112

Wie sehr sich mancher Mensch für den Mittel- und Angelpunkt der Welt hält, zeigt sich nirgendwo deutlicher als beim Wählen der 112 für medizinische Bagatellen. Eben den Zeh gestoßen? Alkoholkater? Rückenprobleme und Schwierigkeiten aufgrund von Fettleibigkeit den eigenen Rücken mit der schmerzstillenden Salbe zu erreichen? Der Notarzt kommt gerne und hilft aus, während anderswo jemand mit akutem Herzstillstand verreckt. Auch wenn die fast hundertjährige Oma nicht mehr so herumspringt, wie einst im Mai; da muss doch notdienstmäßig etwas zu machen sein! Keine Lust auf weite Wege und zu lange Wartezeit beim Hausarzt? Wir holen und bringen sie, gern auch mit Tatütata, wenn die durch zu enge Schuhe verursachte Blase am Fuß lebensbedrohlich erscheint. Für alles und jedes gibt es Bußgelder, warum eigentlich nicht für die Anmaßung knapp bemessene Rettungseinheiten mit jedem Scheiß (Pardon) zu binden und andere dadurch in akute Lebensgefahr zu bringen. Wenn es jemals eine heftigere Erregung öffentlichen Ärgers gab, als in bodenloser Unverschämtheit den Notarzt ohne Not zu bemühen, dann weiß ich nicht. Mindestens die dreifachen Kosten des Einsatzes plus einer empfindlichen Geldstrafe und in besonders infamen Fällen der Freiheitsentzug wären meiner Meinung nach mehr als überfällig. Entspricht es etwa nicht dem Tatbestand der fahrlässigen Tötung die Notfallmedizin von ihren ureigensten Aufgaben abzuhalten? Mildernde Umstände gibt es nur, wenn der Anrufende wirklich zu blöd ist, sich mehr als drei Ziffern zu merken. Wer mit einem eingewachsenen Zehnagel in der Notfallambulanz sitzt, ist ein Fall für die Justiz und nicht für die Medizin. Und merke: Zur Zeckenentfernung bedarf es weder eines kompletten OP-Saales noch schweres Feuerwehrgerät, und wenn der kleine Scheißer mal wieder einen Cent verschluckte, braucht man nur zuzuwarten, bis er seines Namens gerecht wird. Meine Generation überlebte komischerweise ohne etlicher Chirurgen,bzw. Internisten, geschweige denn mehrerer fachärztlich versierter Kinderärzte in Wurfweite. Meistens wusste die »Omma« am besten, was gut für einen war. In absoluten Härtefällen gab es Kamillentee; da wurde man aus reinem Selbsterhaltungstrieb schnellstmöglich gesund. Deswegen hier mein Rat: Bevor man die 112 wählt, Tee trinken und abwarten. Das Meiste, was von selber kommt, geht von selber auch wieder!

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