Nicht-Herdentier von Witwe Clausen

Jetzt drängele ich mich vor, denn eigentlich überlasse ich meinen Mitautoren den Vortritt, aber es brennt mir auf der Seele von John Carter zu berichten. Wie ich es mir vornahm,schaute ich vor dem letzten Wochenende beim Tierheim vorbei. Die Auswahl an abzugebenden Katzen war immens. Als ich in das Katzengehege ging, wurde ich sofort von süßen Fellknäueln umschnurrt und umstrichen. »Nimm mich! Nimm mich!«, schienen sie um die Wette zu betteln. Auf einem Podest hingegen räkelte sich der räudigste, hässlichste Kater, den ich jemals zu Gesicht bekam. Eines seiner Augen hing auf »Halbmast«, wie es so schön heißt. Sein orange gestreiftes Fell war von Narben durchzogen, was auf etliche Straßenkämpfe schließen ließ. Als ich mich ihm näherte, drehte er sich demonstrativ von mir weg. Es schien ihm egal zu sein, wo er seinen Lebensabend verbringt.

»Den nehme ich und keinen anderen!«

Die nette Dame vom Tierheim blickte skeptisch. »Sind Sie sicher? Der Kater ist ein absoluter Einzelgänger. Wir glauben, dass er niemals ein Haustier war, sondern auf der Straße gelebt hat. Jedenfalls stand er eines Abends hier im Hof wie ein Obdachloser, der für den Rest seiner Tage ein warmes Plätzchen sucht. Es wird nicht einfach mit ihm.«

Nun verbrachte ich Jahrzehnte mit meinem Friedhelm, bevor dieser endgültig in seine Stele zog. Mit komplizierten Männern kenne ich mich demnach aus. Ich konnte nicht anders. Dieser Kater und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls von meiner Seite aus. Ich bezahlte die Schutzgebühr von 30 Euro und bat die nette Dame vom Tierheim, mir den Kater zu reservieren, da ich noch einige Besorgungen für meinen neuen Hausgenossen machen musste.

»Keine Sorge, den schnappt Ihnen niemand weg«, meinte sie.

Ich tätigte eine größere Investition. Von der Transportbox, über ein geeignetes Katzenklo, über Kratzbaum, über Kuscheldecke, über Streu, Futter, Näpfe, Bürsten für die Fellpflege und besonderen Leckerlis; bis an den Hals beladen taumelte ich in mein Haus und machte es katzentauglich.

Danach fuhr ich wieder zum Tierheim. Und, Sie werden es nicht glauben, aber als ich die nagelneue Transportbox vor den Kater auf seinem Podest auf den Boden stellte, sprang er von seinem erhöhten Posten und stolzierte mit hoch aufgerichtetem Schwanz hinein! Die nette Dame vom Tierheim traute ihren Augen nicht. »Na, vielleicht seid ihr beide ja doch füreinander bestimmt.« Sie händigte mir die Impfausweise des Katers aus und, als ich mit John Carter vom Hof fuhr, winkte sie mir kopfschüttelnd hinterher.

In meinem Haus ließ ich meinen neuen Freund frei. Er interessierte sich nicht die Bohne für meine Neuerwerbungen, sondern sprang gleich auf Friedhelms Lieblingssessel, kringelte sich ein, warf mir einen verächtlichen Blick aus einem ganz und einem halb geöffneten Auge zu und schlief augenblicklich ein.

Als ich es leid war, auf eine Reaktion des Taschentigers zu warten, ging ich schließlich zu Bett. Er ist wohl eine Nachteule, denn als ich am nächsten Morgen aufstand, waren der Futternapf geleert, das Katzenklo benutzt, aber mein John Carter lag wieder, jegliche Ansprache meinerseits ignorierend, in Friedhelms Sessel.

»Naja, kommt Zeit, kommt Rat«, teilte ich ihm trotzdem mit. »Dich kriege ich schon hin!«

Witwe Clausen

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