Frauenquoten, Machos und Schäfer

Von Anna-Luisa-Schlimmbach, Nachwuchsführungskraft der “UWFC”

Puh, ich komme gerade von diesem Schäfer zurück und will bei Willmehrs Chefsekräterin einen Termin mit ihm vereinbaren, da kommt er aus seinem Büro und beglückwünscht mich. Wieder einmal sehe ich ihn nur verständnislos an und löse bei ihm das übliche Grinsen aus. „Hier steht die zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende und stiert mich an wie ein Schaf. Mit dem Seminar bei den Tieren hatte ich die Hoffnung verknüpft, Sie lernen etwas über Herdenverhalten. Dass sie selbst zum Schaf werden, war nicht vorgesehen.“ Nur mühsam kann ich meine aufkeimende Wut im Zaum halten und stammele nur ein „Ich verstehe nicht, was Sie meinen“. Sein Grinsen wird noch unverschämter. Gönnerhaft nimmt er mich bei der Schulter und führt mich in sein Büro. „Meine Tochter hat jedenfalls schon ihre Ansprüche angemeldet.“ Langsam dämmert mir, worum es geht: Koalitionsverhandlungen ! Frauenquote im Aufsichtsrat!

Sein Grinsen mildert sich zu einem Lächeln. „Na, ist der Groschen gefallen? Wenn sie mitmischen wollen, müssen Sie sich rechtzeitig positionieren. Allerdings muss ich noch mit unserer Gleichstellungsbeauftragten sprechen. Immerhin werden ja von nun an die Männer wegen ihres Geschlechtes benachteiligt, bis die 30% erreicht sind. Und überhaupt, was passiert, wenn die Frauenquote über 70% geht, dürfen dann nur noch Männer in den Aufsichtsrat berufen werden? Sie sehen, wie wichtig dieses Schafseminar ist. Es geht immer weniger um fachliche Belange, nur noch um gruppendynamische Prozesse innerhalb der Herde. Also, wer wollen Sie sein : Schaf, Hütehund oder Schäfer?“

Endlich löst sich meine Verkrampfung und ich erwidere sein Lächeln. „Kratzt diese Quote vielleicht an Ihrem männlichen Ego?“ Sein Lächeln wechselt erneut ins Grinsen. „Wie kommen sie darauf? Ein guter Hirte nimmt doch das Verhalten seiner Schafe nicht persönlich. Er richtet nur seine Führungsstrategie danach aus. Bisher war es doch eher so, dass die Frauen ihren gesellschaftlichen Status über die Verbindung mit einer männlichen Führungskraft erhöhen konnten. Die männlichen Führungskräfte sind privat selten einsam. Bei ihren weiblichen Pendants bin ich mir da nicht so sicher.“ Wütend richte ich mich im Sessel auf und fahre ihn an. „Sie meinen also, erfolgreiche Frauen finden keinen Partner? Dann doch wohl nur, weil die Männer alle Machos sind.“ Seine Mundwinkel scheinen sich – falls das überhaupt geht – noch weiter nach oben zu ziehen. „Sie wollen keinen Macho? Dann sind Sie aber die große Ausnahme, wie mir scheint. Oder stehen Sie mehr so auf Softies. Den Eindruck hatte ich bei Ihnen bisher gar nicht. Ansonsten müssten wir die Liste für das Seminar hinsichtlich der männlichen Teilnehmer noch einmal überarbeiten. Die Kollegen, die Sie dazu eingeladen haben, sind nach meinem Eindruck eher Machos als Softies.“ In Gedanken gehe ich die Liste durch und muss ihm – leider – recht geben. „Aber Sie haben doch gesagt, ich solle diejenigen Nachwuchsführungskräfte mitnehmen, die mir vielversprechend erscheinen.“ Entspannt lehnt er sich im Sessel zurück. „Dann führen Sie mal die Horde. Die Jungs sind wegen der Frauenquote schon auf Hundertachtzig. Ich bin richtig gespannt, wie Sie sich schlagen werden. Im Zweifelsfall können Sie ja den Schäfer um Rat fragen, wie man die Herde unter Kontrolle bekommt. Und jetzt muss ich los, zur Frauen.., sorry, Gleichstellungsbeauftragten.“

Schwupps ist er weg und lässt mich alleine in seinem Büro zurück. Dabei wollte ich doch noch mit ihm das Seminar besprechen, das ihm so am Herzen liegt. Vielleicht sollte ich seine Frau um Rat fragen. Genau, die muss doch wissen, wie man mit solchen Kerlen umgeht. Ist schließlich mit einem verheiratet. Erleichtert gehe ich in mein Büro, um Judith anzurufen. Über das Finanzsystem muss ich auch noch was schreiben, ich weiß. Versprochen ist schließlich versprochen!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach, zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende der „UWFC“

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