Auf dem Friedhof

Oh Gott, oh Gott!
Was soll ich nur schreiben? Da sitze ich nun auf der Bank vor der Stele meines vor einem Jahr verstorbenen Friedhelms und soll schreiben, was mir so durch den Kopf geht. Ich habe mir extra eine Kladde gekauft, denn mit dem Computerkrams kann und will ich nicht umgehen. Friedhelm hatte es vor seinem Tode noch versucht, aber richtig klargekommen ist er damit auch nicht mehr, zumal er nicht mehr so ganz beieinander war, wie es so schön heißt. Die jungen Leute haben mir versprochen, sich um alles andere zu kümmern, also, was dieses Internet betrifft.
Ach, da kommt gerade Heinz, der immer versucht, mich dazu zu bringen, bei ihm die Restpflege zu übernehmen, aber da bin ich den einen los und wäre wirklich nicht mehr zu retten, mir noch einen Mann ins Haus zu holen. Ich beuge mich über meine Kladde. Hoffentlich merkt er, dass ich schwer beschäftigt bin.
Also, was schreibe ich jetzt?
„Mama, mach` noch was aus deinem Leben!“, sagt meine älteste Tochter Sabine, die verheiratet, Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern ist, immer zu mir. Ich habe noch einen Sohn, Wolfgang, der hält sich aber aus allem heraus. Wenn ich da nicht ab und zu anrufen würde, wäre ich aus seinem Leben und dem seiner Familie längst verschwunden. Er hat auch zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, trotzdem ist meine Schwiegertochter, eine Gymnasiallehrerin, nicht zuhause geblieben, aber jede muss selber wissen, wie sie ihr Leben lebt.
Warum soll ich demnach nicht schreiben?
Enkel hüten geht auch nicht mehr, denn dafür sind die mittlerweile zu groß und da sind Ommas, wie man bei uns im Ruhrpott sagt, langsam überflüssig.
Mist, da hinten steht Gerd, der sich immer mit einem Handkuss bei mir einzuschmeicheln versucht.
Männer, tut mir leid. Ich bin jetzt Autorin und nicht an euch interessiert. Wenn ich meinem Friedhelm nicht Gesellschaft leisten müsste, käme ich gar nicht hierher, denn das ist ja die reinste Kontaktbörse hier. Mein Friedhelm war noch keine Woche tot, da ging das Herumschleichen schon los.
Ich habe dann immer so getan, als wäre ich in tiefer Trauer, das hat aber nur kurz gewirkt, denn Tröster finden sich weiß Gott genug.
Jetzt erscheint auch noch Wilhelm, und er kommt geradewegs auf meine Bank zu. Der ist dermaßen hartnäckig. Ja, sieht der denn nicht, dass ich schwer beschäftigt bin?
Tut mir ja Leid für die jungen Leute, aber heute wird das nichts mehr mit dem Schreiben. Morgen mache ich einen neuen Versuch.
Irmgard Clausen, Witwe

Ein Gedanke zu „Auf dem Friedhof

  1. Nu is er endlich unter der Erde, da bieten sich schon die nächsten Nörgelpötte an. Schön ruhig auf dem Friedhof – das war einmal! Obwohl, warum eigentlich nicht, so ein knackiger Pensionär, soll sie es doch mal so richtig krachen lassen….

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