Schlechte Laune

Seit zwei Tagen befinde ich mich in den Fängen einer Mordslaune. Auf der Suche nach der oder den Ursachen, steigert sich dieses Missbefinden ins unermessliche, denn von der Fliege an der Wand bis zur Tatsache, dass mein Göttergatte ständig Diesselbe zu machen scheint; mit jeder Begründung des eher flüchtigen Gefühls konsolidiere ich es. Nach dem Motto: Worüber ich mich schon lange mal aufregen wollte, hechele ich wie ein Bluthund einer Kausalität hinterher, die mich davon überzeugen soll, dass Irrationalität eine rationale Ursache besitzt. Anstatt zu sagen, ich fühle mich im Moment nicht gut, das ist dann eben so und zu registrieren, dass der rosa Elefant meiner Aufmerksamkeit entschwindet, wenn ich es ihm an der völlig unangemessenen solchen fehlen lasse, baue ich mir aus jedem scheinbaren Fehlverhalten anderer einen neuen zusammen, bis ich vor einer rosa Herde stehe, die mit der Realität genau so viel zu tun hat, wie es eine tatsächliche rosa Elefantenherde täte. Wäre ja alles nicht so schlimm, wenn es mit dem Glücklichsein genau so funktionierte. Wenn ich eine rosa Brille aufhabe, trachte ich zumeist nicht danach, mir weitere über die Nase zu stülpen, bis ich vor Glück schier platze. Ich suche auch nicht weiter nach Gründen; es ist eben so und damit gut. Nur beim Ärger lasse ich nicht eher nach, bis es richtig ins Eingemachte geht. Deshalb lautet auch die häufigste Antwort bei der Frage nach dem Befinden: gut! Schlecht muss begründet werden! Heutzutage ist es sogar so, dass es nicht gesellschaftskonform erscheint, sich schlecht zu fühlen. Selbst die Kanzlerin meint: »Deutschland geht es gut und das ist gut so!« Ja, da fühlt man sich quasi verpflichtet, eine Reihe von Gründen aufzuführen, warum man in diesen Glückskanon nicht einstimmt. Einfach nur einen schlechten Tag erwischt zu haben, gilt nicht. Und schon gar nicht, wenn alle Lebensumstände dagegen sprechen, sich anders zu fühlen, als es einer Wohlstandsgesellschaft frommt. Depressive Verstimmungen werden bis in die letzte Darmbakterienkultur hinein erforscht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und bald gibt es dafür dann entsprechende Pillen. Wobei sich keiner Gedanken darüber macht, einmal Mittel gegen völlig unbegründete Glücksgefühle zu entwickeln. Hat doch Euphorie weit schädlichere Auswirkungen als der Missmut. Da wird der falsche Partner geehelicht, da wird über die Verhältnisse gelebt und das Selbstbild ist derart daneben, dass man sich bei Casting-Shows bewirbt. Manch einer euphorisiert sich mitreißend sogar bis zum amerikanischen Präsidenten hoch und, was dies für Auswirkungen hat, erfahren wir gerade. Da lobe ich mir meine letzten beiden Tage!

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