Neidhammel von Dr. Bremer

Ja, ja, die Ärzte! Verdienen alle zu viel! Wobei keiner bedenkt, dass mich meine Ausbildung 11 magere Jahre kostete, mein Investitionsvolumen für diese Praxis bei rund 500.000 Euro lag und ich, last but not least, 12-14 Stunden am Tag arbeite, die Wochenenddienste dabei gar nicht  berücksichtigt.

Die Kleinkind- und Teenagerzeit meiner Kinder ging mir komplett verloren. Über Letzteres trauere ich nicht, denn meine Frau ist während dieser Zeitspanne sichtlich ergraut. Jetzt verließ der Nachwuchs unser Haus und ich erkenne, dass ich verpasste, an seinem Leben teilzunehmen, als er noch präsent war. Was meine Kinder bewegt und antreibt, weiß ich nur aus den Erzählungen meiner Gattin.

Aber ich will nicht jammern. Aufregung bringt es mir nur, wenn mir mein Einkommen geneidet wird. In Deutschland kann jeder Medizin studieren; also warum tatet ihr dies nicht? Angst vor Verantwortung? Angst vor 36-Stundendiensten im Krankenhaus? Ich stimme da der Witwe Clausen zu, wenn sie sagt: »Klappe halten und selber machen!«

Heute ist Freitag und meine Praxis übervoll, da ein hausarztloses Wochenende droht. Vor den Tagen vor Weihnachten graut mir bereits, denn da verhalten sich die Patienten so, als gäbe es nach den Feiertagen keine Ärzte und keine Medikamente mehr. Da muss gehortet und auf Vorrat geklagt werden und, wenn ich mit klingelnden Ohren in den weihnachtlichen Kreis der gesamten Familie soll, ist der Fluchtreflex nur mühsam zu unterdrücken.

Viel Whiskey und Rotwein lautet mein Rezept, denn, liebe Tanja K., wir Ärzte sind Edelalkoholiker. Eine kleine Prise Valium erscheint auch ganz nützlich, aber davor konnte ich mich, im Gegensatz zu vielen Kollegen, noch zurückhalten.

Wenn Weihnachten der Erlöser geboren wird, befinden sich die Behelfserlöser jenseits von Gut und Böse!

Meinen Vorgänger fragte ich einmal, ob es nichts mache, an den Feiertagen und an den Wochenenden angetrunken zu einem Notfallbesuch zu erscheinen. Woraufhin er antwortete: »Nein, denn die sind weit mehr betrunken als ich!«

Sonntag ist der erste Advent und das Übel beginnt seinen Lauf, steigert sich bis Silvester zum einen oder anderen Suizidversuch und klingt danach allmählich wieder ab.

Tja, wenn die Schäfchen in ihre Herde müssen, ist schwer was los! Löst der Alkohol auch noch die Zungen, ist das Drama perfekt.

Otto Normalverbraucher bekommt nur den Zoff in der eigenen Familie mit; aber unsereins?

Nun sag` noch mal einer, die Ärzte verdienen zu viel!

Dr. Bremer, Landarzt

 

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