Darm revoltiert. Wenn wir nicht gelegentlich »Gift und Galle spucken«, wüten diese in Kopf und Eingeweiden.

Dabei brauchen wir doch nur sieben Emotionen zum Ausdruck bringen, wie ich gestern las. Kann doch nicht schwer sein!

Außerdem täte man seinem Gegenüber ebenfalls einen Gefallen, denn dann weiß er jederzeit, woran er bei uns ist und bekäme die Chance, entsprechend zu reagieren. Das blöde Gefühl, das irgendetwas Unbestimmtes »in der Luft liegt«, hätte ein Ende. Der »maulige« Gesichtsausdruck wiche dem eigentlichen. Zumal es das Gefühl »maulig«, laut Psychologie, gar nicht gibt.

Oder müsste es den sieben Grundemotionen hinzugefügt werden, weil es zunehmend der allgemeinen Stimmungslage entspricht?

Ich trank weitgehend aus dem Gefühl der »Mauligkeit« heraus, also aus einem Grund, der nicht existiert. Man könnte es auch unlustige Langeweile oder unbestimmten Überdruss nennen. Jedenfalls etwas nicht Fassbares, dem beizukommen ist, wenn man es »dingfest« macht. Dies gelingt mir -noch- nicht jeden Tag. Ich meine, die Reinform des zugrunde liegenden Gefühls zu extrahieren und es sowohl verbal als auch körperlich zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht sind wir deswegen einander ewige Rätsel, weil wir verlernten, dem ein Gesicht zu geben, was uns im innersten bewegt.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

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