„Leid“-Hammel von Witwe Clausen

Die Überschrift ist zwar orthographisch falsch, dennoch faktisch goldrichtig. Ich weiß noch, wie nach dem Tod von meinem Friedhelm mein Sohn die frei gewordene Stelle des Leithammels bei mir einnehmen wollte. Es dauerte eine Weile, bis ich überhaupt verstand, was da ablief, denn gelernte Verhaltensweisen sitzen eben tief. Mein Filius besitzt die gleiche tiefe Stimme wie mein Gatte, poltert unter dem Einfluss von ein paar Bieren ebenso heftig los und meint dann tatsächlich, er wäre der Herrgott in Person. Nun ja, um das Finanzielle nach Friedhelms Tod zu regeln, brauchte ich meinen Sohn, aber, was meine persönliche Lebensführung betraf, so hatte mir ein neuer Tyrann in meinem Haus gerade noch gefehlt. Deswegen auch meine vehementen Abwehrmaßnahmen gegen die herumscharwenzelnden Witwer hier auf dem Friedhof, denn von den Kerlen gibt es nur eines zu berichten:« Kennste Einen, kennste alle!«

So weit, so gut; eigentlich wollte ich über Vorschriften schreiben. Wer zur Hölle ist berechtigt, einen Anderen darüber aufzuklären, wie er sein Leben zu leben hat?

Die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, verdammt noch eins, keiner von uns, also hält man sich gepflegt aus dem Leben seiner Mitmenschen heraus. Es sei denn, sie bitten um Rat, aber vorher Klappe halten!

Nun kann man sich im Alltag vor unerbetenen Ratschlägen kaum retten. Ein jeder kehrt vor der Türe des Anderen und kommt vor Unrat nicht mehr ins eigene Haus. Das gute alte Bibelwort, man solle doch gefälligst den Balken aus dem eigenen Auge entfernen, bevor man sich um den Splitter im Auge des Nächsten kümmert, sollte eigentlich als zweiter Punkt im Grundgesetz stehen, direkt nach: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

»Jede Jeck is anners«, sagt der Kölner, also bitteschön, dann lässt man ihn auch anners sein. Ich kann mir vorstellen, dass früher die Dorfgemeinschaften weit bunter waren, als unsere heutigen »Schafherden«. Es gab Sonderlinge, den obligatorischen Dorftrottel, die Klatschtante, den selbsternannten Ordnungshüter, den Geistlichen, die Schlampe, den Säufer, die anderen »Tunichgute« und was sonst noch zum Allerlei eines kleinen menschlichen Biotopes gehörte. Man lebte und stritt miteinander, aber die Einmischung in das Leben der Mitbürger hielt sich in Grenzen, weil sich jeder hauptsächlich mit dem eigenen Überleben beschäftigte. Es war beileibe kein Idyll, aber es orientierte sich ausschließlich an Überlebensnotwendigkeiten.

Unser Überleben ist heutzutage weitgehend gesichert und die Krux ist die daraus resultierende Langeweile. Jetzt wird im Zuge der Ausdehnung der Lebenszeit diese Langeweile größer und größer. Was liegt da näher, als sich um die Angelegenheiten des Anderen zu kümmern, da die eigenen erledigt scheinen? Was liegt da näher, als sich immerfort selbst darüber zu versichern, wie großartig man doch ist. Wie toll man alles im Griff hat, während der Rest der Welt vor die Hunde geht?

Man kann tun, was man will, die Leute reden doch. Was liegt da näher, als zu tun, was man will?

Witwe Clausen

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