Hammelhaftigkeiten von Paul Wiedebach

»Oh wie dumm ich war, wie total beduldelt dumm, welch ein hammelhaftes Schaf war ich«. Aus »My fair Lady«. Gruß übrigens an meine Mitautoren!

Meine Frau und ich befinden uns in dem Alter, in dem man beinahe wöchentlich zu einer Beerdigung muss. Väter, Onkel, Schwager und Schwägerinnen, Freunde, ein Bruder, die Einschläge kommen näher, so viel steht fest. Was soll also das sinnlose Philosophieren über allgemein menschliches Verhalten, ohne im eigenen Kopf Hausputz gehalten zu haben! Diese arrogante Überheblichkeit, die aus den Artikeln spricht, verursacht mir Übelkeit. Wisst Ihr was, verehrte Mitschreiberlinge, geht erst einmal gründlich in euch, bevor Ihr auch nur ein einziges Wort über Eure Mitmenschen verliert. Lediglich bei der Witwe Clausen ist ein Wandel zur Selbsteinsicht erkennbar, der Rest ergeht sich in Plattitüden.

Wer, verdammt noch einmal seid Ihr, Urteile über Menschen zu fällen, sie zu Schafen zu erklären, ohne einen von ihnen näher zu kennen?

Der Freund, den ich vor einer Woche begraben musste, hatte eine ganze Welt in seinem Kopf, die nun mit ihm für immer verschwunden ist. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Welt für sich darstellt. Sie kann schön, sie kann schrecklich sein, man kommt nur schwer aus ihr heraus, und der Tag ist ein Kampf, diese innere Welt mit dem Außen in Einklang zu bringen. Leben als ewiger Kompromiss, gepaart mit zeitweisem Aufbegehren, Rückschlägen, Scheitern und trotz allem irgendwie weiter machen. Ich halte jeden Menschen, der es schafft, morgens aufzustehen und seine Pflicht zu tun, für einen Helden! Weitermachen, auch wenn die Dinge schwierig erscheinen, einen Traum besitzen und sei er noch so klein. Wer maßt sich an, Urteile über Träume abzugeben? Wer maßt sich an, sich zum Hirten über Schafe hochzustilisieren?

Die Crux bei Pauschalurteilen ist die immanente, bestechende Einfachheit, die deren Fehlerhaftigkeit überdeckt.

Globalen Ansichten geht das Detail verloren. Ich verwehre mich dagegen, hier in einen »Einheitstopf« geworfen zu werden, denn zuerst stelle ich ein Individuum dar. Es gibt weltweit keine Kopie meiner Selbst, meine Aktionen und Reaktionen sind Ausdruck meiner Persönlichkeit und so mancher, der dachte, einfach einmal Schlachtvieh zum Schlachter bringen zu können, wurde, historisch betrachtet, oftmals eines besseren belehrt.

Jedes politische System, das versucht, Personen zu uniformieren, wird kurz über lang von Unikaten ad absurdum geführt.

Jetzt verliere ich fast den Faden.

Summa summarum wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es eine Frevelhaftigkeit sonder gleichen ist, Menschen in selbsternannter Göttlichkeit »über einen Kamm zu scheren«.

Paul Wiedebach, Kolumnist

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