Liebe

Ein guter Freund von mir ist schon seit längerem geschieden und ich nehme seitdem Teil an seinen diversen großen und kleinen Affären. Gerade hat er via Internet wieder »etwas am laufen« und ich frage mich allmählich, ob dieser permanente Nervenkitzel, diese immerwährende Achterbahn der Gefühle nicht dem ruhigen, gelegentlich auch langweiligen Fahrwasser der bereits seit Jahrzehnten währenden Ehe vorzuziehen ist. Stets seinen »Marktwert« neu fixieren zu müssen oder können, wäre dies nicht das Tüpfelchen auf dem I? Das himmelhoch Jauchzende der frischen Verliebtheit, das zu Tode betrübte, wenn es einmal mehr nicht klappte, diese ständige Frage will sie/er oder will sie/ er nicht, dieses Hangen und Bangen in schwebender Pein ( danke übrigens, mein lieber Goethe), bringt dies nicht erst die eigentliche Würze ins Leben? Jedenfalls solange man mit dem Geschlechtlichen noch watt am Kopp hat, wie der Ruhrpöttler sagen würde. Nun bin ich bei dem Treiben der Triebe meines Freundes nur Beobachter und ich könnte nicht sagen, ob es mir nicht zu nervenkitzelig wäre, noch einmal in eine wie auch immer geartete Form der Liebeslotterie einzutreten. Schlaflose Nächte sind in meinem Alter nicht mehr sehr bekömmlich und: Watt man hat, dat hat man! Da auch mein Göttergatte nicht den Eindruck erweckt, scharf darauf zu sein, sich noch einmal auf die Pirsch zu begeben, wobei mir gerade einfällt, dass die Gedanken eben frei sind, komme ich zu dem Schluss, dass es höchst gradig verblödet wäre, sich nach Auffindung des passenden Deckels, nach weiteren vielleicht passenden auf die Suche zu begeben. Vielleicht ist mein Freund ja verzweifelt bemüht, genau das zu finden, was ich bereits besitze, oder zumindest meine, es zu tun. Vielleicht kommt er, aus welchen Gründen auch immer aus der Phase des Ver- und Entliebens nicht heraus, weil ihm die nächste, diejenige, die am meisten Mühe bereitet, nicht der Mühe wert ist? Vielleicht ist den Meisten eben diese Mühe, nicht der Mühe wert, wenn man die steigende Anzahl der Singles bedenkt. Und was ist das überhaupt: Liebe? Vielleicht nur ein anderes Wort für den freiwilligen, immerwährenden Kompromiss. Demnach etwas, mit dem beide Partner gut leben können, der aber stets neu verhandelt werden muss. So gesehen, gibt es nichts spannenderes als eben dies! So mein lieber Goethe, jetzt du: »Freudvoll, leidvoll, gedankenvoll sein. Hangen und Bangen in schwebender Pein. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, glücklich allein ist die Seele, die liebt.«

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