Gevatter Tod

Mein Lieblingsmärchen war von jeher »Die kleine Meerjungfrau« von Hans Christian Andersen. Das Ende ist zwar betrüblich, aber tröstlich, denn gibt es einen schöneren Tod, als sich in Meerschaum aufzulösen? Wie komme ich ausgerechnet heute darauf? Es liegt wohl daran, dass ich gestern meiner Ältesten über eine Segeltour meines Mannes in die Türkei berichtete, bei der die Männer auf Schwimmnudeln im warmen Mittelmeer trieben, umgeben von schwimmenden Tabletts gefüllt mit Gläsern voller Ouzo. Einmal mehr bedauerte ich, nicht dabei gewesen zu sein, aber meine Tochter empfand dies eher als positiv, da sie in ihrer Phantasie, ihre Mutter selig betrunken im Mittelmeer versinken sah. Ich frage mich hingegen, da das Alter schmerzhafte Vorboten schickt, ob so ein Ende nicht erstrebenswerter ist, als sich in einem Altersheim mit Schaumgummibällen bewerfen zu müssen, oder unbeachtet in einem Flur abgestellt zu werden, oder allein in einem Bett zu verfaulen. Wie heißt es doch so schön? Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Meines Erachtens geht es nicht um ein ins endlose verlängertes, sondern um ein ins endlose erfülltes Leben. Ob es dann unbedingt mit Ouzo sein muss, sei dahingestellt, aber »Rom sehen und dann sterben« hat schon etwas für sich. Nun fragte ich mich heute Morgen weiter, ob diese von mir eher heitere Todessehnsucht ein individuelles Phänomen ist, oder ob es nicht allen in weniger heiterer Form innewohnt. Risikosportarten, sinnlose motorisierte Rasereien, sich mit Arbeit oder anderen als durchaus angenehmer empfundenen »Hilfsmitteln« kurzzeitig, oder gewollt längerfristig dem Geschehen zu entziehen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Schlaflose können ein Lied davon singen, was es mit einem anstellt, wenn der kleine Bruder des Todes ausbleibt und wem der kleine Tod des Orgasmus nicht vergönnt ist, der sprengt sich und andere gleich mit in die Luft. Alle rennen (!) dem »Flow« hinterher, dem Gefühl der Auflösung in einer Tätigkeit und ich frage mich, in welches Nirwana sich der Meditierende zeitweise zurück zieht. Was ist nun der Tod anderes, als mit sich und der Natur vollkommen eins zu werden- auch so etwas, was total in Mode kommt. Was oder wen können wir da nicht ertragen? Die kleine Meerjungfrau starb an unerwiderter Liebe zu einem nichtswürdigen Prinzen. Was Disney daraus machte, reibt mich bis heute auf, aber ich will ja bei der Sache bleiben. Sie kehrte in den Schoß dessen zurück, aus dem sie stammte, ähnlich wie das »Mädchen mit den Zündhölzern«. Oder man denke an den »Kleinen Zinnsoldaten«, der die erfüllte Liebe erfuhr, in dem er komplett dahinschmolz. Ich liebe Andersen und hoffe, dass ihn Disney nicht noch weiter uminterpretiert. Wir glauben doch an alle möglichen Märchen, wie Reichtum und Wohlstand für alle im kapitalistischen System. Warum nicht den Märchen von Andersen glauben? Der Tod als Vervollkommnung. Wenn wir das akzeptierten, bräuchten wir ihn nicht so oft herauszufordern.

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