Hygiene

Hygiene bedeutet, wörtlich übersetzt: der Gesundheit zugänglich. Wenn ich jetzt bedenke, auf welchen zahlreichen Feldern sich selbsternannte Hygieniker herumtreiben, ist es schon einigermaßen verwunderlich, dass die Menschheit Jahrtausende lang überlebte, ohne sich »fachlichen« Rat einzuholen. Wie das? Mag sich jetzt der mitdenkende Leser fragen. Ganz einfach! Man aß, wenn man hungrig war, man trank nicht über den Durst, schlief bei Müdigkeit und atmete, auch ohne Zenberater einfach so vor sich hin ein und aus. Wenn die Triebe Männlein und Weiblein zueinander zwangen, unterwarf man sich mehr oder weniger gern eben auch diesem Verlangen, ohne einen Sexualhygieniker auch nur annähernd in Erwägung zu ziehen. Im Grunde genommen kann es nur einer allgemeinen Verblödung geschuldet sein, dass wir anscheinend nicht mehr wissen, was der Gesundheit zugänglich ist, oder aber, was in meinen Augen noch weit schlimmer ist, handeln wider besseres Wissen. Pures Überfressen wird dann zur Lebensmittelunverträglichkeit, was sich erstens besser anhört und zweitens die eigene Schuld vermindert. Unser Körper ist für uns ähnlich geheimnisvoll wie die physikalischen Zustände am Rande eines schwarzen Loches, aber das macht auch nichts, weil beides auch ohne unsere intellektuelle Einmischung funktioniert. Merke: Wer über den Schlaf nachgrübelt, der schläft nicht! Dies kann man reibungslos auf die Verdauung, auf den Liebesakt, ja sogar auf die Atmung übertragen. Richtig atmen lernen, richtig essen, trinken, bei- schlafen, gehen, stehen, sitzen, sterben und jetzt wird es hochbrisant, denken! Psychohygiene! Auch so ein Unding! Es scheint, dass Dinge, die einfach so funktionieren würden, per Se suspekt sind. Wo ist der wunderbare Ratschlag, der Natur ihren Lauf zu lassen hin? Und die Religionen mischen ebenfalls noch eifrig mit! Mir ist keine bekannt, die den sinnlichen Körperkult, die reine pure Sinneslust zelebriert. Alle fordern zur Selbstzerfleischung auf! Da ist es ja kein Wunder, dass man sich seines Körpers und dessen natürlichen Bedürfnissen schämt, aber dafür hat man ja den entsprechenden Hygieniker in petto, den man auch ohne Nachfrage zitiert. Aber egal. Bin jetzt nur verblüfft darüber, dass ich diesen Text lebend zu Ende bringe. Da muss ich doch glatt geatmet haben, ohne weiter darauf zu achten.